Dienstag, 17. Oktober 2017

Amicative Lebensphilosophie









Der Mensch ist ein zu erziehendes Wesen: Das ist eine Grundaussage
der traditionellen Kultur. Auf dieser anthropologischen Hypothese
baut sich die Sicht vom Kind, von den Beziehungen zu Kindern,
vom Erwachsenen, von Ethik, Moral, Religion, Recht, Politik –
auf dieser anthropologischen Hypothese baut sich das traditionelle
Weltbild auf.

In allen Lebensbereichen gelten die Folgerungen aus dieser Sicht.
Danach ist es selbstverständlich, dass der Mensch stets besser werden
kann und sollte, und dass es allgemein gültige Normen wie richtig und
falsch und gut und böse gibt. Insbesondere in der Religion ist das erzie-
herische Denken verfestigt, aber auch in den moralischen Forderungen
der Gegenwart, die objektive Wahrheit beanspruchen und genau wissen,
wer auf der Seite des Lebens steht und wer nicht. Das Oben-Unten ist
die Basis der traditionellen patriarchalischen Lebensphilosophie und hat
die heutzutage weltweit verbreitete abendländisch-europäische Kultur
geprägt.

Doch das patriarchalische Zeitalter geht seinem Ende entgegen – das
dokumentieren das millionenfache Leid der beiden Weltkriege und des
Holocausts, die atomare Bedrohung und die Umweltzerstörung. Die
neuen psychischen Muster, die der Menschheit den Weg in die Zukunft
weisen, sind die Achtung vor der Inneren Welt des Anderen, das existen-
tielle Wissen von der Einen Welt, die Leitidee der Gleichwertigkeit aller
Phänomene, die in all ihrer Vielfalt in einen achtungsvollen Diskurs treten.

Diese neuen Muster erstrecken sich auch auf die Beziehung zu den Kin-
dern, entdecken dort den patriarchalisch-imperialistischen Impetus und
überwinden ihn: Kinder sind keine Erziehungsmenschen mit der ent-
sprechend notwendigen Erziehungs-Beziehung, sondern Kinder sind
ganz normale Menschen, zu denen ganz normale Beziehungen zu unter-
halten sind. So, wie dies für die Beziehung von Europäern und Afrikanern
gilt, für Männer und Frauen, für die verschiedenen Religionen, Philoso-
phien, Kulturen dieser Erde. Es gilt nicht mehr »Macht euch die Erde
untertan«, sondern es gilt, mit dem Anderen (Steine, Pflanzen, Tiere,
Menschen – dem ganzen Universum und selbstverständlich auch Kin-
dern) in Beziehung zu treten und in Respekt vor seiner Würde die
eigenen Anliegen vorzutragen.

Amication ist ein neu entdecktes Land, das zugleich uralt ist und in
jedem Menschen lebt. Der Weg dorthin beginnt mit einer Einladung:
innezuhalten – und zwar dem Kind gegenüber, das ein jeder selbst ist.
Die Überwindung der pädagogisch-patriarchalischen Weltdeutung findet
für einen jeden selbst in seinem Herzen statt, wenn sie überhaupt statt-
findet. Denn dort – in der psychischen Konstitution – wurden Menschen
ausgerichtet und gebunden an die Leitpfosten der traditionellen Sicht,
wurden Kinder zu pädagogisch-patriarchalischen Menschen gemacht.
Die amicative Lebensphilosophie hebt diese Fixierung auf.




Kommentare:

  1. Hallo, Hubertus!

    Zitat:
    "Denn dort – in der psychischen Konstitution – wurden Menschen
    ausgerichtet und gebunden an die Leitpfosten der traditionellen Sicht,
    wurden Kinder zu pädagogisch-patriarchalischen Menschen gemacht."
    Zitat-Ende

    Zu dem genannten "wurden Menschen ausgerichtet und gebunden" und zu dem "wurden Kinder zu (...) Menschen gemacht" habe ich eine Frage:
    Von Wem und/oder von Was wurde das Genannte gemacht?
    LG HaJo51

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  2. Hajo, du bist schlau. Liebe Grüße

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    1. Hmm, Mama Mia, ich hingegen halte mich nicht für schlau.
      Denn ich verstehe immer noch nicht so ganz, wozu es angebracht sei, als amicativer Mensch solche "Menschen (z. B. Kinder) wurden von anderen Menschen zu 'xyz' gemacht"–Formulierungen zu postulieren.

      LG HaJo51

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    2. Ich finde, du stellst schlaue oder gute Fragen immer mal wieder

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    3. Hallo, Mama Mia!
      Diese deine (nun andere) Formulierung finde ich "besser interpretierbar". Denn es kommt nun besser zum Ausdruck, dass es dir um eine Beschreibung deines Empfindens geht.
      LG HaJo51

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  3. … Von Wem und/oder von Was wurde das Genannte gemacht? … wenn ich mir diese frage stelle … und das tue ich gerade … dann ist meine antwort : ich … christa .. ! ich bin ! schöpferin … geniesser .. gestalterin … erleider … verurteilerin … veränderer .. beginnerin .. beender .. momentaner wirklichkeiten … und dadurch auch mitverantwortlich für m/deine .. unsere .. J a .. tat twam asi

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    1. Servus, christa!

      Zitat:
      "ich … christa .. ! ich bin (...) auch mitverantwortlich für m/deine .. unsere .. J a .. tat"
      Zitat-Ende

      Wenn du meinst, dass du für meine Taten (also quasi für mein So-sein) mitverantwortlich bist, dann ziehe ich mich vorsichtshalber von dir zurück.
      Ich habe nämlich hier in meiner Nähe schon jemanden, der sich für mich verantwortlich fühlt. Das genügt mir vollkommen!

      Gruß von HaJo51

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    2. lieber hajo ... dass ich mich vor dir als christa ... und für dich ... als teil des grossen ganzen mysteriums leben ... das wir in meiner wirklichkeit miteinander teilen ... verantwortlich erlebe ist so ... für mich !!! ... daran ändert auch dein dich zurückziehen von mir nichts ... es tut mir leid denn mein mich für a l l e s mitverantwortlich fühlen hat nichts damit zu tun dass ich dir deine 100% verantwortung für dich und wie du dir dein leben gestaltest abspreche ... ich anerkenne allerdings auch dass ich am grossen ganzen eine mitverantwortliche rolle spiele ... so wie eine leberzelle am geschehen in ihrer kleinen einzigartigen leberzellenrealität verantortlich ist u n d auch an der realität der ganzen leber ... u n d an der realität des menschen in dem diese leber ihre funktion erfüllt ... und und und .. ich erlebe mich n i c h t nur als ein vom mysterium leben getrennt seiendes individuum ... sondern anerkenne auch zugleich die einzigatigkeit und einmaligkeit jeder erscheinung ... also auch dich hajo ;-) als mensch der sich vorsichtshalber von mir zurückzieht ... dass ich dann das gefühl habe du erlebst mich als subjektiv unerfreulich bis kann sein bedrohlich für dein bild von mir tut mir irgendwie weh ... weil halt ... alles liebe christa

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    3. Servus, christa!

      Zitat:
      "... dass ich mich vor dir als christa ... und für dich ... als teil des grossen ganzen mysteriums leben ... das wir in meiner wirklichkeit miteinander teilen ... verantwortlich erlebe ist so ... für mich !!! ..."
      Zitat-Ende

      Aber wozu ist denn Deinerseits ein solches "Ich fühle mich für einen anderen Mensch (z. B. mich, die eigenständige Person HaJo) verantwortlich"-Gefühl nötig?

      Zitat:
      ".. ich erlebe mich n i c h t nur als ein vom mysterium leben getrennt seiendes individuum ... "
      Zitat-Ende

      Hmm, ein komisches Erleben hast du da.
      Ich dachte bisher immer, ein Mensch kann ein solches "Getrennt-sein vom Leben" garnicht erleben (weil ja quasi das "Getrennt-sein vom Leben" gleichbedeutend mit dem Zustand "Tod" ist).

      Zitat:
      "... dass ich dann das gefühl habe du erlebst mich als subjektiv unerfreulich bis kann sein bedrohlich für dein bild von mir tut mir irgendwie weh ... "
      Zitat-Ende

      Huch ... da geht 's dir ja ähnlich wie mir.
      Ich habe nämlich zurzeit auch eine gedanklich schmerzhafte Korrespondenz mit meinem gedanklichen "christa"-Bild.
      Ich warte mal ab, ob sich bei mir ein neues = anderes "christa"-Bild entwickelt.

      LG HaJo51

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    4. kann sein ich hab mich missverständlich ausgedrückt ?!? .. ich erlebe mich NICHT immer als ein vom mysterium leben getrennt scheinendes individuum sondern fühle eine allumfassende mich einschliessende verbundenheit mit allem was ist .. welche dennoch die anerkennung der einzigartigkeit und einmaligkeit jeder erscheinung zulässt ... mir meiner macht bewusst zu sein bedeutet nicht dass ich macht über ( also eine oben - unten -perspektive ) etwas habe ... sondern dass mir bewusst ist dass mir eine macht eingeboren ist die ich nutzen kann oder eben nicht.. eine macht UM ZU .. und dass wenn ich sie nicht nutze eben andere sie nutzen ... das kann dann als " macht über " erlebt werden .. ausser in der physikalischen materiellen welt gibt es keine macht ÜBER mich für mich ... meine gefühle meine gedanken meine inspirationen und intuitionen sind frei .. so frei dass ich mich entscheiden kann dem anderen scheinbare macht über mich zuzugestehen ... wenn ich das so will ... herr dein wille geschehe ... und siehe da es ist auch mein wille ! ;-) wenn s jetzt noch verwirrender geworden ist .. dann weiss ich auch nicht weiter ... paradoxes ist eben paradox ...

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    5. Nun, christa, als "verwirrend" finde ich momentan das Letztgenannte in dieser deiner Aussage:

      Zitat:
      "eine macht UM ZU .. und dass wenn ich sie nicht nutze eben andere sie nutzen ..."
      Zitat-Ende

      Dazu meine ich:
      Andere Menschen nutzen deine "UM ZU"-Macht nicht, wenn du diese mal eben nicht nutzt. Andere Menschen nutzen bestenfalls ihre jeweils eigene "UM ZU"-Macht.

      LG HaJo51

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    6. lieber hajo ... ich schrieb nicht von meiner macht sondern von EINER MACHT ... MACHT (in grossbuchstaben ) als das überpersönliche potential .. als phänomen ... das mir dann als m/eine macht erscheint wenn sie von mir genutzt ist bzw. als k/eine macht wenn ich sie nicht nutze ... ich stimme dir zu : andere menschen nutzen meine "um zu "macht ( in kleinbuchstaben ) nicht wenn ich diese mal eben nicht nutze ! ... andere menschen nutzen bestenfalls ihre jeweils eigene "um zu " macht ... JA ... doch beide nutzen ... wenn sie es tun ... diese EINE MACHT ( in grossbuchstaben )... dieses EINE überpersönliche MACHTpotential ... find ich .. lass ma s sein hajo .. worte schaffen halt oft mehr verwirrung als ein freundliches lächeln ... und
      das schick ich dir jetzt .. alles liebe christa

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    7. Aha ...
      Okay, christa, auf deinen "Überpersönliches Potential"-Hinweis hin habe ich mir den betreffenden Textabschnitt nochmal durchgelesen.

      Dazu meine ich nun:
      Diese überpersönliche Macht (also deine in Großbuchstaben geschriebene MACHT), die viele Menschen auch "Gott" nennen, habe ich vor langer Zeit mal für mich ergründen wollen, weil ich mit dem Begriff "Gott" nichts mehr zu tun haben wollte.
      Das Ergebnis meines Ergründens war – zumindest für mich – erstaunlich.

      LG HaJo51

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    8. Was war das Ergebnis, hajo? Vielleicht dass du selbst es bist?

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    9. Hallo, Mama Mia!

      Zu Frage 1:
      In Büchern aus dem Spätwerk des Arztes und Libidoforschers Dr. Wilhelm Reich (1897-1957) fand ich für mich sehr plausible Erklärungen bzgl. überpersönliches Potential (Stichwort: Orgon-Energie).

      Zu Frage 2:
      Jein.

      LG HaJo51

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  4. @ hajo ... ich erleb mich auch nicht als "schlau " ... sonst hätte ich wohl nicht immer wieder solche schwierigkeiten ironische bemerkungen nicht für bare münze zu nehmen ;-) ..

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  5. Hallo Hajo, zu Deiner Frage (8.34 Uhr): Durch die sie umgebenden pädagogisch-patriarchalischen Menschen, auf vielfältigen Kommunikationskanälen, durch psychische und physische Einwirkungen.

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    1. Moin, Hubertus!

      Mir ist zwar bekannt (bewusst), dass außerhalb eines Menschens Befindliches auf einen Mensch wirkt (nachdem er es wahrgenommen hat), aber mir ist noch nicht klar, wozu du diese Wirkungen immer noch als "Es wird von einem Mensch bei einem anderen Mensch (z. B. einem Kind) etwas gemacht" definierst und postulierst.

      Meinem Empfinden nach ist bei einer solchen "Es wird beim anderen etwas gemacht"-Postulierung immer auch eine "Ein anderer Mensch hat Macht über einen anderen Mensch"-Botschaft beigepackt.

      Gruß von HaJo51

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  6. das freut mich hajo ... dass wir im erstaunlichen möglicherweise doch in verbindung bleiben ... alles liebe christa

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    1. Ja, christa, ich bin auch erleichtert, dass ich mit meinem "christa aus Wien"–Gedankenbild wieder einigermaßen zufrieden bin. *kopfnick*
      LG HaJo51

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