Donnerstag, 16. November 2017

Kindergrenzen








Standardfrage auf dem Vortrag: "Meinen Sie nicht auch, dass die Kinder Grenzen brauchen?" Ich sage dann etwas dazu. In der Richtung, dass die Kinder wie jeder Mensch Grenzen um sich herum haben, und dass sie das nicht irgendwie brauchen. Sondern dass sich Grenzen nicht vermeiden lassen und dass sich fragt, wie man damit umgehen kann.
Und dann gibt es da auch einen ganz anderen Aspekt beim Thema "Kinder und Grenzen", über den weniger nachgedacht wird. Ich stelle ihn hier vor mit einem Text aus meiner Schatzkiste.

*

Im Zusammenhang mit »Kinder und Grenzen« wird meist darüber nachgedacht, welche Grenzen den Kinder gezogen werden sollten. Mit geht es aber jetzt einmal um die Grenzen, die Kinder (wie alle Menschen) um sich selbst haben. Wenn Grenzüberschreitungen den Kindern gegenüber passieren, und wie man das verhindern kann.

Wenn man es merkt, dass Kinder auch Grenzen haben, ist man schon den ersten Schritt gegangen. Natürlich haben sie viele Bereiche, wovor ihr Stoppschild steht. Wenn man jedoch meint, dass Kinder (noch) keine vollwertigen Menschen sind, sondern erst richtige Menschen werden, kommt man kaum auf die Idee, ihnen richtige individuell-spezielle Grenzen zuzubilligen. Aber natürlich: jedes Lebewesen hat seine Grenzen. Allgemeine und spezielle.

Die allgemeinen Grenzen der Kinder werden heutzutage ganz gut bedacht: Kinder dürfen nicht in zu dünne Zonen von Liebe, Achtung, Würde, und äußeren Lebensumständen (Essen, Kleidung, Wohnen usw.) geraten.

Es geht mir aber um die speziellen Grenzen: um die Stoppschilder dieses Kindes, dieses einzelnen Menschen. Jeder hat da andere, manche/viele sind gemeinsam.

Klaus (5) ist ein Acht-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind: Es macht keinen Sinn, von ihm zu verlangen, um Sieben ins Bett zugehen.
Ulrike (3) ist im Gummibärchen-Fan-Club: Es macht keinen Sinn, von ihr die Herausgabe der Club-Karte zu verlangen.
Moritz (9) ist ein Ich-Räume-Nicht-Auf-Kind. So geworden im Laufe der Jahre, bei diesen Eltern, bei dieser Oma. Es macht keinen Sinn, darauf zu bestehen, dass erst aufgeräumt wird, bevor ...
Monika (14) raucht, und zwar eine Menge: Ihr das Rauchen zu verbieten macht keinen Sinn. Doch? Was passiert, wenn sie raucht, weiß sie längst. Aber sie hat ihre Grenze eben anders gezogen. Zigaretten gehören zu ihr, zu ihrem Selbstbild. Wie bei ihrer Tante. Und dem Klassenlehrer. Ihr die Zigaretten zu verbieten, missachtet ihre Grenze: missachtet sie.
Die Beispiele lassen sich unendlich fortsetzen.

Eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung. Da sollte man sich nichts vormachen. Unzulässig aus der Sicht des Betroffenen. Aber ich sage nicht, dass man nun alles hinnehmen soll: Hinnehmen, wie mein Kind zuwenig Schlaf bekommt (meine Grenze »Er braucht aber 12 Stunden Schlaf« wird missachtet). Hinnehmen, wie der Süßkram die Zähne kaputtmacht (meine Grenze »Sie soll gesunde Zähne haben« wird missachtet), usw.

Ich will etwas anderes: Wenn einem präsent ist, dass die Kinder da vor einem auch Grenzen haben, berechtigte Grenzen – dann wird man etwas einfühlsamer, umgänglicher, stressfreier in dieser Frage. Ich habe das immer dabei gehabt, dieses Wissen: dass Kinder vollwertige Grenzen-Menschen sind. Und dass Fingerspitzengefühl dazugehört, mit ihren Grenzen umzugehen. Wie bei »allen« Menschen und Lebewesen (ich halte keine Katze gegen ihren Willen fest, ich hänge mich nicht an einen zu dünnen Ast).

Wenn ich eine Grenzüberschreitung nicht vermeiden will (ich verstoße gegen Deine Grenze, damit dies nicht mit mir passiert), dann ohne Lüge. »Ich weiß, dass ich Deine Grenze missachte. Hier stehe ich und kann nicht anders.« Ohne Tricks »Sieh das ein. Es ist besser für Dich«.

Menschen haben vielfältige Liebenswürdigkeiten oder Behinderungen (beides ist dasselbe, je nach Perspektive): lila Haare, Gurken zum Frühstück, krank im Hirn, zu kurzes Bein, Bus statt Auto, Auto statt Bus.

Es macht keinen Sinn, von jemandem zu verlangen, er soll sein Bein nachwachsen lassen. Es macht keinen Sinn, einen Hund zum Unterricht zu schicken, damit er Staubsaugen lernt. Es macht keinen Sinn, von der Schwerkraft zu verlangen, dass sie aufhört, damit ich fliegen kann. Realitäten. Kennen wir. Können wir mit umgehen.

Klaus geht um 8 ins Bett. Ulrike isst Gummibärchen. Moritz räumt nicht auf. Monika raucht. Realitäten. Kennen wir. Können wir mit umgehen. So einfach ist das.

Was will ich wirklich? (Die Praxisfrage der Amication!) Mit diesem Kind leben? »Ja.« Es ist ein Acht-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind und kein Sieben-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind. »Es soll sich ändern.« Soll sein Bein nachwachsen? »Das ist nicht zu vergleichen. Niemand muss morgens Gurken essen.« Wirklich? Wer sagt das? Vergleicht doch. Was passiert, wenn man vergleicht? Geht die Welt unter? Was steht auf dem Spiel?

Ich habe immer gemerkt, dass Krieg oder Frieden auf dem Spiel stehen. Natürlich kann ich in den Krieg ziehen, und ich habe auch oft gewonnen. Und oft verloren. Aber: Ich muss nicht in den Krieg ziehen. Nicht für 1 Stunde eher ins Bett, für noch gesündere Zähne, für 30 Minuten Aufräumen, für körpergesund und dafür seelenkrank.

Ich habe mich eingependelt im Grenzland, wo die Grenzen aufeinander treffen. Und da ich über mich bestimme, bin ich auch der Souverän, der die eigenen Grenzlinien hin- und herschieben kann. Das ist kein Nachgeben! Das ist Augenzwinkern, Halb-So-Wild, Friede, Harmonie. Es sieht so aus, als wäre ich großzügig, einfühlsam, tolerant. Es ist eine andere Quelle: Ich billige mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten zu, ich liebe meine Macken – und das kann ich auch den anderen lassen. Auch den Kindern. Ich weiß, wie gut das tut. Ich habe Grenzen, die flexibel sind. Je nachdem. Und wenn sie hart sind, dann ist es eben so ein Tag. Wir nehmen uns unsere Grenzen nicht so übel, weil sie keiner zur heiligen Kuh macht.










Montag, 13. November 2017

Kinderland: ... schläft ...























Aus meiner Kinderforschung


Stefanie (6) schläft. Ich setze mich neben sie und höre ihr zu.
Die anderen sind draußen am Feuer. Ich nehme die Ruhe des
Raumes auf und spüre die Ruhe, die von ihr ausgeht. Ich
sinne über ihre Tränen nach und über meine. Ich habe mir
Zeit genommen, neben diesem schlafenden Kind zu sitzen
und die Stille und ihr Leben in mich aufzunehmen.

Donnerstag, 9. November 2017

Wutanfall






















 „Mein Sohn kriegt oft einen Wutanfall, wenn ich nein sage. Was
soll ich machen?“ Frage eines Vaters auf dem Vortrag. Er erzählt,
dass er ratlos daneben steht. Sein Sohn ist vier, er schlägt dann
um sich und fängt an, Sachen kaputt zu machen.

Ich antworte mit dem Drumherum. Konkretes habe ich nicht parat.
Außer, dass ich Dinge, die für das Kind gefährlich werden könnten,
außer Reichweite bringe. Und zwar vorher, die Wohnung nach
Messer, Gabel, Schere, Licht durchforste. Oder die Dinge, die nicht
kaputt gehen sollen, wegstelle oder sichere. Und dann nehme ich
den weiten Bogen:

Da läuft nichts wirklich aus dem Ruder. Klar haben Wutanfälle ihre
Ursachen. Und ihre Anlässe, oft ein Nein. Die Kinder wollen eben
nicht das, was wir wollen, und unser Nein schlucken sie nicht, son-
dern bewüten es. „Das könnten Sie ihm lassen, es ist seine Art zu
reagieren, wenn so ein Nein seinen Weg verstellt.“

So etwas ist nicht schön. Wer hat denn gern ein Wutanfallkind?
Aber so ein Kind kann einem schon mal geliefert werden, vom
Leben, Gott, den Umständen, irgendwelchen Psychodingen bei
den Eltern. Tausend Gründe und Abgründe. Soll man da rum-
stochern? Ja, wenn es vom Himmel fällt, wie sich so ein Wut-
splitter aus der Seele ziehen lässt. Das passiert aber im wirklichen
Leben nicht auf Bestellung. Therapie? Was soll man denn noch
alles machen! Es sind Wutanfälle, nicht die Pest.

„Nehmen Sie Ihrem Kind seine Wutanfälle nicht übel. Es ist seine
Art, mit Ihrem Nein umzugehen. Und nehmen Sie es sich selbst
nicht übel, dass Sie so ein Kind haben. Und dass Sie nicht wissen,
wie Sie diese Wutanfälle wegbekommen. Sie haben so ein Kind,
jetzt grad, vielleicht noch ein Jahr, vielleicht lange. Und Sie sind
so ein Vater, einer, der so ein Kind hat und der nicht so recht weiß,
wie er damit umgehen soll.“

Ich nehme das Drama aus dem Szenario, die Schwere, das Üble.
Ich schicke ihm rüber, dass er in Ordnung ist und dass er nichts
besonderes tun muss. „Vielleicht schaffen Sie es, nicht mit Schimp-
fen anzufangen. Nicht noch einen draufsetzen. Sie müssen nichts
tun, verbessern, lösen. Sie können einfach warten, bis der Anfall
ausschwingt.“

Reicht das? Einfach warten, bis das wütige Kind vor mir von allein
aufhört? Ja was? Soll ich es hochnehmen, festhalten, auf es einreden,
es bedrängen, mit „freundlicher“ Stimme voll Psycholeim einkleistern?
Kann man alles machen, mach ich aber nicht. Finde ich nicht hilfreich.
Einer wütet, der andere ist dabei. „Sie sind ja da. Sie gehen nicht weg.
Und wenn Sie es schaffen, auch innerlich nicht wegzugehen, sich nicht
von Ihrem Kind zu distanzieren – das wäre prima. Es ist nicht verboten,
sein Kind weiter zu mögen, wenn es wütet. Und sich selbst zu mögen,
wenn es wütet.“

Ich sage ihm, dass die Wüterei seines Sohns ihm keine neue Last
aufbürdet. Die nämlich, dafür zu sorgen, dass das weggeht. Dass
er nicht dem Bild hinterherjagen muss, als guter Vater müsse er
aber doch. „Sie müssen da gar nichts. Sie können schauen, was
Sie gern tun würden, aus Ihrer Sicht, nicht aus der Sicht eines be-
mühten Vaters. Wutanfälle kommen und gehen, wie dunkle Wol-
ken. Man kann sie nicht wegzaubern. Also, lassen Sie sich und ihn
in Ruhe, wenn er wütet. Sie müssen nicht sein Wutmeister sein.“

Reicht so eine Antwort? Ich merke, dass ich ihn auf andere, auf
neue Gedanken bringe. Gute Gedanken? Finde ich schon.




Sonntag, 5. November 2017

Renesmee

  



 

 

Wir sehen. Die Welt. Mit den Augen, dem Herzen, den Bildern, den Farben, den Gedanken, der Fantasie, den Träumen und vielem mehr. Dieses Sehen ist fein gesponnen, gewachsen, es ändert sich oder bleibt gleich, es ist machtvoll, laut und leise, einheitlich und gegensätzlich. Es ist ein Teil unseres Selbst, es ist in uns und wir sind in ihm. Alles im Untergrund, mit grandioser Wirkung im Außen.

Nachmittags-Seminar, Tagesmütterausbildung, ich bin Gastreferent. Eine Teilnehmerin hat ihre Tochter mitgebracht, 16 Monate alt,  Renesmee. Ich beginne mit dem Vortrag, entfalte die amicative Welt. Renesmee erzählt von ihrer Welt, viel Aufmerksamkeit ist bei ihr. Ich sehe das Kind, und ich sehe, wie sie die Konzentration stört. Meine und die der anderen. Einige Mütter spielen mit ihr, reden mit ihr, sind bei ihr und nicht beim Vortrag. Das ganze ist nervig, aber auszuhalten.

Ich erzähle vom „Wer ist Du?“ und vom „Wer bin ich?“, von Identität, Grenzen, Königskrone, Souveränität. Von Gleichwertigkeit, Augenhöhe, Selbstliebe und Co. Renesmee spielt mit dem Schlüsselbund und der Handtasche, bekommt Kekse und Fläschlein. Wer ist wichtig, richtig, darf sein? Was ist verabredet, Konsens, Dissens? Ich bekomme mit, dass viele zuhören, oder eben nicht. Ich höre nicht auf zu erzählen, breite weiter aus, zeige die Tür zur Amication. Renesmee nervt, ist aber auszuhalten.

Pause nach einer Stunde. Hab ich nötig. Die Leiterin entschuldigt sich. „Aber sonst hätte diese Teilnehmerin nicht kommen können.“ „Schon gut“, sage ich. Lege Bücher aus, entspanne mich. Welchen Blick habe ich auf die Kinder, die ich in meiner Erzählung leben lasse?  Nun ja,  den amicativen eben. Was sehen die Teilnehmerinnen, mit den Gedanken, mit dem Herzen? Sehen sie die Krone? Sehen sie sich als Missionare, die Kinder erst zu Menschen machen? Oder sehen sie sich als Gleichwertige, Kind unter Kindern, ein Leben lang? Haben sie überhaupt folgen können, bei so viel Renesmee?

Nach der Pause kommen wie immer die Fragen. Und meine Antworten. Wir haben einen großen Sitzkreis, 20 Mütter und ich. Und Renesmee. Während ich gefragt werde, bevor ich antworte, sehe ich das Kind. Ich höre die Fragen und habe Sehzeit, weil ich ja mit der Antwort noch nicht dran bin. Ich sehe das Kind, wie es im Kreis hin- und herläuft, herumgeht – und ich bemerke, dass ich die Krone sehe!

Wo ist meine Anspannung, mein Ärger, mein Unwohlsein? Nicht mehr da – statt dessen sehe ich das leibhaftig vor mir, was ich gerade noch etwas angestrengt sichtbar machen wollte. Alles an dem Kind vor mir ist schlüssig, königlich, leicht, liebenswert. Die Konzentration auf Renesmee lässt jetzt das in mir schwingen, was hier verhandelt wird. Es wird groß, großartig, einmalig. Ich habe dieses Kind nicht bestellt für diesen Nachmittag. Aber es ist da, geliefert vom Leben und lehrt mich und die Teilnehmer das, was ich mit meinem Vortrag aufscheinen lasse. Eine intensive, eine magische Allianz.

Mein Blick auf das Kind hat sich verändert. Statt Störung jetzt Unterstützung. Statt Unwohlsein jetzt Erstaunen, Ergriffenheit. Statt Belastung jetzt Gelassenheit. Statt „Geh“ jetzt „Willkommen“.

Ich bin von dieser Verwandlung so verzaubert, dass ich erst im Nachgespräch mit der Leiterin dahinter komme, was da passiert ist. Mein Herz sieht Kinder ja so, und das „Ich bin genau so jemand“, von dem Kind hier in den Raum geflüstert, hat mein „Kinder stören die Konzentration eines Vortrags“ überwunden, mich erreicht, meinen Blick auf sie geändert. Ihr wortloses „Hallo Hubertus“ hat mich erreicht, Resonanz ausgelöst, mich „Hallo Renesmee“ antworten lassen. Unsere Welten haben sich aus ihrer Gegensätzlichkeit gelöst.

Der Nachmittag war gut. Sehr gut. Viele nehmen etwas mit, wie es dann heißt. Es wird eine erfüllte und heitere Atmosphäre. Es gibt konkrete Beispiele, direkt zum Erleben: Renesmee nimmt eine Tablettendose aus der Handtasche - „Nein“ - kurzer Protest - und vorbei. Grenzziehen ohne Herabsetzung. Oder: sie hängt sich die Handtasche um den Hals. Die Nachbarin: „Gib her“, das klappt problemlos. Ihre Mutter: „Das kann sie doch machen“. Tasche zurück, das Spiel geht weiter. Die Unterschiedlichkeit der Grenzen wird deutlich. Und dass wir für unsere Grenzwahrung selbst zuständig sind. Alles mein Thema, aber jetzt nicht nur erklärt, sondern direkt gelebt. Und erfahrbar für den anderen Blick auf die Kinder, für den ich heute gekommen bin.

Wir können unseren Blick ändern. Wenn die Belastung und der Ärger unsere Augen formen – das kann weggehen. Wir können anhalten und umdeuten, kann man machen. Muss aber auch nicht zum Stress geraten, diese Umdeuterei. Und gelingt ja auch immer wieder. Vom unguten Ärgerland wandern ins Freudeland. Welchen Großraum will ich haben, wo will ich unterwegs sein? Darauf können wir Einfluss nehmen, von Dort nach Hier gehen, den Blick verwandeln.

Selbstliebe lässt es uns gut gehen. Sie hilft uns. Also lass ich sie mal machen, in mich wirken, meine Blicke freundlich werden. Was ja nicht immer klappt, aber oft eben doch. In großen und kleinen Dingen des Alltags und Miteinanders, mit den Kindern, dem Partner, den anderen. Wie viel Ärger soll in meinem Tag Raum bekommen? Anlässe gibt es genug. Aber mit dem anderen Blick wird der Anlass entärgert und schön geredet und gefreudet.

Martina erzählt von den Matschhänden. Von Renesmee und ihresgleichen. Die Kinder haben Hunger. Die Brote liegen bereit. Vor dem Essen kommt: das Händewaschen.  Ach ja? Wie will ich das vermitteln? 16 Monate und Matschspaß und Hunger - 36 Jahre und Seife vor dem Essen. Was ist der Blick, mein Blick? Auf die Situation, auf das Leben, die Matsche, die Seife, die Brote, auf Renesmee, auf mich? Mit den Augen der Kinder sehen: mein Herz in ihrer Schwingung. Kann sein, muss nicht sein, kann aber sein. Martina: „Die können auch mit Matschhänden essen.“

Empathie, aus der Selbstliebe heraus. Ohne Anstrengung. Als etwas, das passiert. Wenn im großen Nachdenkeland so etwas gern gesehen wird, Amication zeigt solche Möglichkeiten. Ich zeige sie in den Vorträgen, die Kindern zeigen sie unmittelbar. Unser Kopf und unser Herz können sich verändern. Nicht über die Maßen, ein wenig, oder doch stürmisch. Ich kann beiläufig die Matschende ein wenig sauber wischen, die dreckigen Gummistiefel von den Kinderfüßen ziehen,  das Zimmer aufräumen, nachsichtig sein, gerade auch in der Partnerschaft, in Harmonie geraten, mich anstecken lassen.

Wie viel Streit muss sein? Wie viel Streit will ich haben? Wie viel Ärger muss sein? Wie viel Ärger will ich haben? Wie viel Heile Welt? Wer will ich sein? Wir können das nicht alles wirklich selbst machen. Nicht alles, aber manches und manchmal auch vieles. „Ich bin die Schönste im ganzen Land“ - gilt für alle. Für alle? Ja, das ist paradox und wahr zugleich. Zauberei der Liebe.

„Ich kann nicht gleichzeitig einen Vortrag halten und ein aktives Kind in Raum haben.“ Hallo: nur ein bisschen Durchhalten, und der Gegensatz wird zur Harmoniestraße. Vielleicht sind wir oft einfach zu ungeduldig, zu angestrengt, überfordert, vom Gerade und vom Überhaupt. Ja, so ist es oft, immer wieder. Aber unsere Augen und unser Herz sind strapazierfähig und lassen uns auch immer wieder sehen, was es zu sehen gibt: Königskronen, Freude, Harmonie, Eingeladensein, Mitmachen. Vertrauen auf die Verwandlungen – eine große Hoffnung.
   


Mittwoch, 1. November 2017

Nehm Dich an die Leine






















Neulich war eine Katze bei mir. Mein Besuch hatte sie mitgebracht.
Kann man Katzen aus ihrem Zuhause mit auf die Reise nehmen? Was
muten wir den Tieren zu, die bei uns leben, die uns anvertraut sind?
Tja, wie immer: das kommt drauf an, auf dieses Tier, diesen Menschen,
diese Umstände. Schon die anderthalbstündige Fahrt zu mir war ein
Risiko - aber das, dieses Kätzchen war einfach gut drauf und hat die
Fahrt genossen. Es hat also gepasst. Und bei mir war sie dann weiter
gut drauf, hat alles erkundet und sich schließlich auf einen Stuhl
gesetzt und geschlafen. Ich habe mich gefreut, dass sie mitgekommen
war.

Mir geht die Frage durch den Kopf, was wir alles so mit unseren Tieren
- die bei uns im Leben sind - anstellen. Ich bin jetzt bei den Haustieren.
Was wir mit den "Nutztieren" anstellen, vom Namen angefangen bis zu
sonstwas, mal abgesehen. Man muss sich eben auch immer wieder trauen,
der Beziehung trauen. "Sie macht das schon mit", und wenn nicht - dann
kann ich die Autofahrt sofort abbrechnen und nach Hause fahren. Das Sich-
Trauen und das der Beziehung trauen gilt ja auch generell, den Kindern
und dem Partner gegenüber - und ist ein sehr sehr weites Feld.

Das Katzenfrauchen (auch so ein merkwürdiger Name) traute sich aber
noch mehr. Sie hatte die Katzenleine mitgebracht. Die Katze bekam
ein Geschirr umgebunden, daran dann die Leine. Wir wollten mit den
Kindern in den Wald. "Die Katze kommt mit!" Wie bitte? Eine Katze an
der Leine? Und dann noch im Wald? Es war dann einfach wunderschön!
Unser Kätzchen war auf Du und Du mit der Natur, hüpfte hierhin und
dorthin, spielte mit den Ästen und dem Sand, sauste den Baumstamm
hoch, soweit es mit der Leine ging.

"Aber man kann doch eine Katze nicht an die Leine nehmen" geisterte
irgendwie bei mir rum. Doch, man kann. Die Katze im Wald frei laufen
lassen - kann man auch machen. wenn man sich traut. Mit dem Risiko,
dass die Katze dann weg ist, zu ihrem und unserem Umglück. Das war
die Grenze, mehr sollte es nicht sein.

Wieviel Grenze setzen wir den unseren? Wieviel Leine habe ich für
die Kinder und den Partner parat? Bei wieviel Freiheit wird mir unwohl?
Und wie geht es den Kindern und dem Partner mit meinen Grenzen und
Leinen? Gibt es da einen Leinenunterschied zwischen meiner Leine für
die Katze und meiner Leine für einen Menschen? Klar doch! Ich lege
doch keinen Menschen an die Leine! Ach wirklich? Es gibt sie nicht zu
sehen, wer erlebt schon, dass ein Mann seine Frau an einer Leine durch
die Gegend führt. Oder eine Frau ihren Mann. Oder ein Vater sein Kind.

Aber es gibt sie eben, diese Leinen, nicht sichtar, gewoben aus allem
Möglichen: Angst, Vorsicht, Sorge, Macht, "Liebe" und so weiter. Und
wieviele Leinen sind an mich angelegt, lasse ich mir anlegen? Konven-
tionsleinen, Beziehungsleinen, Angstleinen. Von keine Jeans im Theater
bis ehelicher Treue. Also, diese Leinenthematik ist Alltag und wirkt im
Hinter- und Untergrund. Bis es dann mal einen Aufstand gibt oder ein
gutes Gespräch über die Einschränkungen in der Beziehung, und sich
dann die eine oder andere Leine auflöst.

Die Katze nahm die Leine so selbstverständlich hin. Sie hätte
ja auch einen Anfall bekommen können. Tat sie aber nicht. Brave
Katze! Braves Kind! Braver Mann! Brave Frau! Der Umgang mit der
Leine und Freiheit des anderen ist ein sehr sehr weites Feld...

Montag, 30. Oktober 2017

HandyNaturDroge








Heute waren wir zum Geocachen unterwegs (Geocachen:
Verstecke in der Natur nach Vorgaben aus dem Internet
suchen, googelt es mal). Diese Mischung von virtueller
und realer Welt hat was. Eigentlich bin ich ja nur in der
Natur unterwegs, ohne Handy und Co. Immer schon, und
das ist mein Elixier. Aber die Kinder leben eben auch
sehr intensiv in der virtuellen Welt, und wieviel Stunden
sie tatsächlich mit ihrem Handy/Smartfon/Tablet verbringen,
will ich gar nicht so genau wissen.

Doch beim Geocachen entsteht eine gute Harmonie dieser
beiden Welten. Die Aufgaben werden im Internet ausgesucht
und dann mit den Möglichkeiten des Handys draußen gefun-
den. Draußen! Die Kinder werden also von ihrem virtuellen
Spielzeug nach draußen gelockt und sind dann 1, 2 oder
auch 3 Stunden mit mir in der Natur. Naturdoping pur.

"Na gut", sagt die Natur, "dann bringt Euer Handy halt mit".
Da gibt es keine Eifersüchtelei und keinen Streit. Und die
Sorge, dass sie nur mit dem Kopf über dem Apparat hängen,
und nichts mehr vom Rausch der Sinne, der Sinfonie der
Natur mitbekommen, ist unbegründet. Klar, sie sehen immer
wieder auf dem Handy nach, ob der Kurs stimmt. Und lösen
so auch immer wieder mal Aufgaben, um zum Ziel zu kom-
men. Aber die Dynamik des Draußen fängt sie machtvoll ein,
und sie lassen sich einfangen und strecken und recken sich
im Wind, der Sonne, den vielen Düften, Klängen, Farben.

Das alles geht aber nur gut, wenn man seinen Frieden mit
diesem elektronischen Teufelszeug gemacht hat, dieser
unheimlichen Faszination, die sich der Seele der Kinder
bemächtigt. Oder sind die Kinder etwa diejenigen, die sou-
verän sich der elektronischen Droge bedienen? Warum
sollte es nicht so sein? Ich bin immer wieder erstaunt, wie
gut sie mit diesem neumodischen Spielzeug klarkommen.
Dann kann ich mich zurücklehnen und sie machen lassen.
Und freu mich einfach, wenn sie mit mir draußen sind.
 

Samstag, 28. Oktober 2017

Gutsehen








Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn einen kleinen Führer-
schein machen will. Er musste zum Sehtest, und es wurde
eine starke Sehschwäche festgestellt. Jetzt muss er eine
Brille tragen, eine starke, und kann gut sehen. Ihr Sohn ist
15 Jahre alt - und sieht zum ersten Mal in seinem  Leben
die Welt so, wie sie ist. So wie wir sie sehen, klar und
deutlich. Er ist fasziniert und überwältigt.

Mich hat das richtig angefasst. Da ist ein Kind - und seine
Eltern bekommen nicht mit, dass er die Welt nur ver-
schwommen wahrnimmt. Klar, er hat dadurch eine ganz
andere Welt erlebt, was auch seinen Wert hat. Aber bitte-
schön: das kann es doch nicht sein! Und nur durch so
einen äußeren Umstand kommt es, dass er richtig sieht.

Es passiert immer wieder, dass wir nicht bemerken, was
mit den anderen ist. Dass etwas nicht so ist, wie es sein
sollte. Ich denke nicht schlecht über seine Mutter, aber
ein "Wie kann denn so etwas passieren?" ist schon da. Nur:
Wie viele Beschwer meiner Kinder habe ich nicht bemerkt?
Keine Ahnung. Ich wünsche mir aber, dass ich sie alle
bemerkt hätte und noch bemerken werde und dafür sorgen
kann, dass sie gehen, diese Beschwernisse.

Und wenn ein Beschwer direkt mit mir zu tun hat? Wenn
die Menschen um mich herum beschwert sind durch
etwas, das von mir verursacht wird? Nicht von einem
Augenfehler oder anderem Umstand, sondern von mir,
meiner Art, meinem Tun, einem Wort oder Satz? Dann
wünsche ich auch, dass ich sie auflösen kann -  die Be-
schwernisse und das Leid, das sie enthalten.

Aber wie schwer wird das dann für mich? Kann ich meine
Art ändern, damit andere nicht von mir beschwert sind?
Meine Worte anders wählen? Sätze anders sagen? Dieses
unterlassen, anderes tun?

Wieviel soll/will/werde ich von mir aufgeben, damit es
den anderen gutgeht? Wenn sie durch mich trüb werden,
wieviel operiere ich da von mir weg, damit sie wieder
hell werden? Ich bin kein fehlerhaftes Auge, das zu
operieren oder zu brillisieren ist. Ich bin ein Ebenbild
Gottes und ich liebe mich. Dennoch aber kann und
wird es sein, dass andere an mir leiden.

Muss ich mich ändern für das Glück der anderen? Oder
ist es besser, ihnen zu helfen, mich anders zu sehen,
auf dass sie nicht mehr an mir leiden? Woher kommt
ihre trübe Sicht auf mich? Kann man mich nicht dauernd
hellsehen? Hat ihr trüber Sinn mit mir oder mit ihnen
selbst zu tun?

Ich werde rasch zum beflissenen Selbstveränderer,
wenn an mich heranschwappt "Wegen Dir geht es
mir schlecht!" Aber das ist nur die erste Reaktion.
Dann besinne ich mich darauf, dass ich wie jeder
Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches
Leid ausgehen kann. Sondern dass das Leiden an
mir die Erfahrung der anderen ist.

Es ist ja nicht so, dass ich solche Beschwernisse nicht
zu würdigen weiß. Und ich kann - kann - auch helfen,
dass sie sich auflösen und die Leidwunden heilen. Nur:
nicht über die Maßen. Nicht so, dass mein Würdegefühl
dabei weniger wird. Ich stehe zu mir, meinen Taten und
Wortenn, und schau mal, ob ich helfen kann. Ob ich die
Sehhilfe für den anderen finde, mit der er mich wieder
lieben kann. Oder ob ich mich ändere - weil ich das so
will und es dem anderen dann gutgeht und mich sein
Lächeln glücklich macht.








Kommentare:

  1. ich habe mittlerweile akzeptiert dass ich die " welt nicht so wahrnehme " wie die meisten menschen rund um mich ... mein bemühen meine wahrnehmung der anderer menschen anzupassen hat mir viel schmerz der selbstverleugnung und selbstzweifel beschert .. bis ich damit aufhörte .. dieses mein zu-mir-stehen und aussprechen wie ich die welt sehe und erlebe hat zur folge dass dieses dem-anderen-die-schuld-zuweisen bei mir nicht mehr greift und auch in mir nicht mehr lebt ... einige mir sehr nahe stehende menschen haben sich daufhin von mir zurückgezogen .. das tat und tut manchmal immer noch weh ... doch dieser schmerz ist wie der stockschlag des zen-meisters der mich wieder in die achtsamkeit und damit ins selbstbewusstsein des : ich bin liebe und zitat hubi : "... dass ich wie jeder Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches Leid ausgehen kann... " zurückschwingen lässt ...
    das leiden des anderen berührt mich sehr und bleibt dennoch "seins/ihres " ... und dieses mitgefühl lässt mich erleben dass ich trotz aller individuellen einzigartigkeit und getrenntheit zugleich teil des ganzen unermesslichen phänomens L e b e n bin und somit verbunden ... und all-ein-s ... und diese sowohl-als-auch-realität des existentiellen körperlich-emotionalenen alleinseins und der tiefen seelisch-geistigen verbundenheit .. auch mit euch die ihr das lest .. ist für mich m/ein menschliches dilemma ... schaurig-schön ....
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    1. Servus, christa!

      Zitat:
      "... doch dieser schmerz ist wie der stockschlag des zen-meisters der mich wieder in die achtsamkeit und damit ins selbstbewusstsein des : ich bin liebe und zitat hubi : "... dass ich wie jeder Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches Leid ausgehen kann... " zurückschwingen lässt ..."
      Zitat-Ende

      Hmmm, komische Leute (stockschlagende Zen-Meister) kennst du, christa.

      Und dann noch:
      Ich würde mich (auf meine Mitmenschen bezogen) nicht als "Liebe" bezeichnen, sondern bestenfalls auf mich bezogen bleiben und meinen: Ich bin Selbstliebe.

      LG HaJo51
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    2. lieber hajo ... wie schön ... da sind wir in resonanz .. ;-)
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  2. Moin, Hubertus!

    Zitat:
    "Es ist ja nicht so, dass ich solche Beschwernisse nicht
    zu würdigen weiß. Und ich kann - kann - auch helfen,
    dass sie sich auflösen und die Leidwunden heilen. Nur:
    nicht über die Maßen. Nicht so, dass mein Würdegefühl
    dabei weniger wird. Ich stehe zu mir, meinen Taten und
    Wortenn, und schau mal, ob ich helfen kann. Ob ich die
    Sehhilfe für den anderen finde, mit der er mich wieder
    lieben kann."

    Nun, Hubertus, ich habe inzwischen viele Jahre lang öfter mal deine Büchertexte (und seit ca- 13 Monaten deine Blog-Beiträge regelmäßig) gelesen, um mir damit selbst zu helfen, in mir entstandene Leidgefühle zu verarbeiten.
    Aber ... LIEBEN werde ich dich wegen dieser deiner Selbsthilfe-Aktionen (Bücher schreiben und zum Kauf anbieten, Blog-Beiträge zur Kenntnisnahme anbieten) wohl eher nicht.
    Weil ... ich "stehe" nicht auf Männer. *augezwinker*

    Gruß vom (schon lange stark kurzsichtigen) HaJo51