Donnerstag, 16. Februar 2017

Ich will nicht zur Schule


Ich bin zu Besuch. Um 7 wird es lebendig in der Familie,
das Kind muss zur Schule. "Ich will nicht zur Schule" -
ich liege noch im Bett nebenan, aber ich überhöre es
nicht. Wenn die Kinder nicht zur Schule wollen: dafür
gibt es sicher tausend Gründe. Aber in mir schwingt ein
besonderer Klang, mein Schul-Grundton. Tja. "Du musst
auch nicht" formt sich in mir. Es rührt sich, es wühlt, es
fasst mich an, Zorn meldet sich. "Geduld, Geduld". Ich
tu ja was, müh mich an der Langzeitfront. Später seh in
meinen Texten nach.

*

"Die Schule ist dafür da, damit die Kinder etwas lernen. Die
Schule soll ihnen das Wissen vermitteln, das sie brauchen,
um sich in unserer modernen technisierten Welt zurechtzu-
finden und um einen ihnen entsprechenden Beruf ausüben
zu können."

Soweit unsere guten Vorsätze. Die Vorsätze von Erwachsenen,
die für die Kinder die Schule eingerichtet haben. Und damit
es auch so kommt, wie wir es uns ausgedacht haben, setzen
wir den Kindern ein "Ihr müsst in die Schule" vor. Wir denken
uns nichts dabei, wenn wir Kindern das "Ihr müsst" sagen. In
die Schule muss doch jeder. Wir mussten auch in die Schule.
Die Schule ist eine Errungenschaft unserer zivilisierten Welt.
Ohne Schule gibt es Analphabetismus. Schule ist Voraussetzung
für so gut wie alles.

Und dennoch haben wir Erwachsenen einen großen Fehler
gemacht mit der Einrichtung der Schule. Genauer gesagt,
dieser Fehler wurde gemacht, als man erstmals unseren
Urgroßeltern das "Ihr müsst in die Schule" vorsetzte. Der
Fehler liegt darin, dass die Kinder nicht gefragt werden, ob
sie überhaupt in eine Schule wollen, und - falls sie zustimmen
sollten - was dort gemacht werden soll.

Wenn wir nicht die Kinder fragen, tun wir etwas sehr
Unwürdiges. Wir legen fest, womit sich junge Menschen
über einen Teil ihres Lebens beschäftigen sollen - jeden Tag
etliche Stunden, inzwischen zehn Jahre lang. Wir legen fest
was sie tun sollen - und, viel bedeutsamer noch - was sie
denken sollen. An Schulvormittagen (und nachmittags bei
den Hausaufgaben) werden sich die Gedanken unserer
Kinder nicht in selbstbestimmten Bahnen bewegen, sondern
auf den Pfaden, die die Erwachsenenwelt in einem fein
ausgeklügelten System (den Lehrplänen) bestimmt hat.

"Die Gedanken sind frei." Auch an Schulvormittagen?
Die Kinderrechtsbewegung kritisiert die Schulpflicht als
wohlwollende Maske einer diktatorischen und chauvini-
stischen Grundeinstellung jungen Menschen gegenüber.
Es ist das Grundrecht eines jeden Menschen, über sein
Lernen, über die Wege seiner Gedanken, selbst zu be-
stimmen. Doch in unseren Schulen weichen wir von dieser
Selbstverständlichkeit ab. "Zum Besten der Kinder."

Wenn mir ein Kind sagt, dass es nicht in die Schule
will, dann weiß ich, was es damit aussagt. Es fordert
ein Menschenrecht ein: Über das eigene Lernen selbst
bestimmen zu können.

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