Freitag, 30. Juni 2017

Amication leben, Helmut



















Mein gegenwärtiges Leben wird vielleicht durch den Kontrast des
vergangenen deutlich.

Ich lebte bis zum 5. Lebensjahr in einem Kinderheim, lernte seitdem,
bei Erwachsenen/Eltern, Wünsche und Gebote von anderen als Preis-
gebot für Liebesware anzusehen. Mit der Münze des Gehorsams zahlte
ich bar für das, was sich als Liebe und Freundschaft ausgab (es oft -
wenn auch durch Erziehungsanspruch karikiert - war). Befehle und
Wünsche mussten kaum durch Nachdruck unterstützt, oft nicht einmal
ausgesprochen werden, ich kam ihnen meistens zuvor, in der Hoffnung,
angenommen zu werden.

Schon im Kinderheim hatte ich mich soweit aufgegeben, dass eine
Papier-Maske in einem dämmrigen Bestrafungsraum (nur zwei
solcher Strafaktionen hatte ich in diesem Haus »nötig«!) mich in
bodenlose Todesangst versetzte. Dass ich liebens-wert oder zumin-
dest der Achtung würdig sei, wagte ich nie ernst zu glauben. Und
doch sehnte ich mich mit jeder Faser meiner Person danach. Noch
als Fünfunddreißigjähriger spürte ich die kehlenschnürende Angst
dieser hohlen Erziehungsmaske so unabweislich, dass ich immer
wieder mit dem Gedanken umging, meinem Leben ein Ende zu
setzen. Bis dahin war das Bedürfnis nach Liebe und Achtung von
mir erfolgreich durch Gefälligkeit gegenüber jedem ersetzt worden,
der meinen Hoffnungen Erfüllung versprach.

Als braver Sohn, der seine Eltem nicht enttäuscht, machte ich
Abitur, begann mich auf den Priesterberuf in einem katholischen
Orden vorzubereiten, ging da weg, wurde nach meiner Promotion
zum Dr. phil. Gymnasiallehrer. Mit den Mitteln, die mich meiner
Selbstachtung, meiner mir eigenen Macht beraubt hatten, wollte ich
anderen Menschen - vor allem Kindem - Zuwendung gar Liebe
schenken: Predigen, belehren und Ungerechtigkeit/Unmenschlich-
keit durch politischen Kampf (zuweilen aggressiv und polemisch -
ich musste meinen Mitstreitem ja schließlich gefallen!) beseitigen.

Sieben Jahre nach meinem Eintritt in den Schuldienst - ich hatte
inzwischen geheiratet, zwei Söhne kamen zur Welt, - stieß ich in
pädagogischer Absicht im Kreis einer Gesamtschulinitiative an
einem Abend auf Hubertus von Schoenebeck, der von Amication
berichtete. Intensive Kontakte in einer etwa einjährigen Selbster-
fahrungsgruppe, die sich von der Idee der Amication in Bewegung
gesetzt fühlte, waren die Wehen meiner zweiten und entscheidenden
Geburt. Als die Gruppe sich nicht mehr regelmäßig traf, war ich
nach 35 Jahren endlich bei mir angelangt.

Es dauerte trotzdem noch einige Zeit, bis ich dahinterkam, dass ich
Gefahr lief, die Amication, wie so oft vorher, als eine Lehre anzusehen,
als ein Sicherheit versprechendes Konzept oder gar Rezept. War es
wieder nur eine Heilslehre, der ich mich unterwarf, um meine Angst
loszuwerden? Nach Gesprächen mit Bekannten und Interessierten,
die zufällig mit mir auf die Amication kamen, fiel mir mehrfach auf,
dass ich in mein altes Muster zurückgefallen war: Aussprüche und
Thesen von anderen, die die Amication schätzten, verteidigte ich wie
Glaubenssätze oder Theorien.

Die Angst saß mir im Nacken: »Werden die dich noch akzeptieren,
noch als zu ihnen gehörig ansehen, wenn du Bedenken des an der
Amication zweífelnden Gesprächspartners teilst, zugeben musst,
dass du das alles noch nicht umfassend praktizierst?!« Die Furcht
des Ausgestoßenwerdens verwandelte sich dann wieder in theore-
tische Absichtserklärungen oder gar in missionarischen Eifer.

So auch bei meiner Frau, mit der ich seit 10 Jahren verheiratet bin.
Auch so eine Partnerschaft, in der meine Gefälligkeitsblindheit zu
einem Scheinerfolg geführt hatte. Was sollte ich tun gegenüber einer
Partnerin, die die Amication zwar theoretisch gut fand, sie aber für
undurchführbar hielt und noch immer hält, bei Kindern, die schon
vier oder fünf Jahre unter Erziehungsbedingungen aufgewachsen sind?
Mein neues Selbstbewußtsein, meine Versuche, rnit den Kindern anders
zu leben, führten zu schweren Konflikten. Manchmal schien eine Tren-
nung die einzige Lösung. Bisher ängstlich von mir abgehlockte Bezie-
hungsmöglichkeiten außerhalb unserer Ehe-Partnerschaft (ich wollte
bis dahin ja nicht durch Liebesverlust »bestraft« werden!) verschärften
die Lage noch.

Ähnlich verlief es in der Schule. Schritte in Richtung Amication führten
zu Auseinandersetzungen mit Eltern und Kollegen. Das ging bis zu Maß-
nahmen der Bezirksbehörde.

Etwa eineinhalb Jahre stand ich unter dem dauernden Druck, mit
Familie und Schule brechen oder meine neugewonnene amicative
Perspektive als Irrtum zurückzunehmen. Auch jetzt gehe ich manch-
mal mit der Frage herum, ob ich mich bei allen noch immer erziehe-
rischen Verhaltensweisen auf dem »richtigen« Amications-Weg
befinde.

Zu viel hat sich aber entscheidend verändert: Im Leben mit meiner
Ehe-Partnerin gibt es keine falschen »Liebesbeteuerungen« mehr.
Was wir zusammen leben können, finden wir immer wieder neu
heraus. So viel Offenheit und gegenseitige Achtung haben wir in all
den vorhergegangenen Jahren nicht erfahren. In der Beziehung zu
unseren Kindern beobachte ich oft eine erstaunliche und heilsame
Wechselwirkung: Wo ich in manchen Situationen in die alten
Beziehungspraktiken zurückfalle, entdecke ich bei meiner Partnerin,
die grundsätzlich an Erziehung festhält, Augenblicke, in denen sie
die freie Entscheidung der Kinder achtet, sie unterstützt, sich ihnen
ohne erzieherische Vorbedingungen zuwendet, sie mit ihren Bedürf-
nissen ernsthaft wahmimmt. Die Grenzen unserer Erziehungsan-
sprüche sind schon merklich zurückgewichen und wir fühlen uns
dabei wohler.

In der Schule ist das für mich ähnlich: Ich habe nicht die Kraft, aus
diesem System der mit Zwang arbeitenden Lernorganisation wegzu-
gehen, will nicht arbeitslos sein und muss mich selbst doch nicht dazu
erziehen, um den Preis meiner Selbstachtung und Gesundheit Schü-
lern Freiheit und selbstbestimmtes Lemen zu »erkämpfen«. Und
doch gibt es auch in diesem Raum des Zwangslernens, an dem ich als
Lehrer beteiligt bin, so viele Situationen, wo ein Stück dieser freien,
gleichberechtígten Begegnung Leben wird.

Donnerstag, 29. Juni 2017

68 Fragen an die Amication


 
















Was ist Amication? Wie wird man ein amicativer Mensch? Wie kommen amicativ aufwachsende Kinder mit der Welt zurecht? Was bedeutet Amication für die Partnerschaft? Wie sieht eine amicative Schule aus? Gibt es Vorläufer der Amication? Worin liegt der Gewinn der Amication? Wie steht Amication zur Gewalt? Ist Amication egoistisch? Woher nehmen amicative Menschen ihre Sicherheit? Ist Amication nur etwas für Privilegierte? Wem dient Amication? Welche Quellen hat Amication? Was ist für Amication Wahrheit? Wie sieht die amicative Gesellschaft aus? Können amicative Menschen Fehler machen? Wie lernt man Amication? Wer sagt, was Amication ist? Gibt es keinen Hass mehr in der Amication? Gibt es in der Amication Werte? Ist Amication autoritär? Wieso ist Amication keine Erziehung? Gibt es konkrete Auswirkungen amicativer Kommunikation? Wie merken die Kinder die amicative Einstellung? Was sind die Eckdaten amicativer Ethik? Hat es Korrekturen innerhalb der Amication gegeben? Gibt es Essentials für die Amication? Sind die Aussagen der Amication Ziele? Lassen sich die Aussagen der Amication hier und heute realisieren? Was muss man mitbringen, um amicativ leben zu können? Wie kann man Amication gut erklären? Wieso kommen nicht mehr Menschen auf amicative Gedanken? Welchen Einfluss hat Amication auf die Selbstliebe des Kindes? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat die amicative Sicht? Gibt es neue Entwicklungen in der Amication? Gilt Amication schon bei Säuglingen? Wie würden amicative humanwissenschaftliche Institute der Universitäten aussehen? Welche gesellschaftliche Utopie entwirft Amication? Benötigt Amication Strafgesetze? Gibt es in anderen Kulturen amicatives Gedankengut? Gibt es im abendländischen Kulturkreis amicative Nischen? Was sagt Amication zu Krankheiten? Zu Krebs? Zu Aids? Welche Einstellung hat Amication zum Tod? Welchen Stellenwert hat für Amication der alte Mensch? http://www.alter-in-wuerde.de Welche Bedeutung haben für amicative Menschen Verabredungen und Treue? Demut und Dienen? Warum engagieren sich Menschen für die Verbreitung der Amication? Wie lange wird es Amication noch geben? Ab welchem Alter kann man mit Kindern über die amicative Theorie reden? Worin sind die Widerstände gegen Amication begründet? Ruft Amication Ängste hervor? Mit welchen Argumenten kann Amication Andersdenkende überzeugen? Welche Argumente haben Andersdenkende gegen Amication? Muss sich der Erwachsene ändern, um amicativ leben zu können? Wem nutzt die Sicht der Amication, dass der Mensch konstruktiv ist? Wieso gibt es in der Amication keinen wirklichen Gegensatz von Gut und Böse? Haben Kinder ein amicatives Bewusstsein? Welche Fragen sind für amicative Menschen nicht mehr wert, dass über sie nachgedacht wird? Haben gesellschaftliche Faktoren Einfluss auf die amicative Position? Müssen erst gesellschaftliche Strukturen geändert werden, um amicativ leben zu können? Ist Amication ein gesellschaftlicher Faktor? Wird die amicative Erkenntnis bei ihrer Umsetzung in die Praxis verschlissen? Wieso ist Amication eine kulturelle Auswanderung? Welche Macht hat Amication? Kann Amication Ängste befrieden? Was ist amicativer Frieden?


Mittwoch, 28. Juni 2017

Psychodivergenz



















Gefühle begleiten das Tun. Emotionalität lebt in den Menschen 
und in ihren Beziehungen. Die Wirklichkeit enthält für den
Menschen neben der physikalischen immer auch eine psy-
chologische Dimension. Die Reduzierung der Wirklichkeit
auf Fakten und Dinge mag in der Naturwissenschaft und in
der Welt der Gegenstände korrekt sein, nicht aber bei
menschlichem Tun.

Der eine fällt hin (Tun) – und ärgert sich über sein Missge-
schick (Gefühl). Der andere fällt hin (Tun) – und freut sich,
dass er nicht verletzt ist (Gefühl).

Der Unterschied zwischen amicativem und pädagogischem
Sinn liegt in der Gefühlsebene, der inneren Einstellung –
nicht jedoch in der Handlungsebene, wie immer wieder
missverstanden wird. Von außen gesehen kann ein amica-
tiver Mensch genau das gleiche tun wie ein pädagogischer
Mensch. Das ist verwirrend und nur schwer zu verstehen.
Immer wieder wird nach konkreten Verhaltensunterschieden
gesucht, woran man doch den Unterschied der beiden Auf-
fassungen und Lebensarten erkennen müsse. Doch dieser
Unterschied ist nicht äußerlich fassbar, er ist psychischer
Art. Er ist unsichtbar, denn Gefühle kann man nicht sehen.

Aber Gefühle entziehen sich nicht der Wahrnehmung: man
kann sie spüren. Mit der eigenen Emotionalität lassen sich
die Gefühle der anderen wahrnehmen. Man kann die Ge-
lassenheit des anderen spüren, oder seinen Stress, seine
Sympathie oder Antipathie. Man kann merken, ob das, was
jemand tut, freudig, gelangweilt oder mit Ärger getan wird.
Das Miteinander ist stets von Emotionen umgeben, was
immer im Bereich der Dinge auch geschehen mag.

Wer als innere Grundposition fühlt »Ich bin für andere
(Kinder) verantwortlich«, wird von diesem Gefühl beglei-
tet. Sein Verantwortungsgefühl lässt sich nicht abschalten,
es gehört zu ihm, und es lässt sich von den anderen wah-
rnehmen.

Für jemanden, der sich selbstverantwortlich fühlt, wird das
vom anderen kommende »Ich bin für Dich verantwortlich«
nach amicativer Auffassung als eine unzulässige Einmischung
in seine eigene Selbstverantwortung wahrgenommen. Kinder
spüren das Verantwortungsgefühl der Erwachsenen, und die
Amication erkennt, dass die Kinder es als psychische Aggres-
sion erleben. Ein amicativer Mensch hingegen hat nichts von
diesem Verantwortungsgefühl in sich, mithin umgibt ihn auch
nicht der im »Ich bin für Dich verantwortlich« enthaltene see-
lische Angriff.

Gleiches äußeres Verhalten wird von verschiedenen Emotionen
umgeben. Entweder ist das Verantwortungsgefühl (neben viel-
fältigen anderen Gefühlen) dabei und entfaltet seine negative
Wirkung – oder es ist nicht dabei und die Folgen einer solchen
psychischen Aggression bleiben aus.













Dienstag, 27. Juni 2017

Klartext, amicativ. III



















Fortsetzung vom 26.6.

*

Das Leben jenseits der Erziehung beginnt der Erwachsene,
weil dies für ihn selbst wichtig ist. Er trifft seine Entscheidung
für sich und nicht für die Kinder. Amicativ durchs Leben zu
gehen ist für ihn ein unverzichtbarer Wert geworden. Die
Wirkung dieser inneren Veränderung auf andere - den Part-
ner und die Kinder - ist vielfältig und von Hoffnungen und
Ängsten begleitet. Solche Erfahrungen mit grundlegenden Ver-
änderungen werden in vielen Bereichen gemacht, so z.B. in
weltanschaulichen, moralischen, religiösen, politischen.

Zwischen beiden Positionen ist kein Kompromiß möglich. Man
kann entweder der Auffassung sein, Menschen seien zu 100 Pro-
zent selbstverantwortlich von Anfang an, oder man ist nicht
dieser Meinung. Wer etwa auf 99,5 Prozent Selbstverantwortung
setzt, behält sich einen Rest Verantwortung für andere vor, sein
Gleichwertigkeitsgefühl ist in dieser Frage um ein entscheidendes
Element anders, mit einem Vorbehalt versehen.Heute sind viele
Erwachsene großzügige demokratisch-partnerschaftliche Erzieher,
die die Verantwortungsleine, an der sie ihre Kinder halten, recht
lang machen. Aber sie halten die Leine letzlich doch in der Hand,
während amicative Menschen diese Ich-bin-für-dich-verantwortlich-
Leine endgültig durchgeschnitten haben. Der Gegensatz von Ami-
cation und Pädagogik ist ein Radikalismus.
'

Montag, 26. Juni 2017

Klartext, amicativ. II


 
















Fortsetzung vom 24.6.

*

Selbstverantwortlich zu sein bedeutet zweierlei:

- zum einen: die Welt zu deuten und zu bewerten nach der je
                    eigenen, subjektiven Perspektive - und hier gibt
                    es so viele Realitäten, wie es Lebewesen auf die-
                    sem Planeten gibt, und Menschenkinder bilden
                    in dieser Fähigkeit keine Ausnahme.
- zum anderen: entsprechend der jeweiligen Perspektive zu
                  handeln.


Selbstverständlich gibt es sowohl in der Erkenntnisebene als
auch in der Handlungsebene zwischen Erwachsenen und Kindern
immer wieder Unterschiede und Konflikte, und sie werden auf
die víelfältigste Art und Weise bewältigt.

Beispielsweise wird sich kein Erwachsener der Sicht, Deutung
und den Gefühlen eines Kindes anschließen, wenn es das Fenster
öffnet und sagt: "Ich bin eine Taube, ich kann fliegenl" und
Anstalten macht, hinauszuspringen. Der Erwachsene wird zu
seiner Sicht und Deutung und seinen Gefühlen stehen: "Es gibt
die Schwerkraft, ich will kein totes Kindl" und er wird das Kind
vom Fensterbrett holen.

Doch bei aller Unterschiedlichkeit im Erkennen, Deuten und
Fühlen und bei allem verstellten Weg im Handeln: Die Fähig-
keit der Lebewesen - auch jedes einzelnen Kindes - eine eigene
Perspektive zu haben und ihr entsprechend handeln zu wollen,
wird als zu 100 Prozent vorhanden eingestuft. Was nicht bedeutet,
den Perspektiven anderer zustimmen und sich ihren Handlungen
unterordnen zu müssen!

Menschen sind selbstverantwortlich von Anfang an: Auch dies
ist eine Hypothese, eine anthropologische Prämisse, eine Ver-
mutung von Menschen über Menschen, kein Naturgesetz. Diese
Hypothese ist der pädagogischen Hypothese gleichrangig, sie
ist nicht übergeordnet, sie ist nicht untergeordnet. Sie existiert
heute als mögliche Sicht vom Menschen und wird subjektiv
vom einen akzeptiert, vom anderen abgelehnt - wie dies stets
bei Menschenbildern ist.

Die amicative Auffassung (Menschen können von Geburt an
das eigene Beste selbst spüren, sie brauchen keine Stellver-
treter-Verantworter) ist für die Menschen, die entsprechend
denken, fühlen und handeln, zu einer persönlichen, subjektiv
richtigen Wahrheit und Grundüberzeugung geworden. Sie haben
diese Position aus einer Vielzahl von Erkenntnissen und emotio-
nalen Erfahrungen gewonnen, für die sie in ihrer gegenwärtigen
Lebenssituation gerade offen sind. Die Botschaft des Kindes
"Ich bin für mich selbst verantwortlich" hat sie erreicht. Dabei
sind diese Menschen nicht nur davon überzeugt, dass so das
Wesen des Menschen realistisch erfasst wird, sondern vor allem
fühlen sie es, und sie leben danach.

Fortsetzung folgt.


'

Samstag, 24. Juni 2017

Klartext, amicativ. I



















Die amicative Analyse hat offen gelegt, dass alle pädago-
gischen Theoretiker und Praktiker eine gemeinsame Basis
haben – so verschieden ihre Positionen auch sein mögen.
Diese übergreifende Basis ist das pädagogische Bild vom
(jungen) Menschen, das sich in den Büchern und Konzep-
tionen der pädagogischen Autoren, Wissenschaftler und
Theoretiker findet und in jeder Handlung eines pädago-
gischen Menschen lebt.

Die pädagogische Welt hat eine einheitliche Basis. Über
die Frage aber, wie man den Umgang mit Kindern von
dieser Grundlage aus gestalten soll, wird gestritten. Da
gibt es viele Richtungen: antiautoritäre Erziehung, auto-
ritäre Erziehung, demokratisch-partnerschaftliche Erzieh-
ung, sozialistische Erziehung, christliche Erziehung, Mon-
tessoripädagogik, Waldorfpädagogik, permissive Erziehung,
emanzipatorische Erziehung, Laissez-faire-Erziehung,
Situationspädagogik, usw.

Wie ist das pädagogische, das traditionelle Bild vom jungen
Menschen? Es geht um das Fühlen der Gleichwertigkeit,
jedoch nicht um ein allgemeines Gleichwertigkeitsgefühl.
dass Kinder gleiche Würde wie Erwachsene haben – dies
wird sicher von pädagogischen Erwachsenen ebenso gefühlt
wie von amicativen. Es geht um etwas Spezielles im Bereich
des Gleichwertigkeitsgefühls. Es geht um die folgende traditio-
nelle, die pädagogische Grundposition:

Menschen können nicht von Geburt an das eigene Beste selbst 
spüren.

Menschen werden nicht mit der Fähigkeit zur Selbstverant-
wortung geboren. Soweit die traditionelle Sicht vom jungen
Menschen, die pädagogische Sicht.

*

Die Amication bezieht nun Gegenposition. Zunächst macht sie
bewusst und klärt darüber auf, dass die Auffassung "Kinder sind
keine Selbstverantworter" kein Naturgesetz ist und nicht am
Himmel geschrieben steht, sondern dass diese Auffassung eine
subjektive Hypothese von Menschen über Menschen ist, eine
Privatvermutung des jeweiligen Erwachsenen über ein jeweiliges
Kind. Es handelt sich um ein Menschenbild, und Menschenbilder
sind persönliche und austauschbare Annahmen über den anderen,
der eine hat dies, der andere hat das.

Das pädagogische Menschenbild ist Ausdruck der zehntausend
Jahre alten patriarchalischen Gesellschaftsform, die heute welt-
weit verbreitet ist und die auf der Unterdrückung von Frauen,
Kindern und Natur beruht. Wenn Erwachsene meinen, dass sie
für das Kind - an seiner Stelle - verantwortlich sein müssten, so
folgen sie dem Herrschaftsgedanken des Patriarchats, dass einer
über dem anderen stehen kann. Dieses Menschenbild haben sie
im Laufe ihres Lebens gelernt. Zwangsläufig ist das alles jedoch
nicht. Wohl tabuisiert und als Selbstverständlichkeit übernommen.

Die Amication weist nun auf ein Leben jenseits der pädagogischen
Tradition, jenseits der Erziehung. Ihrer Auffassung nach gilt:

Menschen können sehr wohl von Geburt an das eigene Beste selbst 
spüren.

Diese Fähigkeit haben Menschen. Sie können von Anfang an für
sich selbst verantwortlich sein. Niemand muss an ihrer Stelle
entscheiden, was ihnen nutzt und was ihnen schadet. Niemand
muss für sie Verantwortung tragen, sie sind von Geburt an selbst-
verantwortlich.

Erwachsene sind nicht verantwortlich für Kinder, denn das sind
sie selbst - nicht zu 0,5 Prozent, oder 10, 25, 50 oder 99 Prozent,
sondern zu 100 Prozent. In Bezug auf die Selbstverantwortung
besteht völlige Gleichwertigkeit zwischen jungen und erwach-
senen Menschen.

Selbstverantwortlich zu sein bedeutet zweierlei:

- zum einen: die Welt zu deuten und zu bewerten nach der je
                    eigenen, subjektiven Perspektive - und hier gibt
                    es so viele Realitäten, wie es Lebewesen auf die-
                    sem Planeten gibt, und Menschenkinder bilden
                    in dieser Fähigkeit keine Ausnahme.
- zum anderen: entsprechend der jeweiligen Perspektive zu
                  handeln.

Fortsetzung folgt.

Freitag, 23. Juni 2017

Pädagogische Augen - pädagogischer Mensch



















Die amicative Analyse hat offen gelegt, dass alle pädagogischen
Theoretiker und Praktiker eine gemeinsame Basis haben – so
verschieden ihre Positionen auch sein mögen. Diese übergreifende
Basis ist das pädagogische Bild vom (jungen) Menschen, das sich
in den Büchern und Konzeptionen der pädagogischen Autoren,
Wissenschaftler und Theoretiker findet und in jeder Handlung
eines pädagogischen Menschen lebt.

Die pädagogische Welt hat eine einheitliche Basis. Über die Frage
aber, wie man den Umgang mit Kindern von dieser Grundlage aus
gestalten soll, wird gestritten. Da gibt es viele Richtungen: antiauto-
ritäre Erziehung, autoritäre Erziehung, demokratisch-partnerschaft-
liche Erziehung, sozialistische Erziehung, christliche Erziehung,
Montessoripädagogik, Waldorfpädagogik, permissive Erziehung,
emanzipatorische Erziehung, Laissez-faire-Erziehung, Situations-
pädagogik, usw.

Wie ist das pädagogische, das traditionelle Bild vom jungen
Menschen? Es geht um das Fühlen der Gleichwertigkeit, jedoch
nicht um ein allgemeines Gleichwertigkeitsgefühl. Dass Kinder
gleiche Würde wie Erwachsene haben – dies wird sicher von
pädagogischen Erwachsenen ebenso gefühlt wie von amicativen.
Es geht um etwas Spezielles im Bereich des Gleichwertigkeits-
gefühls.

Es geht um die folgende traditionelle, die pädagogische Grund-
position:

Menschen können nicht von Geburt an das eigene Beste selbst 
spüren.

Diese Fähigkeit haben Menschen nicht. Sie können nicht von
Anfang an für sich selbst verantwortlich sein. Andere können
und müssen an ihrer Stelle entscheiden, was ihnen wirklich nutzt
und was ihnen wirklich schadet. Andere müssen für sie die Ver-
antwortung tragen. In Bezug auf die Selbstverantwortung besteht
keine Gleichwertigkeit von Erwachsenen und Kindern.

Die Mutter ist für ihr Kind verantwortlich, der Vater ist für sein
Kind verantwortlich, der Lehrer ist für seine Schüler verantwort-
lich. Allgemein ist die Erwachsenenwelt für die Kinder verant-
wortlich. Es gilt: »Ich, der Erwachsene, weiß besser als Du, das
Kind, was für Dich gut ist«. Dieser Unterschied wird nicht nur
theoretisch behauptet, er wird gefühlt und gelebt. Es ist eindeutig
und anders ist es nicht vorstellbar: Erwachsene sind für die Kinder
verantwortlich.

Wer diese Position teilt, wird aus amicativer Sicht ein »pädago-
gischer« Mensch genannt. Er stellt seine Beziehung zum Kind auf
die Grundlage, die auch für die Pädagogik maßgebend ist: dass
Erwachsene für Kinder die Verantwortung tragen, weil diese das
eigene Beste nicht selbst spüren können.

Und genau dies wird in der Amication gänzlich anders gesehen.


Donnerstag, 22. Juni 2017

Die pädagogische Verwirrnis



















Kinder sind auf die Liebe ihrer Eltern angewiesen und öffnen sich vertrauensvoll für deren Werte und Normen. Diese lehren sie in pädagogischer Tradition, dass sie noch nicht vollwertige Menschen sind, dass sie besser werden müssen, dass sie erzogen werden müssen, und dass diese Sicht vom Menschen die richtige sei.

Da die Kinder aber tief in sich darum wissen, dass sie so, wie sie sind, ganz und gar o.k. sind, dass sie eben nicht besser gemacht und erzogen werden müssen, dass sie bereits jetzt schon vollwertige Menschen sind, und da diese innere Gewissheit in scharfem Gegensatz zur Überzeugung ihrer Eltern steht, verwirrt sie diese Widersprüchlichkeit. Und sie werden voll von innerer Abwehr gegen die Menschen, deren Liebe sie doch brauchen.

Die Kinder gehen hiervon nun nicht zugrunde: Ihre mitgebrachte Selbstverantwortung zeigt ihnen wie immer den Weg zum Überleben. Sie übernehmen nach und nach die Sicht ihrer Eltern vom Kind und lernen zu glauben, dass nicht sie selbst sondern andere für ihr Glück und Leid verantwortlich seien. Sie passen sich an die pädagogische Umgebung an und weisen es – aus Verantwortung für sich selbst – mehr und mehr zurück, für sich selbst verantwortlich zu sein, bis sie schließlich selbst glauben, dass sie nicht für sich selbst die Verantwortung tragen können.

In der Amication finden diese Verstrickungen nicht statt. Die Erwachsenen fühlen sich auf einer psychologisch gleichwertigen Basis wie die Kinder: Jeder ist von Anfang an zu 100 Prozent selbstverantwortlich.







Mittwoch, 21. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen III








                  

             









 Fortsetzung vom 20.6.


*


»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen.



»Hör mit dem Rauchen auf!«
»Hast Du das im Internet gelesen, Papa?«
 »Mach die verdammte Zigarette aus, diese 
und alle anderen!« 
»Hast Du nicht gelesen.« 
»Packung her!« 
»Die Rede! Vor der Uno!« 
»Vor der Uno?« 
»Ja, von dem Außerirdischen.« 
»Von wem?« 
»Er ist gestern Nacht gelandet und hat heute 
zu den Menschen gesprochen. Er kommt vom 
Sirius. Er hat über das Rauchen gesprochen.« 
»Sag mal, rastest Du jetzt völlig aus?« 
»Sie haben uns schon lange beobachtet, Papa. 
Und jetzt eine Delegation geschickt. Sie wollen 
uns den Weg zum Frieden zeigen. Sie sind 
geschockt, dass die Menschen so viele Kriege 
führen.« 
»Sirius? Frieden? Uno?« 
»Er hat uns an die Friedenspfeife der Indianer 
erinnert. Er hat gesagt, wir hätten längst alles, 
was wir zum Frieden brauchen.« 
»Ich versteh gar nichts mehr.« 
»Papa, Raucher sind doch gemütlich.« 
»Ja, und sie sterben eher.« 
»Eben.« 
»Was heißt hier ‚eben‘?« 
»Der Sirianer hat gesagt, dass wir die Wahl haben.« 
»Was für eine Wahl? Hör auf mit dem Quatsch, Du 
nervst, und mach endlich den Glimmstängel aus, 
zur Hölle!« 
»Wenn Du nicht rauchst, fährst Du zur Hölle, Papa. 
Dann bist Du ungemütlich und aggressiv und kriegs-
bereit, latent, und dann braucht es nur noch einen 
Anlass, und schon bringen die Menschen sich um. 
Wenn man raucht, ist das alles ganz anders. Der 
Qualm macht ein bisschen benommen, ein bisschen 
glücklich, friedlich eben. Klar, hat er gesagt, dann gibt 
es Lungenkrebs und die Leute sterben eher, um 20 
Jahre sinkt die Lebenserwartung. Aber dann hat er 
gefragt, was wir denn wollen? Eine friedliche und 
glückliche Welt ohne Kriege? Oder Mord und Tot-
schlag? Die Menschen leben dann nicht so lange, 
aber sie leben in Frieden. Und jeder weiß das, und 
jeder ist einverstanden. Und jeder raucht. Und schon 
im Kindergarten gehen die Kippen rum. Eine andere 
Kultur eben. Friedenspfeife, Friedenskultur. Hat er 
gesagt. Ich finde, dass er recht hat. Ich rauche gern. 
Howgh!«

Dienstag, 20. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen II







                  

             










 Fortsetzung vom 18.6.


*


»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen.



 »Putz die Zähne!«

 »Papa, weißt Du, wer 2020 den Nobelpreis für 
Medizin bekommt?« 
»Mach den Mund auf!« 
»Den Nobelpreis bekommt 2020 ein Zahnarzt.« 
»Was?« 
»Ja, ein Dr. Schäfer, er ist Zahnarzt.« 
»Was soll der Quatsch!« 
»Er bekommt ihn für sein Lebenswerk, 
er ist 85, und er hat 60 Jahre geforscht.« 
»Was hat er geforscht?« 
»Er hat in einer großen Langzeitstudie 
herausgefunden, dass beim Zähneputzen 
ein sehr seltenes Mineral vom Zahn abgerieben 
wird. Die Wissenschaft hat es nach ihm benannt:
Schaeferium. Es wird immer nur extrem wenig 
abgerieben, aber immerhin. Im Laufe der Jahre 
kommt da was zusammen.« 
»Was redest Du und redest Du, mach endlich 
den Mund auf!« 
»Es lagert sich ab, in den Körperzellen. Und es 
häuft sich, ganz verschieden bei den Menschen, 
mal mehr in der Leber, in der Lunge, in der Brust, 
im Hoden.« 
»Jetzt reichts!« 
»Papa, er hat den Nobelpreis gekriegt. Weil er 
den Zusammenhang gefunden hat.« 
»Was für einen Zusammenhang?« 
»Na den von Zähneputzen und Krebs.« 
»Von Zähneputzen und Krebs?« 
»Ja. Beides gibt es doch wirklich erst seit ungefähr 
100 Jahren. Er hat nachgewiesen, dass das beim 
Zähneputzen abgeriebene Mineral Schaeferium  
die wirkliche Ursache für Krebs ist. Zähneputzen 
ist saugefährlich! Kann ich jetzt ins Bett?«

Fortsetzung folgt.

Sonntag, 18. Juni 2017

Die üblichen Verdächtigen I


 




                  

             










»Wasch die Hände!« - »Putz die Zähne!« - »Hör mit dem Rauchen auf!«

Dreimal das übliche Klein-Klein mit den üblichen Verdächtigen. Es nervt, 
und es kostet Kraft und  Würde. Ja, sicher, Kraft und Würde, und zwar auf 
beiden Seiten. Bei den Großen: Wie komme ich mir denn vor, zum tau-
sendsten Mal da hinterher zu sein? Bei den Kindern: Wie komme ich mir 
denn vor, das zum tausendsten Mal anhören zu müssen? Gibt es eine
 Zauberlösung für so etwas? Gibt es nicht.

Aber es gibt die Möglichkeit des Nachdenkens. In einer ruhigen Minute. 
Jetzt. Und wenn man ins Nachdenken kommt, kann man das ganze 
Theater auch mal von der anderen Seite her betrachten. Für uns Er-
wachsene: von der Kinderseite. Doch da wir keine Kinder mehr sind,
 ist das nicht so einfach. Spielen wir also ein bisschen: Mit der Kraft
 unserer erwachsenen Gedanken rein in die Phantasiewelt der Kin-
der! Und dann könnte man ein wenig gelassener sein beim Klein-
Klein mit den üblichen Verdächtigen. Wir lassen uns ja immer wieder 
einwickeln, von den Stimmen der Großen in uns, den Großen, die uns 
damals zum Händewaschen, Zähneputzen, Nichtrauchen verhexten, 
recht wie sie ja hatten - aber der Preis! Es ging immer um die Würde, 
und da hilft ein bisschen Gegenzauber, um heute liebevoll mit der 
Würde unserer Kinder umzugehen. 



»Wasch die Hände!«

»Papa, seit wann gibt es Menschen?« 
»Wir waschen erst die Hände, klar?« 
»Papa, bitte!« 
»Die Ursprünge seit 7 Millionen Jahren,
den Homo sapiens seit rund 200.000 
Jahren. Und jetzt nimm die Seife!«
 »Seit wann gibt es Seife?«
 »Schon im alten China vor dreitausend 
Jahren. Aber so richtig zum Einsatz erst 
seit etwa 100 Jahren.« 
»Seit wann gibt es so viele Erkältungen 
und schwache Immunsysteme?«
 »Seit etwa 100 Jahren.« 
»Und?« 
»Und was? Mach den Kran auf!«
 »Siehst Du da keinen Zusammenhang,
Papa?« 
»Wieso?« 
»Also: meinst Du, die Menschen hätten
 so lange überlebt und sich entwickelt, 
wenn Seife wichtig gewesen wäre?« 
»Was willst Du damit sagen?« 
»Da gibt es doch einen Zusammenhang
von Immunschwäche und Seife!« 
»Waas?«
»Schau mal Papa: die Menschen haben 
Hunderttausende und Millionen Jahre ihre 
Nahrung mit ungewaschenen Händen 
gegessen, mit Dreck unter den Finger-
nägeln. Sie haben damit auch die Krank-
heitskeime ihrer Umwelt aufgenommen. 
Und das war auch gut so. Denn das hat 
ihr Immunsystem gestärkt, und es gab 
keine Erkältungen. Sondern Überleben. 
Dreckige Hände sind wichtig fürs Gesund-
sein. Dreckige Hände sind ein Symbol für
 Vitalität und zielführende gesunderhal-
tende Hygiene. Willst Du wirklich, dass 
ich mir die Hände wasche? Willst Du mich 
krank machen? Willst Du nicht! Also, ich
geh jetzt spielen.«

Fortsetzung folgt.











Samstag, 17. Juni 2017

Frage. Welche Frage? Antwort. Welche Antwort? II



















Fortsetzung vom 16.5.

*

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich,
wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert
durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt
läuft: Man antwortet auf Fragen.

Aber.

Heute gibt es für mich bei dem Antworten auf die Fragen
ein Aber. Ich sehe mich am Regiepult meines Lebens, und
die Fragen von anderen werden schnell und tief geprüft:
Ob sie mir gut tun. Ob sie mir helfen. Ob sie mich achten.
Ob sie mich freuen. Ob sie es wert sind. Ob sie liebevoll
sind. Ob sie mich anlächeln. Ob sie freundlich sind.

Bei Fragen, die diesen Test nicht bestehen, und bei Fragern,
die diesen Test nicht bestehen, stelle ich die Ampel auf rot.
Keine Antwort. Keine Antwort. Die Frage wohl hören, aber
nicht in mir nachschwingen lassen. Die Frage durch mich
hindurch gehen lassen. Die Frage nicht annehmen. Den
Frager dabei nicht verlieren - aber es ist seine Sache, jetzt
enttäuscht, verärgert, genervt zu gehen. Ich bleibe zuge-
wandt - nur eben ohne mich auf die Fragerei und das
dazugehörende Antworten einzulassen.

Es ist schwer, dem Frager klarzumachen, dass ich voller
Respekt bin. Dass ich ihn nicht missachte, wenn ich seine
Frage nicht aufnehme. Auf mein "Ich möchte darauf nicht
antworten" kommt sofort die nächste Frage: Wieso, warum,
ja aber. Es ist schwer, Freundlichkeit bestehen zu lassen,
wenn ich eine Frage nicht aufnehrne. Der Frager fühlt sich
unhöflich behandelt, abgewiesen, herabgesetzt. Was tun?
Deswegen doch in seine - seine - Fragewelt einsteigen, die
Frage annehmen und nach einer Antwort suchen und sie
dann geben? Wer ist da eigentlich der Chef im eigenen Haus?
Ist das mein Leben oder Deins?

Ausflüchte gibt es genug: "Ich finde es nicht sinnvoll, auf
Deine Frage jetzt einzugehen","Das erklär ich Dir nachher",
"Das weiß ich nicht so genau" usw. Klartext ist: "Nein" - Was
heißt das? - "Nein" - Ich habe Dich gefragt - "Nein". Wenn
ich dann noch freundlich bin (und warum sollte ich es nicht
sein), dann noch: "Ich will mich mit Deiner Frage nicht
beschäftigen". Und Punkt.

Und dann geht das Leben weiter - so, wie es mir gut tut. Und
von dieser Basis aus gelingt unsere Beziehung. Und lassen
sich alle Fragen beantworten.





















Freitag, 16. Juni 2017

Frage. Welche Frage? Antwort. Welche Antwort? I



















Fragen und Antworten. Antworten auf Fragen. Da gibt es
eine Norm, eine Moral, ein Soll: Eine Frage (wenn sie nicht
unverschämt, unpassend, überflüssig, daneben, unsinnig, ver-
rückt ist) wird beantwortet, hat sozusagen das Recht auf eine
Antwort. Wir antworten auf Fragen. Eine Frage hat eine
große Macht: Sie nimmt uns in die Pflicht, wir bemühen uns.
Wir verlassen die Denkbahn, auf der wir gerade noch waren,
um der Frage gerecht zu werden.

 "Wie spät ist es?" Die Fragewörter, die einen Fragesatz
einleiten, machen uns wach: aufpassen, es gibt eine Frage,
es wird eine Antwort erwartet: Was ...? Wer ...? Wo ...?
Wie ...? Womit ...? Warum ...? Wohin ...? Wodurch ...?
Oder diese indirekten Fragen: Kannst Du ...? Würdest
Du ...? Hast Du ...? Bist Du ...? Machst Du ...? Kommst
Du ...? Sagst Du ...?

Was macht uns eigentlich so antwortbereit? Wer sagt uns,
dass Fragen zu beantworten sind? Die Frage als solche hat
uns im Griff. Es ist kaum vorstellbar, eine Frage nicht zu
beantworten. Extra nicht beantwortet, souverän verwei-
gert, nicht angebissen. Und doch wäre dies zu können eine
Tugend: etwas, das uns dient, uns selbst dient. Denn alle
Zeit meines Lebens ist immer meine Zeit, nie die des
anderen, des Fragenden. Das Antworten auf Fragen gehört
mir - ich antworte nur, wenn ich es will, für richtig halte,
wenn es ein ehrliches Geschäft reinen Herzens ist, Dir
Deine - Deine - Frage zu beantworten. Ich muss das nicht
tun, ich soll das nicht tun, ich kann - kann - das tun: Wenn
ich es will.

Fragen ziehen uns in Denkbahnen. In die Bahnen, die die
Frage bewirken, die sie umgeben, in die die Fragen eingewo-
ben sind. Fragen öffnen ein spezifisches Tor: Das Tor zur
jeweiligen Fragewelt. Will ich dahin? Will ich dort sein? Will
ich dort verweilen, suchen (Antworten) - und die andere, die
eigene Welt, in der ich gerade bin (vor der Frage), verlassen?
Wer bestimmt hier? Bin ich noch souverän genug, eine, diese,
jede Frage abzuweisen, ihr Tor zu übersehen, mich nicht
hindurchziehen zu lassen?

Ich gehe gern auf Fragen ein. Ich antworte gern. Fragen sind
ein Teil des Hin und Her in lebenden Beziehungen. Sie
bringen viel, sie zeigen von der Welt des Fragenden, sie regen
mich an, Antworten zu finden. Fragen sind wichtig, und
Antworten sind so etwas wie Respekt davor, dass es Fragen
und Frager gibt. Es ist selbstverständlich (und höflich), auf
eine Frage zu antworten. Auch zu sagen, dass mir keine
Antwort einfällt, ist der Respekt der Frage gegenüber: ein
achtungsvolles Nein.

Und trotzdem: Bei allem Respekt - der Chef meines Lebens
bin ich. Über mir steht niemand. Meine Geburt, mein Leben,
mein Tod. Und: meine Entscheidung, eine Frage aufzunehmen,
in sie einzuschwingen, sie in mir zu wiederholen, sie in mich
einzulassen. Vor jeder Antwort. "Will ich diese Frage?"

Diese Frage vor der (Deiner) Frage gehört mir, ist Teil von
mir, stört (noch) nicht meine gerade gezogen Kreise. Diese
Frage vor der Frage ist die Macht, die alle anderen Fragen
auf den Platz verweist, der ihnen zukommt: Den ich ihnen
zuteilen will. Deine Frage gehört zu Dir - nicht (schon) zu
mir. Deine Frage dort - mein Leben hier.

Will ich eine Verbindung? Diese Verbindung? Jetzt?Will
ich mich Dir und Deiner Frage öffnen und zuwenden? Will
ich wirklich?

Amication ist gebaut auf die Identität, das Selbstbild, das So-
Sein des einzelnen, und auf das So-Will-Ich-Sein des einzel-
nen. Auf die Vielfalt bei aller Gleichwertigkeit - und auf die
Entscheidung: Der - der- will ich sein.

Wenn ich ein Frage-Annehmer sein will, bin ich ein Frage-
Annehmer.
Wenn ich ein Antworter sein will, bin ich ein Antworter.
Wenn ich kein Frage-Annehmer sein will, bin ich kein Frage-
Annehmer.
Wenn ich kein Antworter sein will, bin ich kein Antworter.
Ich entscheide. Niemand sonst.

Ich weiß, dass die Souveränität im Umgang mit der Frage
eines anderen Menschen mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.
Dass unser Leben uns auch in diesem Punkt gehört, ist so
gut wie nicht klar, präsent, verfügbar. Denn Fragen sollten
beantwortet werden

Wir haben als Kinder gelernt, wie die Welt beschaffen ist.
Wir haben auch gelernt, dass eine Frage eine Antwort
zur Folge hat. Und dass wir, wenn die Frage uns galt, zu
antworten hatten. Egal, ob richtig oder falsch, Wahrheit oder
Lüge. Antworten hatten wir auf .jeden Fall. Schweigen als
Reaktion auf Fragen: das war verheerend für die gute Stim-
mung, das war ein heftiger Verstoß gegen alles, was sich gehört.
Frage - Antwort. "Ich habe Dich etwas gefragt!" "Kannst Du
nicht antworten!"  "Ich warte - auf die Antwort!"

Respekt den Kindern gegenüber - auch in der Frage-Angele-
genheit: Wir haben keine Legitimation, uns in ihre Innere
Welt mit der Forderung einzumischen, sie müssten so oder
so reagieren (auf Fragen eben antworten). Doch mit dem
Wunsch, der Bitte, der Angst, der Not, ihre Antwort zu
erhalten - damit können wir durchaus in ihre Welt erst
einmal vorpreschen, bei allem Respekt. Und dann wieder
gehen, wie die großen und kleinen Wellen des Meeres, die
den Strand hinauflaufen. Fragen kann ich stellen - Antwor-
ten bekomme ich geschenkt. Wie Liebe. Wie Leben.

Wenn mir heute jemand eine Frage stellt, dann antworte ich,
wie stets in meinem Leben, gelernt von klein auf, trainiert
durch die Schule, und eben einfach so, wie das Leben halt
läuft: Man antwortet auf Fragen.

Aber.

Fortsetzung folgt.








Sonntag, 11. Juni 2017

Amication leben, Christiane



















Als ich zum ersten Mal etwas von Amication hörte, waren unsere
4 Kinder schon ziemlich groß (10, 16, 19 und 21 Jahre alt). Ich
hatte also schon einige Jahre Zeit gehabt, von ihnen zu lemen,
und so waren mir diese Ideen gar nicht mehr so fremd. Aber
zwischen dem, was ich erfahren und eingesehen hatte, und dem,
was ich in meinem alltäglichen Leben tat, bestand noch immer
ein großer Unterschied. Und das gefiel mir nicht.

Also fing ich - sozusagen von heute auf morgen - damit an, mit allen
Erziehungsmethoden Schluss zu machen, auch wenn sie mir noch so
taktisch klug und nützlich vorkamen. Anfangs tat ich es einfach nur,
weil es mir gut tat, endlich wieder echt und unverstellt sein zu
können und nicht mehr überlegen zu müssen, ob das, was ich
spontan empfand, erzieherisch richtig oder falsch war. Erst später
merkte ich, dass das auch meinen Kindern gut tat.

Sie wurden jetzt zwar nicht mehr erzogen, aber sie hatten dadurch
unvergleichlich viel mehr Möglichkeiten, menschliche, d. h. soziale
Erfahrungen zu machen. Und es war deutlich zu sehen, dass sie
dadurch, dass sie mehr Gelegenheit hatten, ihre Fähigkeiten zu
erproben, diese auch besser einzuschätzen lemten. Sie wurden
einerseits selbstbewusster, überschätzten sich andererseits aber
auch nicht mehr so häufig. Und so kam es, dass sie trotz wesentlich
größerer Freiheit weniger oft in Gefahr gerieten.

Sie waren auch gegenüber Anregung und Rat aufgeschlossener als
früher, vielleicht, weil sie keine Angst mehr zu haben brauchten,
dass sie damit in irgendeine Richtung gedrängt werden sollten. Ich
hatte endlich mein altes Vertrauen wiedergefunden, dass jedes Kind,
wenn es von Menschen umgeben ist, die ihm Wärme und Aufmerk-
samkeit entgegenbringen, sich zu einemvertrauenswürdigen und
sozialen Menschen entwickelt und nicht erst dazu gemacht werden
muss. Mein Leben mit den Kindem wurde von da an von Jahr zu
Jahr entspannter und intensiver.



.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Das lila Wiesel



















Aus meinen Gute-Nacht-Geschichten.

*

Der Ton wurde immer lauter. "Ich habe doch gewusst, dass
Sternschnuppenso laut sind", dachte das kleine Wiesel. Es
huschte zum Brombeergestrüpp. Als der Ton so laut wurde,
dass die ersten Blätter von der Buche fielen, nahm das kleine
Wiesel seine Halskette und hielt sie gegen den Mond. "Mond",
rief es, »es ist zu laut. Du musst den Sternschnuppen sagen,
dass sie aufhören sollen". Es drehte die Halskette viermal,
und der Ton wuırde leiser. Es fielen auch keine Blätter mehr
ab. Das kleine Wiesel wurde lila, ein Vulkan brach aus dem
Maulwurfshügel, und die drei Grillen begannen wieder zu
zirpen.

Wie konnte es nur geschehen, dass der Vulkan ausgerechnet
aus dem Maulwurfshügel ausbrach? Das lila Wiesel sah neu-
gierig in den Krater. Groß war er ja nicht, der Vulkan. Nicht
größer als ein Maulwurfsloch. Das Wiesel schubste etwas Erde
hinein. Sofort gab es ein gewaltiges Dröhnen, und mit einem
großen Knall wurde die Erde wieder hinausgeschleudert. Es
rauchte sehr, und glühende Steine wurden in die Luft gewirbelt.
Wenn der Vulkan auch nicht sehr groß war, so wußte das lila
Wiesel doch jetzt, daß er ein richtiger Vulkan war.

Das lila Wiesel badete in der Pfütze neben der Buche. Dann
sprang es in den Vulkan. Dabei wurde es so klein, dass es tat-
sächlich in den Krater passte. Es fiel hinab, tiefer und tiefer.
Die glühenden Steine konnten dem Wiesel nichts anhaben.
Das Pfützenwasser war ein guter Schutz. Das Wiesel landete
auf einem großen Pilz. "Ich bin der Vulkanwächter", sagte
der Pilz. "Es ist nett von Dir, dass Du mich besuchen kommst."
Das lila Wiesel wurde rot, so rot wie die glühenden Steine.
Es aß ein Stück vom Pilz, und zusammen passten sie auf,
dass der Vulkan rauchte und ab und zu Glut ausstieß.

Durch die Wolke kam der Buntvogel zu ihnen. Er brachte
Lulila mit, das Sternenmädchen. "Ich habe von Euch gehört",
sagte sie. Sie gab dem rotglühenden Wesel und dem Pilz die
Hand. "Dies habe ich Euch nıitgebracht." Sie gab dem Pilz
drei Sternschnuppen. Sie strahlten wunderschön. Das Wiesel
lief durch den Maulwurfsgang nach oben und gab die Stern-
schnuppen den drei Grillen. »Das ist für Euren schönen Ge-
sang", sagte es.

Die drei Grillen lachten. "Endllich!"`freuten sie sich. Sie
nahmen ihre Flügel ab und warfen sie in die Pfütze neben
der Buche. Es rauschte sehr, und das Pfützenwasser stieg
hoch und höher. Es floss schließlich über den Maulwurfs-
hügel in den Vulkankrater. Gewaltiger Dampf stieg auf,
die Sonne wurde von einer lila Wolke verdeckt, und das
Wiesel sprang in das Brombeergestrüpp. Der Pilz wuchs
am Stamm der Buche, und Lulila, das Sternenmädchen,
kraulte dem Maulwurf den Pelz. Sie sangen zusarnmen
das Lied der Grillen, und als der Ton wieder lauter wurde,
schliefen sie ein.