Sonntag, 25. Februar 2018

Klassenlehrer





















Klassentreffen meiner Abi-Klasse. Auch unser Klassenlehrer ist
gekommen. "Herr Dr." begrüße ich ihn. Aber er ist problemlos im
Du mit uns, also: ein neues Du-Gefühl. Was fliegt über die 50
Jahre? Als wir reden und ich ihm von meinem Weg, meinem
Lebensweg erzähle, merke ich, dass ich in ein großes Land
schaue, mein Lebensland. Und ich merke, dass es viel und dass
es voll ist.

Klar kramen ich und die anderen und er diese und jene Story
vor, und ich erinnere mich. Ich war unter einem guten Stern
unterwegs, es war ein achtungsvoller Umgangston und ein
tragfester Respektstil, den er mit uns hatte. Eine gewisse
Zärtlichkeit und Besorgtheit machen sich in mir breit in
diesen vier Stunden: als wollte ich ihm etwas geben, zurück-
geben von dieser Achtsamkeit, mit der er mir und den anderen
begegnete.

Ich schreibe ja vehement gegen die Schule an, so wie sie heute
existiert. Selbstverständlich wusste auch er, was für uns Schüler
gut war, hatte seine pädagogische Mission. Und dass er als Lehrer
die Gedankenfreiheit von uns Kindern gar nicht erst sah und unser
Recht darauf im Gestus des Selbstverständlichen unterdrückte -
tja, darüber nachzudenken war nicht, Tabu. Und das hatten wir
auch als Schüler nicht im Blick, Tabu eben, unser Leid war un-
kennbar und unnennbar, nur mit Wucht im Untergrund unserer
Herzen. Die Verletzungen, die jeder Lehrer den ihm ausgeliefer-
ten Kindern zufügt, erkannte ich erst später, als ich selbst Lehrer
war. Mein Schultagebuch ist voll davon.

Doch die Beziehung, die zwischen ihm und mir lebte, enthielt
neben dieser Anmaßung und geistigen Gewalt ("Lest diesen
Text", "Schreibt diese Klassenarbeit", "Haltet dieses Referat",
"Kommt in diesen Raum" ... Teilzeitgefängnis Schule, voller
kulturellem Inperialismus uns Eingborenen, Nachgeborenen
gegenüber), enthielt neben dieser strukturellen Unterdrückung
eben auf der persönlichen Ebene, dem Ich-Du, eine überzeu-
gende Wahrhaftigkeit. Er war ein Fremder, ein Erwachsener,
ein Lehrer, kein Freund, nicht von Meinesgleichen. Aber
dennoch: es war Achtung und Würde im Spiel.

Eines Schultags traf ich mich morgens mit meiner Freundin
am Fluss. Wir hatten uns verabredet, nicht zur Schule zu
gehen sondern diesen Sommertag mit Paddeln und Picknick
in den Flusswiesen zu verbringen. Erfüllt paddelten wir nach-
mittags zurück. Aber was morgen in der Schule sagen? "Ich
war paddeln mit meiner Freundin", sagte ich am nächsten
Tag zu ihm. Er kannte uns als Pärchen. Nach ganz kurzem
Innehalten sagte er nur so etwas wie "Na gut" und das wars.
Es war eine Person-Person-Situation, nicht Schüler-Lehrer,
sondern Ich-Du. Er war offen und bereit, unalt und jung für
diese Authentizität.

Und jetzt ist er da, sitzt neben mir und wir reden. Grandios!
Natürlich bleibt er bei meinem "Ich bin nicht für Kinder
verantwortlich, denn das sind sie selbst" hängen, und schon
bin ich im Ausbreiten der amicativen Idee, meinem Element!
Aber wie kann ich einem Menschenleben voller Erziehung
etwas vom erziehungsfreien Leben mit Kindern erkennbar
machen? Doch er hört mir zu, und da leg ich los. Wir haben
nicht viel Zeit, eine Viertelstunde, dann wollen die anderen
zu ihrem Recht kommen, die Aufmerksamkeit wandert
weiter. Ich soll ihm etwas schicken, das mach ich. Ich denke
sofort an das Schulgtagebuch. Und auf unserer Website
steht ja auch genug. Er schreibt mir seine Adresse auf,
ein heiliger Zettel.

Ich merke: hinter mir liegt eine lange Wegstrecke, und all die
Klassenkameraden haben auch ihren Weg gehabt. Es ist viel,
mein Leben, eine große Geschichte, nicht schlecht! Auf der
Fahrt nach Hause komme ich in die Dankbarkeit dem allem
gegenüber, diesen tausenden Situationen. Und eben auch ihm
gegenüber, dem Klassenlehrer, diesem Klassenlehrer. "Hab
eine gute Zeit" schwinge ich zu ihm. Und sage diesen Zauber-
spruch auch zu mir und meinen nächsten 50 Jahren.

Vorhin tippe ich nebenbei eins seiner Lieblingsdinge an: Alt-
und Mittelhochdeutsch. Und schon trägt er das Gedicht in
dieser geheimnisvollen Sprache vor, über das wir damals eine
Klassenarbeit schrieben. Und dann frage ich ihn nach "bluot zi
bluoda" und  "tandaradei" - Magie, die mich all die Jahre be-
gleitet hat. Und gebannt hören wir ihm zu, wie damals.

*

Phol ende Uuôdan uuorun zi
holza.
Dû uuart demo Balderes uolon
sîn uuoz birenkit.
Thû biguol en Sinthgunt,
Sunna era suister,
thû biguol en Frîia,
Uolla era suister;
thû biguol en Uuôdan sô
hê uuola conda:
sôse bênrenkî, sôse
blutrenkî,
sôse lidirenkî: bên zi bêna,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse
gelimida sin !



Phol und Wodan ritten ins
Holz.
Da ward dem Fohlen Balders
der Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt
(und) Sunna, ihre Schwester.
Da besprach ihn Frija (und)
Volla, ihre Schwester.
Da besprach ihn Wodan, wie
(nur) er es verstand:
So Knochenrenke wie
Blutrenke
Wie Gliedrenke: Bein zu Bein,
Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob
geleimt sie seien !




Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.


Ich kam gegangen
zuo der ouwe,
dô was mîn friedel komen ê.
Dâ wart ich enpfangen,
hêre frouwe,
daz ich bin sælic iemer mê.
Kuster mich? Wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht, wie rôt mir ist der munt.


Dô het er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
Des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
Bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken, wâ mirz houbet lac. 


 Daz er bî mir læge,
wessez iemen
(nû enwelle got!), sô schamt ich mich.
Wes er mit mir pflæge,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich,
und ein kleinez vogellîn –
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.


Unter der Linde
an der Heide,
wo unser beider Bett war,
da könnt ihr schön
gebrochen finden
Blumen und Gras.
Vor dem Walde in einem Tal,
tandaradei,
sang die Nachtigall lieblich.


Ich kam
zu der Au,
da war mein Liebster schon da
Dort wurde ich empfangen,
edle Frau!
(so) dass ich für immer glücklich bin.
Küsste er mich? Wohl tausendmal!
Tandaradei,
seht, wie rot mir ist der Mund. 


Da hatte er aus Blumen
ein prächtiges Bett
vorbereitet.
Darüber wird jetzt noch
herzlich gelacht,
wenn jemand denselben Weg entlang kommt.
An den Rosen kann er wohl,
tandaradei,
erkennen, wo mein Haupt lag.


Dass er bei mir lag,
wüsste das jemand
(das wolle Gott nicht!), dann würde ich mich schämen.
Was er mit mir tat,
das soll nie jemand
erfahren, außer er und ich
und ein kleines Vöglein,
tandaradei,
das kann wohl verschwiegen sein.





















Mittwoch, 21. Februar 2018

Magie - die helle Seite





















Alles hat gestimmt. Der Fluss der Bewegung, die Nähe, die
Zugewandtheit, die Schnelligkeit, die Kühnheit, die Eleganz,
die Schönheit, die Leichtigkeit, die Kraft, der Zeitstillstand,
die Offenheit, die Zärtlichkeit, die Berührung, die Zuversicht,
das Paarsein, das Sich-Entfernen und Sich-Finden, der Gleich-
klang, die Körper, die Herzen, die Sicherheit, der Wagemut,
das Gelingen.

Einfach angerührt sein, innehalten, beglückt sein, diese Hoff-
nung aufnehmen: Menschen können so sein, so überwältigend
und strahlend. Zukunft der Menschheit, hier zu sehen, mitrei-
ßend ins Morgen. Magie. So soll es sein.

Bei all dem Grusel, der zurzeit umgeht und alles in Beschlag
nimmt, auffrisst, lähmt und kränkt und die unbeschwerte
Fröhlichkeit zum Erstarren bringt. Ach, all dies dunkle Zeug:
Atombombe, Waldsterben, Isis, Insektensterben, Erderwär-
mung, Rechtsfront, Trump, Putin, Erdogan, Ebola, Dieselgate,
Kindersoldaten, Heuschrecken, Selbstmordattentate, Regen-
waldzerstörung, Glyphosat, Überfischung, Ölpest, Krebs,
Genmais, Bodenversiegelung... "werdet ihr merken, dass
man Geld nicht essen kann..."

Und dann dies: Funken, Fenster, Blick in die Schönheit und
Harmonie des Homo sapiens sapiens, auf seine Würde und
Kraft, seinen Auftrag, gemeinsam mit allem ringsum auf
unseren Heimatplaneten glücklich zu sein. Märchenbotschaft,
real und leicht, geschenkt von diesen beiden Zauberkindern
auf dem olympischen Eis, Aljona und Bruno, am Tag nach
Valentin.

Ich habe mir das Video immer wieder angesehen und mich
fallen lassen in dieses Gegenbild zum Weltengrusel, habe
mich in Resonanz und Harmonie gefühlt, und genau daran
habe ich Anteil und arbeite ich mit. Einfach schön!

*
Olympia Eiskunstlauf Gold 15.2.18, Aljona Savchenko
und Bruno Massot. Ihr Video ist zu finden unter:
Eiskunstlauf - der Kürweltrekord von Savchenko/Massot



Mittwoch, 14. Februar 2018

Schwung und durch!





















"Da nimmst Du Schwung und fährst durch!" Beim Joggen auf 
Feldwegen kommen mir eine Dreijährige auf ihrem kleine Fahr-
rad und ihre Mutter auf ihrem großen Rad entgegen. Matsch-
stelle. Das Mädchen zögert,  doch ihre Mutter macht ihr Mut,
und es klappt auch. "Alles nicht  so einfach!" rufe ich, und weg
sind die beiden.

Ich bin oft vor eigentlich unschaffbaren Dingen, Hindernissen
aller Art, großen und kleinen. Verlorenes wiederfinden, doch
noch pünktlich sein, Amtsgeschäfte hinbekommen, Einkaufs-
sachen schaffen, Geo-Cache finden, Joggingzeit einrichten,
Kinderwünsche erfüllen. Ach, es gibt so vieles, was ganz und
gar unrealistisch ist: unrealistisch, dass es zu schaffen ist.

Atlantik. Ich bekomme mit, dass Felix, 10, es nicht aus der
Brandung schafft. Also hin, fass ihn am Handgelenk und
schwimm mit ihm Richtung Strand. Voll Kraft! Aber wir
kommen nicht voran. Sog. Wir kommen nicht voran!!! Gut,
dass er nichts davon mitkriegt. "Das schaffst Du", ich sauge
mich dran fest. Und wenn nicht? "Mach weiter!" Ich nehme
Schwung um Schwung, bis ich den Sand unter den Füßen
spüre.

In mir ist eine stille Kraft, die mich Schwung haben läßt.
Unverzagt sein. Zuversicht. Wird schon. Ohne dabei einen
Aufriss zu machen. "Und wenn es nicht klappt? Wenn das
Rad kippt? Die Bauchschmerzen nicht gehen? Das Buch
ausverkauft ist ? Das Überholen zu eng ist? Die Partnerin
geht?" Klar schwingt sowas in mir. Aber es bannt mich
nicht, lähmt mich nicht, nimmt mir nicht den Mut. "Da
nimmst Du Schwung und fährst durch!"

Ich will das nicht übertreiben. Es gelingt ja auch immer
wieder etwas nicht. Doch ein Punkt in Flensburg, doch
keine Kinokarte mehr, doch das Knie kaputt. Aber diese
Nichtgelinge nehmen mir nicht den Schwung, dieses sichere
Gefühl. Diese Basis, willkommen zu sein, hier im Leben.
Matsch, welcher Art auch immer: Wegmatsch, Meermatsch,
Papiermatsch, Herzmatsch...Ich nehme Schwung und fahr
drauf los, auf das Nein los, und immer wieder teilt sich
die Dornenhecke und gibt mir Zutritt ins Rosenland.







Dienstag, 30. Januar 2018

Verloren und gefunden





















Wir sind querfeldein im Wald unterwegs, es geht über Stock und
Stein. Eins der Kinder hängt nach. Was ist los? "Ich hab einen
Handschuh verloren."

"Den suchen wir nachher, auf dem Rückweg." Echt?  Nein,
denke ich, wir sollten ihn sofort suchen bei soviel querfeldein.
Wer weiß, ob wir nachher noch so genau wissen, wo wir lang
sind. Und außerdem: Mit einem verlorenen Handschuh im
Hinterkopf lässt sich der Weg durch den Wald, den wir vorhaben,
doch nicht unbeschwert genießen. "Nein, wir suchen ihn sofort.
Wir laufen zurück bis zum Waldrand. Und dann gehen wir noch-
mal los."

Ich weiß um den Schwungverlust, wenn man umdreht und noch-
mal von vorne anfängt. Aber das Verlorene will gefunden sein.
Der Handschuh liegt allein irgendwo rum. Verlassen. Klar könnte
ich ihn liegen lassen, irgendwo im Gestrüpp. Aber ich fühle mich
angesprochen und gerufen. Von einem Kinderhandschuh?

Die Situation seh ich schon tiefgründig. Sofort im Wald. Und
auch jetzt im Nachdenken. Wir verlieren oft den anderen, den
Partner, Dich. Der Draht wird dünner, es trägt weniger und we-
niger. Es macht Sinn, den Weg dann anzuhalten, innezuhalten,
zurückzugehen. Den anderen suchen. Irgendwo im Beziehungs-
gestrüpp wird er schon zu fnden sein, wirst Du schon zu finden
sein.

Umschalten vom Weiterstürmen zum Nachschauen. Wo Du
bist, geblieben bist. Wieso bist Du nicht mehr da? Der Hand-
schuh war beim Rennen aus der Jackentasche gerutscht. Wenn
ich so nach vorn ausgerichtet bin, merke ich oft nicht, ob Du
auch mitkommst oder wegrutschst. "Bist Du noch da?" ist eine
gute Frage, die mmer wieder gestellt sein möchte.

Klar ist es lästig, im Vorwärtsgang anzuhalten und zurückzu-
schauen, zurückzulaufen. Ich merke, dass ich immer davon aus-
gehe, dass Du mitkommst auf meinem Weg. Das ist aber eben
nicht selbstverständlich, so wie ich das immer unbefragt setze.
Meine  Beziehung zu Dir hat eben nicht den Automatismus, den
ich annehme. Sind wir noch im selben Land unterwegs?

Das Anhalten, Umdrehen, Ausschauhalten, Suchen und dann
auch Finden im Wald war gestern gelebte Metapher. Wir haben
alle gesucht was verloren war. "Ist doch nicht so schlimm, wenn
der Handschuh weg ist." Klar hab ich das gehört. Aber ich habe
in das Gesicht des Kindes geschaut und gesehen, was es zu sehen
gab: die kleine Betroffenheit und die kleine Betrübnis, den kleinen
Schmerz über einen verlorenen Handschuh. Und meinen großen
Schmerz.über den Verlust der Nähe, des einander Anvertrautseins,
eigentlich den Verlust der Liebe.

Ich weiß nicht, wann ich mit Dir in Verlust gerate, und wo und
wieso. Aber ich merke es dann auf einmal. Und kann mich an-
halten und Ausschau halten, suchen, nach Dir umdrehen. Und
Dich dann finden, im Gestrüpp unserer Beziehungswege.  

Samstag, 20. Januar 2018

Amication leben, Ursula





















Es ist mir doch schwerer gefallen als ich dachte, das in Worte zu
fassen, was so schwer zu beschreiben ist. Ich weiß, dass durch die
Amication eine Entwicklung eingeleitet wurde, die noch lange nicht
beendet ist, und wo ich auch nicht weiß, wo sie hinführt. Ich habe
versucht, das Wichtigste davon aufzuschreiben.

Ich bin ein anderer Mensch geworden und sehe mich heute mit
anderen Augen. Mein Selbstbild hat sich verändert und damit auch
meine Umwelt.

Jeder Mensch, dem ich begegnete, hatte das Recht und die Macht,
mich zu beurteilen und zu bewerten. Mein Selbstwertgefühl wurde
von meiner Umwelt bestimmt. Ich hatte Angst, mich so zu zeigen,
wie ich bin. Ich versuchte, mich so zu verhalten, wie es der andere
von mir erwartete, um nicht abgelehnt zu werden. Ich übemahm die
Wertmaßstäbe meiner Umgebung und beurteilte meinerseits meine
Mitmenschen. Ich teilte sie in Gruppen ein und steckte sie in "Schub-
laden". Das ist So-Einer! Gleichzeitig hatte ich die größte Angst davor,
selbst in solche "Schubladen" gesteckt zu werden. Ich glaubte, meine
Mitmenschen würden mich vielleicht verurteilen ohne mich richtig zu
kennen. Aber ich kannte mich ja selbst nicht! Wie sollten andere mich
kennenlernen, wenn ich mich immer vor ihnen versteckte?

In den amicativen Selbsterfahrungsgruppen hatte ich nun Gelegen-
heit, mich zu zeigen und selbst kennenzulemen. Ich war neugierig
auf mich, hatte aber gleichzeitig große Angst. Was würde geschehen,
wenn sich bei mir Eigenschaften zeigten, die ich bei anderen stets
verurteilt hatte? Müßte ich mich nicht selbst verachten?

Erst ganz langsam begriff ich, dass jede Eigenschaft, jedes Gefühl
und jede Stimmung ein Teil von mir sind, dass das immer ich bin.
In einer Gruppensitzung hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, als
Person einen Wert zu haben, ohne etwas dafür leisten zu müssen.
Dieses neue Selbstwertgefühl veränderte mein Leben, weil niemand
es mir mehr nehmen konnte. Ich wusste, ich bin etwas wert, nicht
vom Kopf her, sondem von innen heraus. Ich habe wieder gelemt,
Gefühle wahrzunehmen und ihnen zu trauen.

Früher glaubte ich, nur dem Wort trauen zu können, und wie oft
kamen mir Zweifel, ob ich nicht belogen wurde. Heute kann ich
Gefühle zeigen, manchmal brechen sie auch aus mir heraus, ohne
dass ich sie aufhalten kann.

Früher war ich stolz darauf, dass keiner wusste, was mit mir los war,
heute will ich es nicht mehr. Ich versuche, mich immer mehr anzu-
nehmen, so wie ich bin. Alle Eigenschaften, die sichtbar werden,
gehören zu meiner Person.

Das hat auch Auswirkungen auf meine Umwelt. Ich kann die Ge-
fühle und Eigenschaften meiner Mitmenschen viel besser akzep-
tieren. Ich bin ehrlicher zu ihnen geworden. Ich kann ihnen ihre
Gefühle lassen. Ich weiß, dass sie nicht immer etwas mit mir zu
tun haben. Wenn mein Mann lieber ein Buch liest anstatt mit mir
etwas zu untemehmen, dann tut er etwas für sich und nicht etwas
gegen mich. Wenn mein Sohn sich über mein Verhalten ärgert und
wütend ist, dann lehnt er mich deshalb nicht ab. Das war am schwers-
ten für mich zu begreifen!

Donnerstag, 18. Januar 2018

Coolest Monkey in the Jungle





















"Coolest Monkey in the Jungle" - was soll ich von der Aufregung
über den Spruch auf dem Pulli halten?

Die ganze Hintergründlichkeit von Kolonialismus und Rassismus
ist mir klar. Und gleichzeitig: Leute, bleibt auf dem Teppich! Die
Kinder laufen mit den irrsten Sprüchen durch die Gegend und
knallen sich sonstwas an den Kopf. Was sie dann cool finden.
Ich hab das so gesehen, dass der Junge es einfach super findet,
mit so einem Spruch auf den Leinwänden der Welt zu erscheinen.
Was hat der mit dem Politkorrektwahn der Erwachsenen zu tun?
Rauscht an ihm vorbei, ist nicht seine Welt. Ich denk mal, für ihn
ist es einfach nur blöd, dass er nicht mehr im Weltspiel ist.

Jedenfalls geh ich davon aus, dass er den Spruch gelesen und
auch kapiert hat. Und wenn er ihm nicht recht war, hätts das Bild
nicht gegeben. Gegen seinen Willen gibts keine solche Werbung,
das kann sich auch H & M nicht leisten.

Wir (!) Erwachsene sind immer wieder in Regionen unterwegs,
die von der Welt der Kinder gänzlich abgehoben ist. Unsere
Standards in Sachen Ernährung, Sauberkeit, Schlaf, Handykons-
um, Freundeskreis, Krawallmachen, Regeln, Gesetze, Unsinn,
ach, was weiß ich. Dieser Unmut über den Monkey-Spruch ist
auch so ein Ding. Mit Furor geht es gegen einen Verstoß der
guten Sitten.

Wenn sich jemand missachtet fühlt - das gilt dann für mich schon.
Leid ist entstanden. Da hat jeder mein Mitgefühl. Die Leute waren
ja über den Spruch so verärgert, dass sie vor Wut und Empörung
in Südafrika die Geschäfte der Monkeymacher verwüstet haben.
Darüber steh ich nicht - nur: es ist halt deren Sache, sich so aufzu-
regen.

Wenn jemand auf etwas empfindlich reagiert, was ich gesagt oder
gemacht habe, dann - ja was? Also jetzt so, dass ich nicht extra
oder absichtlich ärgern wollte. Sondern ich mach was - und es ruft
Leid hervor. Dann kann ich gut sowas sagen wie "tut mir leid" und
"war nicht beabsichtigt". Und mein es auch so. Ich kann aber auch
nichts dergleichen rüberreichen, wenn mein Gefühl so ist.  Einfach
stehen lassen, was von mir kommt, unkommentiert. Vor allem rühr
ich mich nicht, wenn so ein Entschuldigungsstatement und "Einsicht"
oder sonstwas eingefordert wird. Ich setze niemanden absichtlich
herab oder tu ihm Ungutes. Wenn das jemand von mir glaubt, bin
ich aus dem Spiel.

Die Firmenleute haben natürlich mit Rückzug und Entschuldigung
reagiert, weil es um ihren Profit geht. Ich denke da aber tiefer
drüber nach. Und komm dazu, dass mir der Junge leid tut, der
aus seinem großen Weltspiel gekickt wird. Ich seh, wie er gern
mitmacht, den ganzen Fotokram und das Erlebnis, weltweit unter-
wegs zu sein. Das ist groß! Und cool! "Das MonkeyBild muss weg,
weil wir sonst Geld verlieren" ist für ihn doch bescheuert.

Klar werden die Kinder als Models instrumentalisiert pour le profit.
Aber sie machen da auch sicher gerne mit, denke ich mir halt so,
und freuen sich, wenn sie weltweit zu sehen sind. Ich find es schade,
blöd, eigentlich ungehörig, dass H & M den coolsten Affen des
Dschungels fallen gelassen hat. Kein Standing, diese Erwachsenen!

"Hört auf, die ganze Zeit zu zetern, das hier ist ein unnötiges Problem.
Kommt darüber hinweg."
Terry Mango, die Mutter des fünfjährigen Liam.
Hat mich überzeugt..

"Die Werbung bleibt. Unser Model findet sie gut und will nicht, dass
wir sie zurückziehen. Es beleidigt niemanden."
Geschäftsführung vom H & M.
Hätt mich überzeugt.

   




Freitag, 12. Januar 2018

Zuversicht eben






















Ich bin alltagsunterwegs, dies und das und jenes liegt an. Dabei
summt eine unmerkliche Gelassenheit. Das wird schon, alles und
sowieso. Wenn etwas aussichtslos oder ziemlich aussichtslos oder
eigentlich aussichtslos ist – dennoch treibt es mich nicht aus der
Bahn. Irgendwie trägt da etwas. Es ist nichts zum Drübernachden-
ken, aber eben da. Und wenn ich dann doch einmal darüber nach-
sinne, wie jetzt, lässt es sich auch bemerken. Ein Grundrauschen.

Es ist eine Sicherheit. Ein Grund, der trägt. Eine Selbstverständ-
lichkeit. Nichts Großartiges. Ein Eingebundensein. Wie das Darin-
sein in der Natur, wenn ich im Wald unterwegs bin. Wenn ich in der
Welt unterwegs bin: Eingebundensein in die unendlich vielen Mosaik-
steinchen der Gegenwart, in die Monumentalität des Geschehens.
Es steht nichts zwischen mir und der Welt. Ich bin zugehörig.

Oft lässt sich etwas nicht ändern. Was aber anders sein möge, sollte,
müsste. Das „geht nicht“ ist immer wieder eine Last. Die aber nicht
geht, sondern immer unangenehmer wird, je mehr sie gehen soll.
Eine verzwickte Kiste. Wäre ich gelassener, wäre es leichter. Bin
ich aber nicht! Also bleibt es blöd und unangenehm. Aber dennoch:
auch bei dieser Mühseligkeit gibt es Grund unter den Füßen, da
sackt nichts weg. Auch wenn meine Zaubereien, es möge sich doch
so ändern, wie ich es gern hätte, nicht klappen. Klappt zwar nicht
– aber der Grund bleibt.

Was für ein Grund? Das Vertrauen in das große Ganze. Das Will-
kommen-Gefühl. Das Ich-bin-Teil-davon-Gefühl. Das Wird-Schon.
Die Zuversicht eben. Schönreden, Milch-und-Honig-Hoffen, ein
eigentlich noch nicht dranseiender guter Zustand von Urglück und
Harmonie. Woher das Ganze? Keine Ahnung. Es ist einfach da,
summt als Grundmelodie in mir und um mich herum. Vielleicht lenkt
es mich auch. Und wenn ich gelöst genug bin, lasse ich mich da
hineintreiben. Es wird schon, sei nicht so verzagt. Und wenn es
nichts wird? Es wird schon! Sicher? Vielleicht ja anders als gedacht,
lass dich einfach mal los ...

Dann lasse ich mich einfach mal los, überlasse mich diesen Selt-
samkeiten, in ihrer ganzen Wucht. Selbstliebe. Liebe als kosmische
Kraft. Alles ein bisschen über Normal, ein bisschen high. Aber
auch nicht verboten, und eigentlich doch auch wunderbar. Warum
soll ich nicht zuversichtlich sein? Warum nicht einfach glauben, dass
es gut ausgeht? Und wenn sie dann tatsächlich gut ausgehen, diese
Kleinigkeiten des Alltags (Buch noch lieferbar, gerade pünktlich
zum Vortrag, Reparatur schon erledigt, Päckchen geht noch mit,
Weg doch gefunden), dann steht Dankbarkeit an, so ein kleines
Dankeschön an das alles, was mich umgibt.

Ich bin in großer Tiefe zuversichtlich unterwegs. An der Oberfläche,
in den Alltagsdingen wird es dünner, da ist es zweiflerischer. Macht
aber nichts, darunter ist fester Grund. Gut zu wissen und gut zu
spüren. Ein Tor, das da ist. Wenn man daran glaubt. Und durch
das man gehen kann. Wenn man sich denn lässt. Da ich mir ganz
und gar selbst gehöre, entlasse ich die gelernten Bedenklichkeiten
aus meinem Herzen und folge
diesem Frieden.