Mittwoch, 13. Dezember 2017

Kunst






















Wir sind im Wald. Klara (6) und Kolja (4) legen gelbe Blätter
auf dem Waldboden zu Linien und Kreisen, sie malen mit den
Herbstblättern. Es sieht nicht nach Natur aus sondern nach Kul-
tur. Nach Kunst. Kunst im Wald.

Die Kinder spielen. Ist Kunst Spielen, verspielt? Ich habe immer
mitbekommen, dass Kunst mit einem hohen Anspruch daher-
kommt. Picasso, Rembrandt, Beethoven, Mozart - das ist Hoch-
kultur, Kunst. Die Wasserfarbenbilder der Kinder, das Graffiti
an der Mülltonne: das ist keine Kunst.

Wie relativ darf es sein in der Kunst? Wann kommt der Kitsch
um die Ecke? Wann der Unsinn? Woran läßt sich erkennen, ob
es Kunst ist oder nicht? An den Unis wird Kunst gelehrt, es
gibt Kunstschmiede und Kunsthandwerk, Kunsthonig und
Kunstseide. Es gibt Künstler und gekünstelte Sprache, Kunst-
auktionen und Kunstfälscher. "Ist doch keine Kunst" und
"Jeder Mensch ist ein Künstler".

Was soll ich davon halten? Von dem ganzen Tamtam, der
um die Kunst gemacht wird? Es nervt mich, wenn irgendein
objektiver Anspruch im Spiel ist, sowieso, aber auch bei der
Kunst. Im Kunstunterricht in der Schule bekam ich für ein
Bild nur eine Drei, und dabei fand ich mein Bild super und
voller Ideen. Spinnt er, der Kunstlehrer? Sein Sohn war in
meiner Klasse und bekam für alles, was er ablieferte, eine
Eins, immer! Da ging ich auf Distanz zur Kunst.

Das war doch alles eine absurde abgekartete Sache, irgend-
welche Schriftgelehrte legten fest, was Kunst ist und was
es eben nicht ist. Kirchenfenster, documenta, Mona Lisa:
Ja was denn nun? Kunst ist offensichtlich Kunst. Da weiß
man Bescheid, und die Herren und Damen Künstler sowie-
so.

Echt jetzt, da soll er doch malen. Oder dichten. Oder kom-
ponieren, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Als sein
eigener Meister. Und dann kann er mir zeigen oder vorfüh-
ren, was Sache ist. Gefällt mir, oder nicht. Und fertig. Was
soll das Gelaber von "Kunst" dabei?

Ich finde das seltsam übergriffig, wenn jemand seine ge-
bastelten Dinge als Kunst rüberbringt. Mit einem hohen
Anspruch versieht. Wenn sie in Altamira ihre Tierchen
an die Wand bringen: Ist ihr gutes Recht, sind ihre Erin-
nerungen, Visionen, Botschaften. Das kann ich respek-
tieren, so wie ich den Menschen respektiere und achte,
der damit unterwegs war. Aber in Ehrfurcht erstarren?
Da macht jemand sein Ding. Gefällt mir, Beifall klat-
schen und staunen. Oder gefällt mir eben nicht.

Wie immer bin ich auch in Sachen Kunst mein eigener
Chef und lass mich nicht ins Boxhorn jagen. Es ist in der
Kunst so wie sonst auch: Entweder spielt sich das alles
in einem Oben-Unten-Raum ab mit objektiven Maßstä-
ben. Oder es bleibt in der postmodernen Welt, in der
nichts über dem anderen steht und alles gleichwertig ist.
Mit subjektiven Vorlieben und Unlieben.

Klar ist der eine geschickter mit der Hand und dem Kopf
als der andere. Und wenn es mir gefällt, hör ich gern zu
und seh ich gern zu und ess ich gern zu. Ich mag klas-
sische Musik, impressionistische Bilder, Blätter auf dem
Waldboden. "Spiel mit mir" sagen die Töne, die Farben,
die Blätter. Es ist ein leichtes und heiteres Geschehen.
"Mach mit" rufe ich der Kunst zu, und sie atmet durch
und läuft erleichtert auf mich zu. "Endlich" antwortet sie.
 "Na klar doch", sage ich, "und was machen wir heute?" 










Donnerstag, 7. Dezember 2017

Dankbar Sein





















In letzter Zeit geht mir immer wieder durch den Sinn: "Dankbar
sein". Besser: "Dankbar Sein", mit großem S. Es ist keine Er-
mahnung oder Aufforderung, was ich da gefasst habe, es ist
ein Zustand. Ich schwinge in Dankbar Sein.

Ich habe gemerkt, erst wenig, wie ein Flüstern, dann mehr und
stärker, dass es so viel in meinem Leben gibt, für das ich dankbar
bin. Im Schauen zurück, in die vielen Jahre. Da gibt es unendlich
viele Kleindankbarkeitigkeiten. Und auch viele wuchtige Groß-
dankbarkeitigkeiten. Und da ich nun dabei bin, in diesem Dank-
barkeitsmodus grad unterwegs bin, merke ich diese Dankigkeiten
Tag für Tag. Verblüffend viele!

Heute: Ich bin zu Besuch bei meiner Mutter, sie ist jetzt 96. Wir
fahren nachmittags los, um einen Adventskranz zu ergattern.
Einen schlichten, so wie sie ihn mag. Es ist aber schon der 6.
Dezember, und es ist fraglich, ob die Blumengeschäfte und
Gärtnereien noch einen haben. Dreimal klappt es nicht, es
gibt nur noch besonders Edle. Die will sie nicht. Hartnäckig
wie ich bin, versuchen wir es wieder: und siehe da, eine große
Gärtnerei außerhalb hat genau den, den sie sich wünscht. Tja,
da bin ich einfach kleindankbar.

Auf dem Weihnachtsmarkt im Dorf ist es knallvoll. Ich breche
ab und komme um neun, kurz vor Schluß wieder. Schon besser,
aber die Stände haben nichts, was ich suche, Kleinigkeiten zum
Verschenken zu Weihnachten. Na gut, dann eben nicht. Da bin
ich auch nicht dankbar, liegt nicht an. Zum Schluß gibt es aber
genau den Stand, der was für mich hat: Glasschmuck zum Auf-
hängen am Fenster. Ich komme mit dem Mann ins Gespräch,
der die Glassterne gemacht hat. "Für einen Stern brauche ich
eine knappe halbe Stunde." Er ist für mich ein Künstler, ich kann
bewundern, was er gezaubert hat. Als ich gehe, bin ich wieder im
Kleindankbarkeitsmodus. Doppelt: Ich habe doch noch ein schö-
nes Geschenk gefunden. Und das Leben hat mir einen Künstler
geschickt, wir waren einige Minuten gemeinsam unterwegs.

Ich zähl mal bis zehn, Dankbarkeiten heute: 1) Ich hatte ein
gutes, das heißt: persönliches Gespräch mit dem Meister mei-
ner Autowerkstatt. 2) Die Bremsklötze meines Autos, das ich
verkaufen will, müssen nicht erneuert werden. 3) Die Dahlien
haben sich butterweich im Garten rausmachen lassen: ruck-zuck
fertig. 4) Meine Mutter wollte ihren täglichen Spaziergang doch
noch machen, nach dem Einkaufen, im Dunkeln. 5) Sie hat über
die Leuchthalsbänder der Hunde gestaunt, wie ein Kind halt.
6) Es gab hier im Haushalt tatsächlich eine funktionierende
Luftpumpe für mein Radjoggen. 7) Die Zulassung meines neuen
Autos beim Bürgeramt klappte wie am Schnürchen. 8) Felix hat
mir doch noch die Adresse vom Theater gesimst, wo ich morgen
für ihn besondere Lampen abholen soll. 9) Ich habe heute morgen
meine Lieblingsschokolade im Nikolausschuh entdeckt.10) Das
Toastbrot eben beim Abendessen war echt lecker!

Zum Geburtstag hatte mir eine Freundin ein besonderes Buch
geschenkt: Ledereinband, leere Seiten. "Was immer Du damit
anfangen willst." "Ich werde reinschreiben, worüber ich mich
am Tag gefreut habe. Eine Dankbarkeit am Tag." 




Samstag, 2. Dezember 2017

Kinderstreit und Sonnenstrahlen





















Klara (6) und Kolja (4) sind zum Babysitten da. Alles läuft gut, doch
dann will Kolja auch mal den Leuchtstab haben, den Klara hat. Aus
meiner Sicht berechtigt, Klara spielt damit seit 10 Minuten. Koljas
Bitte wird nachdrücklicher, Klara rückt ihn nicht raus. Es kommt zum
Streit. Lauter Streit, Tränen.

Soll ich intervenieren? Das "Kolja ist jetzt auch mal dran" ist da, es
ruft mich auf. Aber ich will das nicht von mir aus tun. Fänd ich ir-
gendwie unpassend, unhöflich. So eine Intervention sagt für meine
Ohren im Subtext: "Ihr könnt Eure Konflikte nicht allein lösen. Ihr
seid da unzuverlässig. Nicht vertrauenwürdig. Unfähig. Kinder eben,
die das noch nicht können." Ich wäre die Ordnungsmacht. Meine
Intervention käme mir übergriffig vor.

Lasse ich die Kinder im Stich? Bin ich herzlos, unsensibel? "Du
kannst doch nicht einfach nur zusehen, wenn sie sich streiten und
nicht weiterwissen." Das hör ich schon. Doch ich seh nicht nur zu.
Ich sehe zu ohne "nur". Ich bin ja da, und sie sehen mich. Ich schicke
Freundliches, Anteilnahme. Ich schicke keine Ungeduld, Vorwurf,
Grummel. Und ich bin ja da, wenn sie mich zu Hilfe rufen sollten.
Und auch ein "Soll ich Euch helfen?" ist schon viel zu viel Einmischen,
stößt sie aus ihrer Konzentration aufeinander.

Nein, ich trage ihren Streit, ihr Geschrei, ihre Tränen. Ich ertrage
sie nicht, ich trage sie. Und all die vielen üblichen Möglichkeiten,
die an mich heranwabern, schicke ich weg, auch freundlich und
gelassen. Möglichkeiten: Den weinenden Kolja auf den Arm neh-
men, Klara ins Gewissen reden, "Wenn ihr Euch nicht einigt, ver-
schwindet der Leuchtstab mal für eine Weile", Ablenkungsmanöver
starten, sie rausholen aus der Situaiton ("Wir gehen jetzt in den
Wald"), Thematisieren Streit und Gerechtigkeit, usw.

Ich habe Geduld, krame in der Küche weiter rum. Klara behält
den Stab, aber auch sie hat Tränen in den Augen. Es wird ruhiger,
es wird still. Dann höre ich an ihren Stimmen, dass sie sich nicht
mehr Gram sind, sie verhandeln irgendetwas, dass nicht mit dem
Leuchtstab zu tun hat. Sie kommen zu mir, suchen meine Nähe,
und wir besprechen, ob wir rausgehen. Der Stab in Klaras Hand
hält die Klappe.

Einen Satz sage ich ihnen aber doch. Ich habe ihre Gesichter
beim Streit gesehen. "Wir tun etwas Ungehöriges." Beschämt-
sein, Schuldgefühl. Schnute, Blick auf den Boden. Ich sage
ihnen: "Bei mir könnt Ihr auch streiten. Das ist ok. Da gibt es
keine Schimpfe." Mir liegt daran, ein Pflaster zu kleben, ein
Trostbonbon zu geben, Sonnenstrahlen zu schicken.

Und ich freue mich: Ich habe sie nicht aus ihrer Balance ge-
stoßen, ich habe ihre Souveränität nicht angetastet. Ich habe
den Pfad iher Würde nicht verlassen: "Auch wenn Ihr streitet
und schreit und Tränen fließen - Ihr seid Menschen mit einer
Würdekrone." Ich weiß aber auch, dass ich das nur kann,
weil mich ihre Töne, Emotionen, Kinderbotschaften, Signale
aus meiner eigenen Kindheit nicht verwirren, zum Intervenie-
ren drängen. Und ich merke, dass ich dankbar bin für dieses
Friedensgeschenk.


Dienstag, 28. November 2017

Man kann keine Fehler machen






















"Sie sagen, man kann keine Fehler machen. Was meinen Sie damit?"
Frage auf dem Vortrag. Ich erkläre, aber ich weiß auch, dass meine
Erklärung zum "Keine Fehler machen" nicht jeden erreicht. "Man
macht aber doch Fehler. Und man kommt nur weiter, wenn man
seine Fehler erkennt und daran arbeitet."

Klar mache ich oft etwas anders als eben. Weil das Eben nicht so
war, wie ich es gern gehabt hätte. Ich schlage mir nicht zum zweiten
Mal mit dem Hammer auf den Finger, ich parke diesmal vorsichtiger
ein, ich ziehe mich wärmer an. Der falsche Schlag, das falsche
Parken, die falsche Kleidung: wieviel Fehler steckt da drin? Und
passt "falsch" eigentlich?

Ich bin da schon hellhörig. Um das Wort "Fehler" herum gibt es eine
Ausstrahlung, eine verborgene Botschaft, eine Hintergrundmusik,
die ich nicht mag. Herabsetzung, Besserwisserei, Demütigung,
Schlechtsein. Die ungute Bösewelt taucht auf, wenn von einem
Fehler die Rede ist. Und da jeder Mensch für mich sinnvoll und
Ebenbild Gottes ist, passt das nicht zusammen.

Beim Rechnen kann ich den "Fehler" leichter akzeptieren. 3 plus
3 gleich 7 ist falsch. Ein Fehler? Ein Rechenfehler ja, aber
ein Fehler? Wer drei und drei addiert zu sieben, der fällt aus dem
Sinn, dem universellen kosmischen Sinn ja nicht heraus. Er ist un-
konzentriert in Sachen Algebra, will den Lehrer ärgern, seinen
Protest gegen die Mathematik, die die Atombombe hervorgebracht
hat, demonstrieren oder sonstwas. Er kommt nicht zur mathema-
tisch! richtigen Lösung. Aber seine Lösung "Sieben"" ist nicht in
einem höheren Sinn ein Fehler. "Sieben" ist Ausdruck seines
Insgesamts, seines Sinns, seiner Liebe und Schönheit. "Fehler"
passt nicht, "Rechenfehler" schon.

Bin ich da überdreht? Ist sowas alltagstauglich? Tja, ich verhandle
beim "Fehler" eben etwas Grundsätzliches. Das Fundament der
Amication ist gebaut ohne den Fehler. Ohne die ungute Welt, die
den Fehler umgibt.

Ungute Welten gibt es bei vielen Wörtern, die wir dann ver-
meiden. Sie drücken Zusammenhänge aus, die nicht mehr
passen und ersetzt werden. So eine politische Korrektheit lässt
sich auch übertreiben, aber oft ist es eben stimmig. Statt
"Neger" gilt heute "Schwarze". Und oft fehlt auch ein neues
Wort. "Unkraut" für die Distel und die Brennessel? Sie sind
die Heimat von Schmetterlingen und habe ihren Platz im
Ökosystem. Ein neues Wort für "Unkraut" fehlt. Wie beim
"Fehler". Distel und Brennessel existieren, aber die Unkraut-
wolke hüllt sie nicht mehr ein. Mein Tun und seine Folgen
(Toter Hund, Blechschaden, Erkältung) gibt es, aber ohne
Fehlerwolke.

Ich kann also keine Fehler machen, selbst wenn ich es wollte.
Weil ich die kosmische Konstruktivität, die mich existieren lässt,
nicht verlassen kann. Ich bin aus Konstrutkivität entstanden und
gewoben, jenseits aller Fehlerei.

"Sie können es jederzeit anders machen als eben", sage ich. "Aber
Sie müssen über das Eben nicht schlecht denken. Das Eben war
ja grad eine gültige Gegenwart. Warum wollen Sie ihre Vergangen-
heit schlecht dastehen lassen und ihr - also sich - Vorhaltungen
machen? Kann man tun, mus man aber nicht tun. Man muss nichts
an sich fehlerhaft finden, auch nicht das, was grad schiefgegangen
ist."

Danach kommt dann gleich das Gespräch über das Leid, dass
durch Fehler entsteht. Fußgänger angefahren, Kind angebrüllt,
Partner verlassen. Ja, durch unser Tun entsteht immer wieder auch
Leid, und das ist ein großes anderes Thema. Fehler aber? Passt
auch bei der Leidthematik nicht. Ich tue immer Sinnvolles, Fehler-
loses, und dabei kann es durchaus immer wieder zu Leid kommen.
Fehlerlos sein öffnet nicht das Tor zu leidfrei sein und führt auch
nicht in die Lieblosigkeit. Ohne Fehler zu leben schließt kein Tor
sondern lässt ein Tor offen. Das Tor, hinter dem ich in Harmonie
mit der Welt und mir lebe.



 


Sonntag, 26. November 2017

Amication leben, Rita









Ich lebe bewusser als je zuvor im Jetzt und Heute und der Umgang
mit anderen Menschen fällt mir leichter. Ich kann klarer "meine
Sachen" sehen und sagen. Ich weiß, was ich möchte und kann es
sagen ohne schlechtes Gefühl (Gewissen). Wenn andere dann
Schwierigkeiten mit mir haben, kann ich es schon ertragen und sie
trotzdem akzeptieren.

Ich sehe jetzt deutlicher als früher, dass ein "Misserfolg" ganz alleine
von mir beurteilt werden kann und es alleine an mir liegt, alles zu
revidieren. Dies nimmt mir die Angst vor neuen Situationen, vor
dem Umgang mit neuen, fremden Menschen (hoffentlich sage ich
nichts falsch). Es nimmt mir auch die Angst vor meiner eigenen
Spontaneität. Ich mag es, wenn sich jemand mit meinen Problemen
anzufreunden versucht, auseinandersetzt und eventuell eine ldee
hat, die mir eine Entscheidung erleichtern könnte. Entscheidend bin
jedoch immer ich selbst. Das ist mir im Laufe der letzten Zeit bewusst
geworden.

Miriam, meine älteste Tochter, ist 4 Jahre alt. Miriam ist der
Meinung, dass ich ihren Vorstellungen entsprechend ihre Sachen
regeln kann. Früher war ich oft sauer und gekränkt, wenn ich alles
tat, was ich konnte, und sie schimpfte und tobte. Heute versuche ich
ihr zu helfen, solange ich mag und kann. Ich rede nicht mehr auf sie
ein und versuche nicht mehr, ihr die Unmöglichkeit der Durchfüh-
rung ihrer Vorhaben zu erläutem. Miriam ist, wie sie ist, und ich will
sie nicht mehr ändem.

Denke ich an den täglichen Umgang mit meinen beiden Kindern,
ist mir klar, meine pädagogischen Vorkenntnisse (Erzieherin und
Lehrerin) waren eher hinderlich als förderlich im aktiven, spontanen
Zusammensein. Da kamen Vergleiche wie "Mutter = Autorität",
"Mutter = Vorbild", "Mutter = immer für die Kinder da", und ich
verschwendete noch viel Zeit mit dem "Was wird wenn?" Heute
kommen mir nur in extremen Situationen solche Gedanken; ich kann
meist über sie lächeln und sie vergessen.

Freitag, 24. November 2017

"Was machen Sie da?"























"Was machen Sie da?" Ich bin im Dunkeln mit den Kindern
zum Geocachen unterwegs. Wir suchen eine versteckte Dose
mit Hilfe von Koordinaten. Es ist ein Internetspiel, das draußen
umgesetzt wird. Wir suchen also, diesmal im Bürgerpark. Der
Wachdienst hat uns erspät, kommt heran: "Was machen Sie da?"

Das ist schon eine seltsame Anmutung. Streck ich dem Mann
des Wachdiensts die Zunge raus? Was hat der mich zu fragen,
uns im Spiel zu stören? Die Antwort "Wer sind Sie denn?" und
"Was geht Sie das an?" kommt hoch, aber ich stopf sie wieder
runter. Ich erklär ihm freundlich, was wir hier tun. Er hört zu,
seine Harschheit verfliegt, "Dann viel Erfolg." Wir sollen den
Park verlassen, er hat schon geschlossen.

Wie oft fragen wir die Kinder, was sie da machen? Oft. Wie
übergriffig ist das eigentlich? Wie kommen sich die Kinder
vor? Ertappt? Überprüft? Geht uns das etwas an, was ein
Kind macht? Wir sind da in einer Selbstvertändlichkeit
unterwegs. Wir bekommen mit, was die Kinder machen.
Und wir fragen nach. Einfach und ungefragt.

Ich denke über die Balance nach, die so eine Fragerei und
Ausfragerei in sich tragen. Big Brother oder Ausdruck unserer
Liebe? Die Kinder sollen nicht zu Schaden kommen. Die
Dinge, mit denen sich die Kinder beschäftigen, sollen nicht
zu Schaden kommen. Die Familienregeln sollen auch nicht
zu Schaden kommen. Die moralischen und gesellschaftlichen
Benimme auch nicht. O lala. Was es da nicht alles zu zer-
deppern gibt. Was es da nicht alles aufzupassen gibt.

Muss ich Auskunft geben, wenn mich jemand fragt, was ich
mache, was ich da mache? Muss ich nicht. Müssen die
Kinder das? Tja - irgendwie schon. "Zeig her", "Mach den
Mund auf", "Was hast Du da?", "Wohin willst Du?" Und
so weiter und so fort. Wem gehören die Kinder, ihr Tun
und Lassen? Ab wann wird es unfreundlich und unerfreu-
lich mit unserer Einmischung?

Der Wachdienst stößt mich auf dieses Thema. Gibt mir
zu denken. "Was machst Du da?" will sensibel gehändelt
werden. Ich bin nachdenklich. Die harschen Töne nehme
ich dem Wachmann nicht übel. Er hat mir eine Tür gezeigt,
die mit ihrer Wucht im Dunkel liegt. Und die ich jetzt sehe
und mit neuer Vorsicht öffnen oder einfach geschlossen
lassen kann. Danke, Wachdienst.

Donnerstag, 16. November 2017

Kindergrenzen








Standardfrage auf dem Vortrag: "Meinen Sie nicht auch, dass die Kinder Grenzen brauchen?" Ich sage dann etwas dazu. In der Richtung, dass die Kinder wie jeder Mensch Grenzen um sich herum haben, und dass sie das nicht irgendwie brauchen. Sondern dass sich Grenzen nicht vermeiden lassen und dass sich fragt, wie man damit umgehen kann.
Und dann gibt es da auch einen ganz anderen Aspekt beim Thema "Kinder und Grenzen", über den weniger nachgedacht wird. Ich stelle ihn hier vor mit einem Text aus meiner Schatzkiste.

*

Im Zusammenhang mit »Kinder und Grenzen« wird meist darüber nachgedacht, welche Grenzen den Kinder gezogen werden sollten. Mit geht es aber jetzt einmal um die Grenzen, die Kinder (wie alle Menschen) um sich selbst haben. Wenn Grenzüberschreitungen den Kindern gegenüber passieren, und wie man das verhindern kann.

Wenn man es merkt, dass Kinder auch Grenzen haben, ist man schon den ersten Schritt gegangen. Natürlich haben sie viele Bereiche, wovor ihr Stoppschild steht. Wenn man jedoch meint, dass Kinder (noch) keine vollwertigen Menschen sind, sondern erst richtige Menschen werden, kommt man kaum auf die Idee, ihnen richtige individuell-spezielle Grenzen zuzubilligen. Aber natürlich: jedes Lebewesen hat seine Grenzen. Allgemeine und spezielle.

Die allgemeinen Grenzen der Kinder werden heutzutage ganz gut bedacht: Kinder dürfen nicht in zu dünne Zonen von Liebe, Achtung, Würde, und äußeren Lebensumständen (Essen, Kleidung, Wohnen usw.) geraten.

Es geht mir aber um die speziellen Grenzen: um die Stoppschilder dieses Kindes, dieses einzelnen Menschen. Jeder hat da andere, manche/viele sind gemeinsam.

Klaus (5) ist ein Acht-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind: Es macht keinen Sinn, von ihm zu verlangen, um Sieben ins Bett zugehen.
Ulrike (3) ist im Gummibärchen-Fan-Club: Es macht keinen Sinn, von ihr die Herausgabe der Club-Karte zu verlangen.
Moritz (9) ist ein Ich-Räume-Nicht-Auf-Kind. So geworden im Laufe der Jahre, bei diesen Eltern, bei dieser Oma. Es macht keinen Sinn, darauf zu bestehen, dass erst aufgeräumt wird, bevor ...
Monika (14) raucht, und zwar eine Menge: Ihr das Rauchen zu verbieten macht keinen Sinn. Doch? Was passiert, wenn sie raucht, weiß sie längst. Aber sie hat ihre Grenze eben anders gezogen. Zigaretten gehören zu ihr, zu ihrem Selbstbild. Wie bei ihrer Tante. Und dem Klassenlehrer. Ihr die Zigaretten zu verbieten, missachtet ihre Grenze: missachtet sie.
Die Beispiele lassen sich unendlich fortsetzen.

Eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung. Da sollte man sich nichts vormachen. Unzulässig aus der Sicht des Betroffenen. Aber ich sage nicht, dass man nun alles hinnehmen soll: Hinnehmen, wie mein Kind zuwenig Schlaf bekommt (meine Grenze »Er braucht aber 12 Stunden Schlaf« wird missachtet). Hinnehmen, wie der Süßkram die Zähne kaputtmacht (meine Grenze »Sie soll gesunde Zähne haben« wird missachtet), usw.

Ich will etwas anderes: Wenn einem präsent ist, dass die Kinder da vor einem auch Grenzen haben, berechtigte Grenzen – dann wird man etwas einfühlsamer, umgänglicher, stressfreier in dieser Frage. Ich habe das immer dabei gehabt, dieses Wissen: dass Kinder vollwertige Grenzen-Menschen sind. Und dass Fingerspitzengefühl dazugehört, mit ihren Grenzen umzugehen. Wie bei »allen« Menschen und Lebewesen (ich halte keine Katze gegen ihren Willen fest, ich hänge mich nicht an einen zu dünnen Ast).

Wenn ich eine Grenzüberschreitung nicht vermeiden will (ich verstoße gegen Deine Grenze, damit dies nicht mit mir passiert), dann ohne Lüge. »Ich weiß, dass ich Deine Grenze missachte. Hier stehe ich und kann nicht anders.« Ohne Tricks »Sieh das ein. Es ist besser für Dich«.

Menschen haben vielfältige Liebenswürdigkeiten oder Behinderungen (beides ist dasselbe, je nach Perspektive): lila Haare, Gurken zum Frühstück, krank im Hirn, zu kurzes Bein, Bus statt Auto, Auto statt Bus.

Es macht keinen Sinn, von jemandem zu verlangen, er soll sein Bein nachwachsen lassen. Es macht keinen Sinn, einen Hund zum Unterricht zu schicken, damit er Staubsaugen lernt. Es macht keinen Sinn, von der Schwerkraft zu verlangen, dass sie aufhört, damit ich fliegen kann. Realitäten. Kennen wir. Können wir mit umgehen.

Klaus geht um 8 ins Bett. Ulrike isst Gummibärchen. Moritz räumt nicht auf. Monika raucht. Realitäten. Kennen wir. Können wir mit umgehen. So einfach ist das.

Was will ich wirklich? (Die Praxisfrage der Amication!) Mit diesem Kind leben? »Ja.« Es ist ein Acht-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind und kein Sieben-Uhr-Ins-Bett-Geh-Kind. »Es soll sich ändern.« Soll sein Bein nachwachsen? »Das ist nicht zu vergleichen. Niemand muss morgens Gurken essen.« Wirklich? Wer sagt das? Vergleicht doch. Was passiert, wenn man vergleicht? Geht die Welt unter? Was steht auf dem Spiel?

Ich habe immer gemerkt, dass Krieg oder Frieden auf dem Spiel stehen. Natürlich kann ich in den Krieg ziehen, und ich habe auch oft gewonnen. Und oft verloren. Aber: Ich muss nicht in den Krieg ziehen. Nicht für 1 Stunde eher ins Bett, für noch gesündere Zähne, für 30 Minuten Aufräumen, für körpergesund und dafür seelenkrank.

Ich habe mich eingependelt im Grenzland, wo die Grenzen aufeinander treffen. Und da ich über mich bestimme, bin ich auch der Souverän, der die eigenen Grenzlinien hin- und herschieben kann. Das ist kein Nachgeben! Das ist Augenzwinkern, Halb-So-Wild, Friede, Harmonie. Es sieht so aus, als wäre ich großzügig, einfühlsam, tolerant. Es ist eine andere Quelle: Ich billige mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten zu, ich liebe meine Macken – und das kann ich auch den anderen lassen. Auch den Kindern. Ich weiß, wie gut das tut. Ich habe Grenzen, die flexibel sind. Je nachdem. Und wenn sie hart sind, dann ist es eben so ein Tag. Wir nehmen uns unsere Grenzen nicht so übel, weil sie keiner zur heiligen Kuh macht.










Montag, 13. November 2017

Kinderland: ... schläft ...























Aus meiner Kinderforschung


Stefanie (6) schläft. Ich setze mich neben sie und höre ihr zu.
Die anderen sind draußen am Feuer. Ich nehme die Ruhe des
Raumes auf und spüre die Ruhe, die von ihr ausgeht. Ich
sinne über ihre Tränen nach und über meine. Ich habe mir
Zeit genommen, neben diesem schlafenden Kind zu sitzen
und die Stille und ihr Leben in mich aufzunehmen.

Donnerstag, 9. November 2017

Wutanfall






















 „Mein Sohn kriegt oft einen Wutanfall, wenn ich nein sage. Was
soll ich machen?“ Frage eines Vaters auf dem Vortrag. Er erzählt,
dass er ratlos daneben steht. Sein Sohn ist vier, er schlägt dann
um sich und fängt an, Sachen kaputt zu machen.

Ich antworte mit dem Drumherum. Konkretes habe ich nicht parat.
Außer, dass ich Dinge, die für das Kind gefährlich werden könnten,
außer Reichweite bringe. Und zwar vorher, die Wohnung nach
Messer, Gabel, Schere, Licht durchforste. Oder die Dinge, die nicht
kaputt gehen sollen, wegstelle oder sichere. Und dann nehme ich
den weiten Bogen:

Da läuft nichts wirklich aus dem Ruder. Klar haben Wutanfälle ihre
Ursachen. Und ihre Anlässe, oft ein Nein. Die Kinder wollen eben
nicht das, was wir wollen, und unser Nein schlucken sie nicht, son-
dern bewüten es. „Das könnten Sie ihm lassen, es ist seine Art zu
reagieren, wenn so ein Nein seinen Weg verstellt.“

So etwas ist nicht schön. Wer hat denn gern ein Wutanfallkind?
Aber so ein Kind kann einem schon mal geliefert werden, vom
Leben, Gott, den Umständen, irgendwelchen Psychodingen bei
den Eltern. Tausend Gründe und Abgründe. Soll man da rum-
stochern? Ja, wenn es vom Himmel fällt, wie sich so ein Wut-
splitter aus der Seele ziehen lässt. Das passiert aber im wirklichen
Leben nicht auf Bestellung. Therapie? Was soll man denn noch
alles machen! Es sind Wutanfälle, nicht die Pest.

„Nehmen Sie Ihrem Kind seine Wutanfälle nicht übel. Es ist seine
Art, mit Ihrem Nein umzugehen. Und nehmen Sie es sich selbst
nicht übel, dass Sie so ein Kind haben. Und dass Sie nicht wissen,
wie Sie diese Wutanfälle wegbekommen. Sie haben so ein Kind,
jetzt grad, vielleicht noch ein Jahr, vielleicht lange. Und Sie sind
so ein Vater, einer, der so ein Kind hat und der nicht so recht weiß,
wie er damit umgehen soll.“

Ich nehme das Drama aus dem Szenario, die Schwere, das Üble.
Ich schicke ihm rüber, dass er in Ordnung ist und dass er nichts
besonderes tun muss. „Vielleicht schaffen Sie es, nicht mit Schimp-
fen anzufangen. Nicht noch einen draufsetzen. Sie müssen nichts
tun, verbessern, lösen. Sie können einfach warten, bis der Anfall
ausschwingt.“

Reicht das? Einfach warten, bis das wütige Kind vor mir von allein
aufhört? Ja was? Soll ich es hochnehmen, festhalten, auf es einreden,
es bedrängen, mit „freundlicher“ Stimme voll Psycholeim einkleistern?
Kann man alles machen, mach ich aber nicht. Finde ich nicht hilfreich.
Einer wütet, der andere ist dabei. „Sie sind ja da. Sie gehen nicht weg.
Und wenn Sie es schaffen, auch innerlich nicht wegzugehen, sich nicht
von Ihrem Kind zu distanzieren – das wäre prima. Es ist nicht verboten,
sein Kind weiter zu mögen, wenn es wütet. Und sich selbst zu mögen,
wenn es wütet.“

Ich sage ihm, dass die Wüterei seines Sohns ihm keine neue Last
aufbürdet. Die nämlich, dafür zu sorgen, dass das weggeht. Dass
er nicht dem Bild hinterherjagen muss, als guter Vater müsse er
aber doch. „Sie müssen da gar nichts. Sie können schauen, was
Sie gern tun würden, aus Ihrer Sicht, nicht aus der Sicht eines be-
mühten Vaters. Wutanfälle kommen und gehen, wie dunkle Wol-
ken. Man kann sie nicht wegzaubern. Also, lassen Sie sich und ihn
in Ruhe, wenn er wütet. Sie müssen nicht sein Wutmeister sein.“

Reicht so eine Antwort? Ich merke, dass ich ihn auf andere, auf
neue Gedanken bringe. Gute Gedanken? Finde ich schon.




Sonntag, 5. November 2017

Renesmee

  



 

 

Wir sehen. Die Welt. Mit den Augen, dem Herzen, den Bildern, den Farben, den Gedanken, der Fantasie, den Träumen und vielem mehr. Dieses Sehen ist fein gesponnen, gewachsen, es ändert sich oder bleibt gleich, es ist machtvoll, laut und leise, einheitlich und gegensätzlich. Es ist ein Teil unseres Selbst, es ist in uns und wir sind in ihm. Alles im Untergrund, mit grandioser Wirkung im Außen.

Nachmittags-Seminar, Tagesmütterausbildung, ich bin Gastreferent. Eine Teilnehmerin hat ihre Tochter mitgebracht, 16 Monate alt,  Renesmee. Ich beginne mit dem Vortrag, entfalte die amicative Welt. Renesmee erzählt von ihrer Welt, viel Aufmerksamkeit ist bei ihr. Ich sehe das Kind, und ich sehe, wie sie die Konzentration stört. Meine und die der anderen. Einige Mütter spielen mit ihr, reden mit ihr, sind bei ihr und nicht beim Vortrag. Das ganze ist nervig, aber auszuhalten.

Ich erzähle vom „Wer ist Du?“ und vom „Wer bin ich?“, von Identität, Grenzen, Königskrone, Souveränität. Von Gleichwertigkeit, Augenhöhe, Selbstliebe und Co. Renesmee spielt mit dem Schlüsselbund und der Handtasche, bekommt Kekse und Fläschlein. Wer ist wichtig, richtig, darf sein? Was ist verabredet, Konsens, Dissens? Ich bekomme mit, dass viele zuhören, oder eben nicht. Ich höre nicht auf zu erzählen, breite weiter aus, zeige die Tür zur Amication. Renesmee nervt, ist aber auszuhalten.

Pause nach einer Stunde. Hab ich nötig. Die Leiterin entschuldigt sich. „Aber sonst hätte diese Teilnehmerin nicht kommen können.“ „Schon gut“, sage ich. Lege Bücher aus, entspanne mich. Welchen Blick habe ich auf die Kinder, die ich in meiner Erzählung leben lasse?  Nun ja,  den amicativen eben. Was sehen die Teilnehmerinnen, mit den Gedanken, mit dem Herzen? Sehen sie die Krone? Sehen sie sich als Missionare, die Kinder erst zu Menschen machen? Oder sehen sie sich als Gleichwertige, Kind unter Kindern, ein Leben lang? Haben sie überhaupt folgen können, bei so viel Renesmee?

Nach der Pause kommen wie immer die Fragen. Und meine Antworten. Wir haben einen großen Sitzkreis, 20 Mütter und ich. Und Renesmee. Während ich gefragt werde, bevor ich antworte, sehe ich das Kind. Ich höre die Fragen und habe Sehzeit, weil ich ja mit der Antwort noch nicht dran bin. Ich sehe das Kind, wie es im Kreis hin- und herläuft, herumgeht – und ich bemerke, dass ich die Krone sehe!

Wo ist meine Anspannung, mein Ärger, mein Unwohlsein? Nicht mehr da – statt dessen sehe ich das leibhaftig vor mir, was ich gerade noch etwas angestrengt sichtbar machen wollte. Alles an dem Kind vor mir ist schlüssig, königlich, leicht, liebenswert. Die Konzentration auf Renesmee lässt jetzt das in mir schwingen, was hier verhandelt wird. Es wird groß, großartig, einmalig. Ich habe dieses Kind nicht bestellt für diesen Nachmittag. Aber es ist da, geliefert vom Leben und lehrt mich und die Teilnehmer das, was ich mit meinem Vortrag aufscheinen lasse. Eine intensive, eine magische Allianz.

Mein Blick auf das Kind hat sich verändert. Statt Störung jetzt Unterstützung. Statt Unwohlsein jetzt Erstaunen, Ergriffenheit. Statt Belastung jetzt Gelassenheit. Statt „Geh“ jetzt „Willkommen“.

Ich bin von dieser Verwandlung so verzaubert, dass ich erst im Nachgespräch mit der Leiterin dahinter komme, was da passiert ist. Mein Herz sieht Kinder ja so, und das „Ich bin genau so jemand“, von dem Kind hier in den Raum geflüstert, hat mein „Kinder stören die Konzentration eines Vortrags“ überwunden, mich erreicht, meinen Blick auf sie geändert. Ihr wortloses „Hallo Hubertus“ hat mich erreicht, Resonanz ausgelöst, mich „Hallo Renesmee“ antworten lassen. Unsere Welten haben sich aus ihrer Gegensätzlichkeit gelöst.

Der Nachmittag war gut. Sehr gut. Viele nehmen etwas mit, wie es dann heißt. Es wird eine erfüllte und heitere Atmosphäre. Es gibt konkrete Beispiele, direkt zum Erleben: Renesmee nimmt eine Tablettendose aus der Handtasche - „Nein“ - kurzer Protest - und vorbei. Grenzziehen ohne Herabsetzung. Oder: sie hängt sich die Handtasche um den Hals. Die Nachbarin: „Gib her“, das klappt problemlos. Ihre Mutter: „Das kann sie doch machen“. Tasche zurück, das Spiel geht weiter. Die Unterschiedlichkeit der Grenzen wird deutlich. Und dass wir für unsere Grenzwahrung selbst zuständig sind. Alles mein Thema, aber jetzt nicht nur erklärt, sondern direkt gelebt. Und erfahrbar für den anderen Blick auf die Kinder, für den ich heute gekommen bin.

Wir können unseren Blick ändern. Wenn die Belastung und der Ärger unsere Augen formen – das kann weggehen. Wir können anhalten und umdeuten, kann man machen. Muss aber auch nicht zum Stress geraten, diese Umdeuterei. Und gelingt ja auch immer wieder. Vom unguten Ärgerland wandern ins Freudeland. Welchen Großraum will ich haben, wo will ich unterwegs sein? Darauf können wir Einfluss nehmen, von Dort nach Hier gehen, den Blick verwandeln.

Selbstliebe lässt es uns gut gehen. Sie hilft uns. Also lass ich sie mal machen, in mich wirken, meine Blicke freundlich werden. Was ja nicht immer klappt, aber oft eben doch. In großen und kleinen Dingen des Alltags und Miteinanders, mit den Kindern, dem Partner, den anderen. Wie viel Ärger soll in meinem Tag Raum bekommen? Anlässe gibt es genug. Aber mit dem anderen Blick wird der Anlass entärgert und schön geredet und gefreudet.

Martina erzählt von den Matschhänden. Von Renesmee und ihresgleichen. Die Kinder haben Hunger. Die Brote liegen bereit. Vor dem Essen kommt: das Händewaschen.  Ach ja? Wie will ich das vermitteln? 16 Monate und Matschspaß und Hunger - 36 Jahre und Seife vor dem Essen. Was ist der Blick, mein Blick? Auf die Situation, auf das Leben, die Matsche, die Seife, die Brote, auf Renesmee, auf mich? Mit den Augen der Kinder sehen: mein Herz in ihrer Schwingung. Kann sein, muss nicht sein, kann aber sein. Martina: „Die können auch mit Matschhänden essen.“

Empathie, aus der Selbstliebe heraus. Ohne Anstrengung. Als etwas, das passiert. Wenn im großen Nachdenkeland so etwas gern gesehen wird, Amication zeigt solche Möglichkeiten. Ich zeige sie in den Vorträgen, die Kindern zeigen sie unmittelbar. Unser Kopf und unser Herz können sich verändern. Nicht über die Maßen, ein wenig, oder doch stürmisch. Ich kann beiläufig die Matschende ein wenig sauber wischen, die dreckigen Gummistiefel von den Kinderfüßen ziehen,  das Zimmer aufräumen, nachsichtig sein, gerade auch in der Partnerschaft, in Harmonie geraten, mich anstecken lassen.

Wie viel Streit muss sein? Wie viel Streit will ich haben? Wie viel Ärger muss sein? Wie viel Ärger will ich haben? Wie viel Heile Welt? Wer will ich sein? Wir können das nicht alles wirklich selbst machen. Nicht alles, aber manches und manchmal auch vieles. „Ich bin die Schönste im ganzen Land“ - gilt für alle. Für alle? Ja, das ist paradox und wahr zugleich. Zauberei der Liebe.

„Ich kann nicht gleichzeitig einen Vortrag halten und ein aktives Kind in Raum haben.“ Hallo: nur ein bisschen Durchhalten, und der Gegensatz wird zur Harmoniestraße. Vielleicht sind wir oft einfach zu ungeduldig, zu angestrengt, überfordert, vom Gerade und vom Überhaupt. Ja, so ist es oft, immer wieder. Aber unsere Augen und unser Herz sind strapazierfähig und lassen uns auch immer wieder sehen, was es zu sehen gibt: Königskronen, Freude, Harmonie, Eingeladensein, Mitmachen. Vertrauen auf die Verwandlungen – eine große Hoffnung.
   


Mittwoch, 1. November 2017

Nehm Dich an die Leine






















Neulich war eine Katze bei mir. Mein Besuch hatte sie mitgebracht.
Kann man Katzen aus ihrem Zuhause mit auf die Reise nehmen? Was
muten wir den Tieren zu, die bei uns leben, die uns anvertraut sind?
Tja, wie immer: das kommt drauf an, auf dieses Tier, diesen Menschen,
diese Umstände. Schon die anderthalbstündige Fahrt zu mir war ein
Risiko - aber das, dieses Kätzchen war einfach gut drauf und hat die
Fahrt genossen. Es hat also gepasst. Und bei mir war sie dann weiter
gut drauf, hat alles erkundet und sich schließlich auf einen Stuhl
gesetzt und geschlafen. Ich habe mich gefreut, dass sie mitgekommen
war.

Mir geht die Frage durch den Kopf, was wir alles so mit unseren Tieren
- die bei uns im Leben sind - anstellen. Ich bin jetzt bei den Haustieren.
Was wir mit den "Nutztieren" anstellen, vom Namen angefangen bis zu
sonstwas, mal abgesehen. Man muss sich eben auch immer wieder trauen,
der Beziehung trauen. "Sie macht das schon mit", und wenn nicht - dann
kann ich die Autofahrt sofort abbrechnen und nach Hause fahren. Das Sich-
Trauen und das der Beziehung trauen gilt ja auch generell, den Kindern
und dem Partner gegenüber - und ist ein sehr sehr weites Feld.

Das Katzenfrauchen (auch so ein merkwürdiger Name) traute sich aber
noch mehr. Sie hatte die Katzenleine mitgebracht. Die Katze bekam
ein Geschirr umgebunden, daran dann die Leine. Wir wollten mit den
Kindern in den Wald. "Die Katze kommt mit!" Wie bitte? Eine Katze an
der Leine? Und dann noch im Wald? Es war dann einfach wunderschön!
Unser Kätzchen war auf Du und Du mit der Natur, hüpfte hierhin und
dorthin, spielte mit den Ästen und dem Sand, sauste den Baumstamm
hoch, soweit es mit der Leine ging.

"Aber man kann doch eine Katze nicht an die Leine nehmen" geisterte
irgendwie bei mir rum. Doch, man kann. Die Katze im Wald frei laufen
lassen - kann man auch machen. wenn man sich traut. Mit dem Risiko,
dass die Katze dann weg ist, zu ihrem und unserem Umglück. Das war
die Grenze, mehr sollte es nicht sein.

Wieviel Grenze setzen wir den unseren? Wieviel Leine habe ich für
die Kinder und den Partner parat? Bei wieviel Freiheit wird mir unwohl?
Und wie geht es den Kindern und dem Partner mit meinen Grenzen und
Leinen? Gibt es da einen Leinenunterschied zwischen meiner Leine für
die Katze und meiner Leine für einen Menschen? Klar doch! Ich lege
doch keinen Menschen an die Leine! Ach wirklich? Es gibt sie nicht zu
sehen, wer erlebt schon, dass ein Mann seine Frau an einer Leine durch
die Gegend führt. Oder eine Frau ihren Mann. Oder ein Vater sein Kind.

Aber es gibt sie eben, diese Leinen, nicht sichtar, gewoben aus allem
Möglichen: Angst, Vorsicht, Sorge, Macht, "Liebe" und so weiter. Und
wieviele Leinen sind an mich angelegt, lasse ich mir anlegen? Konven-
tionsleinen, Beziehungsleinen, Angstleinen. Von keine Jeans im Theater
bis ehelicher Treue. Also, diese Leinenthematik ist Alltag und wirkt im
Hinter- und Untergrund. Bis es dann mal einen Aufstand gibt oder ein
gutes Gespräch über die Einschränkungen in der Beziehung, und sich
dann die eine oder andere Leine auflöst.

Die Katze nahm die Leine so selbstverständlich hin. Sie hätte
ja auch einen Anfall bekommen können. Tat sie aber nicht. Brave
Katze! Braves Kind! Braver Mann! Brave Frau! Der Umgang mit der
Leine und Freiheit des anderen ist ein sehr sehr weites Feld...

Montag, 30. Oktober 2017

HandyNaturDroge








Heute waren wir zum Geocachen unterwegs (Geocachen:
Verstecke in der Natur nach Vorgaben aus dem Internet
suchen, googelt es mal). Diese Mischung von virtueller
und realer Welt hat was. Eigentlich bin ich ja nur in der
Natur unterwegs, ohne Handy und Co. Immer schon, und
das ist mein Elixier. Aber die Kinder leben eben auch
sehr intensiv in der virtuellen Welt, und wieviel Stunden
sie tatsächlich mit ihrem Handy/Smartfon/Tablet verbringen,
will ich gar nicht so genau wissen.

Doch beim Geocachen entsteht eine gute Harmonie dieser
beiden Welten. Die Aufgaben werden im Internet ausgesucht
und dann mit den Möglichkeiten des Handys draußen gefun-
den. Draußen! Die Kinder werden also von ihrem virtuellen
Spielzeug nach draußen gelockt und sind dann 1, 2 oder
auch 3 Stunden mit mir in der Natur. Naturdoping pur.

"Na gut", sagt die Natur, "dann bringt Euer Handy halt mit".
Da gibt es keine Eifersüchtelei und keinen Streit. Und die
Sorge, dass sie nur mit dem Kopf über dem Apparat hängen,
und nichts mehr vom Rausch der Sinne, der Sinfonie der
Natur mitbekommen, ist unbegründet. Klar, sie sehen immer
wieder auf dem Handy nach, ob der Kurs stimmt. Und lösen
so auch immer wieder mal Aufgaben, um zum Ziel zu kom-
men. Aber die Dynamik des Draußen fängt sie machtvoll ein,
und sie lassen sich einfangen und strecken und recken sich
im Wind, der Sonne, den vielen Düften, Klängen, Farben.

Das alles geht aber nur gut, wenn man seinen Frieden mit
diesem elektronischen Teufelszeug gemacht hat, dieser
unheimlichen Faszination, die sich der Seele der Kinder
bemächtigt. Oder sind die Kinder etwa diejenigen, die sou-
verän sich der elektronischen Droge bedienen? Warum
sollte es nicht so sein? Ich bin immer wieder erstaunt, wie
gut sie mit diesem neumodischen Spielzeug klarkommen.
Dann kann ich mich zurücklehnen und sie machen lassen.
Und freu mich einfach, wenn sie mit mir draußen sind.
 

Samstag, 28. Oktober 2017

Gutsehen








Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn einen kleinen Führer-
schein machen will. Er musste zum Sehtest, und es wurde
eine starke Sehschwäche festgestellt. Jetzt muss er eine
Brille tragen, eine starke, und kann gut sehen. Ihr Sohn ist
15 Jahre alt - und sieht zum ersten Mal in seinem  Leben
die Welt so, wie sie ist. So wie wir sie sehen, klar und
deutlich. Er ist fasziniert und überwältigt.

Mich hat das richtig angefasst. Da ist ein Kind - und seine
Eltern bekommen nicht mit, dass er die Welt nur ver-
schwommen wahrnimmt. Klar, er hat dadurch eine ganz
andere Welt erlebt, was auch seinen Wert hat. Aber bitte-
schön: das kann es doch nicht sein! Und nur durch so
einen äußeren Umstand kommt es, dass er richtig sieht.

Es passiert immer wieder, dass wir nicht bemerken, was
mit den anderen ist. Dass etwas nicht so ist, wie es sein
sollte. Ich denke nicht schlecht über seine Mutter, aber
ein "Wie kann denn so etwas passieren?" ist schon da. Nur:
Wie viele Beschwer meiner Kinder habe ich nicht bemerkt?
Keine Ahnung. Ich wünsche mir aber, dass ich sie alle
bemerkt hätte und noch bemerken werde und dafür sorgen
kann, dass sie gehen, diese Beschwernisse.

Und wenn ein Beschwer direkt mit mir zu tun hat? Wenn
die Menschen um mich herum beschwert sind durch
etwas, das von mir verursacht wird? Nicht von einem
Augenfehler oder anderem Umstand, sondern von mir,
meiner Art, meinem Tun, einem Wort oder Satz? Dann
wünsche ich auch, dass ich sie auflösen kann -  die Be-
schwernisse und das Leid, das sie enthalten.

Aber wie schwer wird das dann für mich? Kann ich meine
Art ändern, damit andere nicht von mir beschwert sind?
Meine Worte anders wählen? Sätze anders sagen? Dieses
unterlassen, anderes tun?

Wieviel soll/will/werde ich von mir aufgeben, damit es
den anderen gutgeht? Wenn sie durch mich trüb werden,
wieviel operiere ich da von mir weg, damit sie wieder
hell werden? Ich bin kein fehlerhaftes Auge, das zu
operieren oder zu brillisieren ist. Ich bin ein Ebenbild
Gottes und ich liebe mich. Dennoch aber kann und
wird es sein, dass andere an mir leiden.

Muss ich mich ändern für das Glück der anderen? Oder
ist es besser, ihnen zu helfen, mich anders zu sehen,
auf dass sie nicht mehr an mir leiden? Woher kommt
ihre trübe Sicht auf mich? Kann man mich nicht dauernd
hellsehen? Hat ihr trüber Sinn mit mir oder mit ihnen
selbst zu tun?

Ich werde rasch zum beflissenen Selbstveränderer,
wenn an mich heranschwappt "Wegen Dir geht es
mir schlecht!" Aber das ist nur die erste Reaktion.
Dann besinne ich mich darauf, dass ich wie jeder
Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches
Leid ausgehen kann. Sondern dass das Leiden an
mir die Erfahrung der anderen ist.

Es ist ja nicht so, dass ich solche Beschwernisse nicht
zu würdigen weiß. Und ich kann - kann - auch helfen,
dass sie sich auflösen und die Leidwunden heilen. Nur:
nicht über die Maßen. Nicht so, dass mein Würdegefühl
dabei weniger wird. Ich stehe zu mir, meinen Taten und
Wortenn, und schau mal, ob ich helfen kann. Ob ich die
Sehhilfe für den anderen finde, mit der er mich wieder
lieben kann. Oder ob ich mich ändere - weil ich das so
will und es dem anderen dann gutgeht und mich sein
Lächeln glücklich macht.








Kommentare:

  1. ich habe mittlerweile akzeptiert dass ich die " welt nicht so wahrnehme " wie die meisten menschen rund um mich ... mein bemühen meine wahrnehmung der anderer menschen anzupassen hat mir viel schmerz der selbstverleugnung und selbstzweifel beschert .. bis ich damit aufhörte .. dieses mein zu-mir-stehen und aussprechen wie ich die welt sehe und erlebe hat zur folge dass dieses dem-anderen-die-schuld-zuweisen bei mir nicht mehr greift und auch in mir nicht mehr lebt ... einige mir sehr nahe stehende menschen haben sich daufhin von mir zurückgezogen .. das tat und tut manchmal immer noch weh ... doch dieser schmerz ist wie der stockschlag des zen-meisters der mich wieder in die achtsamkeit und damit ins selbstbewusstsein des : ich bin liebe und zitat hubi : "... dass ich wie jeder Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches Leid ausgehen kann... " zurückschwingen lässt ...
    das leiden des anderen berührt mich sehr und bleibt dennoch "seins/ihres " ... und dieses mitgefühl lässt mich erleben dass ich trotz aller individuellen einzigartigkeit und getrenntheit zugleich teil des ganzen unermesslichen phänomens L e b e n bin und somit verbunden ... und all-ein-s ... und diese sowohl-als-auch-realität des existentiellen körperlich-emotionalenen alleinseins und der tiefen seelisch-geistigen verbundenheit .. auch mit euch die ihr das lest .. ist für mich m/ein menschliches dilemma ... schaurig-schön ....
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    1. Servus, christa!

      Zitat:
      "... doch dieser schmerz ist wie der stockschlag des zen-meisters der mich wieder in die achtsamkeit und damit ins selbstbewusstsein des : ich bin liebe und zitat hubi : "... dass ich wie jeder Mensch Liebe bin und dass von mir kein wirkliches Leid ausgehen kann... " zurückschwingen lässt ..."
      Zitat-Ende

      Hmmm, komische Leute (stockschlagende Zen-Meister) kennst du, christa.

      Und dann noch:
      Ich würde mich (auf meine Mitmenschen bezogen) nicht als "Liebe" bezeichnen, sondern bestenfalls auf mich bezogen bleiben und meinen: Ich bin Selbstliebe.

      LG HaJo51
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    2. lieber hajo ... wie schön ... da sind wir in resonanz .. ;-)
      Löschen
  2. Moin, Hubertus!

    Zitat:
    "Es ist ja nicht so, dass ich solche Beschwernisse nicht
    zu würdigen weiß. Und ich kann - kann - auch helfen,
    dass sie sich auflösen und die Leidwunden heilen. Nur:
    nicht über die Maßen. Nicht so, dass mein Würdegefühl
    dabei weniger wird. Ich stehe zu mir, meinen Taten und
    Wortenn, und schau mal, ob ich helfen kann. Ob ich die
    Sehhilfe für den anderen finde, mit der er mich wieder
    lieben kann."

    Nun, Hubertus, ich habe inzwischen viele Jahre lang öfter mal deine Büchertexte (und seit ca- 13 Monaten deine Blog-Beiträge regelmäßig) gelesen, um mir damit selbst zu helfen, in mir entstandene Leidgefühle zu verarbeiten.
    Aber ... LIEBEN werde ich dich wegen dieser deiner Selbsthilfe-Aktionen (Bücher schreiben und zum Kauf anbieten, Blog-Beiträge zur Kenntnisnahme anbieten) wohl eher nicht.
    Weil ... ich "stehe" nicht auf Männer. *augezwinker*

    Gruß vom (schon lange stark kurzsichtigen) HaJo51

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Vom Jaulen und der Harmonie, III























Es macht mich glücklich, dass ich auf mein Kind so zugehen kann.
Dass ich ihn auf dem Arm nehme und ihn frage. »Was brauchst Du
denn?« Ich fliege durch die Jahre zurück, in sein Alter, und alle die
Millionen hingenommenen Unbehaglichkeiten streife ich dabei, und
ich sage ihnen, dass sie keine Schandflecken auf meiner Seele waren,
sondern Lichtzeichen meines Selbst, Signale, die mich selbst und die
Welt um Hilfe riefen. Ich bin alt, Corbinian ist jung. Man muss das
alles nicht endlos wiederholen, denke ich mir, diesen verstellten Weg.

Ich kann Corbinian als Piloten nehmen, der sich im All des Seltsamen
und Unbehaglichen noch auskennt. Und so kümmere ich mich um ihn,
und damit um mich, und sein »Ich will jetzt gar nicht laufen«, was dann
leise kommt, lässt mich jauchzen: Dann trage ich dich eben, auf dem
Arm, hier, zum Einkaufen. »Du musst auch nicht laufen«. Da wird er
wieder fröhlich. Und dann will er wieder runter. Und läuft. Und der
Schatten ist vorbei.

Schatten: im Alltag, überall. Mit den Kindern, in der Partnerschaft,
im Beruf, ach sonst wo: »Ich will das eigentlich nicht.« »Was willst
Du denn?« Man könnte doch mal schauen, was geht. Ohne sich zu
verleugnen. Und oft geht es ja auch, und das muss nicht überhand
nehmen, das Unbehagen, oder man kann es mit der Hilfe der anderen
beenden, zur Ruhe kommen lassen. »Arm« sagt Corbinian, und das
heißt »Trag mich« und dass heißt »Sei mir nah«.

»Ich möchte das nicht« – »Was möchtest Du denn?« Wenn so etwas
ohne Arg schwingen kann zwischen uns. Wenn das »Ich möchte das
nicht« keine Abwehr hervorruft, wenn das »Was möchtest Du denn?«
keine Schwäche vermuten lässt und keinen Anspruch provoziert.
Wenn da nur ist »Ich« und »Ich«: »Ich will etwas nicht« und »Ich
biete meine Hilfe an«. Wenn dieses einfache »Es tut weh« und »Kann
ich Dir helfen?« Raum bekommt, in das Herz einzieht, auch im Konzert
des Alltags seinen Klang hat. Wenn es nicht untergeht. Wenn wir es
hervorzotteln unter dem Schutt der Routine unserer Beziehungen.
Wenn wir uns ein kleines bisschen, mit so einer gewissen Selbst-
ironie, disziplinieren: »Das kann man doch auch ganz anders sehen.«
Dieses Unbehagen des Kindes, des Partners, des Anderen, sein Nein,
seine Abwehr, sein Jaulen. Man kann das auch anders sehen. Und
anders reagieren. Schöner, mit sich selbst mehr im Frieden. 

Und das alles ohne Druck, ohne Zwang, nur als Idee, Möglichkeit,
Einladung. Ich lade mich selbst ein, Corbinian freundlich zu sehen.
Sein Jaulen nicht aus dem Reich des Bösen kommen zu sehen, son-
dern aus seinem Licht. Und mein millionenfaches Jaulen mir nicht
übel zu nehmen, sondern ernst zu nehmen. Und meine Hilfe anzu-
bieten. Und auch um Hilfe zu fragen. »Du könntest mich unter-
stützen«, ohne Forderung. Es gibt auch diesen großen Weg, den
Weg der Harmonie. Es ist nicht verboten, ihn zu gehen, und er ist
auch immer da. Auch für mich, wenn ich ein jaulendes Kind trage
oder wenn ich ein jaulendes Kind bin und voll Unbehagen dahin
stolpere. Auf diesem Weg kann ich mich wieder aufrichten und mit
mir in Übereinstimmung und Harmonie sein.




bei
mir sein
meine farben malen
meine bewegungen leben
meine blicke ruhen lassen
meine blumen blühen lassen
meine sprache sprechen
mit meinen händen
meine dinge
tun








Dienstag, 24. Oktober 2017

Vom Jaulen und der Harmonie, II
























Und wie er da so vor mir mit der Jaulerei anfängt, der kleinen, die
so unbestimmt ist für meine Ohren, da höre ich auf einmal das
ganze Recht dieser Töne. Er sagt es. »Mir passt etwas nicht«. Und
ich verstehe ihn, so wie ich mich immer verstanden habe, wenn ich
in mir dieses Unbehagen an den Millionen Dingen spürte. Nur, und
da ist der grandiose Unterschied, dass er so einfach dahinter steht,
so reinen Herzens. Mir gehen die Augen auf. Ein Mensch merkt sein
Unbehagen, nimmt es ernst und teilt es mit. Ich bin dabei und be-
komme es anvertraut. Es ist gar nicht mehr wichtig, was es konkret
ist. Mich berührt, dass dies alles überhaupt stattfindet: das Merken,
das Dazustehen, das Ausdrücken, das Anvertrauen.

Ich nehme ihn auf den Arm. Ich sage nichts. Ich weiß immer noch
nicht, was er hat. Ich merke sein Unbehagen, und sage zu diesem
Unbehagen klar und deutlich und ohne Worte »Ja«. Was heißt:
Anerkennung der Realität, Akzeptanz der Missbilligung, des Un-
behagens. Und ich erkenne, dass ich zu allen Millionen Unbehag-
lichkeiten meines Lebens ebenso klar und deutlich »Ja« sagen kann.
Was ja ein »Nein« bedeutet: »Ich will das eigentlich nicht haben in
meinem Leben. Ja – ich will das nicht haben.« So ist das!

Und dann fällt mir gleich der nächste Schritt ein. Wie wäre es, wenn
ich damals mit 6 Jahren mein Unbehagen so ausgedrückt hätte, wie
 Corbinian das heute tut? Ich meine: was hätte ich mir dann gewünscht,
von den anderen, meinen Großen damals? Ich hätte mir ihre Frage,
Aufmerksamkeit, Einfühlung gewünscht: »Was willst Du denn eigent-
lich? Was brauchst Du denn? Womit kann ich Dir helfen«. Einfach mal
schauen, was dieses Kind so will, wünscht, braucht. Mich gefragt und
gesehen fühlen. »Wer bist Du, Kind?« 

»Was brauchst Du denn, Corbinian?«, sage ich. Was immer auch jetzt
kommen mag, ich muss es ja nicht alles tun. Ich kann auch nicht alles
tun. Und ich will auch nicht alles tun, was die Kinder von mir so wollen.
Aber ich kann ja mal sehen, was anliegt, vielleicht kann ich ja doch.
Erst mal sehen. Erst mal fragen, erst mal den anderen Menschen be-
merken: »Was willst Du? Wer bist Du? Was kann ich für Dich tun?« 

Es macht mich glücklich, dass ich auf mein Kind so zugehen kann.
Dass ich ihn auf dem Arm nehme und ihn frage. »Was brauchst Du
denn?« Ich fliege durch die Jahre zurück, in sein Alter, und alle die
Millionen hingenommenen Unbehaglichkeiten streife ich dabei, und
ich sage ihnen, dass sie keine Schandflecken auf meiner Seele waren,
sondern Lichtzeichen meines Selbst, Signale, die mich selbst und die
Welt um Hilfe riefen. Ich bin alt, Corbinian ist jung. Man muss das
alles nicht endlos wiederholen, denke ich mir, diesen verstellten Weg.
Ich kann Corbinian als Piloten nehmen,der sich im All des Seltsamen
und Unbehaglichen noch auskennt. Und so kümmere ich mich um ihn,
und damit um mich, und sein »Ich will jetzt gar nicht laufen«, was dann
leise kommt, lässt mich jauchzen: Dann trage ich dich eben, auf dem
Arm, hier, zum Einkaufen. »Du musst auch nicht laufen«. Da wird er
wieder fröhlich. Und dann will er wieder runter. Und läuft. Und der
Schatten ist vorbei.

Fortsetzung folgt.

Samstag, 21. Oktober 2017

Vom Jaulen und der Harmonie, I





 


















Corbinian ist drei Jahre alt. Er jault ein bisschen, nicht viel, aber unan-
genehm, für meine Ohren. Irgend etwas passt ihm nicht. So verstehe
ich dieses Meckern, diese Töne, diese Psycho­frequenzen. Aber es liegt
nichts an. Jedenfalls nichts Aktuelles. Wir haben keinen Zoff. Ich bin
(gerade) zufrieden. Er ist es auch. Bis eben. Aber dann hat da diese
Jaulerei begonnen, nicht laut, leise, aber hörbar. »Mir passt was nicht.«
Soweit, so klar. Ich verstehe: Etwas stört ihn. Und da ich mein Kind
liebe (das ist die Basis des Geschäfts), will ich ihm helfen. Also: »Was
ist los, Corbinian?« Ich bin nicht angestrengt bei dieser Frage, auch nicht
betulich. Ich reagiere ziemlich beiläufig: »Was hast Du?«

Aber nichts kommt. Keine Antwort. Nur weiter diese kleine Jaulerei
(die große Jaulerei wäre eine Katastrophe, aber das ist es jetzt nicht).
 »Was hast Du denn?« Nichts kommt außer Jaultönchen. Natürlich ver-
steht er mich, er ist drei Jahre alt, und er ist klug. Er weiß, dass ich ihm
helfen will, aus seinem Ungemach heraus. Und ich denke, dass er auch
weiß, dass ich das kann. Er spricht mich ja an. Und ich bin guten Willens
und will ihm gern helfen. Aber: ich bekomme nicht die Information, die
ich brauche, um ihm zu helfen. »Soll ich dies oder das tun?« Ich mache
Vorschläge, ziele auf das, was ich als sein Ungemach vermute, aber das
trifft es nicht. Oder es trifft es zwar, aber er reagiert darauf nicht so, dass
ich damit weiterkomme. Mit seiner Ruhe, die gerade dahin geht.

Klar weiß ich, dass man solche unergründlichen Klein-Jaulereien den Kin-
dern auch lassen kann. Sie haben alles Recht auf diese Töne, ich muss
da nichts richten. Ich kann das als eine »Ausleitung« sehen, einen Psycho-
eiter,der raus will und eben so rauskommt. Das geht ja auch wieder vorbei.
(Wennes nicht zur Jaulorgie wird, aber das ist ein anderes Thema.) Es geht
ja auch wieder, und ich muss da jetzt keinen auf Verständnis, Therapie und
Co machen. Ich könnte es ihm auch lassen und meine Dinge tun. Er wird
schon klarer werden, wenn es ihm wichtig ist. Sonst bleibt er eben so un-
scharf, wie das gerade kommt. Und aus.

Aber ich bin doch anders drauf. Sein Ungemach kann ich jetzt, heute, gerade
nicht einfach stehen lassen. Ich will antworten, mich kümmern, helfen. Hel-
fersyndrom? Quatsch, zu hoch gegriffen. Es ist einfacher: Ich bin der Vater,
dort ist mein Kind. Und das hat ein Beschwer. Und da kümmer ich mich.
Also zum dritten Mal: »Was willst Du? Sag mir, was Du brauchst.« Doch
da kommt weiter nichts. 

Egal wie das konkret weitergeht (da gibt es so viele Wege wie es Väter und
Mütter gibt): Ich bekomme jetzt etwas anders in den Blick, etwas Grund-
sätzliches, das mir Corbinian wachruft. Es fällt mir nicht sofort auf, sondern
erst abends, wenn er im Bett ist, und ich über diese »belanglose« Alltags-
szene ins Nachsinnen komme.

»Ich will etwas nicht. Ich will das eigentlich nicht. Nein. Das passt mir nicht.
Das muss ich nicht haben. Es soll weggehen. Es stört mich. Es nervt. Geh,
geh weg.« Energie gerichtet an irgend etwas, an etwas, das stört. Eine klare
Botschaft: Geh jetzt, aus meinem Leben. Jedenfalls jetzt. Und das kann alles
und nichts sein. Bei Corbinian könnte das ein Hund sein, der ihn schnuppern
will (Hundenase und Kindergesicht sind auf gleicher Augenhöhe); der Bruder,
der ein Buch nicht hergibt; ein Schuh, der nicht zugeht. 

»Ich muss das nicht haben. Eigentlich brauche ich das nicht.« Unzählige
dieser Stördinge geschehen in meinem Leben. Sind geschehen. Unange-
nehmes, Millionen kleine Übel. Begleitet von Unbehagen. Begleitet nur
von Unbehagen. Dieses Unbehagen fand keinen Weg nach draußen, in
die kommunikative Welt, in Sprache, in das kleine oder große Nein. Das
Unbehagen war sprachlos, aber zweifellos da, gespürt, wuchernd. Es war
nicht berechtigt, mehr zu sein als ein Unbehagen.

Es wäre ungezogen, unpassend, überzogen, unanständig, blamierend,
beschämend, bloßstellend, peinlich gewesen, dieses Unbehagen zu be-
achten, geschweige denn mitzuteilen. Das Unbehagliche war hinzuneh-
men. Man kriegt nichts geschenkt. Das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Was meinst Du denn, wer Du bist? Wenn eine Selbstverständlichkeit
Unbehagen auslöst, ändert das nichts daran, dass das Unbehagliche
eben selbstverständlich ist, hinzunehmen ist. Dass ich damit klarzu-
kommen habe. Wie jeder, dem Unbehagliches passiert. Da macht man
kein Drama draus, keinen Aufriss. Etwas stört, und mehr ist es ja nicht.

Was sind diese unzähligen Ungemache, die gelebten, aber nicht beach-
teten und nicht mitgeteilten? Die nicht thematisierten. Die Selbstver-
ständlichkeiten. Über die so nachzudenken, wie ich es jetzt tue, nicht
am Horizont auftaucht. Die real existierenden Unbehaglichkeiten –
aber die kommunikativ tabuisierten. Von denen die Welt ringsum
nicht mitbekommen kann, wie unbehaglich mir das da gerade ist.
Oder von der die Welt ringsum schon merkt, dass mir da was nicht
passt, aber niemand einen Weg sieht, wie sich das verringern oder
vermeiden lässt. Ich bin mit meinem Unbehagen allein und die an-
deren lassen mich damit auch allein sein.

Retrospektive: Ich bin 6 Jahre, doppelt so alt wie Corbinian, ich er-
innere mich: Will ich eigentlich in die Schule? Morgens weg von zu
Hause? Aufstehen, wenn ich noch müde bin? Will ich mit den Nach-
barn in ihrem Auto zur Schule gefahren werden? Will ich ein Regen-
cape auf dem Fahrrad ummachen? Will ich zum Flötenunterricht?
Will ich diese Hausaufgaben machen? Will ich schon nach Hause?
Will ich in die Badewanne? Sagosuppe löffeln? Fisch essen? Leber-
tran nehmen? Zur Impfe gehen? Ach, es sind Millionen Dinge. Doch
da kommt von mir kein Jaulen, kein Signal: »Ich will das eigentlich
nicht«. Es kommt überhaupt kein Bewusstsein in mir darüber auf.
Keine Selbst-Bewusstsein. Kein »Das kann man mit mir doch nicht
machen«. Kein Protest von der Art, die voller Gerechtigkeit ist. Es
kommt nur das Hinnehmen des Selbstverständlichen, nichts sonst.
Der Macht des »Man muss« kann ich nichts mehr entgegensetzen,
jedes Aufbegehren wäre einfach nur ungehörig. 

Man geht zur Schule. Man macht Hausaufgaben. Man kommt pünkt-
lich nach Hause. Man isst Fisch. Man, man, man: es gehört sich eben
so. Und aus. Und aus. Und aus. 

Wenn ich da doch mal opponiert habe, mit schlechtem Gefühl, dann
war ich »ungezogen«. Ich ging auf verbotenen Wegen, und wieder
war es aus. 

»Ich will das eigentlich nicht in meinem Leben haben«. Heute: Diesen
Irakkrieg. Diese Atomkraftwerke. Diesen Dieselruß. Diesen Zucker in
den Lebensmitteln.Dieses Amts­schreiben. Diese Autoreparaturkosten.
Diesen Kostenvoranschlag Zahnarzt. Diese, diesen, dieses. Denken
kann ich das schon – nur es ist eben lebenslang ungehörig, kinder-
kramlich, nicht ernst zu nehmen. Was soll der Quatsch?

Wenn mir was nicht passt, kann ich es sagen, ordentlich. Aber nur so
ein Gefühl haben, dass da was nicht stimmt? Nicht in mein Leben passt?
Und so ein Gefühl dann auch noch als berechtigt, legitim ansehen und
es auch noch offensiv und stolz und selbstbewusst und avantgardistisch
und energisch aufsteigen lassen, zulassen und als vorbildlich und lebens-
dienlich und friedensstiftend begrüßen und dann auch noch mitteilen???
Das ist doch affig, Kleinkindverhalten, Jaulen.

Eben. Und genau das zeigt mir Corbinian. In seiner Größe. Und Schlicht-
heit: »Mir passt da was nicht«. Es sagt es mit seinen Tönen. Er sagt einfach,
was ich nie sagen konnte, mich nie zu sagen traute. Nie wäre ich auf den
Gedanken gekommen, dass ich alles Recht der Welt hätte, das so zu sehen:
»Ich will das eigentlich nicht«.

Fortsetzung folgt.




Dienstag, 17. Oktober 2017

Amicative Lebensphilosophie









Der Mensch ist ein zu erziehendes Wesen: Das ist eine Grundaussage
der traditionellen Kultur. Auf dieser anthropologischen Hypothese
baut sich die Sicht vom Kind, von den Beziehungen zu Kindern,
vom Erwachsenen, von Ethik, Moral, Religion, Recht, Politik –
auf dieser anthropologischen Hypothese baut sich das traditionelle
Weltbild auf.

In allen Lebensbereichen gelten die Folgerungen aus dieser Sicht.
Danach ist es selbstverständlich, dass der Mensch stets besser werden
kann und sollte, und dass es allgemein gültige Normen wie richtig und
falsch und gut und böse gibt. Insbesondere in der Religion ist das erzie-
herische Denken verfestigt, aber auch in den moralischen Forderungen
der Gegenwart, die objektive Wahrheit beanspruchen und genau wissen,
wer auf der Seite des Lebens steht und wer nicht. Das Oben-Unten ist
die Basis der traditionellen patriarchalischen Lebensphilosophie und hat
die heutzutage weltweit verbreitete abendländisch-europäische Kultur
geprägt.

Doch das patriarchalische Zeitalter geht seinem Ende entgegen – das
dokumentieren das millionenfache Leid der beiden Weltkriege und des
Holocausts, die atomare Bedrohung und die Umweltzerstörung. Die
neuen psychischen Muster, die der Menschheit den Weg in die Zukunft
weisen, sind die Achtung vor der Inneren Welt des Anderen, das existen-
tielle Wissen von der Einen Welt, die Leitidee der Gleichwertigkeit aller
Phänomene, die in all ihrer Vielfalt in einen achtungsvollen Diskurs treten.

Diese neuen Muster erstrecken sich auch auf die Beziehung zu den Kin-
dern, entdecken dort den patriarchalisch-imperialistischen Impetus und
überwinden ihn: Kinder sind keine Erziehungsmenschen mit der ent-
sprechend notwendigen Erziehungs-Beziehung, sondern Kinder sind
ganz normale Menschen, zu denen ganz normale Beziehungen zu unter-
halten sind. So, wie dies für die Beziehung von Europäern und Afrikanern
gilt, für Männer und Frauen, für die verschiedenen Religionen, Philoso-
phien, Kulturen dieser Erde. Es gilt nicht mehr »Macht euch die Erde
untertan«, sondern es gilt, mit dem Anderen (Steine, Pflanzen, Tiere,
Menschen – dem ganzen Universum und selbstverständlich auch Kin-
dern) in Beziehung zu treten und in Respekt vor seiner Würde die
eigenen Anliegen vorzutragen.

Amication ist ein neu entdecktes Land, das zugleich uralt ist und in
jedem Menschen lebt. Der Weg dorthin beginnt mit einer Einladung:
innezuhalten – und zwar dem Kind gegenüber, das ein jeder selbst ist.
Die Überwindung der pädagogisch-patriarchalischen Weltdeutung findet
für einen jeden selbst in seinem Herzen statt, wenn sie überhaupt statt-
findet. Denn dort – in der psychischen Konstitution – wurden Menschen
ausgerichtet und gebunden an die Leitpfosten der traditionellen Sicht,
wurden Kinder zu pädagogisch-patriarchalischen Menschen gemacht.
Die amicative Lebensphilosophie hebt diese Fixierung auf.




Sonntag, 15. Oktober 2017

Geburtstag






















Es ist ein wunderschöner sonniger Oktobertag. Als die Wehen
einsetzen, telefoniert  die Schwägerin meiner Muttter mit der
Klinik nach einem Krankenwagen. Aber es sind alle im Einsatz.
Wir wohnen im Gartenhaus der Firma, also Anruf vorn bei der
Pforte.

Ja, ein Mannschaftswagen der Werksfeuerwehr ist einsatz-
bereit. Er fährt vor, wir steigen ein, es kann losgehen. "Stopp",
ruft meine Mutter, "nicht anfahren. Das Baby kommt jetzt,
sofort!" Also kein Krankenhaus, keine Hebamme, kein Arzt?
"Nein, das kriege ich auch so hin."

Meine Mutter ist auf einem Gutshof großgeworden, sie hat
viele Tiergeburten miterlebt. Es geht jetzt um ihr zweites Kind,
sie vertraut der Natur und Gott, sie ist ganz unaufgeregt. "Das
wird schon." Ihre Schwägerin ist Bürokauffrau, Großstadtkind,
nicht vom Land, keine eigenen Kinder. Sie ist entgeistert. "Wie,
ohne Arzt? Ohne Hebamme?" "Klar doch", sagt meine Mutter.

Die Wehen werden heftiger. Meine Mutter legt sich kurz
entschlossen auf die Sitzbank. Ihre Schwägerin läuft ins
Haus, um etwas zum Einwickeln des Babys zu holen. Das
kommt ja schon! Der Fahrer des Wagens bleibt irritiert
von so viel Frauenkram vorn sitzen.

Es geht schnell, sehr schnell. Kaum ist die Schwägerin mit
einem Nachthemd, "meinem besten", da, setzt die Geburt
ein, ein paar Presswehen, der Kopf kommt, das Baby ist
da.

Meine Mutter zieht mich nach oben, auf ihre Brust. Da lieg
ich und es fühlt sich prima an. Wir waren ein gutes Team,
meine Mutter und ich. Harmonie, Leben, Liebe, Glück.
Unfassbar das alles, und doch so selbstverständlich. Eine
Geburt eben, Beginn eines neuen und ewiggleichen Kreis-
laufs. "Hallo Mutti", staune ich. "Hallo Hubertus", flüstert
sie.

"Da muss doch abgenabelt werden", davon hat meine Tante
gehört. "Es ist dringend, sonst kann er nicht atmen." Meine
Mutter hat all die kleinen Ferkel, Kälbchen und Lämmer vor
Augen. "Abnabeln? Das geht doch alles von allein. Das klappt
schon. Schau doch, er atmet schon! Kriegt er doch selbst hin.
Wie die Tierbabys. Da ist er nicht anders."

30 Jahre später entdeckt Frederick Leboyer das selbstbe-
stimmte Atmen der Babys wieder. Nabelschnur zudrücken,
abnabeln? Nein, nicht bevor das pulsierende Blut der Nabel-
schnur vom Körperdes Babys eingesaugt wird. Für den Lun-
genkreislauf, der jetzt erst in Gang kommt. Die Lunge war
nicht entfaltet, erst das Atmen des Babys bringt die Lunge in
ihre Funktion. Erst stellen sich die Babys in eigener Regie auf
die Luftatmung um, dann abnabeln. Nicht umgekehrt! Zu
frühes Abnabelnnimmt den Babys ihre Harmonie und ist ein
schwerer schädlicher Eingriff in die Lebensfunktion des Neu-
geborernen. Das damals selbstverständliche sofortige Abnabeln
zwingt die Babys zur Luftatmung. Weil durch das Zudrücken der
Nabelschnur der Sauerstoff, den das Nabelblut gratis liefert,
ausbleibt, atmen die Babys zu früh, nicht in Übereinstimmung
mit ihren Signalen. Das sofortige Zudrücken der Nabelschnur
mit anschließende Abnabeln ist ein störenden Eingriff in die
Selbstregulation des Babys.

Das alles weiß damals niemand, und "Abnabeln sofort" ist das
Gebot der Stunde. Sonst gäbe es schwere Hirnschäden. Man
muss die Babys durch das Zudrücken der Nabelschnur zur
Luftatmung bewegen. Sonst würden sie nicht atmen.

Meiner Tante ist äußerst unwohl. Es muss doch zugedrückt
und abgenabewlt werden!  Aber dann sieht sie, dass ich
von selbst zu atmen begonnen habe.. Und sie wickelt mich
erleichtert in ihr bestes Nachthemd. Sie sieht meine Mutter
an, meine Mutter sieht sie an. Und dann lachen sie. "Prima
hast Du das gemacht!" "Ja," sagt meine Mutter. "Jetzt können
wir zum Krankenhaus fahren." Das machen wir dann auch.

Der erste Atemzug gehörte mir, wie alle anderen noch. "Wir
Babys, Kinder, Menschen gehören uns selbst. Wir sind selbst-
verantwortlich. Und wir müssen nicht erst zu richtigen Menschen
gemacht werden. Wie kann man nur Kinder erziehen wollen? "

"Mach Dir nicht zuviele Gedanken. Du kannst dich später
dafür einsetzen. Jetzt trink erst mal." Meine Mutter sieht
mich liebevoll an.