Montag, 24. April 2017

Schultrauma, III

 

Das Aussprechen der Wahrheit


Fortsetzung der Posts vom 22. und 23.4.
Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

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Es lässt sich im Anschluss an die Demütigung etwas tun. Wenn Eltern diese seelische Verletzung ihrer Kinder schon nicht verhindern können, so können sie doch hier und sofort mit ihrer Heilung beginnen. Das Leid, das die Schule den Kindern zufügt, kann zum einen überhaupt und zum anderen rasch behandelt werden.

Das ist eine neue Möglichkeit – so nahe liegend und doch nicht erkannt. Hintergrund hierfür ist der eigentlich sehr einfache Gedanke, sich selbst als Mittelpunkt allen Geschehens zu sehen: die eigene Existenz als Basis der Welt zu begreifen, zu merken, dass es so viele Realitäten wie Menschen gibt. Mit dieser postmodernen Position wird deutlich, was einem selbst zukommt und was in die Zuständigkeit eines anderen Menschen gehört.

Und es wird ebenso erkennbar, wer ein Opfer und wer ein Täter ist – Doppelbindungen entstehen gar nicht erst. Der Nebel über dem Geschehen in der eigenen Schulzeit kann sich lichten, klarer und klarer treten der Lehrer Meier und die Lehrerin Müller von damals als Täter vor die Erinnerung, und ungestüm bricht sich das Wissen Bahn, dass wir Schulkinder damals im Recht waren, die Lehrer im Unrecht, dass sie Täter und wir Opfer waren und dass wir an unserem Leid damals nicht schuld waren. Und eindringlich wird bewusst, dass die heutigen Kinder in derselben Situation sind und wie wir ihnen helfen können.

Wenn ein jeder Mensch Mittelpunkt allen Geschehens ist, so gilt das selbstverständlich auch für den Täter, und da auch dieser Mensch aus seiner Sicht etwas Sinnvolles tut, wird zwar nicht das Leid kleiner, das das Opfer von ihm erfährt, aber es entsteht kein Hass. Kinder, die sich als Opfer erfahren und in dieser Opfererfahrung nicht durch Doppelbindungswirkungen gestört werden, werden nicht in Hass auf sich selbst, den Lehrer und die Schule verstrickt. Das Verhalten des Lehrers ist sinnvoll und aus seiner Sicht anders definiert als aus der Sicht des Kindes: Statt »Leid zufügen« sieht der Lehrer eine »notwendige Disziplinierung«, eine »berechtigte Strafe«, eine »hilfreiche Zurechtweisung«. Es wird der Hauch des Vorwurfs, des Schlechten, des Bösen, des Schuldgefühls und der Schuld-zuweisung aus diesem ganzen Szenario genommen.

Die Demütigung durch den Lehrer kann nun als das gesehen werden, was sie ist: eine Grenz-überschreitung, sinnvoll und unvermeidbar für den Lehrer, leidvoll und unakzeptabel für das Kind. Der Sinn des Lehrers steht nicht über dem Sinn des Kindes, und seinem »Das ist jetzt nötig« kann das Kind sein »Aber nur aus deiner Sicht« gleichwertig entgegenhalten. Das Leid des Kindes wird für das Kind Leid bleiben, doch es enthält nicht mehr das psychische Gift des objektiv Nötigen, verfügt durch eine absolute Autorität, erlitten durch eigenes Verschulden.

Die Eltern können ihren gedemütigten Kindern helfen, die Realität nicht zu verlieren. Sie können der aufkommenden Doppelbindung entgegenwirken, Schuldgefühle zerstreuen, das Selbstwertgefühl stärken, Orientierung sein, trösten. Es reicht dabei aus, das Unrecht, das vom Kind als solches erlebt wird, auch so zu benennen: »Es war Unrecht, er hat dir Leid zugefügt.« Ohne den Täter, den konkreten Lehrer, dabei zu diffamieren. Das Aussprechen der Wahrheit, so wie sie das Kind und die auf seiner Seite stehenden Eltern erleben, hat eine unglaublich befreiende und heilende Wirkung, ist voll Mitgefühl und Trost – und dabei gleichzeitig ohne jegliche Herabsetzung der Würde des Lehrers und Täters.

Wie in der Wahrheitskommission in Südafrika geht es darum, eine totalitäre Struktur (dort die Apartheid, hier die pädagogische Oben-Unten-Basis der Schule) in ihrer konkreten Inhumanität (dort der Übergriff des weißen Polizisten Meyer, hier der Übergriff des Lehrers Meier) offenzulegen als das, was es ist: Unrecht aus der Sicht der Betroffenen, der Schwarzen und der Kinder und ihrer Eltern. Dadurch, dass das Kind ohne Zweifel an sich selbst und seiner Wahrnehmung erlebt, dass ihm Leid zugefügt wurde, dass ihm tatsächlich unberechtigt Leid widerfuhr – und nicht ein irgendwie selbst verschuldetes und berechtigtes Schrecknis –, und dass die Eltern dies alles auch so sehen, verringert sich die Last. Das Leid kann zur Ruhe kommen, Trauer wird möglich, die Heilung kann einsetzen.

Ist das alles? Einfach nur die Dinge beim Namen nennen und trösten? Nun, das ist der Kern all meiner Überlegung und Erfahrung, wie sich dem Schulleid der Kinder wirklich begegnen lässt, dem Leid, das aus der grundsätzlichen pädagogisch-anthropologischen Herabsetzung und den täglichen konkreten Demütigungen kommt. Die Kinder zu trösten, wenn sie sich verletzt haben, ist eine Selbstverständlichkeit für Eltern. Diese Selbstverständlichkeit lässt sich auf das Leid übertragen, das den Kindern in der Schule widerfährt.

Darüber hinaus können Eltern miteinander über diese Thematik ins Gespräch kommen, sich gegenseitig klarmachen, wie sehr ein jeder in diese Erfahrungen verstrickt ist, und dass man sich dennoch aufmachen kann, die eigenen Kinder in der Aufarbeitung des Schulleids zu unterstützen, und zwar hier und jetzt. Wie immer geht es dort vorwärts, wo Eltern die reale Macht haben. Und hier, im Gespräch mit den Kindern und mit anderen Eltern in den eigenen vier Wänden, sind wir ungestört und frei von allem, was die Schule und die Lehrer von uns wollen.

Eltern können so dem Leid ihrer Kinder in der Schule tatsächlich wirksam begegnen – und auch den damals selbst erlittenen Schmerz zur Ruhe kommen lassen. Sie können aufhören, die Inhumanität der Schule irgendwie für gerechtfertigt zu halten (»Schule ist eben so«), und sie haben es auch nicht nötig, in schein-progressivem Eifer wie Don Quichotte immer wieder erfolglos gegen die Schulmühle anzurennen. Stattdessen halten sie vor der Mühle an, breiten eine Decke aus, kleben ein Pflaster auf die Schulwunden ihrer Kinder, und alle zusammen genießen das Picknick.

Sonntag, 23. April 2017

Schultrauma, II

      

Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird?


Fortsetzung des Posts vom 22.4.
Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

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Zu den selbst erlittenen Herabsetzungen kommt das Miterleben der Demütigungen der Alterskameraden, Mitschüler, Freunde – in der Zusammenzählung eine unvorstellbare Menge an durchlittenem und angeschautem Leid. Die Menge dieses Leids wird zur Norm, zur Selbstverständlichkeit, zur erlebten Erfahrung und zum Wissen: »Schule ist eben so.« Ohne Alternative. Und das Gefühl dafür, wie es hätte sein können, sein müssen, wenn Menschen miteinander in gegenseitiger Achtung, Freundlichkeit und Offenheit umgehen, stumpft ab, wird dünner und zerbricht schließlich: »Schule ist eben so.«

Wenn es einem selbst passiert – das ist dann irgendwie normal, es passiert allen, jeden Tag, »und wenn es mich trifft, was ist dabei?« Was ist dabei? Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird? Wenn er sich nicht mehr selbst gehört? Wenn seine Würde zertreten und sein Wert verhöhnt werden? Wenn sich der Schmerz nicht mehr artikuliert, wenn er nicht einmal mehr als Grenzüberschreitung empfunden wird? »Schule ist eben so.« Welche Seele entwickelt sich dann? Wie tief wachsen solche Verletzungen nach innen? Wie wirken sich diese Verwachsungen später aus, in aktuellen Leidsituationen? In denen, die man selbst erfährt, und in denen, die man miterlebt? Und in denen, die man selbst hervorruft? Wie schultraumatisiert sind wir alle – wie schultraumatisiert ist die Gesellschaft – wie schultraumatisiert ist die heutige Zivilisation?

Demütigungen in der Schule unterscheiden sich erheblich von denen, die in der Familie erlebt werden. Eine Herabsetzung durch den Vater oder die Mutter ist stets nur eine persönliche Angelegenheit zwischen diesem Erwachsenen und diesem Kind. In der Schule ist die Herabsetzung durch den Lehrer Meier und die Lehrerin Müller zwar auch etwas Persönliches, das sie mit diesem Kind austragen, aber darüber hinaus geschieht diese Herabsetzung öffentlich, viele sehen zu, der Verlust des Gesichts ist unabwendbar und stets. Die Demütigung erfolgt durch einen Repräsentanten der Öffentlichkeit, der öffentlichen Macht, der Gesellschaft. Der Stachel der Erniedrigung und Beschämung sitzt tief in der Seele durch die öffentliche Schande, die das Schulkind erlebt
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Das Überschreiten der psychischen Schamgrenze, an sich selbst erlebt oder bei anderen mit angesehen und mit erlitten, lässt Kinder zurück, die nicht nur in ihrem Selbstwertgefühl immer wieder demontiert werden, sondern die nach und nach das verlieren, was man Weltvertrauen nennt. Zu den bekannten Mechanismen, um solche Erlebnisse zu überstehen, gehört es, nicht den Angreifer, sondern sich selbst als Verursacher und Schuldigen für das Vorgefallene zu erleben. Die Kinder werden durch das Leid, das die Schule ihnen zufügt, in tiefe Schuldgefühle verstrickt. Sie geraten in das doppelte Unglück, einerseits Opfer zu sein mit all den abscheulichen Wirkungen – und andererseits sich selbst für diese ganze Peinlichkeit verantwortlich zu machen. Die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter verwischt, das Leid kann nicht mehr benannt werden, Sprachlosigkeit macht das Leid steinern und lastet schwer auf der Seele der Kinder.

Die Folgen sind für den einzelnen schwerwiegend genug und dauerhaft, da es weder in der Schulzeit noch in der späteren Erwachsenenzeit eine Aufarbeitung dieser Traumatisierung gibt. Doch sind diese Verletzungen nicht nur für den jeweils gedemütigten Menschen wirksam, sondern darüber hinaus auch dann, wenn den eigenen Kindern derartiges in ihrer Schulzeit widerfährt. Die aktuellen Schuldemütigungen der eigenen Kinder erinnern an die früher als Kind selbst erlittenen Erniedrigungen, die nicht geheilt sind und nun wachgerufen werden. Verschlossen geglaubte Türen zum eigenen Leid werden geöffnet, und der damals erlernte Mechanismus der Doppelbindung lebt auf. Die selbst erlebte Vermischung von Täter und Opfer wird wachgerufen und den eigenen Kindern vorgesetzt: »Geschieht dir recht!« oder »Daran wirst du nicht unschuldig sein!« Oder der Erwachsene empfindet ganz einfach Genugtuung, dass auch anderen – den eigenen Kindern – dieses widerfährt. Reaktionen, die den heutigen Kindern zur eigenen Last zusätzlich die Last ihrer Eltern aufbürden.

Aber wie sollten diese Eltern ihren Kindern auch helfen können? Gefangen im eigenen Leid haben die Eltern eigentlich keine wirkliche Möglichkeit, für ihre Kinder etwas zu tun. Die konkreten Demütigungen, die auch heute Tag für Tag von konkreten Personen in der Schule ausgehen, von Herrn Meier und von Frau Müller, lassen sich nicht vermeiden. Lehrer haben eine pädagogische Grundhaltung, im pädagogischen Bezug steht der Erwachsene als Zivilisationsbeauftragter oben, das Kind als zu zivilisierender Nachwuchs unten. Lehrer haben einen Auftrag – aus Kindern vollwertige Menschen zu machen –, und den müssen sie erfüllen. Und da »Lehrer auch Menschen sind«, werden sie sowohl ihre individuellen Charaktereigenschaften ausleben – und zwar auch die destruktiven – als auch in Belastungssituationen dafür sorgen, dass sie selbst nicht untergehen: und hierzu setzen sie letztlich Herrschaftsverhalten ein.

Es ist völlig illusorisch, sich dafür zu engagieren, dass die Demütigung des Kindes in der Schule verringert wird oder aufhört. Etwa indem man versucht, in konkreten Situationen Einfluss auf bestimmte Lehrer zu nehmen, oder indem die Lehrer in ihrer Ausbildung und Weiterbildung entsprechend sensibilisiert werden. Solange die Schule eine pädagogische Institution ist, enthält sie die strukturelle Herabsetzung des Kindes, und die in ihr arbeitenden Erwachsenen werden um ihrer eigenen Sicherheit willen die ihnen untergebenen Kinder immer wieder auch demütigen, demütigen müssen. Was aber lässt sich tun, wenn die Demütigungen der Kinder unabwendbar zum Alltag der Schule gehören? Wenn sich das Leid nicht verhindern lässt?

Fortsetzung folgt.
 


Samstag, 22. April 2017

Schultrauma, I


Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

Aber es gibt doch so viel Hilfreiches durch die Schule! Das übersehe ich ja nicht. Ich spiele in diesen Posts nur in einer ganz anderen Liga. Beispiel zum Verdeutlichen: Dass die (viele) Frauen im Patriarchat von den (vielen) Männern geliebt wurden/werden, ändert ja nichts an dem ganzen Unterdrückungsmechanismus, der im Patriarchat enthalten ist. Und der den Frauen nicht gut tut. Das ist mit dem Erwachsene-oben-Kinder-unten-Mechanismus, dem Adultismus, nicht anders. Natürlich lieben die (allermeisten) Erwachsenen ihre Kinder. Und schicken sie aus Liebe und Fürsorge in die Schule. Und dennoch, parallel zu ihrer Liebe und ihre Liebe konterkarierend, passiert dabei Ungeheuerliches. Was ich hier beschreibe. "Da haust Du nur auf die Lehrer, die sich bemühen". Auf sie hauen? Das rauscht an mir vorbei. Ja, ich stelle mich gegen "die" Schule und "die" Lehrer. Genau so wie ich mich gegen "die" Männer stelle, die Frauen unterdrücken. Aber: Ich setze die Schule und die Lehrer nicht herab, wenn ich mich gegen sie stelle.

Es geht in meinem Erkennen um Grundsätzliches. Kinder haben das Recht auf ihre Gedanken (Gedankenfreiheit), das Recht, ihre Gedanken mitzuteilen (wann, wo, wie sie wollen, Meinungsfreiheit), das Recht auf Gefängnisfreiheit (Freizügigkeit), das Recht auf ihren Körper (körperliche Unversehrtheit). Was passiert in der Schule mit diesen Rechten? "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - auch für Schulkinder? Und was ist mit dem ganzen Klein-Klein eines jeden Schultags, diese großen Rechtsdinge mal runtergebrochen ins Alltägliche? Ein weites Feld.

 

Die persönlichen Herabsetzungen


Dass Kinder durch die Schule in ihrem Herzen tief gekränkt werden und dass sie die Schule nach 10 langen finsteren Jahren traumatisiert verlassen, wird selten wirklich thematisiert. Die großen und kleinen Katastrophen, die alle Schulkinder erleiden, werden rückblickend immer humorvoll oder sarkastisch oder resignativ erzählt, und es heißt dann "Schule ist eben so." Ich sehe aber das Leid der Kinder, das die Schule ihnen zufügt, als das, was es ist, wenn es geschieht: als konkret erlebtes Leid. Und ich erkenne es in seiner Brisanz und Tragweite für die einzelne Person und die Gesellschaft.

Wie schlimm sind persönliche Herabsetzungen, die ein Kind im Laufe seiner zehn- bis dreizehnjährigen Schulzeit in und durch die Schule erlebt? Was verheilt und was bleibt? Warum gibt es keine Studien darüber, welche seelischen Verletzungen Kinder in der Schule erleiden und wie es sich mit den Langzeitfolgen dieser Verletzungen verhält? Warum gibt es keine Leiddiskussion, weder in Ansätzen noch in der ganzen Vielfalt der Dinge, die für Kinder in der Schule Leid bedeuten?

Nun, in einer Welt, die den Erwachsenen über das Kind stellt und die dem Erwachsenen die pädagogische Aufgabe zuweist, aus Kindern vollwertige Menschen zu machen, ist die Herabsetzung des Kindes das Alltagsklima. Herabsetzung: der Erwachsene oben, das Kind unten – der Erwachsene ist der »richtige« Mensch, das Kind ist ein unfertiger, »noch nicht richtiger« Mensch. Das Alltagsklima der Herabsetzung ist strukturell verankert durch die pädagogisch-anthropologische Sichtweise vom Kind. Diese Herabsetzung wirkt aber nicht nur als psychologische Untergrundströmung, sondern wird im Alltag eines jeden Kindes immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich.

In der Schule gilt dieselbe Oben-Unten-Struktur wie in der Gesellschaft, alle Lehrer arbeiten in pädagogisch-anthropologischer Sichtweise an der Menschwerdung des Kindes. Und genauso wird im Alltag eines jeden Schulkindes die Herabsetzung immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich. Als Aktion eines konkreten Erwachsenen, des Lehrers Meier, der Lehrerin Müller: anschreien, beschimpfen, auslachen, bloßstellen, vorführen, bestrafen, beleidigen, zwingen, nötigen, übergehen, wegsehen, schlecht machen, ungerecht behandeln, austricksen, in die Enge treiben, mit Häme überziehen, Schuldgefühl machen, Geständnis erpressen, diskreditieren, diskriminieren, anschwärzen, verpetzen, belügen, das Wort im Munde rumdrehen, die intellektuelle Überlegenheit ausspielen, auflaufen lassen, links liegen lassen, vom Spiel ausschließen, bewusst überfordern, erpressen, eine Leistung nicht anerkennen, Strafarbeiten aufgeben, nachsitzen lassen und so weiter und so fort.

Und: ohne Unterlass wird in die körperliche Unversehrtheit eingegriffen. Man lässt einen anderen Menschen spüren, wer die wirkliche Macht über seine körperliche Integrität hat, wem man ausgeliefert ist, wie man sich zu bewegen, zu drehen und zu wenden hat. Der Körper wird dirigiert und funktionalisiert, Finger, Hände, Arme, Beine, Augen, Ohren, Nase, Mund, Magen. Immer wieder rollen die Angriffe auf die körperliche Souveränität heran, immer wieder erlebt sich das Schulkind nicht als Herr im eigenen Haus, sondern als vertrieben von sich selbst.
 
Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 20. April 2017

Amication leben, Elisabeth


Es fällt mir schwer, meine Erfahrungen mit Amication in Worte zu fassen, obwohl sich dadurch für mich sehr viel verändert hat. Die Veränderungen sind so subtil dass ich sie kaum jemand erklären kann, sie umfassen mein ganzes Wesen.

Anfangs wollte ich noch darüber sprechen, die Idee anderen Menschen erklären, sie überzeugen, sie begeistern. Ich werde stiller, ich lerne hinzuhorchen.

Die Erfahrung, die ich in den amicativen gruppendynamischen Wochenenden gemacht habe: »Ich bin es wert, dass andere Menschen mir zuhören, mir ihre Aufmerksamkeit schenken, meinen Schmerz, meine Trä­nen, meinen Zorn annehmen, einfach annehmen, ohne zu bewerten. ohne zu urteilen« – diese Erfahrung beginnt langsam in mir Wurzeln zu schlagen. Ein kleines Pflänzchen, das in mir Wärme und Glücksgefühl erzeugt.


Ich bin wert ... ich bin wichtig ... so wie ich bin, mit meinen hellen und mit meinen dunklen Seiten. Ich muss mich nicht anstrengen und anstrengen, um so zu werden, wie die anderen mich lieben können. Eine Aufgabe, die mich zerrissen hat, immer auf den anderen schauen, mein Verhalten richten nach jeder Geste, jedem Wort, immer auf dem Sprung ... und die Welt hat so viele andere!


Ich merke, während ich schreibe, dass wieder alte Gefühle des Schmerzes und des Zorns über Nicht-Genügenkönnen in mir aufsteigen und Hilflosigkeit und Trauer. Es ist ein Auf und Ab, Gefühle kommen und gehen, sie fließen durch mich hindurch und lassen mich ruhig und aufmerksam zurück. Ich kann hinschauen, hinhorchen auf mich und auf andere. Das Reden, Erklären, Überzeugen ist nicht mehr wichtig.


Ein weiterer wichtiger Impuls ist für mich der Gedanke »Ich bin für mich verantwortlich, jeder ist für sich verantwortlich, ich bin nicht für andere verantwortlich«.


Verantwortung war etwas, was mir schwer auf der Seele lag. Allein der Gedanke, dass ich nicht für andere verantwortlich bin, z.B. für meine Kinder, für meinen Partner, meine Freunde erleichterte mich sehr und gab mir neuen Bewegungsspielraum und Freude in meinen Beziehungen. Die Auseinandersetzung mit diesem Verantwortungsgefühl für andere dauert an, denn es ist anscheinend tief in mir verwurzelt. Ich mag andere Menschen und ich möchte, dass es ihnen gut geht, ich möchte helfen, dass es ihnen gut geht. Dabei ist es nicht immer einfach zu sehen, ob das, was für mich gut scheint, auch gut für den anderen ist.


Ganz wesentlich hat sich das Gefühl des Loslassens der Verantwortung auf meine berufliche Tätigkeit ausgewirkt. Ich arbeite mit körperlich, geistig und seelisch gestörten Kindern. Von der Ausbildung und meiner bisherigen beruflichen Erfahrung her war ich gewohnt, Verantwortung zu übernehmen: Der Therapeut weiß, was für das Kind gut und richtig ist. Ich stellte einen Therapieplan auf, hatte genaue Vorstellungen, was ich machen wollte, oder sollte sie haben, und es war für mich und das Kind oft sehr anstrengend.


Durch das neue Verständnis haben sich die Standpunkte verschoben, nicht mehr oben-unten, hier Therapeut – dort Kind, sondern gleichberechtigtes Miteinander-Arbeiten. Dadurch ist die Arbeit für mich viel schöner und unbelastender geworden. Das Gefühl »Ich kann die Verantwortung für seine Entwicklung beim Kind lassen« gibt mir die Möglichkeit, offen zu sein für alles, was vom Kind kommt. Ich bin ruhig und aufmerksam. Da ich nicht damit beschäftigt bin, mir zu überlegen, was ich jetzt mit dem Kind tun müsste, bin ich in Lage, auf die momentanen Bedürfnisse des Kindes zu reagieren, es da zu unterstützen, wo es meine Hilfe braucht.

Dienstag, 18. April 2017

Amication leben, Michael


Den theoretischen Aussagen von der Amication begeg­nete ich anfangs mit Skepsis. Sie waren mir zu »gefährlich«, als dass ich mich vorbehaltlos darauf hätte einlassen können. Beeindruckend waren jedoch die Menschen. Sie gingen echt miteinander um. Sie waren betroffene und mitfühlende Zuhörer. In dieser Umgebung konnte ich mich auf mich selbst einlassen und die mit viel Energie gespielte Sicherheit aufgeben. Ich konnte Wut, Angst und Unsicherheit zulassen. Ich erlebte seit langem wieder, wie mich Weinen befreite.

Diese Begegnung änderte auch die Beziehung zu meiner Frau. Ich hatte zuvor meine wahren Bedürfnisse häufig unterdrückt, wenn sie mit ihren nicht übereinstimmten. Ich scheute die Auseinandersetzung, weil die vermeintliche Harmonie zwischen uns gestört werden konnte. Für ihr Glück fühlte ich mich verantwortlich. Solange sie sich wohl fühlte, so meinte ich, würde es auch mir gut gehen. Die Realität sah anders aus. Keiner von uns fühlte sich wirklich wohl, denn auch sie hatte sich ein ähnliches Muster im Umgang mit mir zurechtgelegt. Durch die Amication erkannte ich meine kindliche Rolle, die ich noch immer spielte, so wie ich früher den Ansprüchen der Erwachsenen entsprochen hatte, um geliebt zu werden.


Ich hatte das große Glück, dass auch meine Frau sich für diese neue Lebensart entschied. So konnten wir uns gemeinsam entwickeln. Heute begegnen wir uns mit viel mehr Offenheit und Verständnis. Wir sind einander näher als früher. Wir können uns unterstützen, wenn Kraft dazu vorhanden ist. Wir können uns auseinandersetzen. Ich lerne zu ertragen, dass es ihr schlecht gehen kann, ohne dass ich das auf mich beziehen muss. Ich lerne, für mich selber zu sorgen. Bis heute haben wir viele Rückfälle in alte Verhaltensmuster erlitten. In Zukunft wird das nicht viel anders sein. Das entmutigt mich nicht und rüttelt nicht an meinem positiven Selbstbild, das ich durch die Amication gewonnen habe.


Sonntag, 16. April 2017

Amication leben, Jutta


Als ich zum ersten Mal von Amication hörte, war ich 42 Jahre alt und lebte in einer kritischen Lebensphase. Voll Unsicherheit und Zweifel war mein Leben. Meine 22 Jahre andauernde Ehe drohte kaputtzugehen, die ersten 3 Kinder waren bereits aus dem Haus – nach anstrengenden Auseinandersetzungen während ihrer Pubertätsjahre –, mein jüng­ster Sohn, der noch zu Hause lebte, war schwierig und verschlossen. Ich war damals auf der Suche nach Sicherheit für mich.

Ich erzählte auf einem Amications-Seminar von den Schwierigkeiten, die ich mit einem meiner Söhne hatte, und von meinen Schuldgefühlen und von dem Vorwurf an mich, vieles an der Erziehung dieses Sohnes falsch gemacht zu haben. Als Antwort bekam ich sinngemäß, dass ich gar nichts falsch oder richtig gemacht haben könnte, sondern sicher das getan habe, was in meiner Macht stand, dass ich das gemacht habe, was ich machen konnte. Diese Botschaft saß bei mir! Die tiefe Erkenntnis erreichte meine Gefühle – die Last der Schuld wich plötzlich von mir ab. Ich hatte ja wirklich immer nur das getan, von dem ich annahm, dass es richtig wäre.


Damals wusste ich so genau noch nicht, was es bedeuten würde, von meinem alten Anspruch abzulassen, zu erziehen und für andere zu wissen, was gut für sie sei. Ich wusste nicht, wie schwer es ist, die alten Gewohnheiten abzulegen, wirklich zu akzeptieren, dass nur jeder selbst für sich weiß, was für ihn gut ist. Es begann also ein langer Prozess des Lernens und des Übens der neuen Beziehung ohne Erziehung.


Mir war intellektuell klar, dass ich nicht in anderer Leute Köpfe sehen kann, also keinesfalls für einen anderen Menschen entschei­den kann, auch nicht für meine Kinder. Von dieser Grundhaltung überzeugt fing ich an, mich in einer Gruppe von Gleichdenkenden mitzuteilen, von den Versuchen, Erfolgen und auch Misserfolgen im Umgang mit anderen Menschen zu reden. Wir trafen uns von nun an einmal wöchentlich, ca. 4 Stunden. Diese Abende wurden für uns alle sehr wichtig, und wir beginnen gerade das vierte Jahr unserer regelmäßi­gen Treffen.


So ganz allmählich wurde mir immer klarer, dass es hier nicht um eine »noch bessere, liebevollere Erziehung«, ein noch geschickteres Umgehen mit Kindern geht – also um etwas für andere Menschen –, sondern dass ich es bin, die hier in Beziehung zu jemandem steht, dass ich es bin mit meiner ganzen Person, mit meinem Fühlen und meinem Denken. Ich begriff, dass ich es bin, die hier im Mittelpunkt allen Geschehens steht. Ich fing an, mich erstmalig wahrzunehmen, mich ernst zu nehmen, zu merken, was mit mir geschieht. Zu merken, was passiert, wenn ich meine Interessen nicht richtig vertreten kann, zu merken, was ich mache, wenn ich mich durch­setze, zu merken, wie das ist, wenn ich wütend werde, mich freue ...


Ich begriff, dass es auch mit mir als »erzogenes Kind« zu tun hat, mit meinen alten anerzogenen Mustern aus meiner Kindheit, meinen schmerzvollen Enttäuschungen, meinen Vorurteilen von dem, was sich gehört und was nicht, meinen Beschränkungen und auch mit meinen sinnvollen, alten Konditionierungen, die ich durch meine Eltern und Kulturbedingungen erfahren habe. Ich bekam Klarheit über das, was sich in mir abspielte.


Ich konnte mir nun mit diesen wahrnehmenden Kenntnissen über mich neu überlegen, was ich von den vielen anerzogenen Gesetzen, die mich leiteten, behalten wollte, weil sie sinnvoll und hilfreich für mich sind, und was ich an Gesetzen heute nicht mehr für mich will, weil sie mich behindern. Mir wurde klar, dass ich mich jederzeit neu entscheiden kann, das eine oder andere zu tun. Die Entscheidung liegt bei mir. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Sie gab mir das Wissen, dass ich einmalig und selbständig meine Dinge bestimmen kann, also meine Entscheidung habe, was ich tue, ob ich z.B. abhängig sein will oder nicht. Es war eine weit reichende Erkenntnis für mich, festzustellen, dass mich niemand wirklich zwingen kann und ich immer der Meister meiner Belange bin.

Ich übernehme die Verantwortung für mich. Das geht bis in alle Bereiche meines Lebens hinein. Es betrifft meinen Körper, meine Seele, meine politischen Auffassungen, überhaupt alles. Ich komme mir wie aufgeweckt vor. Ich bin von einer grauen Maus, die leidensfähig immer nur für andere sorgte, zu einer selbstbewussten, aktiven und munteren Frau geworden, die sich ihres Lebens freut, aufmerksam mit sich und anderen Menschen umgeht, die etwas über Körpersprache lernt, ein Gefühl für Energien bekommt, die Traurigkeit und große Freude erlebt, kurzum, die sich rundum wohl fühlt. Und das alles, obwohl meine Ehe inzwischen nicht mehr besteht, ich also alleine lebe. 


Ich kann »Ja« sagen zum Leben, mit allem Rauf und Runter. Mein altes Kindheits-Ok-Gefühl habe ich wieder gefunden, nachdem ich so mancherlei Gerümpel, was durch Erziehung darüber lag, beiseite schaffen konnte. Ich kann mich so akzeptieren, wie ich gerade heute bin. Ich habe nicht mehr den Zwang, mich bessern zu müssen, dieser alte pädagogische Anspruch ist Gott sei Dank von mir gewichen. Wann immer ich mit Menschen zu tun habe – besonders mit jungen Menschen –, gehe ich von ihrer Souveränität aus, möchte ich sie sehen, wie sie sind, von ihnen lernen, mit ihnen leben, mit ihnen lieben.



Samstag, 15. April 2017

Amication in die Praxis umsetzen



 »Wie soll ich Amication in die Praxis umsetzen? « Das geht natürlich nicht! Nicht so, wie es in dieser Frage aufscheint. Als Anwendung. Als etwas, das gekonnt sein will. Das man lernen kann. So geht es eben nicht!
Wie aber dann? Nun – es passiert einfach. Beiläufig. Ohne Absicht. Als Geschenk. Einfach so. Aber: nicht jedem passiert es, und nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es braucht günstige Umstände. Gute Zeiten. Sonne am Himmel. Besser: Sonne im Herzen. Denn mit dem Herzen hat es zu tun. Amication ist ja auch eine Herzenssache. Und die kommt gleich nach der Verstandessache. Oder vorher. Mit dem Verstand könnt Ihr herausfinden, welche Gipfel der Erkenntnis überhaupt in Frage kommen. Welche Gipfel der Ethik und Moral, der Philosophie und der Lebensfreude Ihr denn überhaupt als die eigenen ansehen möchtet. Und welche Ihr dann besteigen wollt, die Gipfel, auf denen Ihr zu Hause seid, im Nachdenken, mit dem Verstand, mit der intellektuellen Identität.
»Zu mir gehört Amication«. So ein Satz ist eine klare Kopfposition. Und gleich danach und eigentlich ja davor kommt das Herz: »Das fühle ich, diese amicativen Matterhörner und Wasserfälle, Kuhglocken und Schneereste, Murmeltiere und Alpensegler, Enziane und Berghütten. Das alles fühle ich eben – die amicativen Sonnenstrahlen wärmen mein Herz, erfüllen mich und machen mich froh. Wenn Ihr das fühlt (wenn Ihr das fühlt), dann ist der Rest – der ganze Rest: die so genannte Umsetzung – eine Naturgewalt, die sich eben einfach ereignet. Die nicht inszeniert werden kann, sondern die sich ergibt. Als Ausdruck dieses amicativ schlagenden Herzens, dieses Gefühls: »So – genau so ist es für mich richtig. Alles – die Amication rauf und runter, alle zwölf Punkte der Grundlagen und zigtausend amicative Dinge mehr.«
»Das sagt mir was, die Amciation. Das ist mein Zuhause. Darin lebe ich. Das ist alles für mich so selbstverständlich.« Dann hat die Umsetzung längst begonnen. Euer Herz hat sich verwandelt, Ihr habt es umgesetzt in amicatives Land. Mehr ist nicht nötig, und mehr geht auch gar nicht. Nur so lässt sich Amication »umsetzen«.
»Kann man das nicht ein bisschen konkreter haben? So, dass man sich etwas unter amicativer Umsetzung vorstellen kann?« Bitte was? Wie soll man sich denn eine solche Herzumsetzung vorstellen? So etwas macht kein Arzt und keine Medizin, so etwas wächst. Von allein, oder eben nicht. Und je nach Umständen. Ja, natürlich, man muss dafür offen sein, ein bisschen jedenfalls. Ohne dieses bisschen mitgebrachte Offenheit geht es nicht. Und ob man so ein Stückchen Offenheit im Lebensrucksack hat oder nicht – das ist ein Geheimnis, das jeder in sich hat.
Dennoch: Ich helfe ja gern bei der mühseligen Arbeit (!), sich so etwas wie die »Umsetzung der amicativen Idee in die Alltagspraxis« vorzustellen. Hier sind drei Beispiele von Menschen, die ihren Weg zur Amication schon vor langer Zeit gefunden haben. Und wer das wirklich will, der kann auch Amication lernen und üben, das ist ja auch nicht verboten.

Fortsetzung folgt.



Mittwoch, 12. April 2017

Amication missverstehen


Ein charakteristisches Merkmal amicativer Lebensweise besteht darin, dass Schuld-
zuweisungen und moralisierende Vorwürfe nicht vorkommen. Denn wie kann einer dem anderen die Schuld geben, wenn jeder nur für sich spricht und wenn jeder stets sein Bestes tut? Beziehungen, die frei sind von den Tönen des »Ich habe mehr recht als du« sind im Vergleich zu den Beziehungen, die mit solchen Tönen einhergehen, entspannter und stressfreier. Diese besondere, vom Moralisieren befreite Atmosphäre ist bei amicativen Menschen wahrzunehmen.

Soweit die Theorie. In der Praxis gibt es von dieser amicativen Umgangsform Abweichungen. Aber Achtung: Jede Abweichung, die passiert, kann pädagogisch sein, muss es aber nicht, sondern kann – trotz Abweichung – immer noch amicative Substanz haben.

Wenn Moralisieren auftaucht, dann kann eine innere Zustimmung zum Moralisieren dabei sein. Nach dem Motto: »Ich bin mein eigener Chef und ich kann alles tun, was ich will, nichts ist richtig, nichts ist falsch.« Wer so hinter seinem Moralisieren steht, kann den Kontakt zu den befreienden Aussagen von Amication verloren haben. Der eigentlich kraftvolle und konstruktive psychische Rundumschlag »Endlich kann ich alles tun, was ich will, denn ich bin o.k.« kann sehr missverstanden werden.

Wenn man auf amicativem Boden stehen und amicative Aussagen nicht für eigene Zwecke umdeuten will, dann kann man schon alles tun, was man will – jedoch nur im Geist von Amication. Die Befreiung von alten Zwängen geschieht nicht in den luftleeren Raum hinein, sondern in die Richtung, die Amication aufweist. Es wird immer wieder missverstanden, dass Amication dazu legitimiere, nun endlich alles tun zu können, was man will – ohne Bezug zur Gesamtidee. Viele Zeitgenossen nehmen Amication für einen Ausstieg aus ihren Zwängen, nicht jedoch für einen Umstieg in die amicative Lebensart.

Aussteiger finden nichts dabei, wenn sie moralisieren. »Kann ich ja tun«. Und sie sind damit im Grunde noch in der alten Welt. Umsteiger finden schon etwas dabei, wenn sie moralisieren: sie haben ein Gefühl das Bedauerns. Keine neuen Selbstzweifel, kein erschrecktes Selbstermahnen. Einfach Bedauern. Mit dem Impuls, sich durch das Moralisieren nicht irre machen zu lassen auf dem Weg, das Moralisieren vielleicht doch eines Tages verlassen zu können.

Dieser Impuls geht nicht in Richtung Selbsterziehung (ich muss an mir arbeiten, damit ich mit Moralisieren aufhöre.). Es ist der Kontakt zu der Gesamtphilosophie, eine Ehrlichkeit sich selbst gegenüber: Dass mir etwas unterläuft, was ich eigentlich nicht gut finde, was ich an mir aber nicht wegerziehen muss, was damit aber auch nicht willkommen geheißen wird. Es ist ein feines amicatives Gefühl: Etwas an sich bedauern zu können, ohne sich deswegen weniger zu mögen. »Auch mein Moralisieren gehört zu mir. Aber die Überzeugung, dass es ohne Moralisieren schöner ist und der Wunsch danach, ist ebenfalls ein Teil von mir.«

Man kann in seiner Praxis also überhaupt nicht amicativ sein, obwohl es so aussieht. Zum anderen kann die eigene Praxis überhaupt nicht amicativ aussehen, obwohl man amicativ ist. Das Bekenntnis zur Amication ist wenig. Es kommt darauf an, in Kontakt zu ihrem Sinn zu sein, auch, wenn man etwas (immer noch, immer wieder) tut, das pädagogisch aussieht. Dann ist auch Moralisieren kein wirkliches Problem.





Montag, 10. April 2017

So eine subversive Kraft


Zu meinem letzten Post kam eine Frage von HaJo, der ich nicht ausweichen
wollte.

Passiert war: Ich bekam mit, dass ein Erwachsener ein Kind übergriffig in
Essangelegenheiten behandelt hat. Klar, ich könnte diesen Ole darauf
ansprechen. Was sollte mich wirklich hindern? Ich kann allemal in eine
Nachmittags-Kinderbetreungssituation reinplatzen und den Mund aufmachen.
Oder um ein Gespräch nachsuchen. Nur: Wer Kinder so anfaucht, der ist
dermaßen in einer anderen Welt unterwegs als ich. Wenn das was werden sollte,
müsste ... Zauberei ist immer möglich, aber da muss ich ein stimmiges Gefühl
haben. Was bei der Ole-Geschichte aber nicht so ist. Ich habe HaJo entsprechend
geantwortet. Steht unten.

Habe ich das Kind im Stich gelassen? Wer, wenn nicht ich, könnte intervenieren?
Seine Mutter? Sein Vater? Andere Eltern der Betreuungskinder? Die Schulleitung?
Die Bildzeitung? Welches Fass soll aufgemacht werden? "Also auf geht's!!!" Marke
www.eckstein-photography.de? Ich hab da nicht so den Schwung. Sollte ich aber!
Sollte ich aber? Es rumort da schon in mir, und meine Beruhigungspille "Bin doch
nicht zuständig" wirkt. Ich fühl aber auch so eine lustvolle subversive Kraft, so ein
"Mach doch!" und "Kinder hängen lassen geht ja gar nicht!" Mal sehen... Ich lass
es mal wirken.

 *

Und, Hubertus, hast du diesen "Hier stehe ich und konnte nicht anders betreuen!"-Ole inzwischen schon danach gefragt?

Gruß von HaJo51AntwortenLöschen
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  1. Nein, ich lass ihn in Ruhe, glaub nicht, dass das was bringen würde, so jemand ändert sich nicht wirklich, jedenfalls nicht durch die Intervention von mir, einem Außenstehenden. Es müßte ja auch ein Gespräch werden, wo Ole sich nicht kritisiert fühlt, wo er sich nicht schlecht fühlt, wo er merken könnte, wie grenzüberschreitend er ist. Merken! Mit dem Herzen. Das alles ist mir to much und da scheue ich den Einsatz. Bis Ole mich nicht als übergriffig, sondern mich als frendlich-einladend für einen anderen Weg erlebt...die Chance ist mir zu klein, sorry.

Samstag, 8. April 2017

Wenn Du nicht aufisst...


Noch so ein kleines Schulerlebnis. Wieder die Schule vom letzten Post. Grundschule, Nachmittagsbetreuung. Der Siebenjährige erzählt: "Miriam hatte genug gegessen.
Aber der Teller war noch nicht leer. Ole, der Betreuer hat sie angemault: Wenn Du
nicht aufisst, bleibst Du bis heute Abend hier!"

Echt jetzt? So was ist doch Lichtjahre zurück! Ich seh mich bei meiner Großmutter
sitzen vor dem Kochfisch, knalltrocken der Mund, ewiges Rungekaue auf dem
Fischknuddel. "Erst isst Du auf, dann kannst Du losziehen." Auch ich war sieben.

Meinen Kindern habe ich gesagt, immer!: "Iss nur so viel, wie Du kannst, gut kannst.
Was Du nicht schaffst, schaffst Du nicht." Es kam sehr selten vor, dass sie nicht
aufgegessen haben. Jedenfalls hab ich den schaurigen Aufessedruck in meiner
Familie gar nicht erst aufkommen lassen. Ist doch so selbstverständlich wie was.
War damals, vor 30 Jahren, schon ein bisschen Revolution. Aber: Wie kann man
Kinder nur zum Aufessen drängen? Wer macht denn sowas?

Dahinter wuchtet natürlich wieder die Menschenwürde, die unantastbare. Hier:
die körperliche Unversehrtheit, das Recht auf den eigenen Körper. Was ich als
Vater ja auch immer wieder nicht umsetzen konnte. Wenn es ums Waschen ging,
Zähneputzen, Schlusspinkler, Fesseln per Anschnallgurt, Festhalten beim Wickeln,
ach, tausend Übergriffe. Die sein mussten, wie ich das so meinte. Aber dieses
ungewünschtes Mittagessen? Diese Mund-Unterdrückung (klar und scharf:
Mund-Vergewaltigung)? Ist das anders als Hustensaft? Bin ich zu unnachsichtig
mit Ole und Co.?

"Mein Bauch gehört mir!" Stolzes Wort in Kindermund. Schon mal gehört? Ja
doch, aber: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Und deswegen kommt das
Vollkornbrötchen in Deinen Bauch und nicht der 17. Schokohase von der Oma.
Immerhin, bei aller meiner Durchsetzungsmacht (Erwachsener oben, Kind unten):
Ich setze mich "nur" in der äußeren Welt durch (ich bin ja nicht antiautoritär).
Aber die innere Welt des Kindes lass ich in Ruhe. Ich habe nicht wirklich Recht,
ich folge nur meiner subjektiven Wahrheit. Einsehen muss bei mir kein Kind was.
Wiewohl es meinen Einsichten folgen kann, wenn es das will.

Aber Ole?

Mittwoch, 5. April 2017

Sport ist gesund...


"Sport ist gesund und gut für den Körper. Darum ist es schade, dass ich
mein Sportzeug veregessen habe."

Der Siebenjährige einer befreundeten Familie kommt mit diesem Zettel
nach Hause. Er soll ihn abschreiben. Wie oft, habe ich nicht mitbekommen.
1 mal, 10 mal, 100 mal? Schule heute. Schulalltag heute. Im Jahr 2017.

Was denkt sich die Lehrerin dabei, eigentlich? Wie erlebt sie sich vor
dem jungen Menschen? Wie sieht sie Kinder? Haben Kinder eine Würde,
gar eine unantastbare?

Sie will eine Veränderung in dem Jungen. In seinem Vergesslichkeitskopf,
in seiner Seele. Sie ist die kluge Missionarin, die dem kleinen Schulnegerlein
zeigt, wo es lang geht. Im Sportunterricht, bei ihr als Managerin seiner
Arme und Beine, seiner Beweglichkeit und Muskeln. Macht so etwas
gesund, Freude, Spaß? Was geht da eigentlich ab, bei dieser Abgesandten
unserer Kultur, einer Lehrerin? Ausgebildet mit viel viel öffentlichem
Geld an einer Universität.

Wie viele Vorlesungen und Seminar hat sie mitgemacht? Wie viele Professoren
hatten mit ihr zu tun, Einfluss auf sie genommen? Wie sind ihre Freundinnen
gestrickt? Was denken die alle eigentlich von Kindern? Sie Kinder Trottel,
Dumpfbacken, Biester, Bildungsmaterial? Ich glaub mal, dass diese
Sportzeugvergessekinder echt anstrengend für solche Lehrer sind. So
anstrengend, dass Grundlegendes auf der Strecke bleibt. Der gute Ton -
dahin. Einfühlung - dahin. Vorbildlichkeit - dahin. Freundlichkeit - dahin.
Mut machen - dahin. Statt dessen Drama, Draufhauen, Blosstellen, Schimpf
und Schande. So eine Lehrerin ist eine eklige Giftspritze, bei allem Respekt.

So eine Lehrerin will ich nicht an meine Kinder heranlassen. Wie konnte so
eine Lehrerin die Prüfungen überstehen, die vielen Begutachtungen in ihrer
Referendarzeit? Oder sind sie alle so gestrickt? Die Profs, die Bücher,
die Freundinnen? Ist das ganze System Schule so gestrickt? Ist so ein
kleiner Zettel "Sport ist gesund ..." ganz einfach eine Systemselbstver-
ständlichkeit? Und nur seine Mutter und ich finden etwas dabei?

Der Junge war super. Hat sich davon nichts angesteckt. War belustigt.
Abgeschrieben hat er ihn trotzdem. "...was des Kaisers ist." Na gut, wenn
er so stabil ist, wenn er in einem schützenden Zuhause groß wird. Ich
aber habe den großen Blick. Da hat sich doch in den 60 Jahren, in denen
ich dabei bin, nichts geändert. Nichts wirklich. Die Würde des Kindes
ist immer noch antastbar. Zettel statt Stock, klar. Doch das Subtile
ist von eigener Gefahr. Noch schwerer zu erkennen. Modischer
Nebel liegt über dem ganzen gruseligen Schulland. "Die Sportlehrerin
ist doch eine Nette" höre ich von den Eltern.

Sonntag, 2. April 2017

Kinderwarten und Zwischentore

 
„Ich warte.“ Die Kinder sollen bitte sehr aus dem Auto steigen, es geht zum Einkaufen. Aber sie spielen weiter mit einem alten Handy rum. Ich bin ausgestiegen und warte. Ungern. Ungerner. Noch ungerner. Ich öffne unsanft ihre Aussteigetür. Dann kommt endlich Bewegung ins Feld. Einer steigt aus. Der andere noch nicht. Mein Warten wird schwer, explosiv. Dann kommt auch der zweite. Der Weg zum Geschäft ist lastig, wartelastig. Jedenfalls nicht unbeschwert und heiter. Die Sonne scheint zwar, aber nur am Himmel.

Wieso kann ich nicht warten? Einfach da sein und warten? Was bremst mich aus? Ich bin heute Vormittag gern mit den Kindern in der Stadt. Wir haben etwas vor, Einkaufen und mal sehen. Doch ihr Nichtaussteigen vertreibt die Leichtigkeit des Seins.

Warten  - welch grandioses Thema. Eine Lebensthema. Auf alles und jedes und jede und jeden wird gewartet. Dass er/sie/es kommen möge. Nicht kommen möge. Dass es vorbei ist. Dass es nicht vorbei ist. Endlos, uferlos. Und immer wieder mit diesem unangenehmen Ton dabei.

Wenn ich gut bei mir bin, mit den Wolken fliege oder die Sonne genieße, dann gelingt das Warten. Dann könnte ich die Kinder in ihrem Spiel sehen, auch jetzt, wo sie nicht aussteigen. Sie sind doch in der Freude, in ihrem Spiel eben. Was muss ich das stören, zerstören durch meine Pläne, meine Eile, meine Ungeduld? Warum muss es jetzt nach mir gehen („raus jetzt, sofort“) und nicht nach ihnen („gleich, wir sind noch nicht fertig“)? 

Ich bin da irgendwie auf ein ungutes Gleis geraten. Wirklich eilig ist es nämlich natürlich sowieso und niemals nicht. Ich sinne nach. Und merke, dass ich mich nicht ernst genommen fühle. Dass ich mich von ihrem Spiel herabgesetzt fühle. Ausgebremst fühle. Blöd dastehe. So neben der offenen Autotür, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand. Das ist ganz schön absurd, skurril, grotesk. Was macht sich da in mir breit?

Alte selbst erlittene Kindersachen. Gedrängt zu werden. Dauernd gedrängt zu werden. Von den Wichtigkeiten und Notwendigkeiten und Sowiesoigkeiten der Erwachsenen. Alles hatte aufzuhören, wenn die Großen am Zug waren. Sie warteten nicht. Sie erwarteten. Dass ich nämlich in die Spur komme. So, wie sie sich das wünschten, so ganz selbstverständlich, als Umgangsform von Groß und Klein. Wenn die Großen sagten, was zu passieren hatte, dann war ich am Zug, das auch zu tun. Sofort.

So gingen und gehen Erwachsene mit Kindern eben um, als banale Basis. Erwachsene warten nicht auf Kinder. Es ist der Grundstandard. Ohne Worte. Wenn das Auto anhält, ich aussteige, dann steigen die Kinder auch aus. Handy aus und raus. Jedes Warten ist da unpassend, öffnet die Tür zum Unterordnen der eigenen Wichtigkeiten unter den Kram der Kinder. Kann man nicht durchgehen lassen. Führt ins Chaos. Ist völlig alltagsuntauglich.

Ich bin immerhin heute auf einer Zwischenstation angekommen. Ich kann es aushalten, bis sie kommen. Werde nicht massiv und so. Aber es ist sehr schwer. Immerhin kann ich sehen, was sie tun: sie spielen, sie spielen ja. Sie sind nicht irgendwie aufsässig. Sie spielen ja nur. Und genau dieses Merken erreicht mich dann beim Gehen zum Geschäft, wie der Zauberglanz der Sonne.

Es kommt an. Die Freude des Spielens, die Schmetterlinge aus dem Auto, das Glück des Handyspiels. Die Melodie des Lebens dringt bis zu mir vor, lacht mich an. Ich beruhige mich. Und dann kann ich stehen bleiben, als sie sich einem Bettler zuwenden, der am Boden sitzt. Ich warte. Er spricht sie an, sie sehen zu mir, und ich gebe ihnen etwas für ihn. Sie freuen sich über sein „Danke“ und seinen freundlichen Blick. 

Habe ich es nicht eilig? Das hat sich erledigt. Ich warte. Und genieße die drei Menschen vor mir, wie sie miteinander zu tun haben, die Kinder und der Bettler. Ich werde beschenkt. Das Warten öffnet Zwischentore für Orte, die nicht vorgesehen aber dennoch da sind,  voller Wunder und Geschenke.




Freitag, 31. März 2017

Und endet im Unendlichen


"Ich liebe mich so wie ich bin" - das ist eine große Vorgabe. Gelernt hat
jeder in der Kindheit anderes. Man soll erst ein vollwertiger Mensch
werden, an sich arbeiten und sich verbessern. Die Idee der Selbstliebe
stößt das alles um und eröffnet eine andere Sicht auf sich selbst.
Selbstliebe zeigt den Weg zu innerer Harmonie und zum Frieden mit
sich.

Doch aus der alten Sichtweise kommt ein verborgener Einwand,
gekleidet in Selbstakzeptanz und zugleich voll lähmender Anforderung:
Wenn man es denn für möglich, für gestattet, für moralisch, für erstre-
benswert hält, sich selbst zu lieben, wie immer man gerade ist - wenn
man es nicht für überspannt und lebensfremd hält, dann ist man auf
einmal sich selbst gegenüber im Wort, sich nun lieben zu dürfen und zu
sollen.

Man soll so viel zum eigenen Wohl! Ein gutes Leben führen, sich gesund
ernähren, entspannt und fröhlich sein, die Seele baumeln lassen, wild
und gefährlich leben, und jetzt auch noch sich selbst lieben!

Doch die Amication errichtet keine neue Norm, nach der man sich
richten sollte. Es wird vielmehr eine Einladung ausgesprochen und
eine Freude angeboten: Es gibt die Möglichkeit zur Selbstliebe. "Ich
liebe mich so wie ich bin" ist eine Perspektive und enthält keinerlei
Verpflichtung. Die Idee der Selbstliebe ist Aufatmen, Trost, Lächeln
und Einladung. Amication ist ein "Kann man machen. jeder kann sich
lieben, nichts spricht wirklich dagegen".

Die alte Weltsicht hat tausend Dinge, die dagegen sprechen. Doch hier
wird das anders gesehen. Amication ist die Information und die Gewissheit:
"Ein jeder kann sich lieben, so wie er ist" Man kann! Und Amication ist
dann noch ein bisschen mehr, ohne jegliche Pflicht, ein "Mach doch -
Komm mit - Du bist willkommen".

Selbstliebe wächst ohne Selbsterziehung, mit beiläufiger Freundlichkeit
sich selbst gegenüber. Und auch die pädagogischen Anteile des Ich
müssen nicht verändert werden, sondern sind als Teil der eigenen
Biographie geachtet. Alles hat seinen Platz in einem jeden Menschen -
Vergangenes und Widersprüche ebenso wie Aufbruch und neuer Weg.
Selbstliebe ist ein buntes Mosaik mit vielen Elementen. Selbstliebe
beginnt mit dem Vertrauen zu sich, flutet in alle Facetten des Selbst
und endet im Unendlichen.



Mittwoch, 29. März 2017

Meine nächsten drei Minuten



Die Befreiung vom pädagogischen Denken erfasst auch den Erwachse-
nen selbst. Auch Erwachsene mussten nicht erzogen werden, und auch
Erwachsene müssen nicht mehr an sich arbeiten, um bessere Menschen
zu werden. Erwachsene sind als Kinder vollwertige Menschen von
Anfang an gewesen, und diese Vollwertigkeit gilt auch heute und für den
Rest des Lebens. Ein jeder war und ist zu hundert Prozent ein vollwerti-
ger Mensch, verantwortlich für sich selbst von Anfang an und kann sich
lieben, so wie er ist.

Alles, was die Amication über Kinder sagt, gilt auch für Erwachsene.
Amication ist für Erwachsene unmittelbar von Gewinn, nicht nur in
ihren Beziehungen zu Kindern. Sie sind die Kinder, urn die es ihr Leben
lang in Wahrheit geht: "Ich bin für mich verantwortlich. Wie soll mein
Leben aussehen? Meine nächsten drei Minuten? Meine nächsten drei
Stunden? Meine nächsten drei Tage? Was will ich - was will dieses Kind,
das ich bin - wirklich? Wie könnte ich es erreichen?"

Amication wird oft zunächst im Blick auf die heutigen Kinder erfaßt.
Aber es geht um alle Kinder, auch um die großgewordenen. Es ist, als
ob ein junger Mensch zu den heutigen Erwachsenen tritt und ihnen
etwas von ihrem verschütteten Wissen der eigenen Kindheit mitteilt.
Dieses Kind erinnert die großgewordenen Kinder an die Wahrheiten
ihrer Kindheit - Wahrheiten, die durch Erziehung und pädagogische
Tradition verloren gingen:

Die Selbstliebe, die Vollwertigkeit, die Selbsterantwortung, die
Souveränität, die Gleichwertigkeit, die Subjektivität, die Fehler-
losigkeit, die Sozialität, die Achtung vor der Inneren Welt, die
Selbstbehauptung in der Äußeren Welt, die Empathie, die Erziehungs-
freiheit. Der Erwachsene, der von diesen Dingen hört, wird stets direkt
angesprochen. Und wenn er sich darin wiederfindet, dann setzt er den
amicativen Impuls für das Kind um, das ihm zuallererst anvertraut ist:
für sich selbst.

Montag, 27. März 2017

Liebe ja - Verantwortung nein


Ich kümmere mich um meine Kinder, das ist so selbstverständlich wie was. Aber nicht deswegen, weil ich für sie verantwortlich bin. Was bedeutet das? Und warum kümmere ich mich dann? Ein Blick in meine Schatzkiste:

*

Amication bedeutet in der Kommunikation mit den Kindern einen radikalen Bruch mit der Tradition. Die Botschaften der Kinder werden anders verstanden. Sie sagen den Erwachsenen in ihren Herzen:

»Liebe mich, aber nimm mir nicht meine Verantwortung für mich selbst. Denn ich bin ein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an. Hilf mir, unterstütz mich, sage ehrlich, wenn dir etwas zuviel wird. Aber maße dir nicht an, besser zu wissen als ich, was für mich wirklich gut ist. Deine subjektive Wahrheit ist mir willkommen und meiner subjektiven Wahrheit gleichwertig, niemals aber kann deine Wahrheit über meiner stehen.«

Die amicative Antwort ist: »Ich liebe dich und ich bin nicht für dich verantwortlich, denn dies bist du selbst von Anfang an, zu 100 Prozent.«

 Liebe ja – Verantwortung nein.


Samstag, 25. März 2017

Braunrot und Fuchs Schneeflocke


Heute war ich an Jans Grab in Kiel und habe dort für ihn eine kleine Blume
eingepflanzt. Dann bin ich an Meer gefahren, um einen Stein aus den Wellen
aufzulesen. Der kommt auf meinen Schreibtisch, der Jansstein. Es ist ein braun-
roter. Als wir vorzeiten darüber nachdachten, welche Farbe unser Emblem haben
sollte, fand Jans genau dieses irdene Braunrot gut: "So aus dem Urstoff ." Jetzt 
beginnt es zu dunkeln, die Sonne ist vorhin untergegangen, und ich sitze auf der
Friedhofsbank und lese ihm aus meinen Gute-Nacht-Geschichten vor.

*

Die kleine Schneeflocke sah sich vorsichtig urn. Am liebsten wäre sie in der
Wolke geblieben, aber jetzt saß sie hier unten. Auf der großen Astgabel. Es
war schon sehr schwierig, sich zurechtzufinden. Ein bisschen mehr nach
links, und sie würde herunterfallen. Ein bisschen mehr nach rechts, und sie
würde auch herunterfallen. Und wenn sie nun geradeaus ging? Vorsichtig
schob sie sich nach vorn. Tatsächlich: dort, wo kein Ast mehr war - der Ast
teilte sich nach links und rechts -, dort, wo gar nichts mehr war, außer Luft
und Abgrund, da konnte sie weitergehen.

Sie schwebte; Sie sank tiefer und landete auf der Nase von Kramondu, dem
lila Fuchs mit den fünf Pfoten. Ich schmelze, dachte sie. Eine Fuchsnase ist
doch viel zu warm für mich. "Du brauchst keine Angst zu haben", sagte
Kramondu. "Ich bin ein kalter Fuchs."  "Wirklich?" flüsterte die Schneeflocke.
"Ja doch, das liegt an meiner fünften Pfote", lächelte der Fuchs."Alle Füchse,
die fünf Pfoten haben, sind ziemlich kalt, und keine Schneeflocke muss
schmelzen, wenn sie auf unserer Nase landet". Die Schneeflocke atmete
erleichtert auf.

Der Fuchs wirbelte durch den Schnee, er raste den dunklen Pfad lang und
stoppte vor seiner Burg."Willst du mit reinkommen?" fragte er. Die Schnee-
flocke nickte. Die Burg des Fuchses war lila - so wie er. Alles war lila. Die
Schneeflocke merkte, dass sie auch lila wurde."Du kannst die Wassersprache",
sagte der Fuchs. "Erzähl mir, was Wasser ist". Die Schneelocke dachte nach.
Dann sagte sie dem Fuchs, dass Wasser ein Wunder sei, das man nicht erklären
könne. "Das habe ich mir schon gedacht", antwortete der Fuchs. Er nahm sich
die fünfte Pfote ab und legte sie in eine kleine Schüssel."Was machst du?"
fragte die Schneeflocke erschrocken. "Ich werde jetzt ein Möhrengespenst",
sagte der Fuchs.

Und er wurde langsam zu einer großen lila Möhre. Die Schneeflocke
merkte, dass sie nun der Fuchs war, und sie zählte ihre Pfoten. Es waren vier.
"Also bin ich jetzt ein richtiger Fuchs", dachte sie stolz. Sie biss ein bißchen
von der Möhre ab. Dann lief sie nach draußen und tollte im Schnee herum.

Als Fuchs Schneeflocke zum Eichenplatz kam, warteten die anderen Füchse
auf ihn. "Gut, daß du endlich da bist", begrüßte ihn der älteste Fuchs. Sie
begannen das Fuchslied zu singen. Fuchs Schneeflocke merkte, dass er
schwebte. Er wurde leichter und leichter; und er landete auf der Astgabel.
"He, hallo", freute, sich die Astgabel, "Ich dachte schon, du kämst überhaupt
nicht mehr". "Ich bin ein lila Fuchs", sagte die Schneeflocke. "Weiss ich",
sagte die Astgabel. "Weil du geradeaus gegangen bist." Fuchs Schneeflocke
zählte seine Pfoten, es waren immer noch vier. "Ich muss wieder nach unten",
sagte er. "Ich weiß", sagte die Astgabel. "Wenn du bleibst, wirst du wieder
eine Schneeflocke sein". Da warf die Schneeflocke den Fuchs nach unten,
und sie wirbelte mit dem nächsten Windstoß hoch zu den Wolken.

Donnerstag, 23. März 2017

»Was will ich wirklich?«


»Was will ich wirklich?« ist die Frage, die den Weg zur amicativen Praxis zeigt. »Was will ich wirklich?« leitet jemanden, der sich selbstverantwortlich fühlt. So zu denken bedeutet keine lange innere Diskussion, sondern ist ein selbstverständlicher Reflex, gelegentlich ein kürzeres Innehalten, wenn etwas unklar ist. Die jeweilige Entscheidung orientiert sich am Insgesamt aller Faktoren: Erfahrung, Wissen, Gefühle (Ängste, Mut, Zögerlichkeit, Hoffnung, Freude usw.), Situation, körperliche Verfassung, Perspektiven, Finanzen, Zeit, Risiken, Gewinn ... was immer eine Rolle spielen mag. Amicative Entscheidungen beziehen sich auf das, was das Insgesamt nahe legt. Es geht nicht um die vordergründig annehmlichste Lösung. Den Arbeitsplatz zu verlieren, weil das schöne Wetter zu ungenehmigtem Urlaub lockt: Ist dies wirklich von Vorteil? Wohl kaum. Wenn es aber tatsächlich wichtig ist, genau dies zu tun, dann wird es getan. 

Korrekturen an der Gesamteinschätzung sind jederzeit möglich. Dann will man etwas anderes als eben noch. Dabei war das Eben nicht falsch. Eben war die Einschätzung so, jetzt ist sie anders. Die Vergangenheit wird nicht herabgesetzt. Was jemand tut, ist vor ihm verantwortet, es entspricht seiner Bewertung und Moral und ist eine subjektive Entscheidung, die sich nicht zu recht von außen messen lässt. Bei aller Korrektur: niemand hat einen wirklichen Fehler gemacht. Denn der Gedanke, etwas könne falsch sein, misst den, der aber so entscheidet, von außen und setzt ihn und seine Entscheidung herab. Wer eine Entscheidung trifft, tut dies, weil es seiner Sicht der Dinge entspricht – und (dieser) seiner Sicht gebührt Achtung, denn sie ist ein Teil von ihm. 

»Was will ich wirklich?« ist nicht die Frage nach den Fantasien und Träumen (zu ihnen führen andere Fragen), sondern nach der Wirklichkeit, in der ein jeder lebt: in Abwägung der Vorstellungen und Wünsche mit den vorhandenen Möglichkeiten hier und heute. Es ist ein Realismus, der nicht nach Verrat der Träume schmeckt, sondern es entsteht ein konstruktiver Umgang mit den Realitäten, so dass man mit sich und der Welt in Übereinstimmung leben kann. 

Die Kinder kennen lange Zeit den Weg zur Kongruenz, denn sie sind einerseits sehr realistisch und andererseits sehr nah bei ihren Träumen, und wenn sie amicativ aufwachsen, gelingt es ihnen, die Balance zu halten. Zum Beispiel: Wer nicht zur Schule geht, wird letztlich mit Polizeigewalt hingeschafft und ist ein buntes Huhn unter seinen Spielkameraden. Welches Kind wird sich das zumuten? Amicativ aufwachsende Kinder sind Realisten. Aber Realisten, die stets Ausschau danach halten, wie sich ihre Wünsche verwirklichen lassen. Sie sind nicht demoralisiert angepasst, sondern ihre Anpassung ist konstruktiv und kommt aus dem Gespür für die Grenzen ihrer eigenen Macht. Diese Grenzen sind flexibel, und was jetzt nicht geht, ist vielleicht gleich möglich. Aber wenn etwas jetzt nicht geht, dann geht es eben jetzt nicht, und darauf stellen sich die Kinder ein.




Mittwoch, 22. März 2017

Erkennt und achtet es!


Traditionellerweise fühlen sich Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung des Neugeborenen von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Sie schneiden die Nabelschnur durch, kaum dass das Kind da ist, und zwingen es so zur Luftatmung. Amication hingegen sieht die Selbstverantwortung des Kindes: Jeder neugeborene Mensch kann die Umstellung selbst regeln.

In einer amicativen Geburt wird das Kind unmittelbar nach dem Geborensein auf den Bauch und die Brust der Mutter gelegt nahe an ihrem Herzen. Die Nabelschnur wird nicht durchschnitten, das Kind somit nicht zur Luftatmung gezwungen. Auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur von der Plazenta zum Kind und bringt mit jedem Herzschlag den benötigten Sauerstoff. Langsam, in eigener Regie, kann sich das Neugeborene parallel dazu auf die Luftatmung umstellen. Das Blut in der Nabelschnur wird vom Körper des Kindes nach und nach vollständig aufgenommen, es wird zur langsamen Entfaltung der Lunge und für den Lungenkreislauf benötigt, die Nabelschnur wird leer und durchsichtig und kann schließlich durchtrennt werden.

Traditionellerweise fühlen sich Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung des Neugeborenen von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Sie schneiden die Nabelschnur durch, kaum dass das Kind da ist, und zwingen es so zur Luftatmung. Amication hingegen sieht die Selbstverantwortung des Kindes: Jeder neugeborene Mensch kann die Umstellung selbst regeln.

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen, biochemischen Möglichkeiten und vielen anderen vom kindlichen Organismus selbst gesteuerten Prozessen regeln die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf, ihren Schlaf, ihre gesamte Entwicklung. Immer wieder entscheiden sie selbst, unendlich viele große und kleine Dinge in ihrem beginnenden Leben. Wann soll zum Beispiel die erste Bewegung erfolgen, mit dem Finger, der Hand, dem Arm, dem Bein, dem Kopf, dem Rumpf, dem Körper ... Und schließlich sind sie es, die ihre Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze: Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jeder selbst, wann der rechte Zeitpunkt für ihn gekommen ist, und das Ungeborene gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter, um damit die Wehentätigkeit auszulösen.

Alle Kinder kommen als hochwertig ausgebildete und trainierte Selbstverantworter auf die Welt und rufen den Erwachsenen zu: »Ich bin für mich selbst verantwortlich! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es!«


Montag, 20. März 2017

leben und tod



ich
lächle
den tod an
und er lächelt zurück
und das leben
sieht zu

ich
spüre
du tod
und du leben
ihr seid ich
und ich
bin
ihr

sein heißt
leben und tod und alles





Sonntag, 19. März 2017

Jans-Ekkehard Bonte


Amication hieß früher "Freundschaft mit Kindern", abgekürzt FmK. Die Grundlagen dieser erziehungsfreien, postpädagogischen Weltsicht und Weltdeutung wurden von Jans-Ekkehard Bonte und mir 1978 und 1979 entwickelt. Hierzu mehr in einem der nächsten Posts.

Jans und ich kennen uns also fast 40 Jahre, sind uns in großer Freundschaft verbunden, haben viel miteinander erlebt und das amicative Projekt immer weiter vorangetrieben. Als wir das erste Grundsatzpapier 1979 - im "Jahr des Kindes" - in nächtelangen Marathonsitzungen Satz für Satz ausformulierten, waren wir in kosmischer Magie unterwegs, es war, als ob der Heilige Geist mit am Tisch säße. 

Prosaischer: Wir hatten ein saugutes und fröhliches Gefühl bei der ganzen Sache. Gänzlich avantgardistisch. Wer kannte schon "Adultismus", geschweige denn machte Front dagegen? Wer dachte schon den patriarchalischen Unterdrückungsmechanismus bis ins Kinderzimmer? Erziehung- nein danke! Ja, ging's noch? Es ging!

Jans ist vorigen Freitag 81jährig gestorben. Er hat bis zuletzt daran mitgewirkt, Amication - unsere Idee von Selbstliebe und Erziehungsfreiheit - in die Welt zu tragen. Jans, es ist schön, dass wir das solange zusammen tun konnten. Der Gedanke, das Bild, das Nachsinnen über Dich, Jans erfüllt mich mit Zuversicht und Freude.

*

Liebe FmKler,

Jans ist am Freitag früh gestorben, friedlich zu Hause. Ich habe ihn vor einigen Wochen zweimal besucht. Er war gut drauf und sah dem großen Finale freundlich entgegen. Wir haben über alte Zeiten geschwätzt und den Urtext von FmK von 1979 vorgekramt. Diesen Text haben wir viele Nächte lang Satz für Satz durchgekaut - unsere große Freundschaft begann. Ohne Jans wären wir nicht dort wo wir heute sind. Und wir alle würden uns auch nicht kennen. Bei meinem letzten Besuch haben wir wie damals Öffentlichkeitsarbeit gemacht und zusammen am Blog Amication Reader gearbeitet. Jans hat dann noch weiter daran gebastelt.
 
Seine unaufgeregte und liebevolle Art mit dem Sterben und dem Tod umzugehen hat mich schwer beeindruckt. Genau so werde ich es auch machen. Am Tag vor seinem Tod hat er in seinem Blog noch etwas gepostet: "Stand der Dinge": 

 https://www.selbsterkenntnis-eigensinn.de/blog/ 

Schmökert da und in den vorhergehenden Posts ein wenig herum, wenn ihr ihm nah sein wollt.

Jans und ich haben viel miteinander erlebt, FmK-mäßig und privat. Mein liebstes Bild: 1980, FmK im Grünen, viele Familien waren da, Jans kroch auf allen Vieren auf seine kleine Tochter zu, sie wich zurück, er hinterher, ganz Löwe, Gestik, Mimik, alles stimmte. Und Ellens Gesicht! Es war einfach magisch.

Liebe Grüße Euer Hubertus




Freitag, 17. März 2017

Du tust mir weh


Noch etwas aus meiner Schatzkiste zum Thema "Zuständigkeit". Und: wenn man weiß, ahnt, auf dem Schirm hat, dass der andere gleich mit Schmerz reagieren wird, könnte man es ja auch bleiben lassen - wenn man es kann. Der Lieblosigkeit wird hier nicht das Wort geredet. Ganz im Gegentei: Liebe fließt umso mehr, je weniger sie unter Druck gerät.

*

»Du tust mir weh« – wir haben von klein auf zu glauben gelernt, dass dies überhaupt geschehen kann. Und dass wir diejenigen seien, die den anderen Schmerz und Betrübnis bereiten. Doch wir schneiden auch das »Du tust mir weh« als einen Marionettenfaden ab. »Du tust mir weh« geht in Wahrheit überhaupt nicht zwischen Menschen!

»Du tust mir weh« schiebt dem einen die Zuständigkeit und Verantwortlichkeit für das Wohl des anderen zu. Zuständig und verantwortlich bin ich jedoch stets für mich selbst, niemals kann dies ein anderer für mich sein. Wenn es in unserem Umgang ein »Du tust mir weh« gibt, zeigt dies, dass wir einander zu entmündigen gewohnt sind und dass in komplizierter Weise der Entmündigte (der Zuständigkeit für seinen Schmerz nicht mehr bei sich sieht) den anderen unterdrückt, indem er ihm die Sorge für sein Wohl aufbürdet.

Wir haben gut gelernt, auf das »Du tust mir weh« blitzschnell zu reagieren: mit Verteidigen, mit Wiedergutmachen, mit Beschwichtigen, mit Entschuldigen, mit schlechten Gefühlen und schlechtem Gewissen. Unumstößlich war, dass wir tatsächlich dem anderen etwas getan hatten und dass die Idee »Der eine kann dem anderen weh tun« eine korrekte Idee sei.

Es ist jedoch ein jeder für sich selbst zuständig. Wenn ich etwas tue, ist dies vor mir, dir und der Welt verantwortet. Da ich mich liebe, ist mein Tun immer ein sinnvolles und letztlich Liebe ausdrückendes Tun. Dies bedeutet nicht, dass es von den anderen stets als Glück erlebt wird! Mein sinnvolles Tun kann durchaus für andere Schmerz bedeuten. Aber es gilt zu merken, dass die Schmerzerfahrung über mein sinnvolles Tun die Erfahrungsrealität des anderen ist, nicht etwas, für das ich zuständig bin. Du könntest in der Tat ja auch anders als mit Schmerz reagieren, etwa mit Erstaunen, Belustigtsein, Gelassenheit, Anteilnahme, Sorge, Spaß, Glück, Zufriedenheit usw. als ausgerechnet mit Schmerz.

Ich tue nur Sinnvolles, jederzeit das Beste. Wenn du darauf mit Schmerz reagierst, ist dies sicher deine korrekte Reaktion – aber es ist deine Reaktion und nichts, was ich mir anstecken müsste. Wenn wir den Schmerz des anderen so ansehen, verwischen wir nicht die Zuständigkeiten. Ob du mich als Schmerz oder Glück erfährst, ist nicht meine, sondern deine Sache.

Statt »Du tust mir weh« wäre es korrekter zu sagen »Ich erlebe dich schmerzvoll«. Damit würde die Zuständigkeit klar ausgedrückt. Aber solche Redewendung ist völlig unüblich – und es ist nicht verwunderlich, dass unsere Sprache solche Differenzierungen kaum kennt. Doch es kommt natürlich nicht auf die Worte an. Wichtig ist zu wissen, dass ich immer für mich selbst zuständig bin, auch, wenn andere mit mir umgehen, auch, wenn andere von mir als schmerzvoll erlebt werden. Dass eine solche Sicht geradezu revolutionierende Konsequenzen für unsere Beziehungen hat, liegt auf der Hand.

Wenn ich erlebe, dass durch mein Tun jemand in Schmerz gerät und ich mich nicht in Zuständigkeitsdebatten und Schuldzuweisungen verlieren muss, sondern genau weiß, was mir zukommt (Liebe zu strahlen) und was dir zukommt (diese jetzt als Schmerz zu erleben), dann habe ich auch Kraft, mich dir zuzuwenden – deinem in dir lebenden Schmerz. Und du könntest erfahren, dass ich dich liebe – was wiederum deinen Schmerz lindern wird.


Donnerstag, 16. März 2017

Wutausbruch - und dann?


Das Erkennen der Selbstverantwortung bedeutet das Ende der Verstrickungen, die dadurch entstehen, dass jeweils der andere verantwortlich dafür gemacht wird, wie es einem geht.

Wenn ich gewohnt bin und nicht anders denken kann, als dass andere für mich verantwortlich sind, dann gilt in den Beziehungen das »Du bist schuld« und »Wegen dir geht es mir schlecht«. Aber ich kann mich von dieser Sicht fremder Verantwortung fort und hin zur meiner eigenen Zuständigkeit orientieren.

Im Bereich der psychischen Wirklichkeit, der Bewertung und Gewichtung der Außenwelt, zu der auch das Verhalten des anderen gehört, erlebe ich dann meine ungeschmälerte Selbstverantwortung: »Was andere mit mir tun, unterliegt der Bewertung von mir«. Für die Innenseite der Beziehung gilt das Andere-sind-für-mich-verantwortlich-Muster nicht mehr.

Es gilt dann: »Auf dein Verhalten kann ich mit Freude oder Schmerz reagieren – dies ist meine Zuständigkeit. Für meine Reaktionen auf dein Tun bist nicht du, sondern bin ich selbst verantwortlich.«

Und ebenso: »Auf mein Verhalten kannst du mit Freude oder Schmerz reagieren – dies ist deine Zuständigkeit. Für deine Reaktionen auf mein Tun bin nicht ich, sondern bist du selbst verantwortlich.«

Auf einen Wutausbruch etwa kann der andere ebenfalls mit Wut oder auch gelassen reagieren, für beide Reaktionsmöglichkeiten wird er seine Gründe haben. Es gilt aber nicht mehr, den anderen für die eigene Reaktion verantwortlich zu machen.

Dienstag, 14. März 2017

Handyalarm und Allezeit


Wochenende mit Freunden, viele Kinder sind dabei. Viele Handys auch. Wir Eltern sehen, wie die Handys die Kinder im Griff haben. Oder haben die Kinder die Handys im Griff? Klar, wir kommen ins Gespräch über Kinder und Handys. Abends schreib ich was dazu.

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Wieviel Handy, Smartphon und Co. darf in Kinderhänden sein? 1, 2, 3 Stunden am Tag? 24 Stunden? Ich habe gelernt, dazugelernt. Am besten finde heute ich die Allezeit-Position: die und auch meine Kinder geben ihrem Handysein Raum, sie bestimmen selbst über ihre Handyzeit. Allezeit. Wenn mir unbehaglich ist, sag ich das. Wenn ich es nicht mehr sehen kann, sag ich das. Was dann passiert? Mal sehen, je nachdem wie alles so spielt. Dann wird es ausgeschaltet, oder auch nicht. Dann fühl ich mich missachtet oder auch nicht. Dann geht das Abendland unter oder auch nicht. Dann hau ich auf den Putz oder auch nicht. Situation, flexibel, wenn die Sonne scheint ist es anders als wenn es regnet.

Statt Brandenburger Tor: Handy. Statt Amsel: Handy. Statt Stadt-Land-Fluss: Handy. Geht ja gar nicht! Aber wenn sie so leben? Anders: Sie leben so. Sind in ihrer Welt unterwegs. Das Tor, die Amsel, das Spiel: kommen nicht zur rechten Zeit. Jetzt kommts: Wer bestimmt, wann rechte Zeit ist? Mein Ding? Hallo, wer bin ich denn! Die Kinder leben ihr Leben. Ich freu mich, dass sie da sind. Muss mehr sein? Mehr muss nicht sein.

Osterbesuch. Anna ist 16, voll im Handywahn. Mittagessen. Gäste - wir - sind da. Alle sitzen am Tisch, es ist festlich. Anna: nicht da. Ihre Eltern: Voll entspannt. Absolut kein Thema, die Nicht-Anna. Wir beginnen. Anna kommt. Mit Handy. Setzt sich hin, Handytime. Drei Löffel Suppe, nebenbei. Hauptmahlzeit: Handy. Und jetzt, so fantastisch, so magisch, so alle Bedenken niederreißend, so herzanrührend: sie schmiegt ihren Kopf an den Arm ihres Vaters, er hält sie, er isst weiter, er unterhält sich weiter. Mehr Harmonie geht nicht. Nach drei weiteren Löffeln geht sie wieder. Es ist so...gut einfach.

"Es ist ihre Welt. Ihr Leben. Wir sehen ein bisschen in ihre Zukunft, 2030, 2040. Wir sind dabei. Sie gestaltet ihr Leben." Ihr Vater liebt sie, sie fühlt sich bei ihm wohl, er fühlt sich bei ihr wohl. Diese Familie hat absolut kein Handyproblem. "Macht sie auch noch mal was anderes?" frage ich. Brandenburger Tor, Amsel, Stadt-Land-Fluß. Meine Dunkelwelt reißt an mir. Ihr Vater erzählt mir, was sie alles macht: Tor, Amsel, Spiel. Sie ist kein Alien. Sie ist Anna. Ein ganz normales Kind. 


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Samstag, 11. März 2017

Niemals aber Erziehung


Es gibt viele Konzeptionen für den Umgang mit Kindern. Die Palette reicht von autoritärer Erziehung über Gewähren lassen bis zu antiautoritärer Erziehung, und meist wird ein partnerschaftliches Verhältnis als erstre­benswert angesehen. Die Grundlage aller verschiedenen Methoden ist stets diese: »Kinder müssen erzogen werden.« Es fragt sich nur, wie.

Amication fragt anders: Müssen Kinder wirklich erzogen werden? Vielleicht sind sie ja gar keine »Erziehungs-Menschen«, sondern ganz normale Leute? Vielleicht sind Kinder ja schon von Geburt an Menschen – vollwertige Menschen, und müssen nicht erst dazu gemacht werden, auch nicht auf die progressivste Art und Weise? Vielleicht ist die Idee, Erziehung müsse sein, eine falsche und gefährliche Sicht vom Menschen? Wem dient dies wirklich? Steht da nicht einer über dem anderen? Wird da nicht »zu deinem Besten« geformt? Muss da nicht einer etwas einsehen? Hat da  nicht einer immer recht?

Das alles erinnert an die Art, wie Europäer mit Afrikanern und Indianern, Männer mit Frauen, Kommunisten mit Bürgern umgingen. Es wird deutlich, dass das Oben-Unten-Denken im Umgang mit Kindern eine breite, historisch gewachsene und lange Zeit unbefragte Basis hat. Wobei die Mächtigen aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht von vornherein böse, sondern gut, liebevoll und verantwortungsbewusst sind, wie Eltern zu ihren Kindern: Europa missioniert den Rest der Welt, Männer enthalten Frauen das Wahlrecht vor, die Partei beschließt, was »objektiv« gut ist.

Amication verlässt diese Welt des »einer steht über dem anderen«, und das gilt auch gegenüber jungen Menschen. Die existentiellen Aussagen über Kinder werden auf neue Weise gedacht: »Mach mich nicht zu einem Menschen, ich bin es von Anfang an. Sag mir deine Erfahrungen, aber sag nicht, dass du besser weißt als ich, was für mich gut ist, denn das spüre ich selbst am besten. Liebe mich, aber sei nicht für mich verantwortlich, denn das bin ich selbst. Ich brauche deine Loyalität und Solidarität, deine Unterstützung, und wenn du nicht anders kannst, dein ehrliches Nein – niemals aber Erziehung.«

Freitag, 10. März 2017

Pflicht mit Lust


Amication sagt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Dies ist erstens schwer zu verstehen, da es der erlernten Sicht vom Umgang miteinander widerspricht: »Der andere ist aber doch verantwortlich für mich!« Und es ist zweitens schwer verdaulich, da der einzelne dadurch unmissverständlich in die Pflicht für sich selbst genommen wird. Es ist dies eine Pflicht, die den Menschen seit ihrer Kindheit genommen wurde und die zu tragen sie nicht gewohnt sind. Es ist ja so viel leichter, Schuld zuzuweisen und andere für das eigene Befinden verantwortlich zu machen...

Welcher Erwachsene will sich diese Pflicht zumuten, die er als Kind noch lange Zeit als Lust und nicht als Last erlebte, diesen Wunsch, über sich selbst bestimmen zu wollen? Amication tritt mit genau dieser befreienden Zumutung an die Erwachsenen heran.

Allerdings: Amication verpflichtet niemanden dazu, diese Pflicht zu übernehmen. Es gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Niemand muss sich selbstverantwortlich fühlen. Niemand muss sich um sich selbst kümmern. Niemand muss sich in die Pflicht für sich selbst nehmen. Aber jeder kann das tun. Amication ist eine Einladung – eine Einladung sich selbst (wieder) in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen.

Mittwoch, 8. März 2017

Aufbruch und Aufgabe



Kinder
und Morgenröte –
machtvoller Aufbruch,
voller Leben, das längst
begonnen hat und stets
und ganz sich selbst
gehört.

Wir, einst
früher Tag gewesen,
können neu verstehen lernen,
was Kinder brauchen und
welche Aufgabe
uns das Leben
zugewiesen
hat.




Dienstag, 7. März 2017

Essenz des Universums, Girlanden des Lebens


Meine Sieben Kreise

Ich bin ganz für mich. Dort, wo ich ungestört bin und mich wohlfühle. Wo ich mich meinem Nachsinnen und In-Mich-Hören hingeben kann. Nachts, im Wald, umgeben von den vielen Gestalten des Lebens, in tiefer Ruhe und Frieden. Ich will in all dieser wundermagischen Dunkelheit jetzt nur positive Welten in mir aufsteigen lassen. Ich bin in Sachen Selbstliebe unterwegs und will in die große Konstruktivität. Also lasse ich mich treiben in meine Sieben Kreise. Ich lasse diese Kreise in mir „sein“: ich bin sie und sie sind in mir.

Liebe sein. Dies ist die Essenz des Universums, die alles bewegt und durchdringt. Ich bin erfüllt und dankbar, dass ich Liebe sein kann, und ich bin mir sicher, daß ich Liebe bin. Ich schenke mir selbst dieses Geschenk, ich spüre in und vor meiner Stirn diese Wahrheit. Wenn ich die Augen schließe, weiß ich es.

Vertrauen sein. Die Natur um mich herum ist in einem unerschütterlichen Vertrauen. Vertrauen in sich selbst und die eigene Richtigkeit. Ich vertraue, mir, meinem Weg, dem Leben, dem Ganzen. Ich vertraue mich an, überhaupt. Ich lasse mich tragen von dieser Hingabe, sanft rückwärts fallen in die Sicherheit.

Willkommen sein. Ich fühle mich willkommen, hier auf dieser winzigen Kugel im Unendlichen. Willkommen geheißen vom Unendlichen. „Du bist willkommen!“ Jeder Baum und Strauch und Halm, jedes Tier und Tierchen um mich herum tragen diese Botschaft zu mir. Girlanden des Lebens.

Zuversicht sein. Hier muss ich mich sehr konzentrieren. Was ich gerne tue. Aber dann gelingt es, dieses Gefühl, dass da Grund ist und dass es eben gut ausgeht, alles. Und dass ich die seltsamen Pfade des Lebens und ihre unvorhersehbaren Biegungen mit freundlicher Gelassenheit passieren werde. Es wird schon!

Freude sein. Liebe – Vertrauen – Willkommen – Zuversicht. Ich halte diese Reihenfolge ein und es beginnt Freude in mir aufzusteigen. Ein warmes Gefühl, erlaubt und begrüßt. Eingeladen, mich zu freuen. Ich bin so vieles, Freude auch. Die ganze Natur um mich herum ist in freudigem Selbst. Ich gehöre dazu.

Glück sein. Es wird noch intensiver. Eine vorsichtige Bewegung, ich will es nicht übertreiben. Ahnung vom Glück, ein offenes Tor, ein Land dahinter, mit allen Dimensionen. Die Illusion löst sich wie Wolken auf und Glück wird meine Realität. Ich bin ergriffen von diesem meinem Mut. Glück ist immer da, und ich lerne es zu sehen.

Harmonie sein. Umfasst alles. Ist das große Schwingen. Die Einigkeit mit mir selbst und dem Kosmos. Nichts anderes ist gegeben. Es ist die Wahrnehmung meiner frühesten Kindheit, Erinnerung, meiner selbst sicher, ungefragt, einfach da. Ich ruhe in mir und atme. Ich lasse es gut sein. Es ist erreicht und strömt und strömt.

Nach einer großen oder kleinen Weile lasse ich das alles. Ich wache auf und bin jetzt sehr bei mir. Ich wandere noch ein wenig durch die Nacht. Ich will dieses Meditieren ja nicht übertreiben, aber es ist schön und tut gut. Die Alltäglichkeiten melden sich wieder in meinen Gedanken. Ja – ist schon gut. Ich bin noch da! „Du kannst einfach gehen“, höre ich die Sieben Kreise. „Und wiederkommen.“ Das werde ich.




Sonntag, 5. März 2017

Zauberei unten am Fluss


Nach dem Joggen mache ich Gymnastik. Ich sitze auf dem Boden, auf dem kleinen Weg am Fluss. Ein Wanderer kommt auf mich zu. „Ist alles in Ordnung?“ fragt er besorgt. „Ja“, sage ich, „ich mache nur Gymnastik. Danke.“ Wir sehen uns freundlich an, und er geht wieder seiner Wege. Er sah einen Menschen am Boden, war besorgt und hat sich gekümmert. Es tut mir gut.

"Ist alles in Ordnung?“ Wir können immer wieder hinschauen. Vielleicht braucht jemand gerade Hilfe. Meine Hilfe. Doch da gibt es auch eine Hürde, die es zu nehmen gilt. Bin ich aufdringlich, übergriffig? Bringt meine Frage nur unangenehme Reaktionen?

Wieviel Einmischung darf sein? Wie immer kommt es letztlich auf mich an. Der andere wird dann schon reagieren. Ich sehe jemandem am Boden: kommt das gut, wenn ich da nachfrage? Ich überwinde die Hürde, betrete ungefragt sein Land und folge dem Impuls, mich einzumischen. Es drängt mich danach, und es beruhigt mich. Ich lasse ein mögliches Leid nicht am Wege liegen, übersehe dieses Signal nicht. Jeder gehört sich selbst, klar, aber diese Grenzüberschreitung gestatte ich mir.

„Ist alles in Ordnung?“ Ich denke darüber nach. Wie oft reagiere ich, wenn etwas neben mir auftaucht, das Leid sein könnte? Wieviel sehe ich und wieviel übersehe ich? Wie oft kann ich den Blick lösen vom Eingefangensein des Alltags? Ich nehme mich jetzt nicht in die Pflicht, sorgsamer zu sein. Aber ich spüre dem nach und merke, dass es einfach auch gut tut, sich zu kümmern. Mir gut tut. Es ist auch ein Abenteuer der Freude, dem anderen beizustehen und ihm aufzuhelfen.

Wenn wir in einem Raum liebevoller Leichtigkeit unterwegs sind, schauen wir nach dem Leid des anderen. Wenn wir selbst beschwert sind, gelingt das selten. Das muss man sich ja nicht übelnehmen, wir sind stets unterschiedlich beladen unterwegs. Sein „Ist alles in Ordnung?“ kommt aus einem guten Land, überschreitet die Grenze und führt in ein gutes Land. Der Wanderer und ich sind uns in diesem Land begegnet, ein bisschen Zauberei unten am Fluß. Ein Geschenk, das mich begleitet.

Samstag, 4. März 2017

Glücksdonner und Glücksstaub


Kann man mit Amication glücklich werden? Ist Amication eine Garantie für Glück? Jemand, der die amicative Lebensführung gutheißt, kann durchaus Erwartungen in diese Richtung haben. Dass das Leben jetzt leichter wird, dass alles besser klappt, dass eben allgemein mehr Glück stattfindet.

Durch die Amication verschwinden nun tatsächlich viele Belastungen. Man glaubt wieder an sich und an seinen Wert und daran, dass man niemals wirklich Fehler machen kann. Und erkennt seine letztlich eben doch vorhandene Konstruktivität. Man sieht die Kinder mit diesen anderen – amicativen – Augen: Dass sie ihre eigene Innere Welt haben, die man grundlegend achtet. Man erkennt ihre Würde und Einmaligkeit.

Das alles befreit und bringt Leichtigkeit und Lächeln, als verfügbare Grundstimmung. So etwas wird bewusst, wenn man andere Familien mit dem traditionellen Umgang erlebt oder wenn man sich an alte Zeiten vor der amicativen Wegmarke erinnert. Also: Da ist durchaus Glück.

Aber dieses Glück ist kein Donnerschlag wie die große Liebe oder der Ausbruch des Weltfriedens. Nichts gegen die großen Glücksdonner – aber das leistet Amication nicht. Amication ist auch nicht das Instrument, um die mittleren Glücke zu bekommen. Amication verschafft nicht solches Glück – das kommt von woanders her. Glück fällt entweder vom Himmel oder man muss etwas dafür tun. Selbstverantwortlich von Geburt – die Grundposition der Amication – gilt auch in der Glücksfrage, und das bedeutet, dass ein jeder auch für sein Glück selbst zuständig ist.

Man kann also keine Glückswunder von der Amication erwarten, sondern man muss sich schon selbst um sein Glück bemühen. Und da gibt es unzählige persönliche Wege, denn das Glück des einen ist nicht die Richtschnur für das Glück des anderen. Doch wenn auch ein jeder sein Glück auf seine Weise realisiert – amicative Menschen verbindet der amicative Glücksstaub zwischen den Zeilen des Lebens.