Sonntag, 5. Februar 2017

Die pädagogische Mission


Es gibt viele Definitionen von Erziehung. Meine beruht auf
der Grundhaltung aller Erziehenden: Ihres Anspruchs, bes-
ser zu wissen als andere, was für diese gut ist. So hat ein
erzieherischer Erwachsener den Anspruch, besser zu wissen
als das Kind, was für es gut ist, besser als das Kind selbst.

Und er gibt sich dafür Berechtigungen: "Ich bin erfahrener"
- "Ich bin älter" - "Ich habe die Verantwortung". Oder
andersherum: "Du bist unerfahren" - "Du bist zu klein" -
"Du kannst das nicht selbst verantworten". Dieser Anspruch
hat eine eigene Dynamik. Erzieherische Menschen behalten
ihr Besser-Wissen nicht für sich, als ihre Privatmeinung.
Sondern sie sind mit Eifer dabei, das in die Tat umzusetzen,
was sie für das Beste des anderen halten.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich der erzieherische An-
spruch äußert. Dies ist jeweils historisch und gesellschaftlich
bedingt. Wir kennen heute die Verwirklichung des erzieheri-
schen Anspruchs als "Autoritäre Erziehung", "Antiautoritäre
Erziehung", "Demokratische Erziehung", "Partnerschaftli-
che Erziehung", "Laisser-faire-Erziehung","Humanistische
Erziehung","Sozialistische Erziehung","Kritische Erzie-
hung", "Emanzipatorische Erziehung", "Montessori-Erzie-
hung", Waldorf-Erziehung","Religiöse Erziehung" usw. usw.

Alle Erziehungsvarianten haben eines gemeinsam - wenn sie
sich auch sonst sehr unterscheiden mögen. Nämlich den
Anspruch des einen, besser zu wissen als der andere, was für
diesen gut ist, und die daraus resultierende Handlungsdynamik:
Die pädagogische Mission. Dieses Basiselement aller Erziehung
liegt meinem Erziehungsbegriff zugrunde.

Alle Beeinflussungen, die nicht mit einem erzieherischen An-
spruch verknüpft sind, nenne ich nicht Erziehung, sondern
einfach nur Beeinflussung. Diese - erziehungsfreien - Beein-
flussungen geschehen dauernd, niemand kann sich ihnen
entziehen. Das Tageslicht, die Farbe einer Blume, die Infor-
mation, die ohne erzieherischen Anspruch gegeben wird.
Man kann nun diese erziehungsfreien Beeinflussungen auch
unter dem Begriff Erziehung einordnen und sagen, alles sei
Erziehung. Doch ich spreche nur beim Vorliegen des erzie-
herischen Anspruchs mit seiner Handlungsdynamik von Er-
ziehung, sonst von Beeinflussung.

Wenn einer erzieht, stellt er sich über den anderen und gibt
ihm die Richtung an. Und er sorgt dafür, dass der andere
dann auch in diese Richtung geht. Wenn der andere nicht von
selbst geht, wird nachgeholfen. Und "Nachhelfen" ist ohne
die Ausübung von Herrschaft nicht zu bewerkstelligen. Wo-
bei man viele Arten von Macht anwenden kann. Angefangen
beim Einreden eines schlechten Gewissens über die "Selbst-
einsich" bis hin zu Einsperren und Schlägen. Erziehung zielt
immer darauf ab, dass der andere auch zu tun beginnt, was
man ihm als sein Bestes vorschreibt.


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