Freitag, 13. Oktober 2017

Schuhe an!






















"Meine dreijährige Tochter zieht morgens ihre Schuhe nicht an.
Es gibt jedesmal Theater - ich muss zur Arbeit, und sie trödelt
rum." Nach dem Vortrag in der Fragerunde werde ich erwartungs-
voll angeblickt.

Tja, ein Alltagsproblem. Die Kinder tun nicht, was sie sollen.
"Würd ich mir nicht bieten lassen", sage ich. Klar, das weiß die
Mutter auch. Nur: Wie soll sie mit der Situation umgehen?

Ich habe keine konkrete Lösung parat. Nur eben, dass ich es
mir nicht bieten lasse. Aber ich weiß schon etwas zu antworten.
Etwas vor oder unter oder hinter der konkreten Lösung (die ich
nicht habe). "Ihre Tochter macht nichts verkehrt. Sie hat ihr
Interesse: keine Schuhe anziehen. Was auch immer dahinter
stecken mag. Sie müssen sie nicht ausschimpfen, belehren oder
als ungezogen hinstellen. Ihre Tochter will ihrem eigenen Weg
folgen, der ohne Morgenschuhe ist."

Ich werde grundsätzlich und wiederhole etwas, was ich im
Vortrag lange ausgeführt habe. Jeder hat seine Sicht der Dinge.
Sie haben Ihre Sicht: Ruckzuck Schuhe an. Ihre Tochter hat
ihre Sicht: keine Schuhe an. Die Sichtweisen der Menschen
sind bei aller Unterschiedlichkeit immer gleichwertig, niemals
steht hierbei einer über dem anderen, auch Eltern nicht über
Kindern. Jeder hat aus seiner Sicht recht. Ein "Sieh ein, ich habe
recht" muss man nicht machen.

Wenn Eltern und Kinder gleichwertig sind in der Sicht der
Dinge, dann setze ich mich für meine Sicht ein. Damit passiert,
was mir wichtig ist. Aber ohne Rechthaberei, ohne Schlecht-
machen. Ohne "Sieh das ein".

Einsetzen für die eigene Sicht, also "Schuhe an" beginnen Sie
sicher freundlich, dann energischer. Da ihre Tochter weiter
dagegenhält, müssen Sie sich durchsetzen, wenn Sie nicht
untergehen wollen. Was ja auch möglich ist: Sie gehen heute
nicht zur Arbeit sondern spielen mit Ihrer Tochter. Aber am
nächsten Tag geht das wahrscheinlich wieder los.

Also Durchsetzen. Klartext: Sie setzen die Machtmittel ein,
die Ihnen zum Erfolg verhelfen. Harte Worte, Psychomacht
eben. Es geht um ihren Weg, und Sie setzen Ihr Kind schach-
matt. Das muss ja nicht in Prügelei ausarten. Sie schaffen das
schon. Wir haben auch sehr wehrige Wickelkinder gewickelt,
sehr MundzuKindern Medizin gegeben, sehr heftige Tobekinder
auf den Armen weggetragen.

Das Machtmittel, um das es hier geht, ist Körpermacht. Sie
ist Ihnen gegeben, um sich und Ihre Werte zu schützen. Ohne
schlechtes Gewissen. Nehmen Sie es sich nicht übel, wenn
durch Sie Leid entsteht. Wir sind immer wieder Stein im Weg
der Kinder. Was ja auch in der Erwachsenenwelt gilt.
     
Eins aber ist anders als gewohnt: Sie setzen sich durch - aber
ohne Herabsetzung. Ihre Tochter ist nicht schlecht oder unartig.
Sie ist ein Mensch mit Würde, sie hat ihre Würdekrone auf.
Auch wenn Sie Ihre Tochter zwingen: Ihr Ton und Ihre ganze
Art verletzt nicht die Würde Ihres Kindes. Klar, sie kann nicht
tun was sie will. Aber auf der psychologischen Ebene bleibt
die Achtung.

Das können Sie auch sagen: "Du bist nicht böse - aber ich
ziehe Dir jetzt die Schuhe an". Und Punkt.

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