Montag, 24. April 2017

Schultrauma, III

 

Das Aussprechen der Wahrheit


Fortsetzung der Posts vom 22. und 23.4.
Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

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Es lässt sich im Anschluss an die Demütigung etwas tun. Wenn Eltern diese seelische Verletzung ihrer Kinder schon nicht verhindern können, so können sie doch hier und sofort mit ihrer Heilung beginnen. Das Leid, das die Schule den Kindern zufügt, kann zum einen überhaupt und zum anderen rasch behandelt werden.

Das ist eine neue Möglichkeit – so nahe liegend und doch nicht erkannt. Hintergrund hierfür ist der eigentlich sehr einfache Gedanke, sich selbst als Mittelpunkt allen Geschehens zu sehen: die eigene Existenz als Basis der Welt zu begreifen, zu merken, dass es so viele Realitäten wie Menschen gibt. Mit dieser postmodernen Position wird deutlich, was einem selbst zukommt und was in die Zuständigkeit eines anderen Menschen gehört.

Und es wird ebenso erkennbar, wer ein Opfer und wer ein Täter ist – Doppelbindungen entstehen gar nicht erst. Der Nebel über dem Geschehen in der eigenen Schulzeit kann sich lichten, klarer und klarer treten der Lehrer Meier und die Lehrerin Müller von damals als Täter vor die Erinnerung, und ungestüm bricht sich das Wissen Bahn, dass wir Schulkinder damals im Recht waren, die Lehrer im Unrecht, dass sie Täter und wir Opfer waren und dass wir an unserem Leid damals nicht schuld waren. Und eindringlich wird bewusst, dass die heutigen Kinder in derselben Situation sind und wie wir ihnen helfen können.

Wenn ein jeder Mensch Mittelpunkt allen Geschehens ist, so gilt das selbstverständlich auch für den Täter, und da auch dieser Mensch aus seiner Sicht etwas Sinnvolles tut, wird zwar nicht das Leid kleiner, das das Opfer von ihm erfährt, aber es entsteht kein Hass. Kinder, die sich als Opfer erfahren und in dieser Opfererfahrung nicht durch Doppelbindungswirkungen gestört werden, werden nicht in Hass auf sich selbst, den Lehrer und die Schule verstrickt. Das Verhalten des Lehrers ist sinnvoll und aus seiner Sicht anders definiert als aus der Sicht des Kindes: Statt »Leid zufügen« sieht der Lehrer eine »notwendige Disziplinierung«, eine »berechtigte Strafe«, eine »hilfreiche Zurechtweisung«. Es wird der Hauch des Vorwurfs, des Schlechten, des Bösen, des Schuldgefühls und der Schuld-zuweisung aus diesem ganzen Szenario genommen.

Die Demütigung durch den Lehrer kann nun als das gesehen werden, was sie ist: eine Grenz-überschreitung, sinnvoll und unvermeidbar für den Lehrer, leidvoll und unakzeptabel für das Kind. Der Sinn des Lehrers steht nicht über dem Sinn des Kindes, und seinem »Das ist jetzt nötig« kann das Kind sein »Aber nur aus deiner Sicht« gleichwertig entgegenhalten. Das Leid des Kindes wird für das Kind Leid bleiben, doch es enthält nicht mehr das psychische Gift des objektiv Nötigen, verfügt durch eine absolute Autorität, erlitten durch eigenes Verschulden.

Die Eltern können ihren gedemütigten Kindern helfen, die Realität nicht zu verlieren. Sie können der aufkommenden Doppelbindung entgegenwirken, Schuldgefühle zerstreuen, das Selbstwertgefühl stärken, Orientierung sein, trösten. Es reicht dabei aus, das Unrecht, das vom Kind als solches erlebt wird, auch so zu benennen: »Es war Unrecht, er hat dir Leid zugefügt.« Ohne den Täter, den konkreten Lehrer, dabei zu diffamieren. Das Aussprechen der Wahrheit, so wie sie das Kind und die auf seiner Seite stehenden Eltern erleben, hat eine unglaublich befreiende und heilende Wirkung, ist voll Mitgefühl und Trost – und dabei gleichzeitig ohne jegliche Herabsetzung der Würde des Lehrers und Täters.

Wie in der Wahrheitskommission in Südafrika geht es darum, eine totalitäre Struktur (dort die Apartheid, hier die pädagogische Oben-Unten-Basis der Schule) in ihrer konkreten Inhumanität (dort der Übergriff des weißen Polizisten Meyer, hier der Übergriff des Lehrers Meier) offenzulegen als das, was es ist: Unrecht aus der Sicht der Betroffenen, der Schwarzen und der Kinder und ihrer Eltern. Dadurch, dass das Kind ohne Zweifel an sich selbst und seiner Wahrnehmung erlebt, dass ihm Leid zugefügt wurde, dass ihm tatsächlich unberechtigt Leid widerfuhr – und nicht ein irgendwie selbst verschuldetes und berechtigtes Schrecknis –, und dass die Eltern dies alles auch so sehen, verringert sich die Last. Das Leid kann zur Ruhe kommen, Trauer wird möglich, die Heilung kann einsetzen.

Ist das alles? Einfach nur die Dinge beim Namen nennen und trösten? Nun, das ist der Kern all meiner Überlegung und Erfahrung, wie sich dem Schulleid der Kinder wirklich begegnen lässt, dem Leid, das aus der grundsätzlichen pädagogisch-anthropologischen Herabsetzung und den täglichen konkreten Demütigungen kommt. Die Kinder zu trösten, wenn sie sich verletzt haben, ist eine Selbstverständlichkeit für Eltern. Diese Selbstverständlichkeit lässt sich auf das Leid übertragen, das den Kindern in der Schule widerfährt.

Darüber hinaus können Eltern miteinander über diese Thematik ins Gespräch kommen, sich gegenseitig klarmachen, wie sehr ein jeder in diese Erfahrungen verstrickt ist, und dass man sich dennoch aufmachen kann, die eigenen Kinder in der Aufarbeitung des Schulleids zu unterstützen, und zwar hier und jetzt. Wie immer geht es dort vorwärts, wo Eltern die reale Macht haben. Und hier, im Gespräch mit den Kindern und mit anderen Eltern in den eigenen vier Wänden, sind wir ungestört und frei von allem, was die Schule und die Lehrer von uns wollen.

Eltern können so dem Leid ihrer Kinder in der Schule tatsächlich wirksam begegnen – und auch den damals selbst erlittenen Schmerz zur Ruhe kommen lassen. Sie können aufhören, die Inhumanität der Schule irgendwie für gerechtfertigt zu halten (»Schule ist eben so«), und sie haben es auch nicht nötig, in schein-progressivem Eifer wie Don Quichotte immer wieder erfolglos gegen die Schulmühle anzurennen. Stattdessen halten sie vor der Mühle an, breiten eine Decke aus, kleben ein Pflaster auf die Schulwunden ihrer Kinder, und alle zusammen genießen das Picknick.

Sonntag, 23. April 2017

Schultrauma, II

      

Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird?


Fortsetzung des Posts vom 22.4.
Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

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Zu den selbst erlittenen Herabsetzungen kommt das Miterleben der Demütigungen der Alterskameraden, Mitschüler, Freunde – in der Zusammenzählung eine unvorstellbare Menge an durchlittenem und angeschautem Leid. Die Menge dieses Leids wird zur Norm, zur Selbstverständlichkeit, zur erlebten Erfahrung und zum Wissen: »Schule ist eben so.« Ohne Alternative. Und das Gefühl dafür, wie es hätte sein können, sein müssen, wenn Menschen miteinander in gegenseitiger Achtung, Freundlichkeit und Offenheit umgehen, stumpft ab, wird dünner und zerbricht schließlich: »Schule ist eben so.«

Wenn es einem selbst passiert – das ist dann irgendwie normal, es passiert allen, jeden Tag, »und wenn es mich trifft, was ist dabei?« Was ist dabei? Was ist dabei, wenn ein Mensch gedemütigt wird? Wenn er sich nicht mehr selbst gehört? Wenn seine Würde zertreten und sein Wert verhöhnt werden? Wenn sich der Schmerz nicht mehr artikuliert, wenn er nicht einmal mehr als Grenzüberschreitung empfunden wird? »Schule ist eben so.« Welche Seele entwickelt sich dann? Wie tief wachsen solche Verletzungen nach innen? Wie wirken sich diese Verwachsungen später aus, in aktuellen Leidsituationen? In denen, die man selbst erfährt, und in denen, die man miterlebt? Und in denen, die man selbst hervorruft? Wie schultraumatisiert sind wir alle – wie schultraumatisiert ist die Gesellschaft – wie schultraumatisiert ist die heutige Zivilisation?

Demütigungen in der Schule unterscheiden sich erheblich von denen, die in der Familie erlebt werden. Eine Herabsetzung durch den Vater oder die Mutter ist stets nur eine persönliche Angelegenheit zwischen diesem Erwachsenen und diesem Kind. In der Schule ist die Herabsetzung durch den Lehrer Meier und die Lehrerin Müller zwar auch etwas Persönliches, das sie mit diesem Kind austragen, aber darüber hinaus geschieht diese Herabsetzung öffentlich, viele sehen zu, der Verlust des Gesichts ist unabwendbar und stets. Die Demütigung erfolgt durch einen Repräsentanten der Öffentlichkeit, der öffentlichen Macht, der Gesellschaft. Der Stachel der Erniedrigung und Beschämung sitzt tief in der Seele durch die öffentliche Schande, die das Schulkind erlebt
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Das Überschreiten der psychischen Schamgrenze, an sich selbst erlebt oder bei anderen mit angesehen und mit erlitten, lässt Kinder zurück, die nicht nur in ihrem Selbstwertgefühl immer wieder demontiert werden, sondern die nach und nach das verlieren, was man Weltvertrauen nennt. Zu den bekannten Mechanismen, um solche Erlebnisse zu überstehen, gehört es, nicht den Angreifer, sondern sich selbst als Verursacher und Schuldigen für das Vorgefallene zu erleben. Die Kinder werden durch das Leid, das die Schule ihnen zufügt, in tiefe Schuldgefühle verstrickt. Sie geraten in das doppelte Unglück, einerseits Opfer zu sein mit all den abscheulichen Wirkungen – und andererseits sich selbst für diese ganze Peinlichkeit verantwortlich zu machen. Die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter verwischt, das Leid kann nicht mehr benannt werden, Sprachlosigkeit macht das Leid steinern und lastet schwer auf der Seele der Kinder.

Die Folgen sind für den einzelnen schwerwiegend genug und dauerhaft, da es weder in der Schulzeit noch in der späteren Erwachsenenzeit eine Aufarbeitung dieser Traumatisierung gibt. Doch sind diese Verletzungen nicht nur für den jeweils gedemütigten Menschen wirksam, sondern darüber hinaus auch dann, wenn den eigenen Kindern derartiges in ihrer Schulzeit widerfährt. Die aktuellen Schuldemütigungen der eigenen Kinder erinnern an die früher als Kind selbst erlittenen Erniedrigungen, die nicht geheilt sind und nun wachgerufen werden. Verschlossen geglaubte Türen zum eigenen Leid werden geöffnet, und der damals erlernte Mechanismus der Doppelbindung lebt auf. Die selbst erlebte Vermischung von Täter und Opfer wird wachgerufen und den eigenen Kindern vorgesetzt: »Geschieht dir recht!« oder »Daran wirst du nicht unschuldig sein!« Oder der Erwachsene empfindet ganz einfach Genugtuung, dass auch anderen – den eigenen Kindern – dieses widerfährt. Reaktionen, die den heutigen Kindern zur eigenen Last zusätzlich die Last ihrer Eltern aufbürden.

Aber wie sollten diese Eltern ihren Kindern auch helfen können? Gefangen im eigenen Leid haben die Eltern eigentlich keine wirkliche Möglichkeit, für ihre Kinder etwas zu tun. Die konkreten Demütigungen, die auch heute Tag für Tag von konkreten Personen in der Schule ausgehen, von Herrn Meier und von Frau Müller, lassen sich nicht vermeiden. Lehrer haben eine pädagogische Grundhaltung, im pädagogischen Bezug steht der Erwachsene als Zivilisationsbeauftragter oben, das Kind als zu zivilisierender Nachwuchs unten. Lehrer haben einen Auftrag – aus Kindern vollwertige Menschen zu machen –, und den müssen sie erfüllen. Und da »Lehrer auch Menschen sind«, werden sie sowohl ihre individuellen Charaktereigenschaften ausleben – und zwar auch die destruktiven – als auch in Belastungssituationen dafür sorgen, dass sie selbst nicht untergehen: und hierzu setzen sie letztlich Herrschaftsverhalten ein.

Es ist völlig illusorisch, sich dafür zu engagieren, dass die Demütigung des Kindes in der Schule verringert wird oder aufhört. Etwa indem man versucht, in konkreten Situationen Einfluss auf bestimmte Lehrer zu nehmen, oder indem die Lehrer in ihrer Ausbildung und Weiterbildung entsprechend sensibilisiert werden. Solange die Schule eine pädagogische Institution ist, enthält sie die strukturelle Herabsetzung des Kindes, und die in ihr arbeitenden Erwachsenen werden um ihrer eigenen Sicherheit willen die ihnen untergebenen Kinder immer wieder auch demütigen, demütigen müssen. Was aber lässt sich tun, wenn die Demütigungen der Kinder unabwendbar zum Alltag der Schule gehören? Wenn sich das Leid nicht verhindern lässt?

Fortsetzung folgt.
 


Samstag, 22. April 2017

Schultrauma, I


Schule, welch weites Feld! In drei Posts (aus meiner Schatzkiste) gehe ich in die Tiefe, in ein Nachsinnen über die ungeheuerliche Zumutung, Destruktion, ja Zerstörung, die jegliche Schule heute für die Kinder ist. Ohne Ausnahme!

Aber es gibt doch so viel Hilfreiches durch die Schule! Das übersehe ich ja nicht. Ich spiele in diesen Posts nur in einer ganz anderen Liga. Beispiel zum Verdeutlichen: Dass die (viele) Frauen im Patriarchat von den (vielen) Männern geliebt wurden/werden, ändert ja nichts an dem ganzen Unterdrückungsmechanismus, der im Patriarchat enthalten ist. Und der den Frauen nicht gut tut. Das ist mit dem Erwachsene-oben-Kinder-unten-Mechanismus, dem Adultismus, nicht anders. Natürlich lieben die (allermeisten) Erwachsenen ihre Kinder. Und schicken sie aus Liebe und Fürsorge in die Schule. Und dennoch, parallel zu ihrer Liebe und ihre Liebe konterkarierend, passiert dabei Ungeheuerliches. Was ich hier beschreibe. "Da haust Du nur auf die Lehrer, die sich bemühen". Auf sie hauen? Das rauscht an mir vorbei. Ja, ich stelle mich gegen "die" Schule und "die" Lehrer. Genau so wie ich mich gegen "die" Männer stelle, die Frauen unterdrücken. Aber: Ich setze die Schule und die Lehrer nicht herab, wenn ich mich gegen sie stelle.

Es geht in meinem Erkennen um Grundsätzliches. Kinder haben das Recht auf ihre Gedanken (Gedankenfreiheit), das Recht, ihre Gedanken mitzuteilen (wann, wo, wie sie wollen, Meinungsfreiheit), das Recht auf Gefängnisfreiheit (Freizügigkeit), das Recht auf ihren Körper (körperliche Unversehrtheit). Was passiert in der Schule mit diesen Rechten? "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - auch für Schulkinder? Und was ist mit dem ganzen Klein-Klein eines jeden Schultags, diese großen Rechtsdinge mal runtergebrochen ins Alltägliche? Ein weites Feld.

 

Die persönlichen Herabsetzungen


Dass Kinder durch die Schule in ihrem Herzen tief gekränkt werden und dass sie die Schule nach 10 langen finsteren Jahren traumatisiert verlassen, wird selten wirklich thematisiert. Die großen und kleinen Katastrophen, die alle Schulkinder erleiden, werden rückblickend immer humorvoll oder sarkastisch oder resignativ erzählt, und es heißt dann "Schule ist eben so." Ich sehe aber das Leid der Kinder, das die Schule ihnen zufügt, als das, was es ist, wenn es geschieht: als konkret erlebtes Leid. Und ich erkenne es in seiner Brisanz und Tragweite für die einzelne Person und die Gesellschaft.

Wie schlimm sind persönliche Herabsetzungen, die ein Kind im Laufe seiner zehn- bis dreizehnjährigen Schulzeit in und durch die Schule erlebt? Was verheilt und was bleibt? Warum gibt es keine Studien darüber, welche seelischen Verletzungen Kinder in der Schule erleiden und wie es sich mit den Langzeitfolgen dieser Verletzungen verhält? Warum gibt es keine Leiddiskussion, weder in Ansätzen noch in der ganzen Vielfalt der Dinge, die für Kinder in der Schule Leid bedeuten?

Nun, in einer Welt, die den Erwachsenen über das Kind stellt und die dem Erwachsenen die pädagogische Aufgabe zuweist, aus Kindern vollwertige Menschen zu machen, ist die Herabsetzung des Kindes das Alltagsklima. Herabsetzung: der Erwachsene oben, das Kind unten – der Erwachsene ist der »richtige« Mensch, das Kind ist ein unfertiger, »noch nicht richtiger« Mensch. Das Alltagsklima der Herabsetzung ist strukturell verankert durch die pädagogisch-anthropologische Sichtweise vom Kind. Diese Herabsetzung wirkt aber nicht nur als psychologische Untergrundströmung, sondern wird im Alltag eines jeden Kindes immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich.

In der Schule gilt dieselbe Oben-Unten-Struktur wie in der Gesellschaft, alle Lehrer arbeiten in pädagogisch-anthropologischer Sichtweise an der Menschwerdung des Kindes. Und genauso wird im Alltag eines jeden Schulkindes die Herabsetzung immer wieder auch konkret: verbal und handgreiflich. Als Aktion eines konkreten Erwachsenen, des Lehrers Meier, der Lehrerin Müller: anschreien, beschimpfen, auslachen, bloßstellen, vorführen, bestrafen, beleidigen, zwingen, nötigen, übergehen, wegsehen, schlecht machen, ungerecht behandeln, austricksen, in die Enge treiben, mit Häme überziehen, Schuldgefühl machen, Geständnis erpressen, diskreditieren, diskriminieren, anschwärzen, verpetzen, belügen, das Wort im Munde rumdrehen, die intellektuelle Überlegenheit ausspielen, auflaufen lassen, links liegen lassen, vom Spiel ausschließen, bewusst überfordern, erpressen, eine Leistung nicht anerkennen, Strafarbeiten aufgeben, nachsitzen lassen und so weiter und so fort.

Und: ohne Unterlass wird in die körperliche Unversehrtheit eingegriffen. Man lässt einen anderen Menschen spüren, wer die wirkliche Macht über seine körperliche Integrität hat, wem man ausgeliefert ist, wie man sich zu bewegen, zu drehen und zu wenden hat. Der Körper wird dirigiert und funktionalisiert, Finger, Hände, Arme, Beine, Augen, Ohren, Nase, Mund, Magen. Immer wieder rollen die Angriffe auf die körperliche Souveränität heran, immer wieder erlebt sich das Schulkind nicht als Herr im eigenen Haus, sondern als vertrieben von sich selbst.
 
Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 20. April 2017

Amication leben, Elisabeth


Es fällt mir schwer, meine Erfahrungen mit Amication in Worte zu fassen, obwohl sich dadurch für mich sehr viel verändert hat. Die Veränderungen sind so subtil dass ich sie kaum jemand erklären kann, sie umfassen mein ganzes Wesen.

Anfangs wollte ich noch darüber sprechen, die Idee anderen Menschen erklären, sie überzeugen, sie begeistern. Ich werde stiller, ich lerne hinzuhorchen.

Die Erfahrung, die ich in den amicativen gruppendynamischen Wochenenden gemacht habe: »Ich bin es wert, dass andere Menschen mir zuhören, mir ihre Aufmerksamkeit schenken, meinen Schmerz, meine Trä­nen, meinen Zorn annehmen, einfach annehmen, ohne zu bewerten. ohne zu urteilen« – diese Erfahrung beginnt langsam in mir Wurzeln zu schlagen. Ein kleines Pflänzchen, das in mir Wärme und Glücksgefühl erzeugt.


Ich bin wert ... ich bin wichtig ... so wie ich bin, mit meinen hellen und mit meinen dunklen Seiten. Ich muss mich nicht anstrengen und anstrengen, um so zu werden, wie die anderen mich lieben können. Eine Aufgabe, die mich zerrissen hat, immer auf den anderen schauen, mein Verhalten richten nach jeder Geste, jedem Wort, immer auf dem Sprung ... und die Welt hat so viele andere!


Ich merke, während ich schreibe, dass wieder alte Gefühle des Schmerzes und des Zorns über Nicht-Genügenkönnen in mir aufsteigen und Hilflosigkeit und Trauer. Es ist ein Auf und Ab, Gefühle kommen und gehen, sie fließen durch mich hindurch und lassen mich ruhig und aufmerksam zurück. Ich kann hinschauen, hinhorchen auf mich und auf andere. Das Reden, Erklären, Überzeugen ist nicht mehr wichtig.


Ein weiterer wichtiger Impuls ist für mich der Gedanke »Ich bin für mich verantwortlich, jeder ist für sich verantwortlich, ich bin nicht für andere verantwortlich«.


Verantwortung war etwas, was mir schwer auf der Seele lag. Allein der Gedanke, dass ich nicht für andere verantwortlich bin, z.B. für meine Kinder, für meinen Partner, meine Freunde erleichterte mich sehr und gab mir neuen Bewegungsspielraum und Freude in meinen Beziehungen. Die Auseinandersetzung mit diesem Verantwortungsgefühl für andere dauert an, denn es ist anscheinend tief in mir verwurzelt. Ich mag andere Menschen und ich möchte, dass es ihnen gut geht, ich möchte helfen, dass es ihnen gut geht. Dabei ist es nicht immer einfach zu sehen, ob das, was für mich gut scheint, auch gut für den anderen ist.


Ganz wesentlich hat sich das Gefühl des Loslassens der Verantwortung auf meine berufliche Tätigkeit ausgewirkt. Ich arbeite mit körperlich, geistig und seelisch gestörten Kindern. Von der Ausbildung und meiner bisherigen beruflichen Erfahrung her war ich gewohnt, Verantwortung zu übernehmen: Der Therapeut weiß, was für das Kind gut und richtig ist. Ich stellte einen Therapieplan auf, hatte genaue Vorstellungen, was ich machen wollte, oder sollte sie haben, und es war für mich und das Kind oft sehr anstrengend.


Durch das neue Verständnis haben sich die Standpunkte verschoben, nicht mehr oben-unten, hier Therapeut – dort Kind, sondern gleichberechtigtes Miteinander-Arbeiten. Dadurch ist die Arbeit für mich viel schöner und unbelastender geworden. Das Gefühl »Ich kann die Verantwortung für seine Entwicklung beim Kind lassen« gibt mir die Möglichkeit, offen zu sein für alles, was vom Kind kommt. Ich bin ruhig und aufmerksam. Da ich nicht damit beschäftigt bin, mir zu überlegen, was ich jetzt mit dem Kind tun müsste, bin ich in Lage, auf die momentanen Bedürfnisse des Kindes zu reagieren, es da zu unterstützen, wo es meine Hilfe braucht.

Dienstag, 18. April 2017

Amication leben, Michael


Den theoretischen Aussagen von der Amication begeg­nete ich anfangs mit Skepsis. Sie waren mir zu »gefährlich«, als dass ich mich vorbehaltlos darauf hätte einlassen können. Beeindruckend waren jedoch die Menschen. Sie gingen echt miteinander um. Sie waren betroffene und mitfühlende Zuhörer. In dieser Umgebung konnte ich mich auf mich selbst einlassen und die mit viel Energie gespielte Sicherheit aufgeben. Ich konnte Wut, Angst und Unsicherheit zulassen. Ich erlebte seit langem wieder, wie mich Weinen befreite.

Diese Begegnung änderte auch die Beziehung zu meiner Frau. Ich hatte zuvor meine wahren Bedürfnisse häufig unterdrückt, wenn sie mit ihren nicht übereinstimmten. Ich scheute die Auseinandersetzung, weil die vermeintliche Harmonie zwischen uns gestört werden konnte. Für ihr Glück fühlte ich mich verantwortlich. Solange sie sich wohl fühlte, so meinte ich, würde es auch mir gut gehen. Die Realität sah anders aus. Keiner von uns fühlte sich wirklich wohl, denn auch sie hatte sich ein ähnliches Muster im Umgang mit mir zurechtgelegt. Durch die Amication erkannte ich meine kindliche Rolle, die ich noch immer spielte, so wie ich früher den Ansprüchen der Erwachsenen entsprochen hatte, um geliebt zu werden.


Ich hatte das große Glück, dass auch meine Frau sich für diese neue Lebensart entschied. So konnten wir uns gemeinsam entwickeln. Heute begegnen wir uns mit viel mehr Offenheit und Verständnis. Wir sind einander näher als früher. Wir können uns unterstützen, wenn Kraft dazu vorhanden ist. Wir können uns auseinandersetzen. Ich lerne zu ertragen, dass es ihr schlecht gehen kann, ohne dass ich das auf mich beziehen muss. Ich lerne, für mich selber zu sorgen. Bis heute haben wir viele Rückfälle in alte Verhaltensmuster erlitten. In Zukunft wird das nicht viel anders sein. Das entmutigt mich nicht und rüttelt nicht an meinem positiven Selbstbild, das ich durch die Amication gewonnen habe.


Sonntag, 16. April 2017

Amication leben, Jutta


Als ich zum ersten Mal von Amication hörte, war ich 42 Jahre alt und lebte in einer kritischen Lebensphase. Voll Unsicherheit und Zweifel war mein Leben. Meine 22 Jahre andauernde Ehe drohte kaputtzugehen, die ersten 3 Kinder waren bereits aus dem Haus – nach anstrengenden Auseinandersetzungen während ihrer Pubertätsjahre –, mein jüng­ster Sohn, der noch zu Hause lebte, war schwierig und verschlossen. Ich war damals auf der Suche nach Sicherheit für mich.

Ich erzählte auf einem Amications-Seminar von den Schwierigkeiten, die ich mit einem meiner Söhne hatte, und von meinen Schuldgefühlen und von dem Vorwurf an mich, vieles an der Erziehung dieses Sohnes falsch gemacht zu haben. Als Antwort bekam ich sinngemäß, dass ich gar nichts falsch oder richtig gemacht haben könnte, sondern sicher das getan habe, was in meiner Macht stand, dass ich das gemacht habe, was ich machen konnte. Diese Botschaft saß bei mir! Die tiefe Erkenntnis erreichte meine Gefühle – die Last der Schuld wich plötzlich von mir ab. Ich hatte ja wirklich immer nur das getan, von dem ich annahm, dass es richtig wäre.


Damals wusste ich so genau noch nicht, was es bedeuten würde, von meinem alten Anspruch abzulassen, zu erziehen und für andere zu wissen, was gut für sie sei. Ich wusste nicht, wie schwer es ist, die alten Gewohnheiten abzulegen, wirklich zu akzeptieren, dass nur jeder selbst für sich weiß, was für ihn gut ist. Es begann also ein langer Prozess des Lernens und des Übens der neuen Beziehung ohne Erziehung.


Mir war intellektuell klar, dass ich nicht in anderer Leute Köpfe sehen kann, also keinesfalls für einen anderen Menschen entschei­den kann, auch nicht für meine Kinder. Von dieser Grundhaltung überzeugt fing ich an, mich in einer Gruppe von Gleichdenkenden mitzuteilen, von den Versuchen, Erfolgen und auch Misserfolgen im Umgang mit anderen Menschen zu reden. Wir trafen uns von nun an einmal wöchentlich, ca. 4 Stunden. Diese Abende wurden für uns alle sehr wichtig, und wir beginnen gerade das vierte Jahr unserer regelmäßi­gen Treffen.


So ganz allmählich wurde mir immer klarer, dass es hier nicht um eine »noch bessere, liebevollere Erziehung«, ein noch geschickteres Umgehen mit Kindern geht – also um etwas für andere Menschen –, sondern dass ich es bin, die hier in Beziehung zu jemandem steht, dass ich es bin mit meiner ganzen Person, mit meinem Fühlen und meinem Denken. Ich begriff, dass ich es bin, die hier im Mittelpunkt allen Geschehens steht. Ich fing an, mich erstmalig wahrzunehmen, mich ernst zu nehmen, zu merken, was mit mir geschieht. Zu merken, was passiert, wenn ich meine Interessen nicht richtig vertreten kann, zu merken, was ich mache, wenn ich mich durch­setze, zu merken, wie das ist, wenn ich wütend werde, mich freue ...


Ich begriff, dass es auch mit mir als »erzogenes Kind« zu tun hat, mit meinen alten anerzogenen Mustern aus meiner Kindheit, meinen schmerzvollen Enttäuschungen, meinen Vorurteilen von dem, was sich gehört und was nicht, meinen Beschränkungen und auch mit meinen sinnvollen, alten Konditionierungen, die ich durch meine Eltern und Kulturbedingungen erfahren habe. Ich bekam Klarheit über das, was sich in mir abspielte.


Ich konnte mir nun mit diesen wahrnehmenden Kenntnissen über mich neu überlegen, was ich von den vielen anerzogenen Gesetzen, die mich leiteten, behalten wollte, weil sie sinnvoll und hilfreich für mich sind, und was ich an Gesetzen heute nicht mehr für mich will, weil sie mich behindern. Mir wurde klar, dass ich mich jederzeit neu entscheiden kann, das eine oder andere zu tun. Die Entscheidung liegt bei mir. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Sie gab mir das Wissen, dass ich einmalig und selbständig meine Dinge bestimmen kann, also meine Entscheidung habe, was ich tue, ob ich z.B. abhängig sein will oder nicht. Es war eine weit reichende Erkenntnis für mich, festzustellen, dass mich niemand wirklich zwingen kann und ich immer der Meister meiner Belange bin.

Ich übernehme die Verantwortung für mich. Das geht bis in alle Bereiche meines Lebens hinein. Es betrifft meinen Körper, meine Seele, meine politischen Auffassungen, überhaupt alles. Ich komme mir wie aufgeweckt vor. Ich bin von einer grauen Maus, die leidensfähig immer nur für andere sorgte, zu einer selbstbewussten, aktiven und munteren Frau geworden, die sich ihres Lebens freut, aufmerksam mit sich und anderen Menschen umgeht, die etwas über Körpersprache lernt, ein Gefühl für Energien bekommt, die Traurigkeit und große Freude erlebt, kurzum, die sich rundum wohl fühlt. Und das alles, obwohl meine Ehe inzwischen nicht mehr besteht, ich also alleine lebe. 


Ich kann »Ja« sagen zum Leben, mit allem Rauf und Runter. Mein altes Kindheits-Ok-Gefühl habe ich wieder gefunden, nachdem ich so mancherlei Gerümpel, was durch Erziehung darüber lag, beiseite schaffen konnte. Ich kann mich so akzeptieren, wie ich gerade heute bin. Ich habe nicht mehr den Zwang, mich bessern zu müssen, dieser alte pädagogische Anspruch ist Gott sei Dank von mir gewichen. Wann immer ich mit Menschen zu tun habe – besonders mit jungen Menschen –, gehe ich von ihrer Souveränität aus, möchte ich sie sehen, wie sie sind, von ihnen lernen, mit ihnen leben, mit ihnen lieben.



Samstag, 15. April 2017

Amication in die Praxis umsetzen



 »Wie soll ich Amication in die Praxis umsetzen? « Das geht natürlich nicht! Nicht so, wie es in dieser Frage aufscheint. Als Anwendung. Als etwas, das gekonnt sein will. Das man lernen kann. So geht es eben nicht!
Wie aber dann? Nun – es passiert einfach. Beiläufig. Ohne Absicht. Als Geschenk. Einfach so. Aber: nicht jedem passiert es, und nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es braucht günstige Umstände. Gute Zeiten. Sonne am Himmel. Besser: Sonne im Herzen. Denn mit dem Herzen hat es zu tun. Amication ist ja auch eine Herzenssache. Und die kommt gleich nach der Verstandessache. Oder vorher. Mit dem Verstand könnt Ihr herausfinden, welche Gipfel der Erkenntnis überhaupt in Frage kommen. Welche Gipfel der Ethik und Moral, der Philosophie und der Lebensfreude Ihr denn überhaupt als die eigenen ansehen möchtet. Und welche Ihr dann besteigen wollt, die Gipfel, auf denen Ihr zu Hause seid, im Nachdenken, mit dem Verstand, mit der intellektuellen Identität.
»Zu mir gehört Amication«. So ein Satz ist eine klare Kopfposition. Und gleich danach und eigentlich ja davor kommt das Herz: »Das fühle ich, diese amicativen Matterhörner und Wasserfälle, Kuhglocken und Schneereste, Murmeltiere und Alpensegler, Enziane und Berghütten. Das alles fühle ich eben – die amicativen Sonnenstrahlen wärmen mein Herz, erfüllen mich und machen mich froh. Wenn Ihr das fühlt (wenn Ihr das fühlt), dann ist der Rest – der ganze Rest: die so genannte Umsetzung – eine Naturgewalt, die sich eben einfach ereignet. Die nicht inszeniert werden kann, sondern die sich ergibt. Als Ausdruck dieses amicativ schlagenden Herzens, dieses Gefühls: »So – genau so ist es für mich richtig. Alles – die Amication rauf und runter, alle zwölf Punkte der Grundlagen und zigtausend amicative Dinge mehr.«
»Das sagt mir was, die Amciation. Das ist mein Zuhause. Darin lebe ich. Das ist alles für mich so selbstverständlich.« Dann hat die Umsetzung längst begonnen. Euer Herz hat sich verwandelt, Ihr habt es umgesetzt in amicatives Land. Mehr ist nicht nötig, und mehr geht auch gar nicht. Nur so lässt sich Amication »umsetzen«.
»Kann man das nicht ein bisschen konkreter haben? So, dass man sich etwas unter amicativer Umsetzung vorstellen kann?« Bitte was? Wie soll man sich denn eine solche Herzumsetzung vorstellen? So etwas macht kein Arzt und keine Medizin, so etwas wächst. Von allein, oder eben nicht. Und je nach Umständen. Ja, natürlich, man muss dafür offen sein, ein bisschen jedenfalls. Ohne dieses bisschen mitgebrachte Offenheit geht es nicht. Und ob man so ein Stückchen Offenheit im Lebensrucksack hat oder nicht – das ist ein Geheimnis, das jeder in sich hat.
Dennoch: Ich helfe ja gern bei der mühseligen Arbeit (!), sich so etwas wie die »Umsetzung der amicativen Idee in die Alltagspraxis« vorzustellen. Hier sind drei Beispiele von Menschen, die ihren Weg zur Amication schon vor langer Zeit gefunden haben. Und wer das wirklich will, der kann auch Amication lernen und üben, das ist ja auch nicht verboten.

Fortsetzung folgt.



Mittwoch, 12. April 2017

Amication missverstehen


Ein charakteristisches Merkmal amicativer Lebensweise besteht darin, dass Schuld-
zuweisungen und moralisierende Vorwürfe nicht vorkommen. Denn wie kann einer dem anderen die Schuld geben, wenn jeder nur für sich spricht und wenn jeder stets sein Bestes tut? Beziehungen, die frei sind von den Tönen des »Ich habe mehr recht als du« sind im Vergleich zu den Beziehungen, die mit solchen Tönen einhergehen, entspannter und stressfreier. Diese besondere, vom Moralisieren befreite Atmosphäre ist bei amicativen Menschen wahrzunehmen.

Soweit die Theorie. In der Praxis gibt es von dieser amicativen Umgangsform Abweichungen. Aber Achtung: Jede Abweichung, die passiert, kann pädagogisch sein, muss es aber nicht, sondern kann – trotz Abweichung – immer noch amicative Substanz haben.

Wenn Moralisieren auftaucht, dann kann eine innere Zustimmung zum Moralisieren dabei sein. Nach dem Motto: »Ich bin mein eigener Chef und ich kann alles tun, was ich will, nichts ist richtig, nichts ist falsch.« Wer so hinter seinem Moralisieren steht, kann den Kontakt zu den befreienden Aussagen von Amication verloren haben. Der eigentlich kraftvolle und konstruktive psychische Rundumschlag »Endlich kann ich alles tun, was ich will, denn ich bin o.k.« kann sehr missverstanden werden.

Wenn man auf amicativem Boden stehen und amicative Aussagen nicht für eigene Zwecke umdeuten will, dann kann man schon alles tun, was man will – jedoch nur im Geist von Amication. Die Befreiung von alten Zwängen geschieht nicht in den luftleeren Raum hinein, sondern in die Richtung, die Amication aufweist. Es wird immer wieder missverstanden, dass Amication dazu legitimiere, nun endlich alles tun zu können, was man will – ohne Bezug zur Gesamtidee. Viele Zeitgenossen nehmen Amication für einen Ausstieg aus ihren Zwängen, nicht jedoch für einen Umstieg in die amicative Lebensart.

Aussteiger finden nichts dabei, wenn sie moralisieren. »Kann ich ja tun«. Und sie sind damit im Grunde noch in der alten Welt. Umsteiger finden schon etwas dabei, wenn sie moralisieren: sie haben ein Gefühl das Bedauerns. Keine neuen Selbstzweifel, kein erschrecktes Selbstermahnen. Einfach Bedauern. Mit dem Impuls, sich durch das Moralisieren nicht irre machen zu lassen auf dem Weg, das Moralisieren vielleicht doch eines Tages verlassen zu können.

Dieser Impuls geht nicht in Richtung Selbsterziehung (ich muss an mir arbeiten, damit ich mit Moralisieren aufhöre.). Es ist der Kontakt zu der Gesamtphilosophie, eine Ehrlichkeit sich selbst gegenüber: Dass mir etwas unterläuft, was ich eigentlich nicht gut finde, was ich an mir aber nicht wegerziehen muss, was damit aber auch nicht willkommen geheißen wird. Es ist ein feines amicatives Gefühl: Etwas an sich bedauern zu können, ohne sich deswegen weniger zu mögen. »Auch mein Moralisieren gehört zu mir. Aber die Überzeugung, dass es ohne Moralisieren schöner ist und der Wunsch danach, ist ebenfalls ein Teil von mir.«

Man kann in seiner Praxis also überhaupt nicht amicativ sein, obwohl es so aussieht. Zum anderen kann die eigene Praxis überhaupt nicht amicativ aussehen, obwohl man amicativ ist. Das Bekenntnis zur Amication ist wenig. Es kommt darauf an, in Kontakt zu ihrem Sinn zu sein, auch, wenn man etwas (immer noch, immer wieder) tut, das pädagogisch aussieht. Dann ist auch Moralisieren kein wirkliches Problem.





Montag, 10. April 2017

So eine subversive Kraft


Zu meinem letzten Post kam eine Frage von HaJo, der ich nicht ausweichen
wollte.

Passiert war: Ich bekam mit, dass ein Erwachsener ein Kind übergriffig in
Essangelegenheiten behandelt hat. Klar, ich könnte diesen Ole darauf
ansprechen. Was sollte mich wirklich hindern? Ich kann allemal in eine
Nachmittags-Kinderbetreungssituation reinplatzen und den Mund aufmachen.
Oder um ein Gespräch nachsuchen. Nur: Wer Kinder so anfaucht, der ist
dermaßen in einer anderen Welt unterwegs als ich. Wenn das was werden sollte,
müsste ... Zauberei ist immer möglich, aber da muss ich ein stimmiges Gefühl
haben. Was bei der Ole-Geschichte aber nicht so ist. Ich habe HaJo entsprechend
geantwortet. Steht unten.

Habe ich das Kind im Stich gelassen? Wer, wenn nicht ich, könnte intervenieren?
Seine Mutter? Sein Vater? Andere Eltern der Betreuungskinder? Die Schulleitung?
Die Bildzeitung? Welches Fass soll aufgemacht werden? "Also auf geht's!!!" Marke
www.eckstein-photography.de? Ich hab da nicht so den Schwung. Sollte ich aber!
Sollte ich aber? Es rumort da schon in mir, und meine Beruhigungspille "Bin doch
nicht zuständig" wirkt. Ich fühl aber auch so eine lustvolle subversive Kraft, so ein
"Mach doch!" und "Kinder hängen lassen geht ja gar nicht!" Mal sehen... Ich lass
es mal wirken.

 *

Und, Hubertus, hast du diesen "Hier stehe ich und konnte nicht anders betreuen!"-Ole inzwischen schon danach gefragt?

Gruß von HaJo51AntwortenLöschen
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  1. Nein, ich lass ihn in Ruhe, glaub nicht, dass das was bringen würde, so jemand ändert sich nicht wirklich, jedenfalls nicht durch die Intervention von mir, einem Außenstehenden. Es müßte ja auch ein Gespräch werden, wo Ole sich nicht kritisiert fühlt, wo er sich nicht schlecht fühlt, wo er merken könnte, wie grenzüberschreitend er ist. Merken! Mit dem Herzen. Das alles ist mir to much und da scheue ich den Einsatz. Bis Ole mich nicht als übergriffig, sondern mich als frendlich-einladend für einen anderen Weg erlebt...die Chance ist mir zu klein, sorry.

Samstag, 8. April 2017

Wenn Du nicht aufisst...


Noch so ein kleines Schulerlebnis. Wieder die Schule vom letzten Post. Grundschule, Nachmittagsbetreuung. Der Siebenjährige erzählt: "Miriam hatte genug gegessen.
Aber der Teller war noch nicht leer. Ole, der Betreuer hat sie angemault: Wenn Du
nicht aufisst, bleibst Du bis heute Abend hier!"

Echt jetzt? So was ist doch Lichtjahre zurück! Ich seh mich bei meiner Großmutter
sitzen vor dem Kochfisch, knalltrocken der Mund, ewiges Rungekaue auf dem
Fischknuddel. "Erst isst Du auf, dann kannst Du losziehen." Auch ich war sieben.

Meinen Kindern habe ich gesagt, immer!: "Iss nur so viel, wie Du kannst, gut kannst.
Was Du nicht schaffst, schaffst Du nicht." Es kam sehr selten vor, dass sie nicht
aufgegessen haben. Jedenfalls hab ich den schaurigen Aufessedruck in meiner
Familie gar nicht erst aufkommen lassen. Ist doch so selbstverständlich wie was.
War damals, vor 30 Jahren, schon ein bisschen Revolution. Aber: Wie kann man
Kinder nur zum Aufessen drängen? Wer macht denn sowas?

Dahinter wuchtet natürlich wieder die Menschenwürde, die unantastbare. Hier:
die körperliche Unversehrtheit, das Recht auf den eigenen Körper. Was ich als
Vater ja auch immer wieder nicht umsetzen konnte. Wenn es ums Waschen ging,
Zähneputzen, Schlusspinkler, Fesseln per Anschnallgurt, Festhalten beim Wickeln,
ach, tausend Übergriffe. Die sein mussten, wie ich das so meinte. Aber dieses
ungewünschtes Mittagessen? Diese Mund-Unterdrückung (klar und scharf:
Mund-Vergewaltigung)? Ist das anders als Hustensaft? Bin ich zu unnachsichtig
mit Ole und Co.?

"Mein Bauch gehört mir!" Stolzes Wort in Kindermund. Schon mal gehört? Ja
doch, aber: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Und deswegen kommt das
Vollkornbrötchen in Deinen Bauch und nicht der 17. Schokohase von der Oma.
Immerhin, bei aller meiner Durchsetzungsmacht (Erwachsener oben, Kind unten):
Ich setze mich "nur" in der äußeren Welt durch (ich bin ja nicht antiautoritär).
Aber die innere Welt des Kindes lass ich in Ruhe. Ich habe nicht wirklich Recht,
ich folge nur meiner subjektiven Wahrheit. Einsehen muss bei mir kein Kind was.
Wiewohl es meinen Einsichten folgen kann, wenn es das will.

Aber Ole?

Mittwoch, 5. April 2017

Sport ist gesund...


"Sport ist gesund und gut für den Körper. Darum ist es schade, dass ich
mein Sportzeug veregessen habe."

Der Siebenjährige einer befreundeten Familie kommt mit diesem Zettel
nach Hause. Er soll ihn abschreiben. Wie oft, habe ich nicht mitbekommen.
1 mal, 10 mal, 100 mal? Schule heute. Schulalltag heute. Im Jahr 2017.

Was denkt sich die Lehrerin dabei, eigentlich? Wie erlebt sie sich vor
dem jungen Menschen? Wie sieht sie Kinder? Haben Kinder eine Würde,
gar eine unantastbare?

Sie will eine Veränderung in dem Jungen. In seinem Vergesslichkeitskopf,
in seiner Seele. Sie ist die kluge Missionarin, die dem kleinen Schulnegerlein
zeigt, wo es lang geht. Im Sportunterricht, bei ihr als Managerin seiner
Arme und Beine, seiner Beweglichkeit und Muskeln. Macht so etwas
gesund, Freude, Spaß? Was geht da eigentlich ab, bei dieser Abgesandten
unserer Kultur, einer Lehrerin? Ausgebildet mit viel viel öffentlichem
Geld an einer Universität.

Wie viele Vorlesungen und Seminar hat sie mitgemacht? Wie viele Professoren
hatten mit ihr zu tun, Einfluss auf sie genommen? Wie sind ihre Freundinnen
gestrickt? Was denken die alle eigentlich von Kindern? Sie Kinder Trottel,
Dumpfbacken, Biester, Bildungsmaterial? Ich glaub mal, dass diese
Sportzeugvergessekinder echt anstrengend für solche Lehrer sind. So
anstrengend, dass Grundlegendes auf der Strecke bleibt. Der gute Ton -
dahin. Einfühlung - dahin. Vorbildlichkeit - dahin. Freundlichkeit - dahin.
Mut machen - dahin. Statt dessen Drama, Draufhauen, Blosstellen, Schimpf
und Schande. So eine Lehrerin ist eine eklige Giftspritze, bei allem Respekt.

So eine Lehrerin will ich nicht an meine Kinder heranlassen. Wie konnte so
eine Lehrerin die Prüfungen überstehen, die vielen Begutachtungen in ihrer
Referendarzeit? Oder sind sie alle so gestrickt? Die Profs, die Bücher,
die Freundinnen? Ist das ganze System Schule so gestrickt? Ist so ein
kleiner Zettel "Sport ist gesund ..." ganz einfach eine Systemselbstver-
ständlichkeit? Und nur seine Mutter und ich finden etwas dabei?

Der Junge war super. Hat sich davon nichts angesteckt. War belustigt.
Abgeschrieben hat er ihn trotzdem. "...was des Kaisers ist." Na gut, wenn
er so stabil ist, wenn er in einem schützenden Zuhause groß wird. Ich
aber habe den großen Blick. Da hat sich doch in den 60 Jahren, in denen
ich dabei bin, nichts geändert. Nichts wirklich. Die Würde des Kindes
ist immer noch antastbar. Zettel statt Stock, klar. Doch das Subtile
ist von eigener Gefahr. Noch schwerer zu erkennen. Modischer
Nebel liegt über dem ganzen gruseligen Schulland. "Die Sportlehrerin
ist doch eine Nette" höre ich von den Eltern.

Sonntag, 2. April 2017

Kinderwarten und Zwischentore

 
„Ich warte.“ Die Kinder sollen bitte sehr aus dem Auto steigen, es geht zum Einkaufen. Aber sie spielen weiter mit einem alten Handy rum. Ich bin ausgestiegen und warte. Ungern. Ungerner. Noch ungerner. Ich öffne unsanft ihre Aussteigetür. Dann kommt endlich Bewegung ins Feld. Einer steigt aus. Der andere noch nicht. Mein Warten wird schwer, explosiv. Dann kommt auch der zweite. Der Weg zum Geschäft ist lastig, wartelastig. Jedenfalls nicht unbeschwert und heiter. Die Sonne scheint zwar, aber nur am Himmel.

Wieso kann ich nicht warten? Einfach da sein und warten? Was bremst mich aus? Ich bin heute Vormittag gern mit den Kindern in der Stadt. Wir haben etwas vor, Einkaufen und mal sehen. Doch ihr Nichtaussteigen vertreibt die Leichtigkeit des Seins.

Warten  - welch grandioses Thema. Eine Lebensthema. Auf alles und jedes und jede und jeden wird gewartet. Dass er/sie/es kommen möge. Nicht kommen möge. Dass es vorbei ist. Dass es nicht vorbei ist. Endlos, uferlos. Und immer wieder mit diesem unangenehmen Ton dabei.

Wenn ich gut bei mir bin, mit den Wolken fliege oder die Sonne genieße, dann gelingt das Warten. Dann könnte ich die Kinder in ihrem Spiel sehen, auch jetzt, wo sie nicht aussteigen. Sie sind doch in der Freude, in ihrem Spiel eben. Was muss ich das stören, zerstören durch meine Pläne, meine Eile, meine Ungeduld? Warum muss es jetzt nach mir gehen („raus jetzt, sofort“) und nicht nach ihnen („gleich, wir sind noch nicht fertig“)? 

Ich bin da irgendwie auf ein ungutes Gleis geraten. Wirklich eilig ist es nämlich natürlich sowieso und niemals nicht. Ich sinne nach. Und merke, dass ich mich nicht ernst genommen fühle. Dass ich mich von ihrem Spiel herabgesetzt fühle. Ausgebremst fühle. Blöd dastehe. So neben der offenen Autotür, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand. Das ist ganz schön absurd, skurril, grotesk. Was macht sich da in mir breit?

Alte selbst erlittene Kindersachen. Gedrängt zu werden. Dauernd gedrängt zu werden. Von den Wichtigkeiten und Notwendigkeiten und Sowiesoigkeiten der Erwachsenen. Alles hatte aufzuhören, wenn die Großen am Zug waren. Sie warteten nicht. Sie erwarteten. Dass ich nämlich in die Spur komme. So, wie sie sich das wünschten, so ganz selbstverständlich, als Umgangsform von Groß und Klein. Wenn die Großen sagten, was zu passieren hatte, dann war ich am Zug, das auch zu tun. Sofort.

So gingen und gehen Erwachsene mit Kindern eben um, als banale Basis. Erwachsene warten nicht auf Kinder. Es ist der Grundstandard. Ohne Worte. Wenn das Auto anhält, ich aussteige, dann steigen die Kinder auch aus. Handy aus und raus. Jedes Warten ist da unpassend, öffnet die Tür zum Unterordnen der eigenen Wichtigkeiten unter den Kram der Kinder. Kann man nicht durchgehen lassen. Führt ins Chaos. Ist völlig alltagsuntauglich.

Ich bin immerhin heute auf einer Zwischenstation angekommen. Ich kann es aushalten, bis sie kommen. Werde nicht massiv und so. Aber es ist sehr schwer. Immerhin kann ich sehen, was sie tun: sie spielen, sie spielen ja. Sie sind nicht irgendwie aufsässig. Sie spielen ja nur. Und genau dieses Merken erreicht mich dann beim Gehen zum Geschäft, wie der Zauberglanz der Sonne.

Es kommt an. Die Freude des Spielens, die Schmetterlinge aus dem Auto, das Glück des Handyspiels. Die Melodie des Lebens dringt bis zu mir vor, lacht mich an. Ich beruhige mich. Und dann kann ich stehen bleiben, als sie sich einem Bettler zuwenden, der am Boden sitzt. Ich warte. Er spricht sie an, sie sehen zu mir, und ich gebe ihnen etwas für ihn. Sie freuen sich über sein „Danke“ und seinen freundlichen Blick. 

Habe ich es nicht eilig? Das hat sich erledigt. Ich warte. Und genieße die drei Menschen vor mir, wie sie miteinander zu tun haben, die Kinder und der Bettler. Ich werde beschenkt. Das Warten öffnet Zwischentore für Orte, die nicht vorgesehen aber dennoch da sind,  voller Wunder und Geschenke.