Samstag, 27. Mai 2017

Tränen


















Aus meiner Schatzkiste, Nachdenken und Erleben.

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Wir sind es gewohnt, große emotionale Geschehnisse bei
den anderen nicht mit Ruhe ansehen zu können. Wenn
der andere sehr heftig reagiert, eilen wir herbei, um ihn zu
beruhigen, etwa wenn er weint. Oder wir beginnen ihn zu
trösten oder von den Dingen zu reden, die Tränen eigent-
lich nicht nötig sein lassen.

In Wirklichkeit geschieht dann, dass wir uns selbst be-
schwichtigen und trösten. Dieses Beschwichtigungs- und
Trostverhalten haben wir der Erwachsenenwelt abgese-
hen, als wir Kinder waren. Wenn wir als junge Menschen
weinten, stürzten die anderen herbei und nahmen sich
unseres Schmerzes an. Was aber bedeutet: Sie nahmen
uns die Oberhoheit über unseren Schmerz. Anscheinend
konnten sie nicht ertragen, dass unsere Tränen flossen,
und sie mussten etwas dagegen unternehmen. Unsere
Tränen gehörten nicht uns. Sie waren etwas Beängstigen-
des für die anderen. Und wenn wir verzweifelt waren,
wurde alles mögliche in Szene gesetzt, damit wir wieder
froh wurden. Unsere Verzweiflung wurde nicht als Reali-
tät akzeptiert, sondern sie wurde wie ein Schmutzfleck
weggeputzt.

Wer seine Selbstliebe wiederfindet, der weiß um den Wert
der Tränen und Verzweiflung von damals. Sie waren offe-
ne Tore zu uns, Rufe, uns selbst, so wie wir wirklich
waren, zu erkennen. Sie waren keine Aufforderung, her-
beizustürzen und von unserer Wirklichkeit, die sich
energievoll Bahn brach, wieder abzulenken. Doch im
Ablenken waren die Erwachsenen geübt, denn sie kann-
ten dies ja aus ihrer eigenen Kindheit: lamentieren, ag-
gressiv reagieren, gutgemeintes »armes Kind«, listige
Beruhigungsmanöver, »ist doch nicht so schlimm«.

Es ging darum, ihre Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.
Unsere Tränen waren letzte Versuche, in das Chaos der
Erwachsenenwelt die Wahrheit und Weisheit unserer
Ordnung zu tragen, die von der Einmaligkeit und Würde
der Person kündet.

Wenn jemand - sei es ein junger oder erwachsener Mensch
- in meiner Gegenwart weint, bin ich nicht mehr aufge-
schreckt in hilfloser Dramatik. Ich kann mit Ruhe, Kon-
zentration, Wärme, ohne Worte, still und energievoll ein-
fach da sein. "Ich bin da. Ich stehe auf Deiner Seite. Ich
mag mich - selbst. Ich mag auch Dich. Ich habe Kraft, Dir
zuzuhören. Deine Tränen verletzen und beunruhigen mich
nicht. Ich kann sie Dir lassen. Nichts muss zerstört wer-
den. Ich höre Dich aus der Tiefe in mir. Ich bin Dir nah"

Diese Reaktion auf die großen Emotionen der anderen
sind geöffnete Tore auch bei uns: auch wir können uns
selbst begegnen. Die Nähe des Weinenden zu sich und
die Nähe des Zuhörenden zu sich sind für beide hilfreich:
Sie spüren, dass sie jetzt einander sehr nah sind, dass ihr
jeweiliges Selbst viel intensiver in Erscheinung tritt als
sonst, und von dieser intensiven Basis sehen sie einander
und stellen sie energievollen Kontakt her.

*

Andi (7) weint. Wir sind in einem Zeltlager, ich bin zu
Besuch. Ich kenne sie erst ein paar Stunden. Die anderen
sind gerade nicht da. Ich knie mich vor sie hin, sie steht drei
Schritte weg. Sie hält die Arme vors Gesicht, sieht ab und zu
her und weint. lch bin ganz konzentriert und rnache mich
auf. Ich höre ihr zu und ich habe Raum in mir für ihre Tränen.

Ich sage mit meinen Augen: "Hallo Andi, ich höre Dir zu
und habe Platz für Deine Tränen. Du kannst mir Dein Leid
erzählen." Sie kommt langsam auf mich zu, bleibt stehen,
sieht her und weint weiter. "Du kannst kommen und Dich in
den Arm nehmen lassen. Du kannst aber auch dort bleiben
und mich zuhören lassen", sage ich ihr mit meinen Augen
und mit meinen Gefühlen aus dem Bauch.

Ich beginne, mich weiter zu ihr fallen zu lassen, sie beginnt,
weiter auf mich zuzugehen. Plötzlich kommt ihre Gruppen-
leiterin - Glas zerbricht, eine Kreissäge kreischt, Singvögel
fallen zu Boden."Wer wird denn weinen", sie nimmt Andis
Hand und zieht sie ins Zelt. Ich bleibe voll Schmerz zurück,
bin ohne Vorwurf. Voll Schmerz über diesen Erwachsenen.







Donnerstag, 25. Mai 2017

Psychosoziale Macht


















Die Erkenntnis, dass die Verantwortung für das, was sich
psychisch in einem Menschen ereignet, bei diesem selbst
liegt, bedeutet neben vielem anderen auch, dass niemand
wirklich psychisch gezwungen werden kann, zu nichts. Wie
man die Welt und ihre Erscheinungen deutet, bewertet und
gewichtet, ist einzig die Sache des einzelnen. Ob ein Frei-
heitskämpfer dem Exekutionskommando entgegenruft "Es
lebe die Revolution!" oder ob er apathisch und demoralisiert
auf das Ende wartet - das ist seine Sache, seine Verantwor-
tung für sich.

Eine Kultur, die Herrschaft zur Grundlage hat, muss den
Menschen diese gesellschaftlich hochwirksame Potenz neh-
men. Denn nur der ist beherrschbar, der dem Beherrscht-
werden auch zustimmt, der sich auch unterwerfen will. Es
gibt immer gute Gründe, lieber seinen Nacken zu beugen als
sich den Kopf abschlagen zu lassen - aber ein jeder hat
tatsächlich die Wahl zu leben oder zu sterben, jeden Augen-
blick. Es ist immer die Frage, wo man für sich den größeren
Vorteil erkennt. Hierüber trifft man selbst die Entscheidung,
niemand sonst.

Es ist leicht, Menschen zu beherrschen, die das Gefühl für
ihre Selbstverantwortung verloren haben, die daran gewöhnt
sind, andere für ihr Schicksal verantwortlich zu machen: die
Eltern, die Gesellschaft, die Verhältnisse. Das Wiederfınden
der Selbstverantwortung bedeutet im gesellschaftlichen Bereich
das Wiederfinden der psychosozialen Macht des einzelnen. Es
ist dies eine Macht, die durch nichts wirklich ausgehebelt werden
kann und die jedem, der herrschen will, seine Grenze zeigt.

Dienstag, 23. Mai 2017

Zuviel


















Aus meiner Schatzkiste.
Alltag mit Kindern: Wenn es mir zuviel wird.

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"Was soll ich machen, wenn es mir zuviel wird, freundlich zu
den Kindern zu sein?" Je mehr man sich vornimmt, desto
höher wird oft der Anspruch an sich selbst, nun tatsächlich
freundlich und achtungsvoll zu sein. Und dann kommt der
Punkt, an dem man sich überfordert fühlt. "Eigentlich müsste
ich mehr Zeit und Ruhe haben. Ich will mein Kind doch
nicht vernachlässigen." Aber das Kind geht einem jetzt gera-
de so sehr auf die Nerven, dass man einfach nicht die Kraft
hat, sich seiner Wünsche anzunehmen. "]etzt nicht!"- "Lass
mich in Ruhe!" Und dann geht man fort und nimmt ein
schlechtes Gewissen rnit.

In der Amication kommt man ohne schlechtes Gewissen
zurecht. Ja - ich gehe weg von diesem nach mir rufenden
Kind und kümmere mich jetzt nicht um seine Wünsche. Es
geht nicht darum, über die eigenen Kräfte hinaus für andere
da zu sein - auch nicht für Kinder. Wenn Erwachsene die
Kinder in ihren Bedürfnissen und Wünschen ernst nehmen
und achten wollen, dann geht das wirklich nur, wenn sie sich
selbst in ihren Bedürfnissen und Wünschen auch ernst neh-
men. Und das heißt hier: Was ich tue - den Wünschen der
Kinder jetzt nicht nachzugeben -, ist vor mir verantwortet und
ich brauche deswegen kein schlechtes Gewissen zu bekom-
men.

Einmal ganz abgesehen davon, dass Kinder ein ehrliches
jetzt nicht oft viel leichter vertragen können als die aufrei-
bende "Nimm doch Rücksicht"-Forderung von Erwachsenen,
die ihre Wünsche denen der Kinder nicht offen gegenüber-
stellen.

Wenn es einer Mutter oder einem Vater zuviel wird, sich um
ihr Kind zu kümmern, dann haben sie das Recht, sich um
sich selbst zu kümmern. Eigentlich könnte man sogar sagen,
dass dann die Pflicht besteht, sich um sich selbst zu küm-
mern. Zu entspannen, eigene Dinge zu verfolgen - denn
dann können Energie, Kraft und Gelassenheit auch wieder
zurückkommen. Wenn Kinder anstrengend sind, ist es wich-
tig, irgendwo aufzutanken. Und dies wird oft nur so gehen,
dass die Kinder nicht mit dabei sind. Es wird vielleicht schwer
zu machen sein - aber es kann dabei überhaupt kein schlech-
tes Gewissen geben.

Wer den Kindern zuliebe auf sich verzichtet - obwohl er
eigentlich gar nicht verzichten will -, der tut weder den
Kindern noch sich selbst einen Gefallen. Er tut eigentlich
etwas, das sowohl den Kindern als auch dem Erwachsenen
selbst Schaden zufügt. Es ist in der Amication gerade umge-
kehrt, wie es so oft zu hören ist: Dass man sich für die Kinder
aufopfern sollte. Wer dies aus echter Überzeugung tut, für
den entsteht kein Problem, und der mag dies auch tun. Wer
sich aber nach dieser "Grundregel" richtet, obwohl es in ihm
rumort und er sich eigentlich gar nicht aufopfern will, der ist
schlimm dran. Es käme darauf an, ihm zu helfen, von so
einer wirklichkeitsfremden Position herunterzukommen.

"Kaufst Du mir noch ein Eis?" -"Liest Du mir noch eine
Geschichte vor?"- "Spielst Du mit mir?" - "Wann gehen wir
denn endlich zum Einkaufen?"

Wenn es Eltern zuviel wird und sie an sich selbst denken,
bedeutet das, dass man das Kind (jetzt) zurückweist und sich
seiner (jetzt) erwehrt. Man wird den Kindern dann oft nicht
vermitteln können, dass man sie nicht ablehnt. Denn man tut
ja nicht, was sie von einem wollen, und das kann sie schon
sehr wütend machen. "Du bist richtig gemein." Doch wenn
sie ärgerlich werden, hat das denselben Stellenwert wie die
Rückzugsgefühle der Erwachsenen. Aber niemand sollte sich
wegen des - berechtigten - Ärgers der Kinder davon abbrin-
gen lassen, sich um sich selbst zu kümmern, wenn dies
ansteht.



Montag, 22. Mai 2017

(Un)Ordnung


















Aus meiner Schatzkiste.
Alltag mit Kindern: Die Ordnungsfrage.

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Es ist klar, dass jeder die Ordnung macht oder eben nicht
macht, bei der er sich wohl fühlt. Und es ist auch klar, dass es
hierbei die verschiedensten Vorstellungen gibt, besonders
zwischen Erwachsenen und Kindern.

Was soll man machen, wenn die Kinder nicht eigene Zimmer
haben? Wo sie die (Un) Ordnung machen können, die sie
wollen? Wenn also zwei Lebensarten kollidieren? Wenn die
Kinder sich in den Räumen der Erwachsenen aufhalten und
wie einen Kometenschweif ihre (Un)Ordnung hinter sich
herziehen? Oder wenn die Kinder in ihren eigenen Zimmern
ein unerträgliches Chaos anrichten?

Wenn man dann den Kindern sagt, wie man es gern hätte -
na gut. Wenn es nur eine Information ist. Aber was solls? Die
Vorstellungen der Eltern von Ordnung - von der Erwachse-
nen-Ordnung - kennen die Kinder längst. Das nochmal
auszusprechen ist doch meist nur der Beginn, Druck auszu-
üben, damit die Kinder tun, was man will. Wenn es nicht das
notwendige Signal ist, eine Vereinbarung zum Aufräumen
anzumahnen, der die Kinder dann auch zustimmend nach-
kommen.

Auch amicative Eltern können in der (Un)Ordnung ihrer
Kinder eine Grenzüberschreitung erleben, die sie nicht hin-
nehmen wollen. Die Macht, die sie dann zur Durchsetzung
ihrer Ordnung ausüben, erfolgt ohne Demütigung und
Herabsetzung der Kinder. Denn die Kinder müssen nicht
einsehen, dass der Erwachsene recht hat. Er besteht auf
seiner Ordnung nicht deswegen, weil er wertvoller als das
Kind ist, über ihm steht und recht hat, sondern weil er in
Not ist und seine Grenze verteidigt.

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Aber es gibt für für die Eltern auch noch eine andere
Möglichkeit: Man kann selbst die Ordnung herstellen, die
einem wichtig ist - ohne sich dann herabgesetzt und ausge-
nutzt zu fühlen. Weil man weiß, dass die Kinder ihre (Un)Ord-
nung nicht aus irgendwelcher bösen Absicht, Nachlässigkeit
oder sonst einer Unart machen, sondern weil sie als souverä-
ne und selbstverantwortliche Menschen ihren eigenen Weg
gehen - auch in der Ordnungsfrage. Und dem begegnet man
mit Respekt und ohne Ärger. Man sorgt dann dafür, dass die
eigene Ordnung entweder nicht gestört wird (indem man die
Kinder an bestimmte Sachen nicht mehr heranlässt) oder
man lässt die Kinder spielen und räumt dann selbst in seinem
Sinne auf.

Die Gedanken solcher Eltern sind etwa diese:
"Was hat es für einen Sinn, andere meine Ordnung herstellen
zu lassen, außer dem, dass ich diesen Ordnungskrieg gewin-
ne? Die Unordnung der Kinder in meinem Bereich provo-
ziert mich nicht. Ich freue mich doch, dass die Kinder da sind
und dass sie bei mir leben. Und klar - das hat auch Auswir-
kungen, eben Kometenschweife. Einem Hund sehen wir
nach, wenn er Dreck in die Wohnung bringt - aber die
Kinder sollen unsere Ordnung halten? Ich liebe die Kinder
und auch ihre Unordnung, ihre Botschaften, ihre Symbole,
dass sie bei mir leben. Ich habe dadurch am Tag ein paar
Minuten Mehrarbeit, stimmt, ja und? Wieviel Energie und
Zeitverschwendung würde es kosten, einen Ordnungskrieg
zu führen?"

Und konkret: "Ich habe diese ganze Ordnungsproblematik
hinter mir, ausdiskutiert. Ich finde mich zurecht in unseren
verschiedenen Welten. Und ich finde immer wieder etwas,
das mir wirklich hilft: Bei mir gibt es eine Kiste, in die alle
Kindersachen reinkommen, die herumliegen. Mein Aufräu-
men geht mir von der Hand."

Die Eltern räumen dann auf, so wie sie Windeln wechseln,
Brei kochen, Wäsche waschen, Hausaufgaben nachsehen,
die Kinder zum Reit- und Klavierunterricht fahren. In
beiläufiger Freundlichkeit, ohne Anstoß zu nehmen und
ohne sich dabei zu überfordern. Und die Erfahrung solcher
Famılien hat gezeigt, dass die Kinder nach und nach ihre
Zimmer selbst aufräumen wollen - wenn sie nicht bedrängt
werden. Und zwar so, dass auch ihre Eltern mit der dann
erreichten Ordnung zufrieden sind.





Sonntag, 21. Mai 2017

Ich muss gar nichts!


















"Ich muss gar nichts!". Ich bin grad aufgestanden, berappel mich im Badezimmer,
das Fenster ist offen. Mit halbem Ohr höre ich die Nachbarskinder draußen, drei
sinds, 4 bis 6 Jahre. Dann bin ich auf einmal hellwach: "Ich muss gar nichts!" -
klare Botschaft der Fünfjährigen.

Ihre Stimme verlässt ihr Spiel und kommt zu mir. Ja glaub ichs? Wie sehr bei
sich ist denn dieses Kind? Welch abenteuerliches Statement, welch bom-
bastische Würde, welche überzeugte Gewichtigkeit. Ich bin fasziniert und
angerührt. Ich wasche mein Gesicht mit Kaltwasser, bin erfrischt und staune
über die Welt. Diese Kinderwelt. Diesen jungen Menschen.

Und lege etwas nach. Ich muss ja wirklich gar nichts. Wenn man den Sinn
dieses Würdestatements nicht konterkariert. Gleich zum Extrem: Muss ich
sterben? Das passt nicht. Dem Tod kann ich nicht ausweichen, er ist eine
Selbstverständlichkeit, die ohne Müssen daherkommt. "Ich bin", sagt er,
nicht "Du musst". "Ja", werde ich dann sagen und ihm folgen. Nicht weil
ich müsste: Ich muss gar nichts.

Natürlich tue ich immer wieder Dinge, die ich eigentlich nicht tun will.
"Eigentlich". Ich tue sie aber, schon klar: nicht weil ich müsste, sondern
weil ich will, letztlich. Nichts geht ohne mich.

Und wenn mich jemand zwingt? 1001 Beispiele sind sofort da. Trotzdem:
Ich muss nichts, müssen passt hier nicht. Wenn es gegen meinen Willen
geht, dann werde ich halt gezwungen. Aber ich muss das nicht tun, was
da gefordert wird. Es ist beim Gezwungenwerden keine Ich-Aktion,
sondern eine Du-Aktion, Zwing-Aktion. Wie auch immer.

Wenn ich also nicht sterben MUSS, nicht rechts ranfahren MUSS, nicht
Ballwerfen MUSS. Dann fühlt sich das nach herrlichem Frühlingsmorgen
an, Kaltwasserlächeln, Würdekrone. Welch Geschenk heute morgen!

Samstag, 20. Mai 2017

Kindheitsgefühle II




Fortsetzung des Posts vom 19.5.

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Jeder Erwachsene, der uns damals seinen Willen aufnötigte -
und wohl noch Dankbarkeitdafür erwartete - tat uns weh,
trieb uns in immer neue Schlupfwinkel, zerbrach etwas in
uns. Wir können heute die Wut und den Schmerz von damals
nehmen, um unseren Kindern nicht Gleiches zuzufügen.

Und wir können auf das Kind in uns zugehen, auf die
Hoffnungen, die Sprachlosigkeit, das Leid von damals. Auch
heute kennen unsere Kinder das Leid und die Tränen um
sich selbst und die Missachtungen genau wie wir - schon von
daher sind wir gleich.

Damals, als Kinder, hatten wir recht! Damals verteidigten wir
unsere Menschenwürde! Wenn wir heute das Weinen um uns
selbst befreien können, wenn wir heute die so tief vergrabe-
ne Kindheitswut aufsteigen lassen und wieder spüren kön-
nen, wenn wir uns nicht mehr schämen, die langgestauten
Tränen endlich strömen zu lassen - die Tränen des hilflosen
Kindes, das in jedem von uns noch heute darauf wartet,
anerkannt und ernstgenommen zu werden -,  öffnen wir
uns den Weg, wieder fühlen zu können, wo Recht und Un-
recht ist. Heute können wir nicht nur mit dem Verstand
einsehen, was not tut, sondern wir können dies auch wieder
mit dem Herzen erkennen.

Wir brauchen das Gefühl - machtvolle, tief anrührende
und erlösende Emotionen - um unsere Menschlichkeit von
den Fesseln des althergebrachten Denkens zu befreien.
Feuer wurde sorgfältig eingeschlossen, als wir jung und
hilflos waren. Setzen wir es dennoch frei! Kinder sind voll-
wertige Menschen von Geburt an - sie werden nicht erst
durch die Erziehung zu Menschen.

Wir selbst, Kinder gewesen, wissen und fühlen dies. Wer
kann es wirklich wagen, das zu bestreiten? Heute, als Er-
wachsene, sind wir stark genug, jeden nachdrücklich und
selbstbewusst zurückzuweisen, der einem Kind die Fähigkeit
und das Recht abspricht, über sich selbst zu bestimmen und
für sich selbstverantwortlich zu sein. Wir haben diese con-
ditio humana als Grundlage unserer Existenz selbst erfahren.
Nehmen wir unsere heutige Kraft und Überlegenheit, um
unsere eigenen Kinder zu schützen!



Freitag, 19. Mai 2017

Kindheitsgefühle I


















Aus meiner Schatzkiste, vor etlichen Jahren geschrieben,
zusammen mit Jans.

*

Als wir selbst Kinder waren, haben wir Tag für Tag gelernt,
dass die Erwachsenen im Recht zu sein beanspruchten. Von
Anfang an lebten wir in einer Umgebung, die am Oben-
Unten ausgerichtet war und in der unsere Selbstverantwor-
tung nicht wahrgenommen wurde. Und als Erwachsene wen-
den wir diese tief eingeprägte Strategie im Umgang mit den
eigenen Kindern an, getreu den "Erfolgen", die wir den
damaligen Erwachsenen abgeguckt haben.

Aber wir können uns neu orientieren. Arnication macht be-
wusst, dass es auch ganz andere Erfahrungen aus unserer Kind-
heit gibt. Kíndheitsgefühle, die aus uns selbst kommen, die wir
niemandem abgesehen haben, die ursprünglich zu uns gehö-
ren: Das Gefühl der eigenen Würde, das Gefühl des eigenen
Werts, das Gefühl, über sich selbst bestimmen zu können, das
Gefühl, für sich selbst Verantwortung tragen zu können, das
Gefühl, o.k. zu sein und sich lieben zu können, und viele
andere dieser machtvollen und konstruktiven Gefühle noch.

Diese Lebenswelt musste zwar stets gegen die Erwachsenen
und ihre "Erziehungsnotwendigkeiten" verteidigt werden,
doch zum Glück gab es Erwachsene und Erziehung nicht
rund um die Uhr. Wir hatten unsere gleichaltrigen Freunde,
auch als "Kinder" definierte Menschen. Bei ihnen konnten
wir authentisch sein, wirklich leben, voller Ideen und mit uns
selbst im reinen. Es war ein Raum ohne die Verwirrung und
die Absonderlichkeiten, in die uns die Erwachsenenwelt mit
ihren Werten und Gefühlen verstrickte.

Diese Momente des erwachsenen- und erziehungsfreien
Erlebens mit den Gleichaltrigen gaben uns die Kraft, lange
Zeit Widerstand gegen alle möglichen Erziehungsansprüche
zu leisten. Doch schließich holte uns das demoralisierende
Gift "Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist" nach und
nach ein. Und der Glaube an uns und unsere eigene Kraft,
Würde und Selbstliebe wurde nachhaltig gestört oder gar
zerstört.

Aber wir haben überlebt! Denn der Kern unseres Selbst und
unsere Kindheitsgefühle sind unzerstörbar. Und wir können
uns mit der amicativen Sichtweise wieder so sehen lernen,
wie es unserer eigenen uralten und liebevollen Selbstwahr-
nehmung entspricht.

Fortsetzung folgt.