Montag, 27. März 2017

Liebe ja - Verantwortung nein


Ich kümmere mich um meine Kinder, das ist so selbstverständlich wie was. Aber nicht deswegen, weil ich für sie verantwortlich bin. Was bedeutet das? Und warum kümmere ich mich dann? Ein Blick in meine Schatzkiste:

*

Amication bedeutet in der Kommunikation mit den Kindern einen radikalen Bruch mit der Tradition. Die Botschaften der Kinder werden anders verstanden. Sie sagen den Erwachsenen in ihren Herzen:

»Liebe mich, aber nimm mir nicht meine Verantwortung für mich selbst. Denn ich bin ein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an. Hilf mir, unterstütz mich, sage ehrlich, wenn dir etwas zuviel wird. Aber maße dir nicht an, besser zu wissen als ich, was für mich wirklich gut ist. Deine subjektive Wahrheit ist mir willkommen und meiner subjektiven Wahrheit gleichwertig, niemals aber kann deine Wahrheit über meiner stehen.«

Die amicative Antwort ist: »Ich liebe dich und ich bin nicht für dich verantwortlich, denn dies bist du selbst von Anfang an, zu 100 Prozent.«

 Liebe ja – Verantwortung nein.


Samstag, 25. März 2017

Braunrot und Fuchs Schneeflocke


Heute war ich an Jans Grab in Kiel und habe dort für ihn eine kleine Blume
eingepflanzt. Dann bin ich an Meer gefahren, um einen Stein aus den Wellen
aufzulesen. Der kommt auf meinen Schreibtisch, der Jansstein. Es ist ein braun-
roter. Als wir vorzeiten darüber nachdachten, welche Farbe unser Emblem haben
sollte, fand Jans genau dieses irdene Braunrot gut: "So aus dem Urstoff ." Jetzt 
beginnt es zu dunkeln, die Sonne ist vorhin untergegangen, und ich sitze auf der
Friedhofsbank und lese ihm aus meinen Gute-Nacht-Geschichten vor.

*

Die kleine Schneeflocke sah sich vorsichtig urn. Am liebsten wäre sie in der
Wolke geblieben, aber jetzt saß sie hier unten. Auf der großen Astgabel. Es
war schon sehr schwierig, sich zurechtzufinden. Ein bisschen mehr nach
links, und sie würde herunterfallen. Ein bisschen mehr nach rechts, und sie
würde auch herunterfallen. Und wenn sie nun geradeaus ging? Vorsichtig
schob sie sich nach vorn. Tatsächlich: dort, wo kein Ast mehr war - der Ast
teilte sich nach links und rechts -, dort, wo gar nichts mehr war, außer Luft
und Abgrund, da konnte sie weitergehen.

Sie schwebte; Sie sank tiefer und landete auf der Nase von Kramondu, dem
lila Fuchs mit den fünf Pfoten. Ich schmelze, dachte sie. Eine Fuchsnase ist
doch viel zu warm für mich. "Du brauchst keine Angst zu haben", sagte
Kramondu. "Ich bin ein kalter Fuchs."  "Wirklich?" flüsterte die Schneeflocke.
"Ja doch, das liegt an meiner fünften Pfote", lächelte der Fuchs."Alle Füchse,
die fünf Pfoten haben, sind ziemlich kalt, und keine Schneeflocke muss
schmelzen, wenn sie auf unserer Nase landet". Die Schneeflocke atmete
erleichtert auf.

Der Fuchs wirbelte durch den Schnee, er raste den dunklen Pfad lang und
stoppte vor seiner Burg."Willst du mit reinkommen?" fragte er. Die Schnee-
flocke nickte. Die Burg des Fuchses war lila - so wie er. Alles war lila. Die
Schneeflocke merkte, dass sie auch lila wurde."Du kannst die Wassersprache",
sagte der Fuchs. "Erzähl mir, was Wasser ist". Die Schneelocke dachte nach.
Dann sagte sie dem Fuchs, dass Wasser ein Wunder sei, das man nicht erklären
könne. "Das habe ich mir schon gedacht", antwortete der Fuchs. Er nahm sich
die fünfte Pfote ab und legte sie in eine kleine Schüssel."Was machst du?"
fragte die Schneeflocke erschrocken. "Ich werde jetzt ein Möhrengespenst",
sagte der Fuchs.

Und er wurde langsam zu einer großen lila Möhre. Die Schneeflocke
merkte, dass sie nun der Fuchs war, und sie zählte ihre Pfoten. Es waren vier.
"Also bin ich jetzt ein richtiger Fuchs", dachte sie stolz. Sie biss ein bißchen
von der Möhre ab. Dann lief sie nach draußen und tollte im Schnee herum.

Als Fuchs Schneeflocke zum Eichenplatz kam, warteten die anderen Füchse
auf ihn. "Gut, daß du endlich da bist", begrüßte ihn der älteste Fuchs. Sie
begannen das Fuchslied zu singen. Fuchs Schneeflocke merkte, dass er
schwebte. Er wurde leichter und leichter; und er landete auf der Astgabel.
"He, hallo", freute, sich die Astgabel, "Ich dachte schon, du kämst überhaupt
nicht mehr". "Ich bin ein lila Fuchs", sagte die Schneeflocke. "Weiss ich",
sagte die Astgabel. "Weil du geradeaus gegangen bist." Fuchs Schneeflocke
zählte seine Pfoten, es waren immer noch vier. "Ich muss wieder nach unten",
sagte er. "Ich weiß", sagte die Astgabel. "Wenn du bleibst, wirst du wieder
eine Schneeflocke sein". Da warf die Schneeflocke den Fuchs nach unten,
und sie wirbelte mit dem nächsten Windstoß hoch zu den Wolken.

Donnerstag, 23. März 2017

»Was will ich wirklich?«


»Was will ich wirklich?« ist die Frage, die den Weg zur amicativen Praxis zeigt. »Was will ich wirklich?« leitet jemanden, der sich selbstverantwortlich fühlt. So zu denken bedeutet keine lange innere Diskussion, sondern ist ein selbstverständlicher Reflex, gelegentlich ein kürzeres Innehalten, wenn etwas unklar ist. Die jeweilige Entscheidung orientiert sich am Insgesamt aller Faktoren: Erfahrung, Wissen, Gefühle (Ängste, Mut, Zögerlichkeit, Hoffnung, Freude usw.), Situation, körperliche Verfassung, Perspektiven, Finanzen, Zeit, Risiken, Gewinn ... was immer eine Rolle spielen mag. Amicative Entscheidungen beziehen sich auf das, was das Insgesamt nahe legt. Es geht nicht um die vordergründig annehmlichste Lösung. Den Arbeitsplatz zu verlieren, weil das schöne Wetter zu ungenehmigtem Urlaub lockt: Ist dies wirklich von Vorteil? Wohl kaum. Wenn es aber tatsächlich wichtig ist, genau dies zu tun, dann wird es getan. 

Korrekturen an der Gesamteinschätzung sind jederzeit möglich. Dann will man etwas anderes als eben noch. Dabei war das Eben nicht falsch. Eben war die Einschätzung so, jetzt ist sie anders. Die Vergangenheit wird nicht herabgesetzt. Was jemand tut, ist vor ihm verantwortet, es entspricht seiner Bewertung und Moral und ist eine subjektive Entscheidung, die sich nicht zu recht von außen messen lässt. Bei aller Korrektur: niemand hat einen wirklichen Fehler gemacht. Denn der Gedanke, etwas könne falsch sein, misst den, der aber so entscheidet, von außen und setzt ihn und seine Entscheidung herab. Wer eine Entscheidung trifft, tut dies, weil es seiner Sicht der Dinge entspricht – und (dieser) seiner Sicht gebührt Achtung, denn sie ist ein Teil von ihm. 

»Was will ich wirklich?« ist nicht die Frage nach den Fantasien und Träumen (zu ihnen führen andere Fragen), sondern nach der Wirklichkeit, in der ein jeder lebt: in Abwägung der Vorstellungen und Wünsche mit den vorhandenen Möglichkeiten hier und heute. Es ist ein Realismus, der nicht nach Verrat der Träume schmeckt, sondern es entsteht ein konstruktiver Umgang mit den Realitäten, so dass man mit sich und der Welt in Übereinstimmung leben kann. 

Die Kinder kennen lange Zeit den Weg zur Kongruenz, denn sie sind einerseits sehr realistisch und andererseits sehr nah bei ihren Träumen, und wenn sie amicativ aufwachsen, gelingt es ihnen, die Balance zu halten. Zum Beispiel: Wer nicht zur Schule geht, wird letztlich mit Polizeigewalt hingeschafft und ist ein buntes Huhn unter seinen Spielkameraden. Welches Kind wird sich das zumuten? Amicativ aufwachsende Kinder sind Realisten. Aber Realisten, die stets Ausschau danach halten, wie sich ihre Wünsche verwirklichen lassen. Sie sind nicht demoralisiert angepasst, sondern ihre Anpassung ist konstruktiv und kommt aus dem Gespür für die Grenzen ihrer eigenen Macht. Diese Grenzen sind flexibel, und was jetzt nicht geht, ist vielleicht gleich möglich. Aber wenn etwas jetzt nicht geht, dann geht es eben jetzt nicht, und darauf stellen sich die Kinder ein.




Mittwoch, 22. März 2017

Erkennt und achtet es!


Traditionellerweise fühlen sich Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung des Neugeborenen von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Sie schneiden die Nabelschnur durch, kaum dass das Kind da ist, und zwingen es so zur Luftatmung. Amication hingegen sieht die Selbstverantwortung des Kindes: Jeder neugeborene Mensch kann die Umstellung selbst regeln.

In einer amicativen Geburt wird das Kind unmittelbar nach dem Geborensein auf den Bauch und die Brust der Mutter gelegt nahe an ihrem Herzen. Die Nabelschnur wird nicht durchschnitten, das Kind somit nicht zur Luftatmung gezwungen. Auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur von der Plazenta zum Kind und bringt mit jedem Herzschlag den benötigten Sauerstoff. Langsam, in eigener Regie, kann sich das Neugeborene parallel dazu auf die Luftatmung umstellen. Das Blut in der Nabelschnur wird vom Körper des Kindes nach und nach vollständig aufgenommen, es wird zur langsamen Entfaltung der Lunge und für den Lungenkreislauf benötigt, die Nabelschnur wird leer und durchsichtig und kann schließlich durchtrennt werden.

Traditionellerweise fühlen sich Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung des Neugeborenen von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Sie schneiden die Nabelschnur durch, kaum dass das Kind da ist, und zwingen es so zur Luftatmung. Amication hingegen sieht die Selbstverantwortung des Kindes: Jeder neugeborene Mensch kann die Umstellung selbst regeln.

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen, biochemischen Möglichkeiten und vielen anderen vom kindlichen Organismus selbst gesteuerten Prozessen regeln die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf, ihren Schlaf, ihre gesamte Entwicklung. Immer wieder entscheiden sie selbst, unendlich viele große und kleine Dinge in ihrem beginnenden Leben. Wann soll zum Beispiel die erste Bewegung erfolgen, mit dem Finger, der Hand, dem Arm, dem Bein, dem Kopf, dem Rumpf, dem Körper ... Und schließlich sind sie es, die ihre Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze: Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jeder selbst, wann der rechte Zeitpunkt für ihn gekommen ist, und das Ungeborene gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter, um damit die Wehentätigkeit auszulösen.

Alle Kinder kommen als hochwertig ausgebildete und trainierte Selbstverantworter auf die Welt und rufen den Erwachsenen zu: »Ich bin für mich selbst verantwortlich! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es!«


Montag, 20. März 2017

leben und tod



ich
lächle
den tod an
und er lächelt zurück
und das leben
sieht zu

ich
spüre
du tod
und du leben
ihr seid ich
und ich
bin
ihr

sein heißt
leben und tod und alles





Sonntag, 19. März 2017

Jans-Ekkehard Bonte


Amication hieß früher "Freundschaft mit Kindern", abgekürzt FmK. Die Grundlagen dieser erziehungsfreien, postpädagogischen Weltsicht und Weltdeutung wurden von Jans-Ekkehard Bonte und mir 1978 und 1979 entwickelt. Hierzu mehr in einem der nächsten Posts.

Jans und ich kennen uns also fast 40 Jahre, sind uns in großer Freundschaft verbunden, haben viel miteinander erlebt und das amicative Projekt immer weiter vorangetrieben. Als wir das erste Grundsatzpapier 1979 - im "Jahr des Kindes" - in nächtelangen Marathonsitzungen Satz für Satz ausformulierten, waren wir in kosmischer Magie unterwegs, es war, als ob der Heilige Geist mit am Tisch säße. 

Prosaischer: Wir hatten ein saugutes und fröhliches Gefühl bei der ganzen Sache. Gänzlich avantgardistisch. Wer kannte schon "Adultismus", geschweige denn machte Front dagegen? Wer dachte schon den patriarchalischen Unterdrückungsmechanismus bis ins Kinderzimmer? Erziehung- nein danke! Ja, ging's noch? Es ging!

Jans ist vorigen Freitag 81jährig gestorben. Er hat bis zuletzt daran mitgewirkt, Amication - unsere Idee von Selbstliebe und Erziehungsfreiheit - in die Welt zu tragen. Jans, es ist schön, dass wir das solange zusammen tun konnten. Der Gedanke, das Bild, das Nachsinnen über Dich, Jans erfüllt mich mit Zuversicht und Freude.

*

Liebe FmKler,

Jans ist am Freitag früh gestorben, friedlich zu Hause. Ich habe ihn vor einigen Wochen zweimal besucht. Er war gut drauf und sah dem großen Finale freundlich entgegen. Wir haben über alte Zeiten geschwätzt und den Urtext von FmK von 1979 vorgekramt. Diesen Text haben wir viele Nächte lang Satz für Satz durchgekaut - unsere große Freundschaft begann. Ohne Jans wären wir nicht dort wo wir heute sind. Und wir alle würden uns auch nicht kennen. Bei meinem letzten Besuch haben wir wie damals Öffentlichkeitsarbeit gemacht und zusammen am Blog Amication Reader gearbeitet. Jans hat dann noch weiter daran gebastelt.
 
Seine unaufgeregte und liebevolle Art mit dem Sterben und dem Tod umzugehen hat mich schwer beeindruckt. Genau so werde ich es auch machen. Am Tag vor seinem Tod hat er in seinem Blog noch etwas gepostet: "Stand der Dinge": 

 https://www.selbsterkenntnis-eigensinn.de/blog/ 

Schmökert da und in den vorhergehenden Posts ein wenig herum, wenn ihr ihm nah sein wollt.

Jans und ich haben viel miteinander erlebt, FmK-mäßig und privat. Mein liebstes Bild: 1980, FmK im Grünen, viele Familien waren da, Jans kroch auf allen Vieren auf seine kleine Tochter zu, sie wich zurück, er hinterher, ganz Löwe, Gestik, Mimik, alles stimmte. Und Ellens Gesicht! Es war einfach magisch.

Liebe Grüße Euer Hubertus




Freitag, 17. März 2017

Du tust mir weh


Noch etwas aus meiner Schatzkiste zum Thema "Zuständigkeit". Und: wenn man weiß, ahnt, auf dem Schirm hat, dass der andere gleich mit Schmerz reagieren wird, könnte man es ja auch bleiben lassen - wenn man es kann. Der Lieblosigkeit wird hier nicht das Wort geredet. Ganz im Gegentei: Liebe fließt umso mehr, je weniger sie unter Druck gerät.

*

»Du tust mir weh« – wir haben von klein auf zu glauben gelernt, dass dies überhaupt geschehen kann. Und dass wir diejenigen seien, die den anderen Schmerz und Betrübnis bereiten. Doch wir schneiden auch das »Du tust mir weh« als einen Marionettenfaden ab. »Du tust mir weh« geht in Wahrheit überhaupt nicht zwischen Menschen!

»Du tust mir weh« schiebt dem einen die Zuständigkeit und Verantwortlichkeit für das Wohl des anderen zu. Zuständig und verantwortlich bin ich jedoch stets für mich selbst, niemals kann dies ein anderer für mich sein. Wenn es in unserem Umgang ein »Du tust mir weh« gibt, zeigt dies, dass wir einander zu entmündigen gewohnt sind und dass in komplizierter Weise der Entmündigte (der Zuständigkeit für seinen Schmerz nicht mehr bei sich sieht) den anderen unterdrückt, indem er ihm die Sorge für sein Wohl aufbürdet.

Wir haben gut gelernt, auf das »Du tust mir weh« blitzschnell zu reagieren: mit Verteidigen, mit Wiedergutmachen, mit Beschwichtigen, mit Entschuldigen, mit schlechten Gefühlen und schlechtem Gewissen. Unumstößlich war, dass wir tatsächlich dem anderen etwas getan hatten und dass die Idee »Der eine kann dem anderen weh tun« eine korrekte Idee sei.

Es ist jedoch ein jeder für sich selbst zuständig. Wenn ich etwas tue, ist dies vor mir, dir und der Welt verantwortet. Da ich mich liebe, ist mein Tun immer ein sinnvolles und letztlich Liebe ausdrückendes Tun. Dies bedeutet nicht, dass es von den anderen stets als Glück erlebt wird! Mein sinnvolles Tun kann durchaus für andere Schmerz bedeuten. Aber es gilt zu merken, dass die Schmerzerfahrung über mein sinnvolles Tun die Erfahrungsrealität des anderen ist, nicht etwas, für das ich zuständig bin. Du könntest in der Tat ja auch anders als mit Schmerz reagieren, etwa mit Erstaunen, Belustigtsein, Gelassenheit, Anteilnahme, Sorge, Spaß, Glück, Zufriedenheit usw. als ausgerechnet mit Schmerz.

Ich tue nur Sinnvolles, jederzeit das Beste. Wenn du darauf mit Schmerz reagierst, ist dies sicher deine korrekte Reaktion – aber es ist deine Reaktion und nichts, was ich mir anstecken müsste. Wenn wir den Schmerz des anderen so ansehen, verwischen wir nicht die Zuständigkeiten. Ob du mich als Schmerz oder Glück erfährst, ist nicht meine, sondern deine Sache.

Statt »Du tust mir weh« wäre es korrekter zu sagen »Ich erlebe dich schmerzvoll«. Damit würde die Zuständigkeit klar ausgedrückt. Aber solche Redewendung ist völlig unüblich – und es ist nicht verwunderlich, dass unsere Sprache solche Differenzierungen kaum kennt. Doch es kommt natürlich nicht auf die Worte an. Wichtig ist zu wissen, dass ich immer für mich selbst zuständig bin, auch, wenn andere mit mir umgehen, auch, wenn andere von mir als schmerzvoll erlebt werden. Dass eine solche Sicht geradezu revolutionierende Konsequenzen für unsere Beziehungen hat, liegt auf der Hand.

Wenn ich erlebe, dass durch mein Tun jemand in Schmerz gerät und ich mich nicht in Zuständigkeitsdebatten und Schuldzuweisungen verlieren muss, sondern genau weiß, was mir zukommt (Liebe zu strahlen) und was dir zukommt (diese jetzt als Schmerz zu erleben), dann habe ich auch Kraft, mich dir zuzuwenden – deinem in dir lebenden Schmerz. Und du könntest erfahren, dass ich dich liebe – was wiederum deinen Schmerz lindern wird.