Samstag, 21. Oktober 2017

Vom Jaulen und der Harmonie, I





 


















Corbinian ist drei Jahre alt. Er jault ein bisschen, nicht viel, aber unan-
genehm, für meine Ohren. Irgend etwas passt ihm nicht. So verstehe
ich dieses Meckern, diese Töne, diese Psycho­frequenzen. Aber es liegt
nichts an. Jedenfalls nichts Aktuelles. Wir haben keinen Zoff. Ich bin
(gerade) zufrieden. Er ist es auch. Bis eben. Aber dann hat da diese
Jaulerei begonnen, nicht laut, leise, aber hörbar. »Mir passt was nicht.«
Soweit, so klar. Ich verstehe: Etwas stört ihn. Und da ich mein Kind
liebe (das ist die Basis des Geschäfts), will ich ihm helfen. Also: »Was
ist los, Corbinian?« Ich bin nicht angestrengt bei dieser Frage, auch nicht
betulich. Ich reagiere ziemlich beiläufig: »Was hast Du?«

Aber nichts kommt. Keine Antwort. Nur weiter diese kleine Jaulerei
(die große Jaulerei wäre eine Katastrophe, aber das ist es jetzt nicht).
 »Was hast Du denn?« Nichts kommt außer Jaultönchen. Natürlich ver-
steht er mich, er ist drei Jahre alt, und er ist klug. Er weiß, dass ich ihm
helfen will, aus seinem Ungemach heraus. Und ich denke, dass er auch
weiß, dass ich das kann. Er spricht mich ja an. Und ich bin guten Willens
und will ihm gern helfen. Aber: ich bekomme nicht die Information, die
ich brauche, um ihm zu helfen. »Soll ich dies oder das tun?« Ich mache
Vorschläge, ziele auf das, was ich als sein Ungemach vermute, aber das
trifft es nicht. Oder es trifft es zwar, aber er reagiert darauf nicht so, dass
ich damit weiterkomme. Mit seiner Ruhe, die gerade dahin geht.

Klar weiß ich, dass man solche unergründlichen Klein-Jaulereien den Kin-
dern auch lassen kann. Sie haben alles Recht auf diese Töne, ich muss
da nichts richten. Ich kann das als eine »Ausleitung« sehen, einen Psycho-
eiter,der raus will und eben so rauskommt. Das geht ja auch wieder vorbei.
(Wennes nicht zur Jaulorgie wird, aber das ist ein anderes Thema.) Es geht
ja auch wieder, und ich muss da jetzt keinen auf Verständnis, Therapie und
Co machen. Ich könnte es ihm auch lassen und meine Dinge tun. Er wird
schon klarer werden, wenn es ihm wichtig ist. Sonst bleibt er eben so un-
scharf, wie das gerade kommt. Und aus.

Aber ich bin doch anders drauf. Sein Ungemach kann ich jetzt, heute, gerade
nicht einfach stehen lassen. Ich will antworten, mich kümmern, helfen. Hel-
fersyndrom? Quatsch, zu hoch gegriffen. Es ist einfacher: Ich bin der Vater,
dort ist mein Kind. Und das hat ein Beschwer. Und da kümmer ich mich.
Also zum dritten Mal: »Was willst Du? Sag mir, was Du brauchst.« Doch
da kommt weiter nichts. 

Egal wie das konkret weitergeht (da gibt es so viele Wege wie es Väter und
Mütter gibt): Ich bekomme jetzt etwas anders in den Blick, etwas Grund-
sätzliches, das mir Corbinian wachruft. Es fällt mir nicht sofort auf, sondern
erst abends, wenn er im Bett ist, und ich über diese »belanglose« Alltags-
szene ins Nachsinnen komme.

»Ich will etwas nicht. Ich will das eigentlich nicht. Nein. Das passt mir nicht.
Das muss ich nicht haben. Es soll weggehen. Es stört mich. Es nervt. Geh,
geh weg.« Energie gerichtet an irgend etwas, an etwas, das stört. Eine klare
Botschaft: Geh jetzt, aus meinem Leben. Jedenfalls jetzt. Und das kann alles
und nichts sein. Bei Corbinian könnte das ein Hund sein, der ihn schnuppern
will (Hundenase und Kindergesicht sind auf gleicher Augenhöhe); der Bruder,
der ein Buch nicht hergibt; ein Schuh, der nicht zugeht. 

»Ich muss das nicht haben. Eigentlich brauche ich das nicht.« Unzählige
dieser Stördinge geschehen in meinem Leben. Sind geschehen. Unange-
nehmes, Millionen kleine Übel. Begleitet von Unbehagen. Begleitet nur
von Unbehagen. Dieses Unbehagen fand keinen Weg nach draußen, in
die kommunikative Welt, in Sprache, in das kleine oder große Nein. Das
Unbehagen war sprachlos, aber zweifellos da, gespürt, wuchernd. Es war
nicht berechtigt, mehr zu sein als ein Unbehagen.

Es wäre ungezogen, unpassend, überzogen, unanständig, blamierend,
beschämend, bloßstellend, peinlich gewesen, dieses Unbehagen zu be-
achten, geschweige denn mitzuteilen. Das Unbehagliche war hinzuneh-
men. Man kriegt nichts geschenkt. Das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Was meinst Du denn, wer Du bist? Wenn eine Selbstverständlichkeit
Unbehagen auslöst, ändert das nichts daran, dass das Unbehagliche
eben selbstverständlich ist, hinzunehmen ist. Dass ich damit klarzu-
kommen habe. Wie jeder, dem Unbehagliches passiert. Da macht man
kein Drama draus, keinen Aufriss. Etwas stört, und mehr ist es ja nicht.

Was sind diese unzähligen Ungemache, die gelebten, aber nicht beach-
teten und nicht mitgeteilten? Die nicht thematisierten. Die Selbstver-
ständlichkeiten. Über die so nachzudenken, wie ich es jetzt tue, nicht
am Horizont auftaucht. Die real existierenden Unbehaglichkeiten –
aber die kommunikativ tabuisierten. Von denen die Welt ringsum
nicht mitbekommen kann, wie unbehaglich mir das da gerade ist.
Oder von der die Welt ringsum schon merkt, dass mir da was nicht
passt, aber niemand einen Weg sieht, wie sich das verringern oder
vermeiden lässt. Ich bin mit meinem Unbehagen allein und die an-
deren lassen mich damit auch allein sein.

Retrospektive: Ich bin 6 Jahre, doppelt so alt wie Corbinian, ich er-
innere mich: Will ich eigentlich in die Schule? Morgens weg von zu
Hause? Aufstehen, wenn ich noch müde bin? Will ich mit den Nach-
barn in ihrem Auto zur Schule gefahren werden? Will ich ein Regen-
cape auf dem Fahrrad ummachen? Will ich zum Flötenunterricht?
Will ich diese Hausaufgaben machen? Will ich schon nach Hause?
Will ich in die Badewanne? Sagosuppe löffeln? Fisch essen? Leber-
tran nehmen? Zur Impfe gehen? Ach, es sind Millionen Dinge. Doch
da kommt von mir kein Jaulen, kein Signal: »Ich will das eigentlich
nicht«. Es kommt überhaupt kein Bewusstsein in mir darüber auf.
Keine Selbst-Bewusstsein. Kein »Das kann man mit mir doch nicht
machen«. Kein Protest von der Art, die voller Gerechtigkeit ist. Es
kommt nur das Hinnehmen des Selbstverständlichen, nichts sonst.
Der Macht des »Man muss« kann ich nichts mehr entgegensetzen,
jedes Aufbegehren wäre einfach nur ungehörig. 

Man geht zur Schule. Man macht Hausaufgaben. Man kommt pünkt-
lich nach Hause. Man isst Fisch. Man, man, man: es gehört sich eben
so. Und aus. Und aus. Und aus. 

Wenn ich da doch mal opponiert habe, mit schlechtem Gefühl, dann
war ich »ungezogen«. Ich ging auf verbotenen Wegen, und wieder
war es aus. 

»Ich will das eigentlich nicht in meinem Leben haben«. Heute: Diesen
Irakkrieg. Diese Atomkraftwerke. Diesen Dieselruß. Diesen Zucker in
den Lebensmitteln.Dieses Amts­schreiben. Diese Autoreparaturkosten.
Diesen Kostenvoranschlag Zahnarzt. Diese, diesen, dieses. Denken
kann ich das schon – nur es ist eben lebenslang ungehörig, kinder-
kramlich, nicht ernst zu nehmen. Was soll der Quatsch?

Wenn mir was nicht passt, kann ich es sagen, ordentlich. Aber nur so
ein Gefühl haben, dass da was nicht stimmt? Nicht in mein Leben passt?
Und so ein Gefühl dann auch noch als berechtigt, legitim ansehen und
es auch noch offensiv und stolz und selbstbewusst und avantgardistisch
und energisch aufsteigen lassen, zulassen und als vorbildlich und lebens-
dienlich und friedensstiftend begrüßen und dann auch noch mitteilen???
Das ist doch affig, Kleinkindverhalten, Jaulen.

Eben. Und genau das zeigt mir Corbinian. In seiner Größe. Und Schlicht-
heit: »Mir passt da was nicht«. Es sagt es mit seinen Tönen. Er sagt einfach,
was ich nie sagen konnte, mich nie zu sagen traute. Nie wäre ich auf den
Gedanken gekommen, dass ich alles Recht der Welt hätte, das so zu sehen:
»Ich will das eigentlich nicht«.

Fortsetzung folgt.




Dienstag, 17. Oktober 2017

Amicative Lebensphilosophie









Der Mensch ist ein zu erziehendes Wesen: Das ist eine Grundaussage
der traditionellen Kultur. Auf dieser anthropologischen Hypothese
baut sich die Sicht vom Kind, von den Beziehungen zu Kindern,
vom Erwachsenen, von Ethik, Moral, Religion, Recht, Politik –
auf dieser anthropologischen Hypothese baut sich das traditionelle
Weltbild auf.

In allen Lebensbereichen gelten die Folgerungen aus dieser Sicht.
Danach ist es selbstverständlich, dass der Mensch stets besser werden
kann und sollte, und dass es allgemein gültige Normen wie richtig und
falsch und gut und böse gibt. Insbesondere in der Religion ist das erzie-
herische Denken verfestigt, aber auch in den moralischen Forderungen
der Gegenwart, die objektive Wahrheit beanspruchen und genau wissen,
wer auf der Seite des Lebens steht und wer nicht. Das Oben-Unten ist
die Basis der traditionellen patriarchalischen Lebensphilosophie und hat
die heutzutage weltweit verbreitete abendländisch-europäische Kultur
geprägt.

Doch das patriarchalische Zeitalter geht seinem Ende entgegen – das
dokumentieren das millionenfache Leid der beiden Weltkriege und des
Holocausts, die atomare Bedrohung und die Umweltzerstörung. Die
neuen psychischen Muster, die der Menschheit den Weg in die Zukunft
weisen, sind die Achtung vor der Inneren Welt des Anderen, das existen-
tielle Wissen von der Einen Welt, die Leitidee der Gleichwertigkeit aller
Phänomene, die in all ihrer Vielfalt in einen achtungsvollen Diskurs treten.

Diese neuen Muster erstrecken sich auch auf die Beziehung zu den Kin-
dern, entdecken dort den patriarchalisch-imperialistischen Impetus und
überwinden ihn: Kinder sind keine Erziehungsmenschen mit der ent-
sprechend notwendigen Erziehungs-Beziehung, sondern Kinder sind
ganz normale Menschen, zu denen ganz normale Beziehungen zu unter-
halten sind. So, wie dies für die Beziehung von Europäern und Afrikanern
gilt, für Männer und Frauen, für die verschiedenen Religionen, Philoso-
phien, Kulturen dieser Erde. Es gilt nicht mehr »Macht euch die Erde
untertan«, sondern es gilt, mit dem Anderen (Steine, Pflanzen, Tiere,
Menschen – dem ganzen Universum und selbstverständlich auch Kin-
dern) in Beziehung zu treten und in Respekt vor seiner Würde die
eigenen Anliegen vorzutragen.

Amication ist ein neu entdecktes Land, das zugleich uralt ist und in
jedem Menschen lebt. Der Weg dorthin beginnt mit einer Einladung:
innezuhalten – und zwar dem Kind gegenüber, das ein jeder selbst ist.
Die Überwindung der pädagogisch-patriarchalischen Weltdeutung findet
für einen jeden selbst in seinem Herzen statt, wenn sie überhaupt statt-
findet. Denn dort – in der psychischen Konstitution – wurden Menschen
ausgerichtet und gebunden an die Leitpfosten der traditionellen Sicht,
wurden Kinder zu pädagogisch-patriarchalischen Menschen gemacht.
Die amicative Lebensphilosophie hebt diese Fixierung auf.




Sonntag, 15. Oktober 2017

Geburtstag






















Es ist ein wunderschöner sonniger Oktobertag. Als die Wehen
einsetzen, telefoniert  die Schwägerin meiner Muttter mit der
Klinik nach einem Krankenwagen. Aber es sind alle im Einsatz.
Wir wohnen im Gartenhaus der Firma, also Anruf vorn bei der
Pforte.

Ja, ein Mannschaftswagen der Werksfeuerwehr ist einsatz-
bereit. Er fährt vor, wir steigen ein, es kann losgehen. "Stopp",
ruft meine Mutter, "nicht anfahren. Das Baby kommt jetzt,
sofort!" Also kein Krankenhaus, keine Hebamme, kein Arzt?
"Nein, das kriege ich auch so hin."

Meine Mutter ist auf einem Gutshof großgeworden, sie hat
viele Tiergeburten miterlebt. Es geht jetzt um ihr zweites Kind,
sie vertraut der Natur und Gott, sie ist ganz unaufgeregt. "Das
wird schon." Ihre Schwägerin ist Bürokauffrau, Großstadtkind,
nicht vom Land, keine eigenen Kinder. Sie ist entgeistert. "Wie,
ohne Arzt? Ohne Hebamme?" "Klar doch", sagt meine Mutter.

Die Wehen werden heftiger. Meine Mutter legt sich kurz
entschlossen auf die Sitzbank. Ihre Schwägerin läuft ins
Haus, um etwas zum Einwickeln des Babys zu holen. Das
kommt ja schon! Der Fahrer des Wagens bleibt irritiert
von so viel Frauenkram vorn sitzen.

Es geht schnell, sehr schnell. Kaum ist die Schwägerin mit
einem Nachthemd, "meinem besten", da, setzt die Geburt
ein, ein paar Presswehen, der Kopf kommt, das Baby ist
da.

Meine Mutter zieht mich nach oben, auf ihre Brust. Da lieg
ich und es fühlt sich prima an. Wir waren ein gutes Team,
meine Mutter und ich. Harmonie, Leben, Liebe, Glück.
Unfassbar das alles, und doch so selbstverständlich. Eine
Geburt eben, Beginn eines neuen und ewiggleichen Kreis-
laufs. "Hallo Mutti", staune ich. "Hallo Hubertus", flüstert
sie.

"Da muss doch abgenabelt werden", davon hat meine Tante
gehört. "Es ist dringend, sonst kann er nicht atmen." Meine
Mutter hat all die kleinen Ferkel, Kälbchen und Lämmer vor
Augen. "Abnabeln? Das geht doch alles von allein. Das klappt
schon. Schau doch, er atmet schon! Kriegt er doch selbst hin.
Wie die Tierbabys. Da ist er nicht anders."

30 Jahre später entdeckt Frederick Leboyer das selbstbe-
stimmte Atmen der Babys wieder. Nabelschnur zudrücken,
abnabeln? Nein, nicht bevor das pulsierende Blut der Nabel-
schnur vom Körperdes Babys eingesaugt wird. Für den Lun-
genkreislauf, der jetzt erst in Gang kommt. Die Lunge war
nicht entfaltet, erst das Atmen des Babys bringt die Lunge in
ihre Funktion. Erst stellen sich die Babys in eigener Regie auf
die Luftatmung um, dann abnabeln. Nicht umgekehrt! Zu
frühes Abnabelnnimmt den Babys ihre Harmonie und ist ein
schwerer schädlicher Eingriff in die Lebensfunktion des Neu-
geborernen. Das damals selbstverständliche sofortige Abnabeln
zwingt die Babys zur Luftatmung. Weil durch das Zudrücken der
Nabelschnur der Sauerstoff, den das Nabelblut gratis liefert,
ausbleibt, atmen die Babys zu früh, nicht in Übereinstimmung
mit ihren Signalen. Das sofortige Zudrücken der Nabelschnur
mit anschließende Abnabeln ist ein störenden Eingriff in die
Selbstregulation des Babys.

Das alles weiß damals niemand, und "Abnabeln sofort" ist das
Gebot der Stunde. Sonst gäbe es schwere Hirnschäden. Man
muss die Babys durch das Zudrücken der Nabelschnur zur
Luftatmung bewegen. Sonst würden sie nicht atmen.

Meiner Tante ist äußerst unwohl. Es muss doch zugedrückt
und abgenabewlt werden!  Aber dann sieht sie, dass ich
von selbst zu atmen begonnen habe.. Und sie wickelt mich
erleichtert in ihr bestes Nachthemd. Sie sieht meine Mutter
an, meine Mutter sieht sie an. Und dann lachen sie. "Prima
hast Du das gemacht!" "Ja," sagt meine Mutter. "Jetzt können
wir zum Krankenhaus fahren." Das machen wir dann auch.

Der erste Atemzug gehörte mir, wie alle anderen noch. "Wir
Babys, Kinder, Menschen gehören uns selbst. Wir sind selbst-
verantwortlich. Und wir müssen nicht erst zu richtigen Menschen
gemacht werden. Wie kann man nur Kinder erziehen wollen? "

"Mach Dir nicht zuviele Gedanken. Du kannst dich später
dafür einsetzen. Jetzt trink erst mal." Meine Mutter sieht
mich liebevoll an.
 


Freitag, 13. Oktober 2017

Schuhe an!






















"Meine dreijährige Tochter zieht morgens ihre Schuhe nicht an.
Es gibt jedesmal Theater - ich muss zur Arbeit, und sie trödelt
rum." Nach dem Vortrag in der Fragerunde werde ich erwartungs-
voll angeblickt.

Tja, ein Alltagsproblem. Die Kinder tun nicht, was sie sollen.
"Würd ich mir nicht bieten lassen", sage ich. Klar, das weiß die
Mutter auch. Nur: Wie soll sie mit der Situation umgehen?

Ich habe keine konkrete Lösung parat. Nur eben, dass ich es
mir nicht bieten lasse. Aber ich weiß schon etwas zu antworten.
Etwas vor oder unter oder hinter der konkreten Lösung (die ich
nicht habe). "Ihre Tochter macht nichts verkehrt. Sie hat ihr
Interesse: keine Schuhe anziehen. Was auch immer dahinter
stecken mag. Sie müssen sie nicht ausschimpfen, belehren oder
als ungezogen hinstellen. Ihre Tochter will ihrem eigenen Weg
folgen, der ohne Morgenschuhe ist."

Ich werde grundsätzlich und wiederhole etwas, was ich im
Vortrag lange ausgeführt habe. Jeder hat seine Sicht der Dinge.
Sie haben Ihre Sicht: Ruckzuck Schuhe an. Ihre Tochter hat
ihre Sicht: keine Schuhe an. Die Sichtweisen der Menschen
sind bei aller Unterschiedlichkeit immer gleichwertig, niemals
steht hierbei einer über dem anderen, auch Eltern nicht über
Kindern. Jeder hat aus seiner Sicht recht. Ein "Sieh ein, ich habe
recht" muss man nicht machen.

Wenn Eltern und Kinder gleichwertig sind in der Sicht der
Dinge, dann setze ich mich für meine Sicht ein. Damit passiert,
was mir wichtig ist. Aber ohne Rechthaberei, ohne Schlecht-
machen. Ohne "Sieh das ein".

Einsetzen für die eigene Sicht, also "Schuhe an" beginnen Sie
sicher freundlich, dann energischer. Da ihre Tochter weiter
dagegenhält, müssen Sie sich durchsetzen, wenn Sie nicht
untergehen wollen. Was ja auch möglich ist: Sie gehen heute
nicht zur Arbeit sondern spielen mit Ihrer Tochter. Aber am
nächsten Tag geht das wahrscheinlich wieder los.

Also Durchsetzen. Klartext: Sie setzen die Machtmittel ein,
die Ihnen zum Erfolg verhelfen. Harte Worte, Psychomacht
eben. Es geht um ihren Weg, und Sie setzen Ihr Kind schach-
matt. Das muss ja nicht in Prügelei ausarten. Sie schaffen das
schon. Wir haben auch sehr wehrige Wickelkinder gewickelt,
sehr MundzuKindern Medizin gegeben, sehr heftige Tobekinder
auf den Armen weggetragen.

Das Machtmittel, um das es hier geht, ist Körpermacht. Sie
ist Ihnen gegeben, um sich und Ihre Werte zu schützen. Ohne
schlechtes Gewissen. Nehmen Sie es sich nicht übel, wenn
durch Sie Leid entsteht. Wir sind immer wieder Stein im Weg
der Kinder. Was ja auch in der Erwachsenenwelt gilt.
     
Eins aber ist anders als gewohnt: Sie setzen sich durch - aber
ohne Herabsetzung. Ihre Tochter ist nicht schlecht oder unartig.
Sie ist ein Mensch mit Würde, sie hat ihre Würdekrone auf.
Auch wenn Sie Ihre Tochter zwingen: Ihr Ton und Ihre ganze
Art verletzt nicht die Würde Ihres Kindes. Klar, sie kann nicht
tun was sie will. Aber auf der psychologischen Ebene bleibt
die Achtung.

Das können Sie auch sagen: "Du bist nicht böse - aber ich
ziehe Dir jetzt die Schuhe an". Und Punkt.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Schlechtreden und Zurechtrücken






















Ich  erfahre von einem Freund, dass neulich jemand schlecht von mir
geredet hat. Zu einer anderen Person, die das dann alles geglaubt hat
und nun mit einem Bild von mir rumläuft, das ungut ist. So ungut, dass
sie mit mir nichts mehr zu tun haben will.

Soll ich bei der betreffenden Person intervenieren, zurechtrücken?
Damit ich wieder gut dastehe? Und soll ich den Schlechtredner zur
Rede stellen? Soll ich mich überhaupt in sowas reinhängen? Was
soll dabei rumkommen?

Ich bin jemand, der sich da raushält. Mit Schmutz beschäftigen bringt
nur schmutzige Hände. Wenn der Schlechtredner nicht erst mal mit
mir redet über das, was er an mir schlecht findet, sondern ohne Rück-
koppelung mit mir zu anderen geht und seine Sicht über mich kundtut
- da komme ich doch gar nicht mehr an ihn ran. Klar, ich könnte auch
energisch, empört oder soft auf ihn einreden, dass ich doch gar nicht
so bin, wie er meint. Aber er hat mich ja schon hinter sich gelassen.
Hat seine Meinung über mich gebildet und geht damit nach außen.

Bin ich der Oberschiedsrichter, der anderen das richtige gute Bild
von mir klarmachen muss? "So siehst Du mich falsch" - was soll so
ein Statement bringen? Ich finde das überhaupt nicht effektiv. Klar,
ich kann mir meinen Ärger von der Seele reden und ihm zeigen, wie
falsch er liegt. Könnte ja sein, dass ihn mein Protest beeindruckt.
Aber da bin ich doch skeptisch. Er hat sein Bild von mir, leider ein
schlechtes. Steht ihm zu, stehe ich ihm zu.

Ich habe in meiner Öffentlichkeitsarbeit immer mal wieder so etwas
erlebt. Beleidigungen, Beschimpfungen, Schlechtreden. Auch presse-
mäßig. Einen Shitstorm noch nicht.

Was also tun? Na ja, ich bin mein eigener Chef, ich kann auf alle
mögliche Weise reagieren. Mein Motto ist: Null Reaktion, auslaufen
lassen. Den Schlechtredner nicht reizen, anheizen. Ich bin ihm dabei
nicht mal böse, es ist ja sein Ding mit mir, das muss er so haben. Nur
ich habe keine Lust, mich mit dieser seiner Schlechtsicht auf mich
zu befassen. Ich finde mich nämlich sehr in Ordnung. Muss er ja nicht
mitmachen.

Ich bin schon neugiering, wie so ein Schlechtredner dazu kommt,
mich so schlecht zu sehen. Was ist passiert? Woran nimmt er Anstoß?
Gibt es ein Missverständnis? Hat der Schlechredner seinerseits etwas
Schlechtes über mich gehört? So etwas kriege ich aber nur raus, wenn
ich mit dem Schlechtredner rede, ihn frage. Mach ich aber nicht, sein
"Was will der Blöde denn jetzt?" liegt für mich einfach in der Luft.
Tischtuch zerschnitten.

Wenn zu meinen Kindern schlecht über mich geredet würde - tja, ein
echtes Dilemma. Ich habe einmal erlebt, dass eine Mutter in so einem
Fall ihrem Kind dem Umgang mit diesem Sie-Schlechtredner unter-
sagt hat. Das fand ich gut. Wer hat das schon gerne, dass die Kinder
irgendeinen Mist über mich als Vater oder Mutter in sich reinlassen,
mich so mistig zu sehen anfangen? Ja, wenn sie es von sich weisen,
prima. Aber gehört haben sie es doch. Alles irgendwie ungut.

Wir haben damals mit ihrem Kind über diese behaupteten Schlechtig-
keiten der Mutter geredet. "Glaub ich ja auch alles nicht" - na ja,
was bleibt trotzdem hängen? Es gab Besuchsverbot. Oder sollen
sich die Kinder ihr eigenes Urteil bilden? Ja, wenn es denn eine ehr-
liche kritische Sicht auf die Mutter ist. War es aber nicht. Es war eine
ungute Sicht, voll Abwertung, eben Schlechtreden.

Die große Alternative ist: Offensiv reinhängen. "Was hab ich da
gehört? So redest Du über mich? Wie kommst Du denn darauf?"
Mal sehen, was kommt. Mit dem Schlechtredner reden, mit dem
Betroffenen reden. Große Konferenz. "Entschuldige, das habe ich
nicht gewußt, Ja, wenn das so ist." Na prima. Das Geschmäckle
bleibt, ich kann denen doch nicht die Seele richten.

"Tut mir echt leid, dass ich so von Dir gedacht habe." Ehrliches
Innehalten, die Basis wiederfinden, Vertrauen, "Ok, Schwamm
drüber!" Nanana, denk ich, das gibts doch nur im Märchen. Der
Schlechtredner hat mich aufgegeben, mich nicht erst mal gefragt,
sonder ist mit festem schlechten Bild von mir losgezogen. Kein
guter Zug. Lass ich die Finger von.

Ich bin not amused, wenn schlecht über mich geredet wird. Aber
was solls, kommt eben vor. Weiter zur Tagesordnung. Blöd sind
nur die Auswirkungen auf die anderen. Na ja, das warte ich dann
mal ab. Vielleicht geht es ja gut aus. In diesem Fall, den ich jetzt
erlebt habe, erstmal nicht. Die betroffene Person hat sich von mir
zurückgezogen. Aber demnächst mache ich bei ihr doch noch einen
Versuch, wieder gut gesehen zu werden. Weil mir diese Person
wichtig ist. Ich verliere nicht gerne Freunde. Mal sehen, wie es
ausgeht.   



Mittwoch, 11. Oktober 2017

Ich glaube an Dich










Kino. „Ich glaube an Dich“, sagt sie zu ihm. Ich halte an. Meine  Aufmerksamkeit verlässt den Film. Was ist mit den beiden?
Ich übersetze die Szene aus der Film- und Drehbuchwelt ins Leben, nehme es jetzt für bare Münze und höre in die Wahrheit eines solchen Satzes. Einer solchen Botschaft. Sie liebt ihn - und glaubt an ihn. Das hat nichts mit irgendwelchem Kirchenglauben zu tun. Das ist von Mensch zu Mensch, von Person zu Person. Das kommt von ganz innen. Vertrauen, Mich-Trauen. Der Rest der Welt wird unwichtig. Nur wir beide: Ich und Du, Du und Ich. 
Kann man an andere Menschen glauben? Ist das eine verrutschte Wahrnehmung? Gehört Glauben nicht zu Kirche und Religion? Kann Glauben ein Menschending sein, etwas, das unter Menschen richtig ist? Glaube ich an mein Kind? Wieso denn nicht? An mein Auto? Daneben? An den Lauf der Erde um die Sonne? An mich? An ein gutes Ende? An Konstruktivität und Liebe als Grund aller Dinge?
Mein Nachdenken ufert aus und läuft etwas aus dem Ruder. Es ist ja auch egal, an wen ich glaube. Wen geht das etwas an? Warum sollte ich nicht an die Menschen glauben, die ich liebe? „Glaube“ hat einen sehr eindeutigen Geschmack. Aber in ihrem „Ich glaube an Dich“ steckt viel: die Tiefe, die Wahrheit, das Öffnen, die Zuversicht, die Sicherheit, die Freude, das Glück. Ich habe ihren Satz gehört. Wem habe ich das jemals gesagt? Wenn mir jemand sagte „Ich glaube an Dich“ - das wäre ein fremdvertrauter Gruß, schnörkellose Urkraft,  endlose Verlässlichkeit, Einverständnis im Unendlichen. 
Natürlich doch - wir können uns einander hingeben und aneinander glauben. Das ist einfach beseelend und machtvoll. Mehr muss es nicht sein ... Ich wache aus meiner Nähe zu mir selbst auf und der Film kommt wieder bei mir an. „Ich glaube an Dich“ gehört zu den Edelsteinen aus der Liebesschatztruhe. Ich bin berührt von dieser Schlichtheit und Klarheit: In der Liebe glauben die Menschen aneinander.


Montag, 9. Oktober 2017

Tee im Zoo






















Ich bin zu Besuch. Charlotte, 4 Jahre alt, stürmt bei der Begrüßung 
auf mich zu. „Baust Du mit mir einen Zoo?“ Ich will erst mal an-
kommen, ein wenig mit ihrer Mutter plaudern, einen Tee trinken.
Das Kind ist für mich noch nicht dran, sie wird mir übergriffig, ich 
bin nicht ihr Spielroboter. Ich weise sie ab: „Nein, später. Erst trinke 
ich Tee.“

„Was soll ich machen, wenn ich merke, dass mein Sohn anderen 
Erwachsenen auf den Zeiger geht?“ Frage beim Vortrag neulich. 
Dieselbe Problematik, diesmal von der Elternseite her

„Nach Gefühl“, sage ich auf die Frage, „je nachdem, wie der Er-
wachsene reagiert. Wenn Sie merken, dass der andere sich unwohl 
fühlt, könnten Sie Ihr Kind zurückhlalten.Wenn er den Abstand, 
den er will, selbst herstellt, müssen sie nichts tun. Sie können ihn 
auch ganz sich selbst überlassen. Wenn sich dann in ihm etwas auf-
staut und er auf einmal heftig reagiert und Ihr Kind anharscht, sollten 
Sie ihm das nicht übel nehmen. Vielleicht wartet er auch auf Ihre Hilfe. 
Vielleicht hat er auch so einen unguten Anspruch, dass Sie als Mutter 
eingreifen sollen. Müssen Sie nicht machen, können Sie machen.“

Wie gelassen können wir sein, wenn unsere Kinder die Grenzen der 
anderen überschreiten? Wenn deutlich wird, dass sie anderen zur Last 
fallen? Ist es Sache der anderen, sich zu wehren? Wie viel Ärger 
kommt in mir hoch, wenn von den anderen der Anspruch kommt, 
ich hätte für das richtige (was immer das ist) Benehmen der Kinder 
zu sorgen? Ein „Ist doch nicht mein Problem“ ist zwar wahr aber 
unfreundlich. Nur, will ich mir das Problem eines anderen aufladen?

Charlottes Mutter fragt mich: „Wird es Dir zu viel?“ Sie will eingreifen. 
„Laß mal“, sage ich. „Das krieg ich schon hin.“ „Ok“, sagt sie. Wir 
plaudern und trinken Tee.

Ich weise Charlotte eine halbe Stunde ab, viermal kommt sie. Sie 
spielt allein, kommt immer wieder zu mir. Dann setz ich mich auf 
den Boden, und wir haben eine sehr schöne entspannte Stunde 
miteinander.





Sonntag, 8. Oktober 2017

Ganz liebe Geburtstagsgrüsse









 Aus meinen Zauberpfaden





 ich
liebe
mich
die welt
das leben

ich bin leben

*


bei
mir sein
meine farben malen
meine bewegungen leben
meine blicke ruhen lassen
meine blumen blühen lassen
meine sprache sprechen
mit meinen händen
meine dinge
tun

*

ich lasse es geschehen 
und habe
in mir
das
universum

Samstag, 7. Oktober 2017

Lautkinder und Hundescheiße























Frage beim Vortrag: „Ich bin mit meinem Mann in der Pizzeria,
am Nachbartisch sind Kinder. Sie sind laut, rennen rum, gucken
auf die Teller. Es ist ungemütlich. Was soll ich machen? Ich will
ja nicht kinderfeindlich sein.“

Können Kinder ungemütlich sein? Sind nicht viel zu wenig Kinder
in der Öffentlichkeit? Gibt es da einen kinderfeindlichen Anspruch
auf kinderlärmfreie Zonen? Kuschkinder in der Pizzeria ja, Laut-
kinder nein?

Ich kenne das natürlich auch. Und ich bin not amused, wenn diese
Eltern ihre Kinder im Lokal von der Leine lassen. Und wenn sie
das mit so einem superavantgardistischerm Blick tun: nervt extra.
Diese Eltern ansprechen bringt gar nichts. Macht nur noch mehr
ungute Stimmung. Den Wirt um Ruhe bitten, absurd. Nur: ich will
mich entspannen und bin auf dem Spielplatz gelandet. Nichts gegen
Spielplätze, passt nur grade nicht zusammen.

Tja. Die Kinder sind am falschen Ort, wenn sie hier spielen wollen.
Gibt es falsche Orte für Kinder? Für Menschen? Na ja: Im OP-Saal
wird außer dem Arzt auch niemand sonst akzeptiert, im Cockpit nicht.
Im Konzert tollen Kinder nicht herum, beim Fußballderby nicht auf
dem Rasen, bei einer Beerdigung nicht hopphopp über den Sarg, und
aufs Klo geh ich auch alleine. Es gibt sie schon, die kinderfreien Räume.

Aber die Pizzeria? Italien scheint auf, die Kinder dort in ihrer beiläu-
figen Öffentlichkeit. Hier ist aber nicht Italien. Wie kinderfeindlich
ist das denn, die Kinder hier bei uns in der Pizzeria ruhigzustellen?
Vitalität her! Aber im Museum? Und bei der Adlervorführung? Und
und und.

Ich überlege, was ich der Mutter sagen soll. Dann blätter ich das ganze
Szenario auf. Irgendwie haben die Eltern auch recht, ihre Kinder in der
Pizzeria loszulassen, und solange sie nicht die Salami von der Pizza
klauen...Und irgendwie ist es einfach nur rücksichtslos. Da sehe ich
beides.

„Wenn Sie einen gemütlichen Pizzaabend mit Ihrem Mann machen
wollen, dann sollten sie aufstehen und in einen andere Pizzeria gehen.
Ohne Kommentar, so was bringt nur noch mehr Ungemütlichkeit, die
Antworten der Eltern können Sie sich sparen.“ „Und wenn ich schon
bestellt habe?“ „Einpacken lassen und morgen essen. Erst mal gehen
und gemütlich woanders essen. Es geht um Achtsamkeit für sich selbst:
Diese Pizzeria tut ihnen nicht gut, also weg hier. Gelassen."

"Wenn man in Hundescheiße tritt, kann man gelassen bleiben. Und den
Schuh sauber machen. Man kann sich auch aufregen über seine Miß-
geschicke. Diese lauten Kinder in der Pizzeria sind ein Mißgeschick.
Sie müssen sich nicht aufregen. Sie können gehen und fertig.“

„Die Alternative ist natürlich, diese Lautkinder ins eigene Pizzerialeben
einzubeziehen. Sie ansprechen. Ins Gespräch kommen. Sie zeigen den
Kindern, was sie bestellt haben. Wollt ihr nachher ein Eis? Sowas geht
auch. Schaun Sie, wie sie drauf sind. Aber nicht als Pflicht kindernett
sein. Andere Menschen, auch Kinder, können stinken oder duften.
Trauen Sie ihrer Nase und folgen sie ihr.“



Freitag, 6. Oktober 2017

müssen und müssen























Gesprächsrunde mit sieben Müttern. Eine Mutter sagt: "Ich mach
so viel falsch. Ich krieg es oft einfach nicht hin. Und ich kann mich
dann nicht leiden." Sie sieht zu ihrer Freundin: "Du machst alles
richtig!". Die lacht und sieht das anders.

Tja. Meinen Vortrag habe ich gehalten. Wie das so ist mit der
Erziehungsfreiheit, der Souveränität, dem Sich-Selbst-Gehören.
Und: dass man keinen wirklichen Fehler machen kann, weil letzt-
lich niemand der Oberschiedsrichter ist.

Verpufft. "Ich mache so viel falsch". Sie will ihre Fehler erkennen,
daran arbeiten, eine bessere Mutter werden. Es schwingt mit, was
sie alles muss, besser: müßte.

"Sie müssen gar nichts", sage ich. Nicht in diesem Sinne. Ich
erkläre, wie ich das meine. "Sie müssen nicht einmal leben. Sie
wollen." Belehr ich sie? Als Besserwisser? Was soll das bringen,
ihr den Unterschied von "müssen" und "müssen" klar zu machen?

"Sie müssen nicht tanken. Niemand muss autofahren. Jeder kann
laufen." Es geht um dieses Müssen. "Aber wenn sie autofahren
wollen, müssen sie tanken." Das andere Müssen. Über das wir
selbst befinden, das uns nicht im Griff hat.

Sie ist da aber fest im Griff. Sie muss ihre Fehler erkennen und
eine gute Mutter werden. Ich erzähle hin und her, dies und das.
Rote Ampel, Steuern zahlen, Kinder wickeln: Wir müssen da gar
nichts. wir wollen. Konsequenzen, wenn wir nicht tun, was wir
müssen, sind bekannt. Nur: dass wir eben nicht müssen!

Die anderen hören zu. Noch habe ich das Gefühl, dass ich sie
nicht bedränge. Ich bin sehr deutlich. Kämpfe ich um dieses
Kind vor mir? Gegen die Dämonen unserer Kindheit? Zeige
ich ihr ihre Würdekrone? "Sie gehören sich selbst." Und ich
zeige ihr dieses Tor zu der anderen Welt: "Sie können sich
lieben, so wie Sie sind. Sie sind die Schönste im ganzen Land -
frisch gelogen, trotzdem wahr! Sie können sich in Ruhe lassen,
müssen sich nichts übelnehmen."

Es gibt dann diesen Moment, wo sie wirklich zuhört. In Resonanz
gerät zu meinem Wortschwall. Wo ihr "Aber ich muss doch" leiser
wird. Wo sie in den kindlichen Blick fällt.

"Macht ja auch nichts, wenn Sie sich blöd finden. Es gibt keinen
Zwang, sich zu mögen. Es ist nur eine Möglichkeit, mit sich um-
zugehen. Schönreden statt Schlechtreden."

Beim Verabschieden gibt sie mir die Hand. "Wird schon", sage ich.
"Danke", sagt sie.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Tödlich giftig!























Beim Pilzesammeln kommt es immer wieder vor, dass die Leute
Pilze mit nach Hause nehmen, die sie nicht kennen. Nicht, dass
sie sich vertun - auch das gibt es ja -, sondern dass sie einfach mit-
nehmen, was sie nicht kennen. Und diese schönen Pilze dann
essen und daran sterben.

Echt! Wie kann man Pilze mit nach Hause nehmen und essen,
die man nicht kennt? Ich sammle gern Pilze, selbstverständlich
nur die, die ich genau kenne. Und ich bin irgendwie erklärungs-
leer, wie man das anders machen kann. Was ist mit diesen "Alles
in den Korb"-Leuten?

Irgendwo im Hintergrund wird es ja wabern, dass das nicht gut
ausgehen kann. Dass es Leute gibt, die ein "Alle Pilze sind gut"
in sich haben, kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Wer in den
Wald geht und Pilze sucht, weiß ganz einfach, dass es auch giftige
gibt.

"Wird mir nicht passieren" - ist es diese Haltung? "Weiß ich schon,
aber passiert mir nicht." Wie beim ungeschützten Sex mit Aids-
Risiko? Beim Handy im Auto mit Verkehrstoten-Risiko? Beim
"Heute keine Tabletten" mit Thrombose-Risiko?

Irgendwie ... ja was? Leichtsinnig? Nonchalant? Keine Lust auf
diese blöden Beschränkungen/Vorschriften/Regeln? Anarcho-
Lust? Risiko-Grusel? Was halten diese Leute eigentlich vom
Leben? Ihrem Leben? Wie weit lassen sie den Unachtsamnkeits-
Fimmel Raum?

Sind sie zu belastet mit allem Möglichen, so dass sie hier beim
Risiko nicht mehr die Kraft haben? Es ist schon eine gewwisse
Mühe und Anstrengung, beim Pilzesammeln, Sex, Handysimsen
diese Regeln einzuhalten. Und das wollen sie eben nicht. Es hat
ja auch was, Regeln nicht einzuhalten. Ich bin der Souverän, ich
entscheide, ihr blöden Regeln. Königsgefühl, Macht, Lust.

Schmeißen sie also macht- und lustvoll alle Pilze, die sie finden,
in den Korb? Auf zum Sex ohne Gummi! Jetzt schreib ich aber
die SMS! Ich würd mich gern mal mit ihnen unterhalten. um ein-
fach mitzubekommen, wie sie so drauf sind. Klar, wir gehören
uns selbst, unbestritten. Sind niemals Sklaven von Pilz-, Sex-,
Handyregeln. Aber gibt es nicht so etwas wie den gesunden
Menschenverstand? Tja - beim ungeschützen Sex kann es ja
auch so sein, dass daraus Leben entsteht, das ist dann schon
sehr ok, jede Liebe ist eine gute Liebe. Aber bei Giftpilzen?
Was soll denn da bitte sehr Gutes bei rauskommen?

Die SMS am Steuer hat so eine seltsame Mittelposition. Es
bringt Freude, den Liebsten eine Nachricht gerade jetzt zu
schicken. Und senden! Und bitte sehr: kein Unfall. Na ja,
der Krug geht so lange zum Brunnen...

Der Leiter des Pilzseminars vorige Woche war da auch einfach
ratlos. Keine wirkliche Erklärung. Und er nimmt keinem von
uns Teilnehmern die Verantwortung ab, welche Pilze wir mit
nach Hause nehmen. Wobei ich mir schon sicher war, dass er
sein Veto eingelegt hätte, wenn in einem unserer Körbe ein
tödlicher Knolli gelegen hätte.

Jeder ist auf eigene Verantwortung hier. Willkommen geheißen
auf dem Planeten. Leichtsinn mit diesem Schatz, dem Lebens-
geschenk ist da doch nicht angesagt. Oder doch? Geht die
Freude, die Lebensfreude verloren, wenn man sich allzusehr
kümmert? Ich steh da doch ziemlich ratlos vor diesen Pilz-
sammlern, jedesmal im Herbst.

Klar ist, dass ich da keinen Vorwurf mitschleppe. Es gibt keine
wirklichen Fehler, und wenn jemand den Todesweg geht, ist
da am Sinn auch nicht zu zweifeln. Aber trotzdem! Muss das
sein???  

Samstag, 30. September 2017

Amication leben, Vera

































Vor etwa zwei Jahren hörte ich von der Amication. Hier traf ich auf
Menschen, von denen ich mich angenommen und verstanden
fühlte, die mich nicht beredeten mit Aussagen wie: »Du hast doch
alles, gesunde Kinder und materielle Absicherung, was willst Du
denn?« Ich musste nichts erklären und bekam auch nichts erklärt.
Mit der Zeit traute ich mich immer mehr an mich selbst heran, an
meine Gedanken und meine Gefühle. Oft zu meinem eigenen
Erschrecken stellte ich fest, dass ich etwas ganz anderes sagte oder
tat, als ich wirklich meinte. So nach und nach merkte ich, wie ich
mich vor mir und den anderen versteckt habe. Vieles habe ich so
getan, wie es meiner Meinung nach von mir erwartet wurde.

Wenn ich so zurückdenke, habe ich mir nie richtig Ruhe gegönnt.
Mich einfach hinsetzen, abschalten. Die Zeit verstreichen lassen,
ohne etwas vorzuweisen, das gab es nicht. Da kamen so Sprüche
in mir hoch wie »Müßiggang ist aller Laster Anfang« und »Lass
Dich nicht hängen«. Es zählt nur, wer arbeitet, wer etwas für an-
dere sichtbar leistet.

Viele Jahre habe ich gemacht, geschafft über meine Kräfte hinaus
und habe nicht gemerkt, wie ich gegen mich selbst gearbeitet habe.
Alle äußeren Gelegenheiten habe ich dafür verantwortlich gemacht,
dass ich mich selbst jage. Mein Körper hat mit Krankheit reagiert,
aber dafür gab es ja Medizin. So langsam spüre ich meinen Körper
wieder, merke, was in mir vorgeht, und reagiere darauf. Mit der Zeit
kann ich mich immer besser einschätzen, ich leme mich kennen.
Heute muß ich nicht mehr weiterlaufen, um zu gewinnen, wenn ich
nicht mehr laufen kann. Ich bleibe stehen, und es ist gut so. Stück-
chen für Stückchen kann ich mich so nehmen, wie ich bin.

So wie ich mich auf mich selbst einlassen kann, so kann ich mich
auch inzwischen auf meine beiden Kinder einlassen. lmmer wieder
habe ich ihnen meine Maßstäbe und Erwartungen aufgedrückt und
habe Wege gesucht, das einzelne Kind dahin zu bringen, wohin ich
es haben wollte. Es ist nicht bewusst geschehen - ich habe es nur gut
gemeint.

Ein Beispiel zeigt, wie sehr ich mich dann an dem, was die Kinder
taten, orientierte. Meine damals fast fünfjährige Tochter fing an,
irgendwelche kleinen Gegenstände wegzunehmen. Zunächst ver-
suchte ich sie mit Zureden, dann mit Strafen, ja sogar mit Erpressung
davon abzubringen. Erst viel später, als alle meine Überredungskün-
ste fehlschlugen, fing ich an, die Sache zu hinterfragen. Warum
hatte es meine Tochter nötig, kleine Dinge zu entwenden? Der
Gedanke »Ich muss das verhindern, was soll sonst daraus werden?«,
also meine eigene Angst, verschwand ganz. Bald war mir klar, dass
das ein Kampfmittel war. Hier konnte sie mich treffen. Aber warum
musste sie mich bekämpfen? Selbst Druck und Strafe konnten sie
nicht daran hindem, überall etwas mitzunehmen. Es geschah nur
immer heimlicher, und sie fing an, zusätzlich noch zu leugnen.
Nun war ich genau da hineingerutscht, wo ich nicht hinein wollte.

Verbote, Strafe, Druck, alles das wollte ich nicht. Bei mir spürte ich
Hilflosigkeit und Traurigkeit. Davon konnte ich meiner Tochter
erzählen. Immer stärker spürte ich, was das, was sie tat, bei mir
auslöste. Nun war ich unfähig, sie dafür zu bestrafen oder auch nur
Strafe anzudrohen. Ich habe von mir erzählt und geweint, ohne sie
dafür verantwortlich zu machen. Es waren meine Gefühle.
Bei mir verlor die Sache dann mehr und mehr an Bedeutung,
irgendwann fiel mir auf, dass meine Tochter nichts mehr mitnahm,
Es hat sich alles wie von selbst erledigt.

Freitag, 29. September 2017

Der fährt ohne Helm!























"Mein Sohn will beim Fahrradahren keinen Helm aufsetzen.
Nach endlosem Gezerre fährt er jetzt ohne. Was soll ich machen?"

Eine Frage auf dem Vortrag heute. Mir geht sofort durch den
Kopf: Klare Kante zeigen, ohne Helm kein Rad, und Punkt. Wo
ist da das Problem?

Strafen, Belohnungen: Es hat alles nichts genutzt. Sie lässt ihn
jetzt ohne Helm fahren. Mit unguten Gefühlen. "Da ist er für
sich selbst verantwortlich."

Na ja, das ist er wirklich, wie jeder Mensch. Aber sie ist in
Not, hat Angst, dass etwas passieren könnte, was mit Helm
eben nicht passieren würde.

Sie will ihm das Radfahren nicht verbieten. Alle seine Kumpels
fahren ohne Helm. Helm ist bei diesen Zehnjährigen uncool.
Sie ist nicht glücklich mit ihrem Kind.

Wie gehen wir mit der Sorge um den anderen um? So etwas
nagt und soll verschwinden. Aber was kann helfen?

Ich habe ihr gesagt, dass sie sich keine Vorwürfe machen muss,
wenn etwas passiert. "Sie haben sich bemüht. Mehr geht grad
nicht. Wir können nicht alles erreichen, was wir wollen. Auch
nicht im Umgang mit den Kindern." Neu für sie ist, sich selbst
dabei ohne Vorwurf, schlechtes Gewissen, Schuldgefühl zu sehen,
sehen zu können, sehen zu dürfen.

"Aber ich könnte ihm das Radfahren verbieten. Dann passiert
doch auch nichts."

Klar, könnte sie. Theoretisch. Diese Mutter aber nicht, sonst
würde sie es ja getan haben. Sie wünscht sich etwas, was es
nicht gibt: Ihren Sohn mit Fahrradhelm.

Wir haben immer wieder unrealistische Wünsche an den anderen,
die uns drängen und aus unserer Not kommen. Und wenn sie
nicht erfüllt werden, geht es uns nicht gut. Was kann man tun?
Den Partner kann man verlassen, die Kinder nicht. Es ist wie
ein Schmerz, der sich nicht vermeiden lässt. Wenn das Messer
ausrutscht und mir in den Finger fährt. Es tut höllisch weh,
aber. Aber ich mache mir keinen Vorwurf. Ich verlasse mich
nicht, lasse mich nicht im Stich. Ich bin nicht schuld. Ich
habe mich bemüht, aber es hat nicht geklappt. Das Messer
ist nicht meinen Weg gegangen.

Sie hat dieses Kind, und es tut ihr weh, wenn er ohne Helm
radfährt. Der Messerschmerz klingt dann ab. Der Helmschmerz
klingt dann ab? Ja, wenn sie ihn nicht immer wieder aufs neue
erlebt, bei jeder Radrunde. Wenn sie es schafft, ihr helmloses
Kind als ihre Realität wahrzunehmen. Wenn.

"Er ist so jemand, helmlos glücklich" sage ich. "Sie haben
dieses Kind und kein anderes." Ich erzähle ihr ihre Wirklich-
keit. Sie verkämpft sich, bleibt im Unfrieden, will etwas,
was es nicht gibt. Das sage ich ihr. Sagt ihr das etwas? Bin
ich übergriffig, belehrend, unachtsam? Ich merke, dass sie
anfängt, entspannter über diese Helmerei nachzusinnen. Sie
macht andere Bemerkungen als eben. Sie sieht das Szenario
von einer anderen Perspektive. "Danke", sagt sie.


Donnerstag, 28. September 2017

Unendliches Glück
























Ich sitze oft fest, wenn ich darangehe, meine Wünsche zu verwirklichen. Ich
gebe dann auf, mir das Glück zu verschaffen, das ich aber doch herbeiwünsche.
Irgendwo im Gestrüpp der ablehnenden Energien, der Kritik, Betroffenheit und
der unangenehmen Verstrickungen bleibe ich hängen. Und ich verzichte lieber,
als mir noch mehr Ärger und Unangenehmes aufzuladen.

Als Kinder wurden wir auf einer ganz bestimmten Stufe von Glückserfahrung
festgehalten. Es gab für uns so viel Glück, gute Gefühle, Wohlbefinden, Freude
 wie die konkreten Erwachsenen unserer Kindheit zulassen konnten. Dies hat
seine Gründe in den Persönlichkeitsstrukturen dieser Erwachsenen, ihrer Lebens-
erfahrung, ihren Ängsten, ihrem Glücksstandard. Ihr Unvermögen, unser Glück
einfach geschehen zu lassen, ohne sich verstrickt, verantwortlich und geängstigt
zu fühlen, bedeutete für uns das Abstecken eines schließlich unumstößlichen
Rahmens. Und nur innerhalb dieses Rahmens wurde für uns Glück erlebbar.

Ich meine sogar, dass nicht nur der Rahmen ihrer persönlichkeitsbedingten Glücks-
schranke unsere Realität wurde, sondern dass unsere Vorstellung davon, wie glück-
lich wir eigentlich überhaupt sein können, dort fest hängt. Ich vermute, dass ich –
und wir alle – tausendmal glücklicher sein könnten, als wir uns das je ausmalen
können: so glücklich, so in Übereinstimmung mit uns selbst, wie wir es in den
neun Monaten vor unserer Geburt waren.

Wie fühlt sich das an? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht mehr. Aber tief in mir
bin ich sicher, dass es noch in mir lebt, dieses Gefühl unendlichen Glücks. Und
selbstverständlich kommt es uns allen zu, ein Leben auf dieser Basis zu führen,
eine Kultur auf dieser Basis zu schaffen, das Paradies hier und jetzt zu erleben.

Dienstag, 26. September 2017

Schule: Achtsamkeit und Manipulation























Vorwort zum Erscheinen der Serbischen Ausgabe meines Buches "Schule mit
menschlichem Antlitz"


Seit dem Erscheinen von „Schule mit menschlichem Antlitz“ im Jahr 2001 sind viele Jahre vergangen. Hat sich seitdem etwas verändert?

Die Lehrer sind engagiert und sie geben sich viel Mühe. Sie wollen die Kindern „mitnehmen“, wie das so heißt. Also statt zu dirigieren suchen sie den Konsens mit den Kindern. Viele Kinder sind heute für diese konsensorientierte Ansprache offen und machen das, was die Lehrer von ihnen wollen. Aber es gibt in jeder Klasse auch eine Minderheit - mal kleiner, mal größer -, die von den Lehrern nicht erreicht wird. Diese Kinder verweigern sich introvertiert oder reagieren aggressiv. Diese „schwierigen“ Kinder sind für die Lehrer, die heutzutage ja im Konsens unterrichten wollen, sehr anstrengend, und da gibt es auch keine gute Lösung und Burnout ist häufig die Folge ( etwa 30 Prozent der Lehrer).

Viele Eltern sind heute mit dem öffentlichen Schulsystem unzufrieden, sie wollen mehr Achtsamkeit und individuelle Förderung ihrer Kinder. Es gibt einen Boom an Privatschulen. Diese
haben unterschiedliche Konzepte. Allen ist gemeinsam, dass sie die Kinder auf den rechten Weg bringen wollen – sanft, aber sehr zielorientiert.

Gibt es also mehr Luft zum Atmen für die Kinder? Ja, die gibt es. Aber diese Luft ist ein krankes Gemisch aus Achtsamkeit (gut!) und subtiler Manipulation (schlecht!). Über ihr Lernen selbst bestimmen können die Kinder auch heute nicht, ihr Menschenrecht auf Gedankenfreiheit können sie auch heute nicht wahrnehmen. (Es gibt seltene Ausnahmen, z.B. „Demokratische Schulen“, ca. 20 in Deutschland.)

Es hat sich also nichts am Fundament der Schule geändert. Das pädagogische Lehrersein steht nach wie vor im Gegensatz zum persönlichen Menschsein. Ich habe über die Jahre viele Lehrer und Studenten kennengelernt, die an diesem Gegensatz leiden und unermüdlich versucht haben, ihn zu überwinden. Aber die Schulrealität fordert von den Lehrern, als Bildungsfunktionär die Kinder zu bilden und zu formen. Der pädagogische Missionsauftrag ist ungebrochen – und er überfordert weiterhin Lehrer und Schüler.

Mein Buch hat vielen Lehrern und Eltern Mut gemacht, zu ihrer Humanität zu stehen und sich kraftvoll und zufrieden vom System der Zwangsschule psychisch zu emanzipieren. Viele Lehrer haben die Schule auch konkret verlassen – mit dem Bewußtsein, ihre humane Potenz so zu bewahren. Viele Eltern haben sich davon befreit, als Handlanger der Schule in Unfrieden mit ihren Kindern zu geraten. Und so unterstützt mein Buch damals wie heute die Erwachsenen, die das subtile fundamentale Unrecht der Schule wahrnehmen und sich ihm entgegenstellen, ein jeder auf seine Weise. Ich wünsche mir, dass es auch den Lehrern und Eltern in Serbien Mut macht, sich vom Griff der Schule auf ihre Seele zu befreien und den Frieden zu ihren Kindern zu bewahren. Dies ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer Schule mit menschlichem Antlitz.

Hubertus von Schoenebeck
2017

Sonntag, 24. September 2017

Wahlrecht für Kinder VI: Weitere Argumente























Fortsetzung vom 23.9. (Schluss)


Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? Weitere Beispiele:

6.  Die Wahlreden werden verständlich. Es gibt in der Bundesrepublik Deutschland 15 Millionen Menschen unter 18 Jahren. Selbst wenn nur 20% zur Wahl gehen sollten, sind das noch 3 Millionen Stimmen. Daran kommt kein Politiker vorbei. Er muss so reden, dass er auch von diesen Wählern gut verstanden wird. Es gibt kein Problem aus Politik und Gesellschaft, das man nicht auch Kindern verständlich machen kann. Die Ausrede von der Kompliziertheit der Sachverhalte überzeugt nicht länger, die Konkurrenz hat nämlich den Politiker, der die Dinge auch den Kindern erklären kann. Das gilt nicht nur für Wahlreden, sondern allgemein für die Kommunikation zwischen Gewählten und Wählern, und das tut der gesamten politischen Kultur gut.

7.  Die Wahlprogramme werden zugunsten der Kinder umgeschrieben. Alles, was dem Interesse der Kinder dient und einen Stimmengewinn durch die Kinder verspricht, wird nun ernsthaft thematisiert und diskutiert und in die Programme der Parteien aufgenommen. Zum Beispiel Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Ortschaften, giftfreies Spielzeug, körpergerechte Schulmöbel, arbeitsfreie Wochenenden der Eltern, Umgestaltung des Schulwesens, funktionierender Lärmschutz, kinderfreundlicher Haus- und Wohnungsbau bis hin zu Treppengeländern für Kinder, kindgerechte Gestaltung öffentlicher Räume, phantasievolle Spielplätze, flächendeckende Jugendzentren, adäquate Einstiegsmöglich­keiten in Bus und Bahn auch für Kinder. Viele Dinge, für die engagierte Eltern im Interesse ihrer Kinder bislang erfolglos auf die Straße gehen, werden plötzlich realisiert, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Durch das politische Gewicht der Kinder wird sich etliches ändern – sicher nicht zu unser aller Nachteil.

8.  Es gibt mehr Respekt und Toleranz Kindern gegenüber. Wahrscheinlich unterscheiden sich Kinder in ihrem Wahlverhalten kaum von dem der Erwachsenen. So wie die Frauen insgesamt kaum anders wählen als die Männer. Vielleicht sind Kinder aber auch bestimmten Trends und bestimmten Personen eher zugewandt als Erwachsene und wählen Parteien und Politiker, von denen kaum jemand sonderlich begeistert ist. Doch wie auch immer: Am grundlegenden Recht auf politische Selbstbestimmung des jungen Menschen hat niemand herumzudeuten, es kommt ihnen zu wie jedem anderen Menschen. Auch wenn Kinder das wählen, was einem gerade nicht passt: Es gilt und es muss als Realität zur Kenntnis genommen werden. Erwachsene  lernen durch das Wahlrecht für Kinder, auch die von ihren Auffassungen abweichende Meinung der Kinder zu respektieren und zu tolerieren.

9.  Erwachsene werden zu einer gänzlich neuartigen Einstellung und Beziehung zu Kindern gelangen. Die Politiker werden bemerken, dass die Pädagogik die Kinder unrealistisch sieht. Sie werden erkennen, dass Kinder bereits vollwertige Menschen sind und nicht erst dazu gemacht werden müssen. Die gesamte Forschung wird neu konzipiert, denn wer die Realität des Kindes tatsächlich erfasst, hat das erfolgreichere Wahlprogramm und gewinnt die Wahl. Nicht mehr pädagogische Lehren werden die Beziehungen zu Kindern bestimmen, sondern die Kinder selbst werden die Erwachsenen lehren, wie sie die Kinder richtig ansprechen können und wie Kinder ihre Beziehungen mit den Erwachsenen gestalten wollen. Wer dem nicht folgt, verliert seinen gesellschaftlichen Einfluss – denn die Konkurrenz, die sich auf diese Realität einstellt, gewinnt die Wahl.

    Die neuen Machtverhältnisse sehen die Kinder als Machtpartner, gleichberechtigt neben den anderen Gruppen der Gesellschaft. Die politische Emanzipation bewirkt unaufhaltsam die Gleichwertigkeit auch in den menschlichen Beziehungen. Es wird sich herausstellen, dass nicht Erziehung, sondern Beziehung angemessen ist, wie stets, wenn Menschen auf einer gleichen Stufen miteinander leben. Die Erwachsenen erleben in Kindern Menschen, die sie nicht missionieren müssen, sondern die ihnen tatsächlich gleich sind und auf die sie sich stützen können, gesellschaftlich wie privat.

10.  Die Gesellschaft braucht die Kinder als politische Macht. Kinder werden immer als Hoffnung, als Zukunft gesehen. In der Literatur. Im Kindergarten. In der Schule. In Festvorträgen. Jetzt wird diese Hoffnung gesellschaftliche Realität. Die Alltagspolitik – das Ringen darum, wie alle zusammen leben – wird erweitert und korrigiert. Es ist eine große Chance der Menschheit, die Kinder an der Gestaltung der Welt wirksam zu beteiligen. Und es ist vielleicht die letzte Chance. Angesichts der atomaren Gefahr und der drohenden Vernichtung der Lebensgrundlagen wird alles in die Waagschale des Lebens geworfen. Die Kinder werden Wege weisen, die zu gehen niemand bislang gewagt hat. Sie wählen die Partei, die kompromisslos den Hunger in der Welt beseitigt. Das als einziges Beispiel. Sie sehen die Welt aus der unverbrauchten Perspektive derer, die noch Jahrzehnte leben wollen – gesund und in Frieden. Und dies wird reale Politik.



Samstag, 23. September 2017

Wahlrecht für Kinder V: Die Argumente
























Fortsetzung vom 22.9.


Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? 10 Beispiele:

1.  Kinder werden auf neue Weise von den Erwachsenen ernst genommen. Politische Entscheidungen werden immer auch mit Blick auf die Wähler getroffen. Wie reagieren die Wähler, die unter 18 Jahre alt sind? Diese Frage ist gänzlich neu, und erst sie führt dazu, Kinder tatsächlich ernst zu nehmen und bei den politischen Entscheidungen überhaupt zu berücksichtigen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Notwendigkeit. Die Kinder haben jetzt Macht – gesellschaftliche, politische Macht. Allein ihre Stimmzettel verleihen ihnen dieses Gewicht. Es ist durch nichts zu ersetzen. Großzügigkeit und Freundlichkeit können jederzeit widerrufen werden. Gegen die Macht, die aus den Stimmzetteln kommt, gibt es jedoch kein Mittel.

2.  Es gibt einen psychologischen Durchbruch für die Kinder. Wenn Kinder politisch gleichwertig sind und einige Male an Wahlen teilgenommen haben, wird man ihnen mit einer anderen Achtung begegnen. Im Einkaufszentrum, im Bus, im Schwimmbad erlebt man dann nicht unmündige Kinder, sondern Wahlbürger. Wahlbürger Kind. Von der psychologischen Aufwertung für die Kinder selbst ganz abgesehen. »Ich bin nicht unwichtig – ich bin wichtig. Ich entscheide mit. Meine Stimme zählt.«

3.  Kinder verstehen viel von Politik. Zunächst: Es ist nicht notwendig, etwas von Politik zu
verstehen, wenn es um das Selbstbestimmungsrecht und das Wahlrecht geht. Die Bürger entrissen dem König die Macht nicht deswegen, weil sie nachweisen konnten, dass sie mehr von Politik verstehen als er, sondern weil sie über ihr politisches Schicksal selbst bestimmen wollten. Die Legitimation kommt nicht aus dem besseren Verständnis von Politik oder aus irgendeiner Unterweisung in gesellschaftliche Zusammenhänge, sondern aus der demokratischen Idee: Dass die Macht nicht für einen oder für wenige reserviert ist, sondern dass alle Anteil an der Macht haben – alle ohne jegliche Einschränkung. Die Forderung, Kinder müssten etwas von Politik verstehen, ehe sie wählen können, und 18 Jahre oder vielleicht 16 Jahre wäre da die äußerste Grenze, ist eine zutiefst undemokratische Position. Diese Forderung trägt diktatorische Züge, das Verlangen nach Herrschaft und Unterordnung ist offensichtlich. Das »Davon verstehst du nichts« ist ein Abwehrargument, um die Macht nicht zu teilen.

    Kinder müssen also nichts von Politik verstehen, um Anteil an der politischen Macht zu haben. Dennoch aber verstehen sie viel von Politik: Humanität, Toleranz, Kreativität, Sensibilität, Fairness u. a. sind wichtige konstruktive Eigenschaften für die Politik. Von diesen gesellschaftlichen Basisfaktoren verstehen Kinder eine Menge, und es ist so, dass Erwachsene über dieses politische Wissen viel von ihnen lernen können. Und von den tagespolitischen Fragen versteht der eine mehr, der andere weniger – so, wie das bei den Erwachsenen auch ist.

4.  Versuche, Kinder zu verführen, laufen ins Leere. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Sie deckt solche Versuche auf, und dann revanchieren sich die Kinder mit Wahl der Konkurrenz. Welche Chance hat denn ein politischer Verführer in einer Zeit, die demokratisch geprägt ist und in der destruktive und faschistische Tendenzen enttarnt werden? Die Inhumanität und der Totalitarismus politischer Verführer sind leicht zu durchschauen angesichts realer Machtbeteiligung durch demokratische Wahlen. Demokratie – erlebte, erfahrene Demokratie – ist die beste Waffe gegen jede Diktatur und jeden Verführungsversuch.

    Wenn Kinder aber in einer Diktatur leben – dann nämlich, wenn sie das Wahlrecht nicht haben – , kommt es nur auf den Verführer mit den größten Versprechungen an. Die Sorge vor der Verführbarkeit der Kinder spiegelt die Ängste der Erwachsenen, die in der eigenen Kindheit einer ausweglosen Diktatur ausgesetzt waren: Sie mussten den damaligen Erwachsenen folgen, ohne Recht. Sie lernten folgsam zu sein und allen Sprüchen zu glauben. Die Kinder des demokratischen Zeitalters jedoch kennen ihre Macht. Sie können sich ihre Sensibilität für Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit bewahren, denn sie bestimmen selbst über ihr Schicksal. Kinder, für die Demokratie Realität und ein gewachsener Wert ist, werden sich mit Abscheu von diktatorischen Zumutungen und politischen Verführungen abwenden.

5.  Kinder sind sensibler als Erwachsene für Fairness und Wahrheit. Die Versuche, die Wähler zu hintergehen, zahlen sich bei den Kinderstimmen nicht aus. Politische Tugenden sind in Bezug auf diese Wählergruppe viel effektiver, und Politiker werden insgesamt in eine positive Richtung diszipliniert, wenn Kinder über Wahlstimmen verfügen. Sie quittieren unerbittlicher als Erwachsene Unfairness, Lüge und Gemeinheit mit Abwahl.


Fortsetzung folgt.


Freitag, 22. September 2017

Wahlrecht für Kinder IV: Die Einwände























Fortsetzung vom 21.9.


Der Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder und dem Gefühl für das Recht und die Freiheit der Kinder stehen traditionelle Einwände und die  alte Bevormundungshaltung entgegen. Wie äußern sich diese Vorbehalte? 10 Beispiele:

1.  Politik ist nichts für Kinder. Man zieht sie in schmutzige Dinge. Das schadet nur ihrer Entwicklung.
2.  Kinder sollen sich mit ihrem konkreten Umfeld beschäftigen, aber sie sollen sich nicht mit gesellschaftlichen Angelegenheiten befassen. Kinder gehören in den Sandkasten, nicht in die Politik.
3.  Kinder sind mit dem Wahlrecht völlig überfordert. Es ist für Erwachsene schon schwer genug, politische Zusammenhänge zu durchschauen – wie soll das erst Kindern gelingen?
4.  Kinder stellen mit Wahlstimmen nur Unsinn an. Sie sind leicht verführbar und wählen den, der ihnen die größten Versprechungen macht.
5.  Wenn Politiker die Stimmen der Kinder brauchen, werden sie alle denkbaren Tricks anwenden. Kinder werden zum Spielball politischer Interessen, können sich nicht wehren und werden politisch missbraucht.
6.  Kinder geraten unter zusätzlichen Druck. Erwachsene überfrachten sie mit ihren Vorstellungen und können sie einschüchtern und bedrohen, wenn sie nicht das wählen, was die Erwachsenen wollen.
7.  Die Stimmen der Kinder fallen nicht ins Gewicht. Es wird eine Verbesserung vorgespielt, die nicht wirklich gegeben ist.
8.  Einige Erwachsene pflegen ihren Spleen auf Kosten der Kinder und auf Kosten der demokratischen Idee.
9.  Die Situation der Kinder verbessert sich nicht dadurch, dass man ihnen politische Rechte einräumt, sondern nur, wenn man wirksamen Kinderschutz betreibt.
10.  Kinder müssen erst lernen, was Mitbestimmen und Politik bedeuten. Ohne ein Mindestmaß an politischer Bildung ist niemand in der Lage, sinnvoll mit seinem Wahlrecht umzugehen.

»Das ist doch alles lächerlich. Jetzt sollen schon Wickelkinder wählen!« Neben ernsthaften Einwänden gibt es auch Unverständnis und Diffamierung. Man kann dies als töricht abtun. Aber man kann auch gelassen reagieren und Kritikern ohne Aufregung entgegenhalten, dass sie dem Sinn der Forderung nach dem uneingeschränkten Wahlrecht für Kinder einmal nachspüren und sachliche Fragen stellen können.

Ungute Gefühle, die durch die Forderung nach dem Wahlrecht für Kinder ausgelöst werden, lassen sich kaum argumentativ ausräumen. Es ist sinnvoller, sie als emotionale Realität anzuerkennen. Es kommt auch nicht darauf an, Einwände und Bedenken Kleinzureden und wegzudiskutieren, sondern sie aus der eigenen Position heraus zu beantworten. Welche Überlegungen stützen das Wahlrecht für Kinder? 


Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 21. September 2017

Wahlrecht für Kinder III: Die Entwicklung



 

 

 

 

 

 

 

 






Fortsetzung vom 19.9.


Über das eigene Schicksal selbst zu bestimmen – dies ist ein uraltes Menschenrecht. Es gilt für den einzelnen und es gilt für die Gesellschaft. Das politische Selbstbestimmungsrecht einer Gemeinschaft bis hin zum Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde in der Geschichte immer wieder gefordert, realisiert, missachtet, zurückerobert. Die Menschheit hat von der Antike bis heute ein wechselvolles Hin und Her von Selbstbestimmung und Unterdrückung erlebt.

Demokratie im alten Griechenland. Republik im Römischen Reich. Am Ende des Mittelalters reichsfreie Städte und Republiken mit Bürgerrechten. 1265 das Parlament in England. 1619 die General Assembly von Virginia. 1787 die Verfassung der Vereinigten Staaten von Nordamerika. 1791 das Zensuswahlrecht für Bürger in der Französischen Revolution. 1848 erstmals das allgemeine Wahlrecht für Männer in der Pariser Revolution. 1887 erstmals das allgemeine Wahlrecht für Frauen im amerikanischen Staat Wyoming. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges Demokratien in Europa mit dem allgemeinen Wahlrecht für Männer und Frauen. 1949 und 1990 erneut Demokratie in Deutschland. – Dies ist die positive Tradition.

Dagegen stehen unzählige Monarchien, Aristokratien, Oligarchien, Theokratien, Despotien, Tyranneien und Diktaturen. Auf deutschem Boden wurde die letzte gerade erst beendet, die schrecklichste vor einem halben Jahrhundert.

Das politische Selbstbestimmungsrecht war immer ein Mittel, um die eigenen Vorstellungen von der Gestaltung der Verhältnisse ins Spiel zu bringen. Dabei kämpften die jeweiligen Interessengruppen für sich. Die Adeligen stritten mit dem König um ihre Rechte. In der Französischen Revolution ging es um das politische Recht privilegierter Bürger. In England wurde 1832 der Kreis der Wahlberechtigten auch auf die nicht ganz so Reichen erweitert. Die Arbeiterschaft der Pariser Revolution von 1848 trat erstmals für das Wahlrecht für jeden Mann ein. Doch bei allen unterschiedlichen Interessen – die Idee der politischen Selbstbestimmung aller setzte sich mehr und mehr durch. Als am Ende des 1. Weltkriegs die alten Herrschaftsstrukturen in Europa zusammenbrechen, wird in den neuen Verfassungen der Staaten das Wahlrecht für jeden Bürger festgeschrieben. Und, gänzlich neu, nach und nach auch für jede Bürgerin. So gibt es das Wahlrecht für Frauen in Deutschland 1918, in Österreich und den Niederlanden 1919, in den USA 1920, in Großbritannien 1928, in der Türkei 1934, in Frankreich 1946, in Belgien 1948, in Griechenland 1952 und in der Schweiz 1971 bzw. im Kanton Appenzell Innerrhoden endlich 1990.

Frauen und Politik – bezogen auf alle Frauen, nicht auf einzelne Regentinnen: Das passte nicht zusammen. Erst die Frauenbewegung, die vor 200 Jahren begann, brachte mit Unterstützung der Arbeiterbewegung den Gedanken der politischen Selbstbestimmung von Frauen zur Geltung und machte die Beteiligung aller Frauen an der politischen Macht in den modernen Demokratien möglich.

»Neger« und Selbstbestimmung – auch das war unvorstellbar. Erst durch ein neues Denken konnten die Weißen die Voll- und Gleichwertigkeit der Menschen schwarzer Hautfarbe erkennen. Nach der hieraus folgenden Abschaffung der Sklaverei in den USA im Jahr 1875 erhielten auch sie politische Rechte. Doch diese Rechte wurden erst 1960 mit der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King so gestützt, dass den schwarzen Bürgern der USA daraus auch politische Macht und Selbstbestimmung erwachsen konnte.

Die Idee der Selbstbestimmung erhielt nach dem 2. Weltkrieg einen weiteren Aufschwung, als das Ende des Kolonialismus begann. Das bedeutet längst nicht überall Demokratie, aber doch den berechtigten Kampf darum, und unsere Sympathien und unsere Solidarität gelten diesen Völkern der Welt.

Wer in der Bundesrepublik Deutschland groß wurde, kennt nichts anderes als das Selbstbestimmungsrecht des Volkes, realisiert in den Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen. Die vergangenen Zeitalter sind keine Realität für diese Menschen, vielmehr sind Demokratie, allgemeines Wahlrecht und politische Selbstbestimmung für sie Selbstverständlichkeiten. Dennoch gilt, dass diese Grundrechte eben keine Selbstverständlichkeit sind, wenn man in die Geschichte sieht.


Fortsetzung folgt.