Mittwoch, 13. Dezember 2017

Kunst






















Wir sind im Wald. Klara (6) und Kolja (4) legen gelbe Blätter
auf dem Waldboden zu Linien und Kreisen, sie malen mit den
Herbstblättern. Es sieht nicht nach Natur aus sondern nach Kul-
tur. Nach Kunst. Kunst im Wald.

Die Kinder spielen. Ist Kunst Spielen, verspielt? Ich habe immer
mitbekommen, dass Kunst mit einem hohen Anspruch daher-
kommt. Picasso, Rembrandt, Beethoven, Mozart - das ist Hoch-
kultur, Kunst. Die Wasserfarbenbilder der Kinder, das Graffiti
an der Mülltonne: das ist keine Kunst.

Wie relativ darf es sein in der Kunst? Wann kommt der Kitsch
um die Ecke? Wann der Unsinn? Woran läßt sich erkennen, ob
es Kunst ist oder nicht? An den Unis wird Kunst gelehrt, es
gibt Kunstschmiede und Kunsthandwerk, Kunsthonig und
Kunstseide. Es gibt Künstler und gekünstelte Sprache, Kunst-
auktionen und Kunstfälscher. "Ist doch keine Kunst" und
"Jeder Mensch ist ein Künstler".

Was soll ich davon halten? Von dem ganzen Tamtam, der
um die Kunst gemacht wird? Es nervt mich, wenn irgendein
objektiver Anspruch im Spiel ist, sowieso, aber auch bei der
Kunst. Im Kunstunterricht in der Schule bekam ich für ein
Bild nur eine Drei, und dabei fand ich mein Bild super und
voller Ideen. Spinnt er, der Kunstlehrer? Sein Sohn war in
meiner Klasse und bekam für alles, was er ablieferte, eine
Eins, immer! Da ging ich auf Distanz zur Kunst.

Das war doch alles eine absurde abgekartete Sache, irgend-
welche Schriftgelehrte legten fest, was Kunst ist und was
es eben nicht ist. Kirchenfenster, documenta, Mona Lisa:
Ja was denn nun? Kunst ist offensichtlich Kunst. Da weiß
man Bescheid, und die Herren und Damen Künstler sowie-
so.

Echt jetzt, da soll er doch malen. Oder dichten. Oder kom-
ponieren, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als sein
eigener Meister. Und dann kann er mir zeigen oder vorfüh-
ren, was Sache ist. Gefällt mir, oder nicht. Und fertig. Was
soll das Gelaber von "Kunst" dabei?

Ich finde das seltsam übergriffig, wenn jemand seine ge-
bastelten Dinge als Kunst rüberbringt. Mit einem hohen
Anspruch versieht. Wenn sie in Altamira ihre Tierchen
an die Wand bringen: Ist ihr gutes Recht, sind ihre Erin-
nerungen, Visionen, Botschaften. Das kann ich respek-
tieren, so wie ich den Menschen respektiere und achte,
der damit unterwegs war. Aber in Ehrfurcht erstarren?
Da macht jemand sein Ding. Gefällt mir, Beifall klat-
schen und staunen. Oder gefällt mir eben nicht.

Wie immer bin ich auch in Sachen Kunst mein eigener
Chef und lass mich nicht ins Boxhorn jagen. Es ist in der
Kunst so wie sonst auch: Entweder spielt sich das alles
in einem Oben-Unten-Raum ab mit objektiven Maßstä-
ben. Oder es bleibt in der postmodernen Welt, in der
nichts über dem anderen steht und alles gleichwertig ist.
Mit subjektiven Vorlieben und Unlieben.

Klar ist der eine geschickter mit der Hand und dem Kopf
als der andere. Und wenn es mir gefällt, hör ich gern zu
und seh ich gern zu und ess ich gern zu. Ich mag klas-
sische Musik, impressionistische Bilder, Blätter auf dem
Waldboden. "Spiel mit mir" sagen die Töne, die Farben,
die Blätter. Es ist ein leichtes und heiteres Geschehen.
"Mach mit" rufe ich der Kunst zu, und sie atmet durch
und läuft erleichtert auf mich zu. "Endlich" antwortet sie.
 "Na klar doch", sage ich, "und was machen wir heute?" 










Donnerstag, 7. Dezember 2017

Dankbar Sein





















In letzter Zeit geht mir immer wieder durch den Sinn: "Dankbar
sein". Besser: "Dankbar Sein", mit großem S. Es ist keine Er-
mahnung oder Aufforderung, was ich da gefasst habe, es ist
ein Zustand. Ich schwinge in Dankbar Sein.

Ich habe gemerkt, erst wenig, wie ein Flüstern, dann mehr und
stärker, dass es so viel in meinem Leben gibt, für das ich dankbar
bin. Im Schauen zurück, in die vielen Jahre. Da gibt es unendlich
viele Kleindankbarkeitigkeiten. Und auch viele wuchtige Groß-
dankbarkeitigkeiten. Und da ich nun dabei bin, in diesem Dank-
barkeitsmodus grad unterwegs bin, merke ich diese Dankigkeiten
Tag für Tag. Verblüffend viele!

Heute: Ich bin zu Besuch bei meiner Mutter, sie ist jetzt 96. Wir
fahren nachmittags los, um einen Adventskranz zu ergattern.
Einen schlichten, so wie sie ihn mag. Es ist aber schon der 6.
Dezember, und es ist fraglich, ob die Blumengeschäfte und
Gärtnereien noch einen haben. Dreimal klappt es nicht, es
gibt nur noch besonders Edle. Die will sie nicht. Hartnäckig
wie ich bin, versuchen wir es wieder: und siehe da, eine große
Gärtnerei außerhalb hat genau den, den sie sich wünscht. Tja,
da bin ich einfach kleindankbar.

Auf dem Weihnachtsmarkt im Dorf ist es knallvoll. Ich breche
ab und komme um neun, kurz vor Schluß wieder. Schon besser,
aber die Stände haben nichts, was ich suche, Kleinigkeiten zum
Verschenken zu Weihnachten. Na gut, dann eben nicht. Da bin
ich auch nicht dankbar, liegt nicht an. Zum Schluß gibt es aber
genau den Stand, der was für mich hat: Glasschmuck zum Auf-
hängen am Fenster. Ich komme mit dem Mann ins Gespräch,
der die Glassterne gemacht hat. "Für einen Stern brauche ich
eine knappe halbe Stunde." Er ist für mich ein Künstler, ich kann
bewundern, was er gezaubert hat. Als ich gehe, bin ich wieder im
Kleindankbarkeitsmodus. Doppelt: Ich habe doch noch ein schö-
nes Geschenk gefunden. Und das Leben hat mir einen Künstler
geschickt, wir waren einige Minuten gemeinsam unterwegs.

Ich zähl mal bis zehn, Dankbarkeiten heute: 1) Ich hatte ein
gutes, das heißt: persönliches Gespräch mit dem Meister mei-
ner Autowerkstatt. 2) Die Bremsklötze meines Autos, das ich
verkaufen will, müssen nicht erneuert werden. 3) Die Dahlien
haben sich butterweich im Garten rausmachen lassen: ruck-zuck
fertig. 4) Meine Mutter wollte ihren täglichen Spaziergang doch
noch machen, nach dem Einkaufen, im Dunkeln. 5) Sie hat über
die Leuchthalsbänder der Hunde gestaunt, wie ein Kind halt.
6) Es gab hier im Haushalt tatsächlich eine funktionierende
Luftpumpe für mein Radjoggen. 7) Die Zulassung meines neuen
Autos beim Bürgeramt klappte wie am Schnürchen. 8) Felix hat
mir doch noch die Adresse vom Theater gesimst, wo ich morgen
für ihn besondere Lampen abholen soll. 9) Ich habe heute morgen
meine Lieblingsschokolade im Nikolausschuh entdeckt.10) Das
Toastbrot eben beim Abendessen war echt lecker!

Zum Geburtstag hatte mir eine Freundin ein besonderes Buch
geschenkt: Ledereinband, leere Seiten. "Was immer Du damit
anfangen willst." "Ich werde reinschreiben, worüber ich mich
am Tag gefreut habe. Eine Dankbarkeit am Tag." 




Samstag, 2. Dezember 2017

Kinderstreit und Sonnenstrahlen





















Klara (6) und Kolja (4) sind zum Babysitten da. Alles läuft gut, doch
dann will Kolja auch mal den Leuchtstab haben, den Klara hat. Aus
meiner Sicht berechtigt, Klara spielt damit seit 10 Minuten. Koljas
Bitte wird nachdrücklicher, Klara rückt ihn nicht raus. Es kommt zum
Streit. Lauter Streit, Tränen.

Soll ich intervenieren? Das "Kolja ist jetzt auch mal dran" ist da, es
ruft mich auf. Aber ich will das nicht von mir aus tun. Fänd ich ir-
gendwie unpassend, unhöflich. So eine Intervention sagt für meine
Ohren im Subtext: "Ihr könnt Eure Konflikte nicht allein lösen. Ihr
seid da unzuverlässig. Nicht vertrauenwürdig. Unfähig. Kinder eben,
die das noch nicht können." Ich wäre die Ordnungsmacht. Meine
Intervention käme mir übergriffig vor.

Lasse ich die Kinder im Stich? Bin ich herzlos, unsensibel? "Du
kannst doch nicht einfach nur zusehen, wenn sie sich streiten und
nicht weiterwissen." Das hör ich schon. Doch ich seh nicht nur zu.
Ich sehe zu ohne "nur". Ich bin ja da, und sie sehen mich. Ich schicke
Freundliches, Anteilnahme. Ich schicke keine Ungeduld, Vorwurf,
Grummel. Und ich bin ja da, wenn sie mich zu Hilfe rufen sollten.
Und auch ein "Soll ich Euch helfen?" ist schon viel zu viel Einmischen,
stößt sie aus ihrer Konzentration aufeinander.

Nein, ich trage ihren Streit, ihr Geschrei, ihre Tränen. Ich ertrage
sie nicht, ich trage sie. Und all die vielen üblichen Möglichkeiten,
die an mich heranwabern, schicke ich weg, auch freundlich und
gelassen. Möglichkeiten: Den weinenden Kolja auf den Arm neh-
men, Klara ins Gewissen reden, "Wenn ihr Euch nicht einigt, ver-
schwindet der Leuchtstab mal für eine Weile", Ablenkungsmanöver
starten, sie rausholen aus der Situaiton ("Wir gehen jetzt in den
Wald"), Thematisieren Streit und Gerechtigkeit, usw.

Ich habe Geduld, krame in der Küche weiter rum. Klara behält
den Stab, aber auch sie hat Tränen in den Augen. Es wird ruhiger,
es wird still. Dann höre ich an ihren Stimmen, dass sie sich nicht
mehr Gram sind, sie verhandeln irgendetwas, dass nicht mit dem
Leuchtstab zu tun hat. Sie kommen zu mir, suchen meine Nähe,
und wir besprechen, ob wir rausgehen. Der Stab in Klaras Hand
hält die Klappe.

Einen Satz sage ich ihnen aber doch. Ich habe ihre Gesichter
beim Streit gesehen. "Wir tun etwas Ungehöriges." Beschämt-
sein, Schuldgefühl. Schnute, Blick auf den Boden. Ich sage
ihnen: "Bei mir könnt Ihr auch streiten. Das ist ok. Da gibt es
keine Schimpfe." Mir liegt daran, ein Pflaster zu kleben, ein
Trostbonbon zu geben, Sonnenstrahlen zu schicken.

Und ich freue mich: Ich habe sie nicht aus ihrer Balance ge-
stoßen, ich habe ihre Souveränität nicht angetastet. Ich habe
den Pfad iher Würde nicht verlassen: "Auch wenn Ihr streitet
und schreit und Tränen fließen - Ihr seid Menschen mit einer
Würdekrone." Ich weiß aber auch, dass ich das nur kann,
weil mich ihre Töne, Emotionen, Kinderbotschaften, Signale
aus meiner eigenen Kindheit nicht verwirren, zum Intervenie-
ren drängen. Und ich merke, dass ich dankbar bin für dieses
Friedensgeschenk.


Dienstag, 28. November 2017

Man kann keine Fehler machen






















"Sie sagen, man kann keine Fehler machen. Was meinen Sie damit?"
Frage auf dem Vortrag. Ich erkläre, aber ich weiß auch, dass meine
Erklärung zum "Keine Fehler machen" nicht jeden erreicht. "Man
macht aber doch Fehler. Und man kommt nur weiter, wenn man
seine Fehler erkennt und daran arbeitet."

Klar mache ich oft etwas anders als eben. Weil das Eben nicht so
war, wie ich es gern gehabt hätte. Ich schlage mir nicht zum zweiten
Mal mit dem Hammer auf den Finger, ich parke diesmal vorsichtiger
ein, ich ziehe mich wärmer an. Der falsche Schlag, das falsche
Parken, die falsche Kleidung: wieviel Fehler steckt da drin? Und
passt "falsch" eigentlich?

Ich bin da schon hellhörig. Um das Wort "Fehler" herum gibt es eine
Ausstrahlung, eine verborgene Botschaft, eine Hintergrundmusik,
die ich nicht mag. Herabsetzung, Besserwisserei, Demütigung,
Schlechtsein. Die ungute Bösewelt taucht auf, wenn von einem
Fehler die Rede ist. Und da jeder Mensch für mich sinnvoll und
Ebenbild Gottes ist, passt das nicht zusammen.

Beim Rechnen kann ich den "Fehler" leichter akzeptieren. 3 plus
3 gleich 7 ist falsch. Ein Fehler? Ein Rechenfehler ja, aber
ein Fehler? Wer drei und drei addiert zu sieben, der fällt aus dem
Sinn, dem universellen kosmischen Sinn ja nicht heraus. Er ist un-
konzentriert in Sachen Algebra, will den Lehrer ärgern, seinen
Protest gegen die Mathematik, die die Atombombe hervorgebracht
hat, demonstrieren oder sonstwas. Er kommt nicht zur mathema-
tisch! richtigen Lösung. Aber seine Lösung "Sieben"" ist nicht in
einem höheren Sinn ein Fehler. "Sieben" ist Ausdruck seines
Insgesamts, seines Sinns, seiner Liebe und Schönheit. "Fehler"
passt nicht, "Rechenfehler" schon.

Bin ich da überdreht? Ist sowas alltagstauglich? Tja, ich verhandle
beim "Fehler" eben etwas Grundsätzliches. Das Fundament der
Amication ist gebaut ohne den Fehler. Ohne die ungute Welt, die
den Fehler umgibt.

Ungute Welten gibt es bei vielen Wörtern, die wir dann ver-
meiden. Sie drücken Zusammenhänge aus, die nicht mehr
passen und ersetzt werden. So eine politische Korrektheit lässt
sich auch übertreiben, aber oft ist es eben stimmig. Statt
"Neger" gilt heute "Schwarze". Und oft fehlt auch ein neues
Wort. "Unkraut" für die Distel und die Brennessel? Sie sind
die Heimat von Schmetterlingen und habe ihren Platz im
Ökosystem. Ein neues Wort für "Unkraut" fehlt. Wie beim
"Fehler". Distel und Brennessel existieren, aber die Unkraut-
wolke hüllt sie nicht mehr ein. Mein Tun und seine Folgen
(Toter Hund, Blechschaden, Erkältung) gibt es, aber ohne
Fehlerwolke.

Ich kann also keine Fehler machen, selbst wenn ich es wollte.
Weil ich die kosmische Konstruktivität, die mich existieren lässt,
nicht verlassen kann. Ich bin aus Konstrutkivität entstanden und
gewoben, jenseits aller Fehlerei.

"Sie können es jederzeit anders machen als eben", sage ich. "Aber
Sie müssen über das Eben nicht schlecht denken. Das Eben war
ja grad eine gültige Gegenwart. Warum wollen Sie ihre Vergangen-
heit schlecht dastehen lassen und ihr - also sich - Vorhaltungen
machen? Kann man tun, mus man aber nicht tun. Man muss nichts
an sich fehlerhaft finden, auch nicht das, was grad schiefgegangen
ist."

Danach kommt dann gleich das Gespräch über das Leid, dass
durch Fehler entsteht. Fußgänger angefahren, Kind angebrüllt,
Partner verlassen. Ja, durch unser Tun entsteht immer wieder auch
Leid, und das ist ein großes anderes Thema. Fehler aber? Passt
auch bei der Leidthematik nicht. Ich tue immer Sinnvolles, Fehler-
loses, und dabei kann es durchaus immer wieder zu Leid kommen.
Fehlerlos sein öffnet nicht das Tor zu leidfrei sein und führt auch
nicht in die Lieblosigkeit. Ohne Fehler zu leben schließt kein Tor
sondern lässt ein Tor offen. Das Tor, hinter dem ich in Harmonie
mit der Welt und mir lebe.



 


Sonntag, 26. November 2017

Amication leben, Rita









Ich lebe bewusser als je zuvor im Jetzt und Heute und der Umgang
mit anderen Menschen fällt mir leichter. Ich kann klarer "meine
Sachen" sehen und sagen. Ich weiß, was ich möchte und kann es
sagen ohne schlechtes Gefühl (Gewissen). Wenn andere dann
Schwierigkeiten mit mir haben, kann ich es schon ertragen und sie
trotzdem akzeptieren.

Ich sehe jetzt deutlicher als früher, dass ein "Misserfolg" ganz alleine
von mir beurteilt werden kann und es alleine an mir liegt, alles zu
revidieren. Dies nimmt mir die Angst vor neuen Situationen, vor
dem Umgang mit neuen, fremden Menschen (hoffentlich sage ich
nichts falsch). Es nimmt mir auch die Angst vor meiner eigenen
Spontaneität. Ich mag es, wenn sich jemand mit meinen Problemen
anzufreunden versucht, auseinandersetzt und eventuell eine ldee
hat, die mir eine Entscheidung erleichtern könnte. Entscheidend bin
jedoch immer ich selbst. Das ist mir im Laufe der letzten Zeit bewusst
geworden.

Miriam, meine älteste Tochter, ist 4 Jahre alt. Miriam ist der
Meinung, dass ich ihren Vorstellungen entsprechend ihre Sachen
regeln kann. Früher war ich oft sauer und gekränkt, wenn ich alles
tat, was ich konnte, und sie schimpfte und tobte. Heute versuche ich
ihr zu helfen, solange ich mag und kann. Ich rede nicht mehr auf sie
ein und versuche nicht mehr, ihr die Unmöglichkeit der Durchfüh-
rung ihrer Vorhaben zu erläutem. Miriam ist, wie sie ist, und ich will
sie nicht mehr ändem.

Denke ich an den täglichen Umgang mit meinen beiden Kindern,
ist mir klar, meine pädagogischen Vorkenntnisse (Erzieherin und
Lehrerin) waren eher hinderlich als förderlich im aktiven, spontanen
Zusammensein. Da kamen Vergleiche wie "Mutter = Autorität",
"Mutter = Vorbild", "Mutter = immer für die Kinder da", und ich
verschwendete noch viel Zeit mit dem "Was wird wenn?" Heute
kommen mir nur in extremen Situationen solche Gedanken; ich kann
meist über sie lächeln und sie vergessen.

Freitag, 24. November 2017

"Was machen Sie da?"























"Was machen Sie da?" Ich bin im Dunkeln mit den Kindern
zum Geocachen unterwegs. Wir suchen eine versteckte Dose
mit Hilfe von Koordinaten. Es ist ein Internetspiel, das draußen
umgesetzt wird. Wir suchen also, diesmal im Bürgerpark. Der
Wachdienst hat uns erspät, kommt heran: "Was machen Sie da?"

Das ist schon eine seltsame Anmutung. Streck ich dem Mann
des Wachdiensts die Zunge raus? Was hat der mich zu fragen,
uns im Spiel zu stören? Die Antwort "Wer sind Sie denn?" und
"Was geht Sie das an?" kommt hoch, aber ich stopf sie wieder
runter. Ich erklär ihm freundlich, was wir hier tun. Er hört zu,
seine Harschheit verfliegt, "Dann viel Erfolg." Wir sollen den
Park verlassen, er hat schon geschlossen.

Wie oft fragen wir die Kinder, was sie da machen? Oft. Wie
übergriffig ist das eigentlich? Wie kommen sich die Kinder
vor? Ertappt? Überprüft? Geht uns das etwas an, was ein
Kind macht? Wir sind da in einer Selbstvertändlichkeit
unterwegs. Wir bekommen mit, was die Kinder machen.
Und wir fragen nach. Einfach und ungefragt.

Ich denke über die Balance nach, die so eine Fragerei und
Ausfragerei in sich tragen. Big Brother oder Ausdruck unserer
Liebe? Die Kinder sollen nicht zu Schaden kommen. Die
Dinge, mit denen sich die Kinder beschäftigen, sollen nicht
zu Schaden kommen. Die Familienregeln sollen auch nicht
zu Schaden kommen. Die moralischen und gesellschaftlichen
Benimme auch nicht. O lala. Was es da nicht alles zu zer-
deppern gibt. Was es da nicht alles aufzupassen gibt.

Muss ich Auskunft geben, wenn mich jemand fragt, was ich
mache, was ich da mache? Muss ich nicht. Müssen die
Kinder das? Tja - irgendwie schon. "Zeig her", "Mach den
Mund auf", "Was hast Du da?", "Wohin willst Du?" Und
so weiter und so fort. Wem gehören die Kinder, ihr Tun
und Lassen? Ab wann wird es unfreundlich und unerfreu-
lich mit unserer Einmischung?

Der Wachdienst stößt mich auf dieses Thema. Gibt mir
zu denken. "Was machst Du da?" will sensibel gehändelt
werden. Ich bin nachdenklich. Die harschen Töne nehme
ich dem Wachmann nicht übel. Er hat mir eine Tür gezeigt,
die mit ihrer Wucht im Dunkel liegt. Und die ich jetzt sehe
und mit neuer Vorsicht öffnen oder einfach geschlossen
lassen kann. Danke, Wachdienst.

Donnerstag, 16. November 2017

Kindergrenzen








Standardfrage auf dem Vortrag: "Meinen Sie nicht auch, dass die Kinder Grenzen brauchen?" Ich sage dann etwas dazu. In der Richtung, dass die Kinder wie jeder Mensch Grenzen um sich herum haben, und dass sie das nicht irgendwie brauchen. Sondern dass sich Grenzen nicht vermeiden lassen und dass sich fragt, wie man damit umgehen kann.
Und dann gibt es da auch einen ganz anderen Aspekt beim Thema "Kinder und Grenzen", über den weniger nachgedacht wird. Ich stelle ihn hier vor mit einem Text aus meiner Schatzkiste.

*

Im Zusammenhang mit »Kinder und Grenzen« wird meist darüber nachgedacht, welche Grenzen den Kinder gezogen werden sollten. Mit geht es aber jetzt einmal um die Grenzen, die Kinder (wie alle Menschen) um sich selbst haben. Wenn Grenzüberschreitungen den Kindern gegenüber passieren, und wie man das verhindern kann.

Wenn man es merkt, dass Kinder auch Grenzen haben, ist man schon den ersten Schritt gegangen. Natürlich haben sie viele Bereiche, wovor ihr Stoppschild steht. Wenn man jedoch meint, dass Kinder (noch) keine vollwertigen Menschen sind, sondern erst richtige Menschen werden, kommt man kaum auf die Idee, ihnen richtige individuell-spezielle Grenzen zuzubilligen. Aber natürlich: jedes Lebewesen hat seine Grenzen. Allgemeine und spezielle.

Die allgemeinen Grenzen der Kinder werden heutzutage ganz gut bedacht: Kinder dürfen nicht in zu dünne Zonen von Liebe, Achtung, Würde, und äußeren Lebensumständen (Essen, Kleidung, Wohnen usw.) geraten.

Es geht mir aber um die speziellen Grenzen: um die Stoppschilder dieses Kindes, dieses einzelnen Menschen. Jeder hat da andere, manche/viele sind gemeinsam.

Klaus (5) ist ein Acht-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind: Es macht keinen Sinn, von ihm zu verlangen, um Sieben ins Bett zugehen.
Ulrike (3) ist im Gummibärchen-Fan-Club: Es macht keinen Sinn, von ihr die Herausgabe der Club-Karte zu verlangen.
Moritz (9) ist ein Ich-Räume-Nicht-Auf-Kind. So geworden im Laufe der Jahre, bei diesen Eltern, bei dieser Oma. Es macht keinen Sinn, darauf zu bestehen, dass erst aufgeräumt wird, bevor ...
Monika (14) raucht, und zwar eine Menge: Ihr das Rauchen zu verbieten macht keinen Sinn. Doch? Was passiert, wenn sie raucht, weiß sie längst. Aber sie hat ihre Grenze eben anders gezogen. Zigaretten gehören zu ihr, zu ihrem Selbstbild. Wie bei ihrer Tante. Und dem Klassenlehrer. Ihr die Zigaretten zu verbieten, missachtet ihre Grenze: missachtet sie.
Die Beispiele lassen sich unendlich fortsetzen.

Eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung. Da sollte man sich nichts vormachen. Unzulässig aus der Sicht des Betroffenen. Aber ich sage nicht, dass man nun alles hinnehmen soll: Hinnehmen, wie mein Kind zuwenig Schlaf bekommt (meine Grenze »Er braucht aber 12 Stunden Schlaf« wird missachtet). Hinnehmen, wie der Süßkram die Zähne kaputtmacht (meine Grenze »Sie soll gesunde Zähne haben« wird missachtet), usw.

Ich will etwas anderes: Wenn einem präsent ist, dass die Kinder da vor einem auch Grenzen haben, berechtigte Grenzen – dann wird man etwas einfühlsamer, umgänglicher, stressfreier in dieser Frage. Ich habe das immer dabei gehabt, dieses Wissen: dass Kinder vollwertige Grenzen-Menschen sind. Und dass Fingerspitzengefühl dazugehört, mit ihren Grenzen umzugehen. Wie bei »allen« Menschen und Lebewesen (ich halte keine Katze gegen ihren Willen fest, ich hänge mich nicht an einen zu dünnen Ast).

Wenn ich eine Grenzüberschreitung nicht vermeiden will (ich verstoße gegen Deine Grenze, damit dies nicht mit mir passiert), dann ohne Lüge. »Ich weiß, dass ich Deine Grenze missachte. Hier stehe ich und kann nicht anders.« Ohne Tricks »Sieh das ein. Es ist besser für Dich«.

Menschen haben vielfältige Liebenswürdigkeiten oder Behinderungen (beides ist dasselbe, je nach Perspektive): lila Haare, Gurken zum Frühstück, krank im Hirn, zu kurzes Bein, Bus statt Auto, Auto statt Bus.

Es macht keinen Sinn, von jemandem zu verlangen, er soll sein Bein nachwachsen lassen. Es macht keinen Sinn, einen Hund zum Unterricht zu schicken, damit er Staubsaugen lernt. Es macht keinen Sinn, von der Schwerkraft zu verlangen, dass sie aufhört, damit ich fliegen kann. Realitäten. Kennen wir. Können wir mit umgehen.

Klaus geht um 8 ins Bett. Ulrike isst Gummibärchen. Moritz räumt nicht auf. Monika raucht. Realitäten. Kennen wir. Können wir mit umgehen. So einfach ist das.

Was will ich wirklich? (Die Praxisfrage der Amication!) Mit diesem Kind leben? »Ja.« Es ist ein Acht-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind und kein Sieben-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind. »Es soll sich ändern.« Soll sein Bein nachwachsen? »Das ist nicht zu vergleichen. Niemand muss morgens Gurken essen.« Wirklich? Wer sagt das? Vergleicht doch. Was passiert, wenn man vergleicht? Geht die Welt unter? Was steht auf dem Spiel?

Ich habe immer gemerkt, dass Krieg oder Frieden auf dem Spiel stehen. Natürlich kann ich in den Krieg ziehen, und ich habe auch oft gewonnen. Und oft verloren. Aber: Ich muss nicht in den Krieg ziehen. Nicht für 1 Stunde eher ins Bett, für noch gesündere Zähne, für 30 Minuten Aufräumen, für körpergesund und dafür seelenkrank.

Ich habe mich eingependelt im Grenzland, wo die Grenzen aufeinander treffen. Und da ich über mich bestimme, bin ich auch der Souverän, der die eigenen Grenzlinien hin- und herschieben kann. Das ist kein Nachgeben! Das ist Augenzwinkern, Halb-So-Wild, Friede, Harmonie. Es sieht so aus, als wäre ich großzügig, einfühlsam, tolerant. Es ist eine andere Quelle: Ich billige mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten zu, ich liebe meine Macken – und das kann ich auch den anderen lassen. Auch den Kindern. Ich weiß, wie gut das tut. Ich habe Grenzen, die flexibel sind. Je nachdem. Und wenn sie hart sind, dann ist es eben so ein Tag. Wir nehmen uns unsere Grenzen nicht so übel, weil sie keiner zur heiligen Kuh macht.