Sonntag, 5. November 2017

Renesmee

  



 

 

Wir sehen. Die Welt. Mit den Augen, dem Herzen, den Bildern, den Farben, den Gedanken, der Fantasie, den Träumen und vielem mehr. Dieses Sehen ist fein gesponnen, gewachsen, es ändert sich oder bleibt gleich, es ist machtvoll, laut und leise, einheitlich und gegensätzlich. Es ist ein Teil unseres Selbst, es ist in uns und wir sind in ihm. Alles im Untergrund, mit grandioser Wirkung im Außen.

Nachmittags-Seminar, Tagesmütterausbildung, ich bin Gastreferent. Eine Teilnehmerin hat ihre Tochter mitgebracht, 16 Monate alt,  Renesmee. Ich beginne mit dem Vortrag, entfalte die amicative Welt. Renesmee erzählt von ihrer Welt, viel Aufmerksamkeit ist bei ihr. Ich sehe das Kind, und ich sehe, wie sie die Konzentration stört. Meine und die der anderen. Einige Mütter spielen mit ihr, reden mit ihr, sind bei ihr und nicht beim Vortrag. Das ganze ist nervig, aber auszuhalten.

Ich erzähle vom „Wer ist Du?“ und vom „Wer bin ich?“, von Identität, Grenzen, Königskrone, Souveränität. Von Gleichwertigkeit, Augenhöhe, Selbstliebe und Co. Renesmee spielt mit dem Schlüsselbund und der Handtasche, bekommt Kekse und Fläschlein. Wer ist wichtig, richtig, darf sein? Was ist verabredet, Konsens, Dissens? Ich bekomme mit, dass viele zuhören, oder eben nicht. Ich höre nicht auf zu erzählen, breite weiter aus, zeige die Tür zur Amication. Renesmee nervt, ist aber auszuhalten.

Pause nach einer Stunde. Hab ich nötig. Die Leiterin entschuldigt sich. „Aber sonst hätte diese Teilnehmerin nicht kommen können.“ „Schon gut“, sage ich. Lege Bücher aus, entspanne mich. Welchen Blick habe ich auf die Kinder, die ich in meiner Erzählung leben lasse?  Nun ja,  den amicativen eben. Was sehen die Teilnehmerinnen, mit den Gedanken, mit dem Herzen? Sehen sie die Krone? Sehen sie sich als Missionare, die Kinder erst zu Menschen machen? Oder sehen sie sich als Gleichwertige, Kind unter Kindern, ein Leben lang? Haben sie überhaupt folgen können, bei so viel Renesmee?

Nach der Pause kommen wie immer die Fragen. Und meine Antworten. Wir haben einen großen Sitzkreis, 20 Mütter und ich. Und Renesmee. Während ich gefragt werde, bevor ich antworte, sehe ich das Kind. Ich höre die Fragen und habe Sehzeit, weil ich ja mit der Antwort noch nicht dran bin. Ich sehe das Kind, wie es im Kreis hin- und herläuft, herumgeht – und ich bemerke, dass ich die Krone sehe!

Wo ist meine Anspannung, mein Ärger, mein Unwohlsein? Nicht mehr da – statt dessen sehe ich das leibhaftig vor mir, was ich gerade noch etwas angestrengt sichtbar machen wollte. Alles an dem Kind vor mir ist schlüssig, königlich, leicht, liebenswert. Die Konzentration auf Renesmee lässt jetzt das in mir schwingen, was hier verhandelt wird. Es wird groß, großartig, einmalig. Ich habe dieses Kind nicht bestellt für diesen Nachmittag. Aber es ist da, geliefert vom Leben und lehrt mich und die Teilnehmer das, was ich mit meinem Vortrag aufscheinen lasse. Eine intensive, eine magische Allianz.

Mein Blick auf das Kind hat sich verändert. Statt Störung jetzt Unterstützung. Statt Unwohlsein jetzt Erstaunen, Ergriffenheit. Statt Belastung jetzt Gelassenheit. Statt „Geh“ jetzt „Willkommen“.

Ich bin von dieser Verwandlung so verzaubert, dass ich erst im Nachgespräch mit der Leiterin dahinter komme, was da passiert ist. Mein Herz sieht Kinder ja so, und das „Ich bin genau so jemand“, von dem Kind hier in den Raum geflüstert, hat mein „Kinder stören die Konzentration eines Vortrags“ überwunden, mich erreicht, meinen Blick auf sie geändert. Ihr wortloses „Hallo Hubertus“ hat mich erreicht, Resonanz ausgelöst, mich „Hallo Renesmee“ antworten lassen. Unsere Welten haben sich aus ihrer Gegensätzlichkeit gelöst.

Der Nachmittag war gut. Sehr gut. Viele nehmen etwas mit, wie es dann heißt. Es wird eine erfüllte und heitere Atmosphäre. Es gibt konkrete Beispiele, direkt zum Erleben: Renesmee nimmt eine Tablettendose aus der Handtasche - „Nein“ - kurzer Protest - und vorbei. Grenzziehen ohne Herabsetzung. Oder: sie hängt sich die Handtasche um den Hals. Die Nachbarin: „Gib her“, das klappt problemlos. Ihre Mutter: „Das kann sie doch machen“. Tasche zurück, das Spiel geht weiter. Die Unterschiedlichkeit der Grenzen wird deutlich. Und dass wir für unsere Grenzwahrung selbst zuständig sind. Alles mein Thema, aber jetzt nicht nur erklärt, sondern direkt gelebt. Und erfahrbar für den anderen Blick auf die Kinder, für den ich heute gekommen bin.

Wir können unseren Blick ändern. Wenn die Belastung und der Ärger unsere Augen formen – das kann weggehen. Wir können anhalten und umdeuten, kann man machen. Muss aber auch nicht zum Stress geraten, diese Umdeuterei. Und gelingt ja auch immer wieder. Vom unguten Ärgerland wandern ins Freudeland. Welchen Großraum will ich haben, wo will ich unterwegs sein? Darauf können wir Einfluss nehmen, von Dort nach Hier gehen, den Blick verwandeln.

Selbstliebe lässt es uns gut gehen. Sie hilft uns. Also lass ich sie mal machen, in mich wirken, meine Blicke freundlich werden. Was ja nicht immer klappt, aber oft eben doch. In großen und kleinen Dingen des Alltags und Miteinanders, mit den Kindern, dem Partner, den anderen. Wie viel Ärger soll in meinem Tag Raum bekommen? Anlässe gibt es genug. Aber mit dem anderen Blick wird der Anlass entärgert und schön geredet und gefreudet.

Martina erzählt von den Matschhänden. Von Renesmee und ihresgleichen. Die Kinder haben Hunger. Die Brote liegen bereit. Vor dem Essen kommt: das Händewaschen.  Ach ja? Wie will ich das vermitteln? 16 Monate und Matschspaß und Hunger - 36 Jahre und Seife vor dem Essen. Was ist der Blick, mein Blick? Auf die Situation, auf das Leben, die Matsche, die Seife, die Brote, auf Renesmee, auf mich? Mit den Augen der Kinder sehen: mein Herz in ihrer Schwingung. Kann sein, muss nicht sein, kann aber sein. Martina: „Die können auch mit Matschhänden essen.“

Empathie, aus der Selbstliebe heraus. Ohne Anstrengung. Als etwas, das passiert. Wenn im großen Nachdenkeland so etwas gern gesehen wird, Amication zeigt solche Möglichkeiten. Ich zeige sie in den Vorträgen, die Kindern zeigen sie unmittelbar. Unser Kopf und unser Herz können sich verändern. Nicht über die Maßen, ein wenig, oder doch stürmisch. Ich kann beiläufig die Matschende ein wenig sauber wischen, die dreckigen Gummistiefel von den Kinderfüßen ziehen,  das Zimmer aufräumen, nachsichtig sein, gerade auch in der Partnerschaft, in Harmonie geraten, mich anstecken lassen.

Wie viel Streit muss sein? Wie viel Streit will ich haben? Wie viel Ärger muss sein? Wie viel Ärger will ich haben? Wie viel Heile Welt? Wer will ich sein? Wir können das nicht alles wirklich selbst machen. Nicht alles, aber manches und manchmal auch vieles. „Ich bin die Schönste im ganzen Land“ - gilt für alle. Für alle? Ja, das ist paradox und wahr zugleich. Zauberei der Liebe.

„Ich kann nicht gleichzeitig einen Vortrag halten und ein aktives Kind in Raum haben.“ Hallo: nur ein bisschen Durchhalten, und der Gegensatz wird zur Harmoniestraße. Vielleicht sind wir oft einfach zu ungeduldig, zu angestrengt, überfordert, vom Gerade und vom Überhaupt. Ja, so ist es oft, immer wieder. Aber unsere Augen und unser Herz sind strapazierfähig und lassen uns auch immer wieder sehen, was es zu sehen gibt: Königskronen, Freude, Harmonie, Eingeladensein, Mitmachen. Vertrauen auf die Verwandlungen – eine große Hoffnung.
   


1 Kommentar:

  1. hab mal " hoffnung " gegoogelt : Hoffnung (vgl. mittelniederdt.: hopen „hüpfen“, „[vor Erwartung unruhig] springen“, „zappeln“) ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, ... J A ... so gesehen ist grosse hoffnung in mir immer wieder sehr lebendig ...

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