Samstag, 25. Februar 2017

Wo will ich wohnen?


Wir sind in Großräumen unterwegs. In großen Resonanzen, die uns durchdringen. Wer weiß, wie viele solcher Hintergrundmelodien es in uns gibt. Aber es lässt sich rasch überlegen, dass es da ein Paar gibt, zwei Seelenräume, die entgegengesetzt sind und doch zusammengehören. Der mit dem Pluszeichen und der mit dem Minuszeichen, der positive und der negative Großraum.

Es mag ja eine Zeit und eine Welt geben, in der diese Gegensätze nicht existieren. Wo Gegensätze zwar existieren, aber nebensächlich sind. Weil alles grundsätzlich konstruktiv gesehen wird, also auch das ganze Theater mit dem Minuszeichen zur Welt der Konstruktivität gehört. So was ist ja bekannt genug, und das bekommen wir ja auch immer wieder mal hin. Oder glauben, dass es so etwas gibt wie ein nicht in Gegensätze aufgeteiltes Universum, monumental, Liebe, wie auch immer.

Aber diese gegensätzlichen Großräume mit Plus und Minus sind auch unsere Wirklichkeit. Wo immer das auch herkommt, aus Kultur oder Genen. Und auf diesen Ozeanen sind wir im Alltag unterwegs. Wer steuert unser Schiff? Haben wir eine Chance, Einfluss zu nehmen? Den Raum zu verlassen, den wir nicht mögen, den negativen Großraum?

Wer entscheidet das? Wir gehören uns selbst. Was ja die Frage ist. Aber wenn man mal davon ausgeht, oder dies für einen gewissen Prozentsatz annimmt, dann liegt es auch an uns, aus dem Minusraum zum Plusraum zu wechseln. Wenn es sich so zusammenreimt. Wenn wir das nicht übersehen. Wenn wir das für möglich halten. Wenn wir umschwingen können. Wenn wir uns vom bösen Blick befreien.

Wer kann das schon? Alles, was wir als unangenehm erleben, wird ja nicht durch einen Psychoumschwung der besonderen Art jetzt irgendwie ent-unangenehmisiert. Vielleicht sogar zu einer angenehmen Wohligkeit. Unangenehmes - also Ärger, Enttäuschung, Ängstlichkeit, Leid, Verzagtheit, Verstimmtheit, usw. usw. - durch eine psychische Großbewegung verlassen können: das wäre es ja.

Diese Zauberei gelingt aber immer mal wieder. Mit den dazugehörenden Kopfsprüchen wie „ist ja nicht so schlimm“ oder „mach mal halblang“ oder „das kann man ja auch anders sehen“. Und wenn das immer mal wieder gelingt, gibt es dann nicht auch eine Möglichkeit, solche Umschwingerei oft herbeizuleben, auch: immer öfter? Sie als Hintergrundmelodie nicht mehr zu überhören? Oder etwas weniger anspruchsvoll: immer wieder aufsteigen zu lassen, nach einer gewissen Zeit des Versackens im zähen Sumpf?

Sehr utopisch und unrealistisch, das Ganze. Negatives macht ja auch erst die Erfahrung und das Erleben des Positiven möglich. Und gehört dazu. Zum Leben und zu allem. Ja ja, die Sprüche sind bekannt. Aber sollen sie mich endlos begleiten in der Zeit meines langen Lebens? Es wird so viel auf dem Basar der Deutungsmöglichkeiten angeboten. Wem wollen wir glauben, wem folgen, wo uns festmachen?

Es gibt die Einladung, sich im positiven Großraum aufzuhalten. Mehr noch: es gibt die Botschaft, sich dort ansiedeln zu dürfen. Und wenn man das will, dort auch zu bleiben. Dort zu wohnen. Wir haben etliche Symbole dafür gefunden: „Jeder tut jederzeit sein Bestes“, „Ich liebe mich so wie ich bin“, „Ich bin Ebenbild Gottes“, „Ich bin Konstruktivität und Liebe“.

Wo will ich wohnen? Als Kinder haben wir von der Möglichkeit, im Plusraum zu Hause zu sein, kaum etwas gehört. „Was hast Du wieder angestellt!“ Schimpfkultur, Fehlerhaftigkeit, Mängelwesen: nicht schön, aber wahr. Wahr? Alles ist Interpretation. Wer aber interpretiert? Wer hat die Welt im Griff? Wer hat uns im Griff? Welche Schriften und welche Schriftgelehrten? Schon gut - natürlich können wir das erkennen und uns emanzipieren, uns als Deuter unseres Lebens und unserer Welt einsetzen. Zumindest können wir uns das vorsagen und dann auch glauben, dass das geht.

Das ist alles ja nicht so einfach, und die Widersprüche, die sich aus so einer Umsiedlung in den positiven Großraum ergeben, wollen ja auch wieder positivgroßräumig, also liebevoll gesehen werden. Wenn jemand mich als Leidzufüger erlebt, und ich das Leid des anderen, das durch mich bei ihm entsteht, wie er sagt, auch sehe („Wegen Dir geht es mir schlecht“) - wie lässt sich das als „Ausdruck meiner Liebe“ schönreden? Man kann das ja machen und sich die Wirklichkeit so verdrehen, wie und bis es passt. Aber ist das erstrebenswert? Und auch noch voll Mitgefühl und Anteilnahme?

Klar ist es das! Wir können uns alles schönreden, wer will uns hindern? Warum Misstrauen in diese Kunst? Wir bleiben bei uns und unserem Glauben an uns und unsere konstruktive und mitmenschliche Kraft. „Ich lass mir das nicht schlechtreden - ich lass mich nicht mehr schlechtreden“. Man muss ja nicht gleich abheben mit so einem Höhenflug. Man kann ja einfach ganz erdverbunden und realistisch in dieser Höhe leben, im Großraum Positiv. Jedenfalls ist das nicht verboten ... Es ist eine Option, die mein Nachdenken über mich und die Welt gefunden hat. Eine Option, die mich gefunden hat. Von der ich mich habe finden lassen.

Es ist immer die Frage, welcher Wahrheit oder welchem Schnickschnack man folgen will. Kräuter-Medizin, Hybridauto, Ökostrom, Mülltrennung, Smartphone, Antivirenprogramm, Bergtour, Flussfahrt - endlose Verlockungen. Oder wie bodenständig man sein will. Unterstützen statt erziehen. Statt erziehen? Geht’s noch? Gruselig oder seeligmachend. Wer will ich sein in dieser unendlichen Vielfalt postmoderner Gleichwertigkeit?

Wir entscheiden über unsere Wege. Was soll mich also davon abhalten, meinen Wohnsitz im positiven Großraum anzumelden? Bei der zuständigen Behörde des Universums? Man kann zum Amt gehen und sich dort anmelden. Wohnt man dann dort auch? Als zweiter Wohnsitz gelingt mir das jedenfalls, ab und zu, immer öfter. Obwohl es ja mein erster Wohnsitz sein soll. Ich lege keinen Wert mehr auf dieses andere Land.

Es gelingt mir zu meiner Überraschung einfach immer wieder, Unangenehmes umzudeuten (in den positiven Großraum). Es bleibt dann zwar unangenehm, aber es fühlt sich anders an. Es hat nicht mehr diese Wucht. Es verliert seine Dramatik. Es verliert seinen nachhaltigen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich kann Unangenehmes ruhiger sehen, mich entspannen und auch mit meiner Unangenehm-Reaktion nachsichtiger umgehen. Ich rufe mich dabei nicht zur Ordnung, es ist mir einfach möglich.

Darunter ist die Gewissheit, dass alles von einer grandiosen Konstruktivität ist. Dass alles seinen offenen liebevollen Weg geht. Grundidee: diese Konstruktivität. Die jeder so ausfüllt, wie er das kann und leben will. Das kann auch das Umsiedeln in den positiven Großraum sein, manchmal, öfter oder auf Dauer.

Freitag, 24. Februar 2017

Wissen Kinder, was für sie gut ist?


Wissen Kinder, was für sie gut ist? Sie wissen es entsprechend ihrem Erfahrungs- und Bewertungshorizont, wie das bei jedem Menschen der Fall ist. Beispiel Kind: Es will einen Weihnachtsbaum anzünden, um sich an der erhofften Wirkung (Feuerwerk) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Wassereimer). Beispiel Erwachsener: Er will ein Atomkraftwerk bauen, um sich an der erhofften Wirkung (Energiegewinn) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Katastrophen-
plan). Aus ihrer Sicht wissen sie, was für sie gut ist. Ich bin da oft ganz anderer Meinung, aus meiner Erfahrung und Bewertung heraus. Ihr subjektives Wissen ist meinem subjektiven Wissen jedoch stets gleichrangig – denn objektives Wissen existiert überhaupt nicht. 
Dem zuzustimmen – dass es keine Objektivität der Erkenntnis gibt – ist natürlich nicht jedermanns Sache. Es ist jedoch meine Überzeugung, sie gründet in dem postmodernen Paradigma der Gleichwertigkeit. Und wenn ich auch allemal meinem Wissen verpflichtet bin und dies notfalls durchsetze – so steht es mithin nicht über dem Wissen eines Kindes und verdrängt nicht meinen Respekt davor, dass jedes Kind wie jeder Mensch sehr wohl weiß, was für es gut ist. Im übrigen ist das Wissen der Kinder ist nicht von der Art, wie wir Erwachsene etwas wissen. Es ist ein Gespür für das Angemessene, eine emotionale Sicherheit, die auf Selbstvertrauen und Ich-Sicherheit beruht. Dieses Wissen der Kinder ist ein Wissen, wie es ursprünglich aus uns kommt, es ist ein Wissen von innen.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Herrschaftsanspruch und Herrschaftsausüben, II


In diesem Doppelpost geht es um zwei Aspekte von Herrschaft: Im vorigen Post um den Herrschaftsanspruch, jetzt um die Herrschafts-
ausübung.


Teil 2:  ... und wissen, was für andere gut ist
Ich mache mir durchaus Gedanken darüber, was für andere gut ist. Mir ist dabei aber stets klar, dass dies einzig meine eigenen Überlegungen sind und dass sie nur in meinen Zuständigkeitsbereich fallen. Dass sie nicht über den Auffassungen des anderen stehen und dass sie nicht irgendwie »objektiv« richtig sind. Wenn ich mir überlege, was für einen anderen gut ist, dann ist dies meine Überlegung und sie hat keinen Anspruch, wirklich das Maßgebende für den anderen zu sein, oder gar, dass dieser einsehen müsse, dass ich recht habe. 
»Auf der Mauer balancier lieber nicht, die ist zu rutschig vom Regen.« – »Lass die kaputte Flasche liegen, da schneidest Du Dich nur.« – »Bloß kein Eis mehr, Du verdirbst Dir den Magen.« – »Nicht so wild, das Rad geht kaputt und Du tust Dir weh.« – »Wenn Du weiterkletterst und runterfällst, brichst Du Dir noch etwas.« 
Ich teile mit, was meiner Meinung nach für den anderen gut ist. Und ich habe auch kein Problem damit, dies dann als »Ich weiß, was für Dich gut ist« zu bezeichnen. Oder genauer: »Ich weiß, was für Dich gut sein könnte«. Aber es kommt nicht auf die Wahl der Worte an, sondern auf die innere Haltung. Wenn jemand sagt »Ich weiß, was für Dich gut ist« und dabei die innere Haltung hat »Und richte Dich danach, tu, was ich sage, denn ich weiß es schließlich besser als Du«, dann schwingt da etwas Herabsetzendes mit, und dies lehne ich ab. 
Mein Gefühl, meine Einsicht, meine Erfahrung zu dem, was für Kinder gut ist – sein könnte! – verberge ich nicht. Diese Dinge sind schließlich in mir. Ich gebe dies an die Kinder weiter, so wie ich auch meinen erwachsenen Freunden Rat gebe und ihnen Vorschläge mache. Im Unterschied zur erzieherischen Haltung lasse ich es aber beim Informieren und bestehe nicht darauf, dass ich recht habe, und dass die Kinder meine Auffassung teilen und mir innerlich zustimmen sollen. 
Ob sich ein Kind im Handeln nach dem richten wird, was ich sage, hängt von vielen Faktoren ab. Sicher folgen die Kinder oft meinen Vorgaben, und ebenso sicher ist, dass sie dies oft nicht tun. Aus den vielfältigsten Gründen heraus kann ich ihr Nein häufig akzeptieren. Aber es kann genauso gut vorkommen, dass ich eine Ablehnung meines »Ich weiß, was für Dich gut ist« nicht vertragen kann und dann durchsetze, dass gemacht wird, was ich will. Dann bin ich zu ungeduldig, zu ängstlich, zu verärgert, zu überzeugt, zu informiert oder sonst irgendwie »klüger«. 
Ich übe dann Herrschaft aus, damit geschieht, was ich will. Das ist klar, und das kann ich dann gerade nicht vermeiden, obwohl ich es ja eigentlich nicht will. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen meinem »Tu, was ich als gut für Dich ansehe« und dem erzieherischen »Tu, was ich als gut für Dich ansehe.« Wenn ich Herrschaft ausübe und mich durchsetze, schwingt nicht der Anspruch mit, dass das Kind sich auch meiner Bewertung unterwerfen soll. Ich beschränke mich auf das Ausüben von Herrschaft, auf das Durchsetzen, und lasse es in Ruhe damit, ob es das nun einsehen wird oder nicht.

Bei aller Herrschaft, die immer wieder von mir ausgeht – es ist kein erzieherischer Anspruch dabei, kein Angriff auf das Selbstwertgefühl und die Identität des Kindes. Ich unterwerfe nicht auch noch seine Gesinnung, wenn ich es schon zu einem bestimmten Verhalten zwingen sollte. Und die Kinder können das, wozu ich sie zwinge, für völlig unmöglich halten. Das fordert mich nicht heraus und macht mich nicht aggressiv. Sie können ihre Meinung über mich zurückhalten oder offen aussprechen. Und oft ist es so, dass ihr freimütiger Protest mein Herrschen unterbricht und beendet. 
Als Arnd einmal bei mir übernachten wollte, sagte ich, es wäre sicher gut für ihn, zu Hause anzurufen und Bescheid zu sagen. Sonst würde er morgen Schwierigkeiten bekommen. Seine Eltern müssten wissen, wo er ist. »Ach, das ist doch nicht so wichtig.« »Du kriegst aber bestimmt riesigen Ärger.« »Macht nichts.« »Wenn ich für Dich anrufe, sieht es blöd aus.« »Ist doch nicht mein Problem.« Er wollte nicht tun, was für ihn das Beste war! Und ich begann zu herrschen: »Dann kannst Du nicht hier bleiben.« »Na gut, wenn es sein muss. Aber ich finde es total überflüssig. Du stellst Dich ganz schön an.« Er tat dann, was ich wollte, aber er behielt seine eigene Bewertung. Da ich nicht den Anspruch hatte, wirklich recht zu haben und dass er dies einsehen müsse, griff ich ihn in seinem Selbstwertgefühl nicht an. Und nur deswegen blieb er überhaupt noch. 
 

Dienstag, 21. Februar 2017

Herrschaftsanspruch und Herrschaftsausübung, I


Dies wird ein Doppelpost. Erst gehe ich dem Herrschafts-
anspruch nach. Im zweiten Teil geht es um das Wissen, was für andere gut ist. Da findet sich dann auch das Durchsetzen, d.h. das Herrschaftsausüben. Widerspruch? Mal sehen.

Teil 1: Die Herrschaft beenden ...
 Es ist für Erwachsene selbstverständlich, dass sie den Kindern sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. »Iss Deinen Teller leer!« – »Stell Dein Rad in den Keller!« – »Setz die Mütze auf!« – »Spiel nicht am Radio rum!« – »Komm um acht nach Hause!« – »Mach Hausaufgaben!« Alle Kinder müssen letztlich tun, was Erwachsene ihnen sagen. 
Doch die Missachtung des anderen, der niemals wirklich ein Befehlsempfänger ist – und das gilt selbstverständlich auch für Kinder – liegt nicht so sehr in den konkreten Anordnungen. Sie liegt im Grundsätzlichen: Dass Erwachsene sich überhaupt herausnehmen, etwas anzuordnen oder zu verbieten. 
Wir haben nun als Mutter, Vater, Lehrer oder Erzieher die Möglichkeit, darauf zu verzichten, etwas durchzusetzen. Wir haben das Recht dazu. Wer würde es uns streitig machen? Wenn wir den Kindern gegenüber auf das Durchsetzen verzichten wollen – wir können es, es fällt in unsere Zuständigkeit. Eventuell werden wir uns dafür Kritik einhandeln: »Du lässt aber auch alles durchgehen.« Aber niemand stellt in Frage, dass wir in konkreten Fällen auf die Herrschaft über Kinder verzichten können. 
Doch dass wir überhaupt verzichten können, bei Kindern etwas durchzusetzen, bedeutet auch, dass Kinder von unserer »Großzügigkeit« abhängig sind. Kinder haben nicht den gleichen Status wie wir. Sie können nicht ins Spiel bringen, dass niemand das Recht hat, ihnen gegenüber etwas durchzusetzen. 
Aber nur dies, meine ich, ist richtig. Grundsätzlich haben Erwachsene kein Recht, Kindern gegenüber etwas durchzusetzen. Es gibt keine wirkliche Berechtigung, über einen anderen Menschen Herrschaft auszuüben, niemandem gegenüber, auch Kindern gegenüber nicht. 
Ich jedenfalls habe für mich erkannt, dass ich keinen Herrschaftsanspruch habe, wenn ich mit Kindern zusammen bin. 
Das Ablegen dieses Herrschaftsanspruchs kommt nicht nur aus der Überlegung, dass Kinder wie alle Menschen eine unantastbare Würde besitzen, dass sie souveräne Menschen sind wie jeder andere auch. Die Aufgabe des Herrschaftsanspruchs kommt neben solchen intellektuellen Motiven vor allem aus meinem Gefühl: Ich will einfach nicht mehr jemand sein, der sich das Recht herausnimmt, ein Herrscher über Kinder zu sein. Dies bereitet mir unangenehme Gefühle, Widerwillen, Abscheu. Ich finde das nicht nur nicht gerechtfertigt, sondern auch abstoßend.

Genau so, wie ich Widerwillen habe, wenn ich etwa für Menschen mit einer anderen Hautfarbe zum Herrscher werden sollte – wie es aber vor noch nicht allzu langer Zeit für einen Weißen selbstverständlich war. Ich habe nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit meinem Herzen die Position der Gleichwertigkeit aller Menschen – auch der Kinder – eingenommen. 
Im Erwachsenenalltag sind wir es ja auch sehr wohl gewohnt, dass wir kein Recht haben, andere Mensch zu beherrschen. Wir haben keinen Herrschaftsanspruch an die anderen. Wir gehen mit ihnen auf einer gleichen Basis um, wir bitten, und gelegentlich üben wir auch Druck aus. Das Ausüben von Druck auf andere ist dabei von der aktuellen Situation abhängig. Doch das Gefühl, dass der andere sich beugen müsse – also einen Herrschaftsanspruch – haben wir nicht. Vielleicht fügt sich der andere, dann war der Druck erfolgreich. Aber er hätte es nicht tun müssen, es besteht für den anderen keine Verpflichtung hierzu – und für uns kein Recht, dies zu erwarten. 
Nur Kindern gegenüber ist das alles ganz anders. Dort gibt es eine Grundgröße, ein Selbstverständnis, ein Gefühl, ja ein Rechtsgefühl (ein Gefühl, dass man im Recht ist und das sich auch längst in juristischen Regeln ausgedrückt hat): Erwachsene können Kindern sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Erwachsene sind dazu berechtigt. Erwachsene haben den Anspruch, dass Kinder folgen. Im Unterschied zum Verhalten der Erwachsenen untereinander gehört im Umgang mit Kindern der Herrschaftsanspruch dazu. 
Den Herrschaftsanspruch anderen Menschen gegenüber gab es auch unter Erwachsenen. Und die Menschen konnten sich davon befreien. Von der Folter, der Leibeigenschaft, der Sklaverei, der Frauenunterdrückung, dem Rassismus, dem Kolonialismus, dem Kommunismus. Das Ablegen des Anspruchs, über andere zu herrschen, hat eine lange und gute Tradition in der Geschichte der Menschheit. 
Erwachsene können heute erkennen, dass sie ihre Kinder in der destruktiven Tradition des Herrschaftsanspruchs großziehen. In der Tradition, in der sie selbst, ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern groß geworden sind: Kinder sind der Herrschaft Erwachsener unterstellt. Doch man kann noch einmal nachdenken und noch einmal hinsehen. Man kann – mit einer neuen Perspektive – bemerken, dass es wirklichkeitsfremd und unwürdig ist, Kindern die Fähigkeit zur Selbstverantwortung abzusprechen und sich für sie verantwortlich zu fühlen. Es gibt heute ein neues Gefühl für die Würde des Kindes – dem können Erwachsene nachspüren und in der Tradition der Menschenrechte gleichwertige Beziehungen mit Kindern beginnen.
  

Sonntag, 19. Februar 2017

Die Kuh



Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden.
»Guten Tag«, sagt die Kuh. »Guten Tag«, sage ich. »Warum lässt Du mich töten – warum tötest Du mich? Oder ein Schwein, ein Schaf, eine Gans? Wer gibt Dir das Recht dazu?« Jetzt bleibe ich stehen. Ich sehe das Tier vor mir an. »Ich weiß es nicht anders«, sage ich. »Wenn ich leben will, muss ich töten. Dich, oder andere Tiere. Oder Pflanzen.« »Ich will nicht getötet werden. Glaubst Du, dass mein Leben weniger wert ist als Deins?« »Wir haben gleichen Wert, wie alle Geschöpfe des Universums«, sage ich, »der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil des Ganzen.« »Aber Du machst mich Dir untertan.« »Ich weiß es nicht anders«, sage ich noch einmal. 
»Ich würde Dich auch töten, wenn ich sonst nicht leben könnte«, sagt die Kuh. »Es ist nicht schön«, sage ich. »Aber es ist«, sagt die Kuh. »Wie die Sonne am Himmel oder die Wolken im Wind. Das Leben tötet, um zu leben.« »Ja«, sage ich, »ich verteidige meine Grenze, meine Lebensgrenze, mein Leben. Und das bedeutet für Dich den Tod.«
»Nun gut«, sagt die Kuh, »wenn das die Realität ist. Aber da gibt es noch etwas anderes.« »Was meinst Du?« »Stehst Du über mir, wenn Du Dich durchsetzt?« »Schon«, sage ich, »ich gewinne, Du verlierst. Ich gewinne Nahrung für mein Leben, Du verlierst Dein Leben.« »Ich meine es nicht äußerlich. Ich meine es innerlich, von Deiner Einstellung her.« »Viele Sieger fühlen sich auch über dem Verlierer stehend,  sehen auf ihn herab, demütigen ihn. Aber für mich gilt anderes: ich fühle mich Dir verbunden, als gleichwertiges Geschöpf.«
»Du tötest mich und fühlst Dich mir gleichzeitig verbunden? Du stehst nicht über mir, wenn Du mich umbringst?« »Ich stehe nicht über Dir, das ist meine Grund­haltung.« Und die Kuh sagt: »Es ist bei Dir wie bei den Indianern, sie töten den Büffel mit Achtung und Respekt.«
Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. 



Freitag, 17. Februar 2017

...mit einem guten Gefühl!


Ich gebe ja auch Seminare für die Fachleute. So ein Seminar steht
dann in einem Weiterbildungsprogramm. Zum Beispiel:


mit einem guten Gefühl!
Freundliche Hilfe beim Entstressen vom Qualitätswahn

ErzieherInnen werden mit immer neuen Maßnahmen zur Qualitäts-
sicherung, mit pädagogischen Finessen bedrängt. Doch der berufliche
Alltag erfordert die ungeschmälerte Aufmerksamkeit ganz woanders
hin: zu sich selbst und zu den Kindern. „Wer bin ich – wer bist Du?“
„Was liegt an und was geht ab?“ Beziehungen misslingen leicht,
wenn die Kraft vom Qualitätswahn aufgerieben wird.

Mit einem unkonventionellen Ansatz will das Seminar ermutigen,
sich selbst wieder im Mittelpunkt zu sehen und authentisch zu den
Kindern zu gehen. Mehr Beziehung – weniger Erziehung. Sich zu
emanzipieren von unprofessionellen Außenansprüchen, die so all-
wissend daherkommen. ErziehrInnen gehören sich selbst, so wie
dies auch für die Kinder gilt. Und dann reicht es völlig aus, nach
einem anstrengendem Arbeitsalltag einfach nur mit einem guten
Gefühl nach Hause zu gehen.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Ich will nicht zur Schule


Ich bin zu Besuch. Um 7 wird es lebendig in der Familie,
das Kind muss zur Schule. "Ich will nicht zur Schule" -
ich liege noch im Bett nebenan, aber ich überhöre es
nicht. Wenn die Kinder nicht zur Schule wollen: dafür
gibt es sicher tausend Gründe. Aber in mir schwingt ein
besonderer Klang, mein Schul-Grundton. Tja. "Du musst
auch nicht" formt sich in mir. Es rührt sich, es wühlt, es
fasst mich an, Zorn meldet sich. "Geduld, Geduld". Ich
tu ja was, müh mich an der Langzeitfront. Später seh in
meinen Texten nach.

*

"Die Schule ist dafür da, damit die Kinder etwas lernen. Die
Schule soll ihnen das Wissen vermitteln, das sie brauchen,
um sich in unserer modernen technisierten Welt zurechtzu-
finden und um einen ihnen entsprechenden Beruf ausüben
zu können."

Soweit unsere guten Vorsätze. Die Vorsätze von Erwachsenen,
die für die Kinder die Schule eingerichtet haben. Und damit
es auch so kommt, wie wir es uns ausgedacht haben, setzen
wir den Kindern ein "Ihr müsst in die Schule" vor. Wir denken
uns nichts dabei, wenn wir Kindern das "Ihr müsst" sagen. In
die Schule muss doch jeder. Wir mussten auch in die Schule.
Die Schule ist eine Errungenschaft unserer zivilisierten Welt.
Ohne Schule gibt es Analphabetismus. Schule ist Voraussetzung
für so gut wie alles.

Und dennoch haben wir Erwachsenen einen großen Fehler
gemacht mit der Einrichtung der Schule. Genauer gesagt,
dieser Fehler wurde gemacht, als man erstmals unseren
Urgroßeltern das "Ihr müsst in die Schule" vorsetzte. Der
Fehler liegt darin, dass die Kinder nicht gefragt werden, ob
sie überhaupt in eine Schule wollen, und - falls sie zustimmen
sollten - was dort gemacht werden soll.

Wenn wir nicht die Kinder fragen, tun wir etwas sehr
Unwürdiges. Wir legen fest, womit sich junge Menschen
über einen Teil ihres Lebens beschäftigen sollen - jeden Tag
etliche Stunden, inzwischen zehn Jahre lang. Wir legen fest
was sie tun sollen - und, viel bedeutsamer noch - was sie
denken sollen. An Schulvormittagen (und nachmittags bei
den Hausaufgaben) werden sich die Gedanken unserer
Kinder nicht in selbstbestimmten Bahnen bewegen, sondern
auf den Pfaden, die die Erwachsenenwelt in einem fein
ausgeklügelten System (den Lehrplänen) bestimmt hat.

"Die Gedanken sind frei." Auch an Schulvormittagen?
Die Kinderrechtsbewegung kritisiert die Schulpflicht als
wohlwollende Maske einer diktatorischen und chauvini-
stischen Grundeinstellung jungen Menschen gegenüber.
Es ist das Grundrecht eines jeden Menschen, über sein
Lernen, über die Wege seiner Gedanken, selbst zu be-
stimmen. Doch in unseren Schulen weichen wir von dieser
Selbstverständlichkeit ab. "Zum Besten der Kinder."

Wenn mir ein Kind sagt, dass es nicht in die Schule
will, dann weiß ich, was es damit aussagt. Es fordert
ein Menschenrecht ein: Über das eigene Lernen selbst
bestimmen zu können.

Montag, 13. Februar 2017

Von Wegen und Zielen


Der Wege Zahl ist nahezu unendlich. Welchen Weg soll ich gehen? Doch sind die Ziele denn klar? Das ist ja oft der Fall. Dann will ich ins Kino oder in den Wald oder an den Schreibtisch. Oder ich will mit den Kindern etwas unternehmen. Oft ist es aber auch einfach unklar. Im Detail oder überhaupt. Will ich diesen Job noch? Bringt's diese Beziehung denn? Was soll ich die nächsten freien Stunden anfangen? Brauche ich dieses und jenes wirklich?

Was gibt Orientierung? Was gibt Halt? Auf welchem Weg bin ich eigentlich in meinem Leben, und wohin? Kleine Fragen zum Tag und große Fragen zum Sinn sind um uns herum. Wenn man sie sehen könnte, wäre der Raum voller Farbe. Ich bin der Mittelpunkt des Universums. So weit, so gut. Aber der ist ja nicht unbeweglich, sondern Dynamik des Lebens. Mal ruhend, mal rasant.

Wer weiß schon, wo die Reise letztlich hingeht? Gibt es ein wirkliches Ziel für den Lebensweg? Stolpern wir nicht nur durchs Gestrüpp der unzähligen großen und kleinen Ereignisse und Gegebenheiten? Lässt sich da ein Weg ausmachen, einer, der halbwegs in eine erkennbare Richtung weist?

Man muss sich über dieses ganze Weg- und Zielszenario ja keine Gedanken machen. Aber man kommt doch immer wieder dazu. Silvester ist dafür sehr geeignet. Aber auch sonst. Auf den Vorträgen über den Umgang mit Kindern erlebe ich die Eltern oft als Unkundige. Unkundig über den richtigen Weg zu den Kindern. Sie gehen aber davon aus, dass es einen solchen guten Weg gibt, und sie hätten von mir gern gewusst, wo er denn ist.

Ich erzähle dann von meinem Weg zu den Kindern. Von der gleichen Augenhöhe, von mir als Ausgangspunkt der Beziehung. Davon, dass im Zusammensein mit den Kindern eben auch mein Montag, mein Abend, mein 31. oder 42. oder 53. oder 64. Jahr verstreichen. Statt auf den Weg zu starren, den sie nicht finden können, lasse ich sie auf sich selbst sehen. Auf das Kind, das ihnen zuallererst anvertraut ist. Von daher können sie dann mit neuem Blick zu ihren Kindern schauen.

Wir sind uns anvertraut. Vom Leben, von der Liebe. Das ist erst mal eine Grundorientierung. Hier bin ich! Was immer ich bin, auch das weiß ja letztlich niemand. Was wir für Wesen sind? Ich merke, dass ich existiere. Illusion? Ich finde statt: und das ist ja schon mal eine ganze Menge. Muss eigentlich mehr sein? Das Mehr, das, was um mich herum komponiert ist, wird sich nicht vermeiden lassen. Und ist ja auch willkommen. Schau'n wir mal, wie ich mich darauf einlasse.

Wege? Ziele? Na ja, das sind zwei von diesen zig Phänomenen, die auf mich einstürmen. Reicht es nicht, wenn ich da einfach mal herumstreiche und mir das alles so ansehe und mit vorsichtigen Katzenpfoten dies und das berühre? Wieso wegt und zielt es so unerbittlich in uns? Lassen wir doch die Wege und Ziele sich selbst gehören, so, wie wir uns gehören. Muss ich die Marionette von Wegen und Zielen sein?

In der ganzen Rastlosigkeit des Tages und des nächsten Tages und des übernächsten Tages kann man sich auch mal anhalten und es gut sein lassen. Sich einfach auf eine Bank setzen oder rausgehen. „Ich ging im Walde so für mich hin.“ Und gut. Die Eltern vergessen wie wir alle, dass es einfach ausreicht, stattzufinden. Anderes ist sowieso nicht möglich, nur dass wir meinen, es müsse mehr sein als das Augenblickliche. Es müssten Wege gefunden werden und Ziele aufscheinen. Ja, wer da so jemand sein will! Und es könnte ja auch Freude machen, als Pfadfinder unterwegs zu sein. Man muss nicht nur gestresst an den Strippen unserer Wege-Ziel-Kultur hängen.

Haben wir als Kinder Wege und Ziele gehabt? Schon mal, aber grundsätzlich galt etwas anderes als Modus vivendi: wir waren einfach bei uns. Und in diesem Ich-bin gelangten wir hierhin und dorthin und überdorthin, so, wie es sich ergab. Spiel genannt. Das muss man sich nicht aus der Hand und der Seele winden lassen, nur weil man groß und erwachsen wird und geworden ist. Das Leben als dieses Verwobensein von Spiel und Spiel und Spiel. Das ist eine entspanntere Art, mit sich umzugehen, als nach dem rechten Weg zu suchen und die wahren Ziele einzufordern.

Wenn ich die Eltern so auf sich selbst zurückführe, sind sie erstaunt. Natürlich kennen sie das, jeder von uns war als Kind in diesem Immer-wieder-Glück. Darf man so mit seinen Kindern unterwegs sein? Was ist mit den Wegen und Zielen? Jeder gehört sich selbst, und nichts steht über uns, auch keine Wege und keine Ziele. Dass diese Ichstärke nicht egoistisch macht, sondern empathisch, erklär ich dann schon. Selbstliebe schaut nach dem Nächsten.

Es ist ein großes Misstrauen da, dass es ohne unsere Anstrengungen nichts wird. Alles. Die Kinder, die Partnerschaft, Ich. Vertrauen ist aber nicht verboten, es ist möglich und eine Einladung: sich fallen zu lassen in den Tag, zu den Kindern, zum Partner. Die anderen sind ja da, und ihr Dasein fängt mich auf. Dieser Planet existiert, und er trägt mich. So wie jeden Baum und jede Nachtigall. Die unsichtbare Kraft, die das alles trägt, ohne Wege und Ziele. Ich kann sie in mir sich bilden lassen, und mich dieser Bildung anvertrauen. Ich kann mir Liebe als Grundprinzip des Kosmos einbilden und es mir leicht machen.

Reicht eine solche Basisvermutung? Wofür? Für das Leben? Den Umgang mit den Kindern, dem Partner, der Welt? Wer will wissen, was reicht? Was für mich reicht? Muss ich das wissen? Wege, Ziele, ja mei, was noch alles. Ich suche mir aus dem großen Angebot des Existenztopfes das heraus, was mir gefällt, souverän wie ich bin. Lese ein Buch oder eben keins. Menschen gibt es seit drei Millionen Jahren. Bücher für den Umgang mit Kindern, mit dem Partner, mit sich selbst – ja, die gibt es auch. Aber niemand braucht sie wirklich zum Leben.

Die Besucher in den Vorträgen und Seminaren wollen Sicherheit. Ein Fachbuch steht für die Gedanken eines Experten und für einen Weg und ein Ziel. Da hätten sie gern mehr davon. Und da sind sie nicht allein! Wen gibt es schon, der keine Bücher (Gedanken der anderen) für den eigenen richtigen Weg zum Glücksziel in die Hand nimmt? Sind meine Texte nicht auch von dieser Art? Ja schon, aber puste in die Seiten, denk ein bisschen nach und lass es gut sein. Man kann nichts wirklich falsch machen. Also hört man sich mal um, aber nur so, und dabei gibt es ja auch immer wieder Schönes zu entdecken, auch Wege und Ziele. Nicht als Last, sondern zur Freude.

Winter, Schnee. Zwischen zwei Bäumen, Materie gewordener Konstruktivität in knorrigen Stamm und majestätisches Geäst, ist Luft. Man sieht nichts. Ich sehe dazwischen. Ich sehe zwischen diesen beiden kosmischen Boten in gleicher Weise diese grandiose Konstruktivität, sie ist überall und mal mehr, mal weniger anfassbar. Einbildung, klar, aber ich forme da etwas in mich, so wie ich das will. Und dann fahre ich in dieser grossartigen Schneelandschaft der Liebe mit meinem Schlitten herum, dass es nur so stiebt. Bis ich wieder anhalte und anderes mache.

Lassen wir uns nicht verrückt machen von diesen Wege- und Ziele-Anforderungen. Gemach, gemach. Ich bin da, die Kinder sind da, der Partner ist da, das Leben ist da. Das reicht. Der Rest kommt dann schon. Und wenn es denn wirklich Wege gibt, die zu wirklichen Zielen führen: kann ich ja auch gehen, schließlich habe ich Füße und Gedanken. Aber das alles bleibt meins. Meine Wege. Meine Ziele. Mein Spiel. Und meine Freude.








Samstag, 11. Februar 2017

Erziehungstraumatisierte Welt


Ich war diese Woche babysittermäßig unterwegs und komm erst
jetzt wieder zum Blog. Na ja, sollte schneller gehen, aber so ist's
halt. Und mit dem Kleinen, ein Jahr alt, war es einfach magisch.
In diesem Post denke ich weiter über die Erziehung nach und
komme zum Schluss, dass wir in einer erziehungstraumatisierten
Welt leben. Was aber nicht das letzte Wort sein muss! Ich arbeite
dran...

*

Es geschieht beim Erziehen also etwas Äußeres: Das sichtbare
Miteinanderumgehen (das durchaus nett, partnerschaftlich und
freundlich aussehen - aussehen - kann). Und etwas Inneres:
Der unsichtbare erzieherische Anspruch des Erwachsenen er-
reicht das Kind und sagt ihm, dass es nicht nur folgen, sondern
auch einsehen, bejahen soll, was der Erwachsene von ihm will.
Dass es so, wie es ist - wie es nun mal gerade ist - nicht sein
darf und sich nicht so lieben darf!

Diese innere Komponente der Erziehung kommt auf ver-
schiedenen Wegen beim Kind an. Im Tonfall, in der Mimik
und Gestik, in der ganzen Art dieses Erwachsenen. Die
innere Haltung "Ich bin für das Kind verantwortlich und ich
weiß, was für das Kind gut ist" ist nicht an die Sprache
gebunden. Doch sie ist deswegen nicht weniger wirksam.
Vor allem aber ist sie seelisch viel schädlicher als die offene
und erwachsenen-eigennützige reine Herrschaftsausübung:
Sie greift das innere System des Kindes an, sie zersetzt seine
Ich-Auffassung, sie beschädigt seine eigene, in sich gespürte
und tief verwurzelte Identität, seine Selbstliebe.

"Mach Hausaufgaben" mit Erziehungsanspruch lässt das Kind
 spüren: "Was fällt Dir ein, jemand zu sein, der keine Hausauf-
gaben machen will? So etwas gehört sich nicht. So jemand darfst
Du nicht sein. So jemand darfst Du nicht einmal sein wollen!"

Entweder wird reine Herrschaft ausgeübt: "Du machst jetzt
die Hausaufgaben, basta!" Oder es wird erzogen: "Du machst
jetzt die Hausaufgaben, bitte!" Reine Herrschaft ist eindeutig
und steht fur sich. Erziehung hingegen ist eine vielschichtige
Zumutung ohne Ende:

"Hausaufgaben sind wichtig. Du verstehst dann besser, was
Du durchgenommen hast. Wenn Du sie fertig hast, wirst Du
stolz sein. Du willst doch eine gute Arbeit schreiben. Du
wehrst Dich nur, weil es unbequem ist. Es gibt nichts um-
sonst. Sei nicht so bockig. Du musst ja doch nachgeben. Ich
meine es nur gut mit Dir. Ich verstehe Dich ja, aber was sein
muss, muss sein. Sieh es doch ein."
 
Dem Kind zeigen, wie wichtig Hausaufgaben sind. Bewusst
machen, dass Unlust keine Grundlage für sinnvolles Handeln
ist. Auf das Erfolgserlebnis (gut) gemachter Hausaufgaben
hinarbeiten: Genugtuung, Stolz, Selbstüberwindung, Sich-
im-Griff-Haben, Kompetenz erwerben, dem Unterricht
gewachsen sein, vor dem Lehrer gut bestehen können, vom
Lehrer als Vorbild hingestellt werden. Das Inakzeptable nicht
gemachter Hausaufgaben aufzeigen. Die Entwicklung einer
positiven Einstellung zu Schule und Hausaufgaben fördern.
Und tausend Dinge mehr.

Wenn ein Kind im Falle von eindeutiger und reiner Herr-
schaftsausübung nachgibt und tut, was von ihm verlangt
wird, kann es seine Selbstachtung behalten und innerlich
die Person bleiben, die es sein will. "Der mit seiner Angst
vor dem Pauker. Wenn es nach mir ginge, bräuchte ich
keine Hausaufgaben zu machen. Natürlich bin ich im
Recht, auch wenn ich jetzt schreibe, weil der mich zwingt."

Gegen Erziehung anzukommen ist viel schwerer. Die
Kinder müssen dann so stark und stabil sein, dass sie den
komplexen und undurchsichtigen psychischen Angriff
des "gutmeinenden" Erwachsenen zurückweisen können
.
Doch welches Kind kann das? Die Kinder brauchen die
Zuwendung und Liebe ihrer erziehenden Erwachsenen -
und so geschieht Schreckliches: Die Kinder werden in
ihrem Ich-Verständnis gestört und sie werden von sich
selbst entfremdet. Letztlich werden sie seelisch krank und
deswegen auch sozial gefährlich. Und da (fast) alle heuti-
gen Menschen erzogen wurden bzw. erzogen werden,
ergibt sich die erschreckende Erkenntnis, dass wir in einer
erziehungstraumatisierten Welt leben.




Dienstag, 7. Februar 2017

Herrschaft und Erziehung


"Die pädagogische Mission" habe ich den vorigen Post genannt.
Ich bleibe noch eine Weile in der Theorie, bei der Sicht über
die Dinge. Heute geht es um den Unterschied von Herrschaft
und Erziehung. Und im nächsten Post führe ich meine Über-
legungen fort und komme bei der Erkenntnis an, dass wir in einer
erziehungstraumatisierten Welt leben. Das ist schon düster,
aber die Verletzungen, die durch jegliche Erziehung entstehen,
will ich auch immer wieder mal aufzeigen. Was möglich ist,
wenn man jenseits der Erziehung miteinander umgeht - ja,
darüber schreibe ich auch lieber, und das kommt dann auch
wieder dran. Aber ich liebe eben auch Klarheit und Wahrheit.
Wenn dabei Schlimmes ans Licht kommt - kein Vorwurf, nur
Bewußtmachen, Wissen, und  mit Kraft die Alternative suchen.

*

Herrschaft: Ich setze mich dem anderen gegenüber durch.
Ich bin derjenige, nach dessen Willen gehandelt wird. Wie ich
will, so geschieht es. "Tu, was ich sage." Ich gebe eine Anord-
nung und setze durch, dass sie befolgt wird. Beim Herrschen
ist es nicht erforderlich, zusätzlich die innere Haltung zu
haben, meine Anordnung sei für den anderen das Beste.
Beim Herrschen reicht es völlig aus, wenn ich - ohne viel
über den anderen nachzudenken - will, dass dies und das
geschieht. Egal, ob zu meinem oder eines anderen Besten.
Meistens wird es beim Herrschen so sein, dass das gemacht
wird, was für mich selbst gut ist, was meinen Wünschen und
Vorstellungen entspricht.

Wenn ich sage "Mach Hausaufgaben", so kann dahinterstecken:
"Weil ich keinen Ärger mit dem Lehrer haben will." Die
Anordnung erfolgt zu meinem eigenen Vorteil, es findet
keine Erziehung statt. Es kann aber auch dahinterstecken:
"Weil das gut für Dich und Deinen Schulerfolg ist" - dann
ist es Erziehung, und die eingesetzte Herrschaft (den Druck,
der aus dieser kurz gehaltenen Anweisung kommt) übe ich
zum "Besten" des Kindes aus.

Wozu ist es gut, sich diesen Unterschied klarzumachen? Ist
es für die Kinder nicht gleich, ob reine Herrschaft (zum
Besten des Erwachsenen) oder ob Herrschaft durch Erzie-
hen (zum angeblich Besten des Kindes) ausgeübt wird? Ist
Herrschaft nicht gleich Herrschaft?

Ich sehe den Unterschied darin, dass etwas Unterschiedliches
vom Erwachsenen ausgesendet wird und dass auch etwas
Unterschiedliches beim Kind ankommt. Das Kind spürt
entweder - beim reinen Herrschen -, dass der Erwachsene
sich für sein eigenes Erwachsenen-Wohlbefinden auf Ko-
sten des Kindes einsetzt. Dass er unterdrückt, um eigene
Ziele zu verfolgen. Dabei lässt er das innere System des
Kindes unangetastet - die Ich-Auffassung des Kindes, sein
Selbstwertgefühl, seine eigene Art, sich zu verstehen. Er
verlangt "nur", dass getan wird, was er will. Das ist dann zwar
schlimm genug - aber er mischt sich nicht noch obendrein in
die inneren Angelegenheiten dieses anderen souveränen Men-
schen - des Kindes - ein.

Oder das Kind spürt - beim Erziehen -, dass da vom Erwach-
senen außer dem Anordnen noch etwas anderes mitgeschickt
wird: "Ich habe recht" - "Sieh das ein" - "So, wie Du Dich
verstehst, darfst Du gar nicht sein" - "Ändere Dich" - "Werde
ein besserer Mensch" - "Es ist zu Deinem Besten". Beim
Erziehen schwingt eine besondere innere Haltung des Erwach-
senen mit, seine pädagogische Mission, sein "Ich bin für das
Kind verantwortlich und ich weiß, was für das Kind gut ist".

Dem Kind wird deutlich, dass es nicht nur tun soll, was der
Erwachsene verlangt. Sondern dass er dies auch als das Beste
für das Kind einstuft und dass er - darüber hinaus - will, dass
das Kind diese seine Erwachsenensicht teilen und als für sich
selbst richtig bewerten soll.

Es geschieht beim Erziehen also etwas Äußeres: Das sichtbare
Miteinanderumgehen (das durchaus nett, partnerschaftlich und
freundlich aussehen - aussehen - kann). Und etwas Inneres:
Der unsichtbare erzieherische Anspruch des Erwachsenen er-
reicht das Kind und sagt ihm, dass es nicht nur folgen, sondern
auch einsehen, bejahen soll, was der Erwachsene von ihm will.
Dass es so, wie es ist - wie es nun mal gerade ist - nicht sein
darf und sich nicht so lieben darf!

Fortsetzung folgt.


Sonntag, 5. Februar 2017

Die pädagogische Mission


Es gibt viele Definitionen von Erziehung. Meine beruht auf
der Grundhaltung aller Erziehenden: Ihres Anspruchs, bes-
ser zu wissen als andere, was für diese gut ist. So hat ein
erzieherischer Erwachsener den Anspruch, besser zu wissen
als das Kind, was für es gut ist, besser als das Kind selbst.

Und er gibt sich dafür Berechtigungen: "Ich bin erfahrener"
- "Ich bin älter" - "Ich habe die Verantwortung". Oder
andersherum: "Du bist unerfahren" - "Du bist zu klein" -
"Du kannst das nicht selbst verantworten". Dieser Anspruch
hat eine eigene Dynamik. Erzieherische Menschen behalten
ihr Besser-Wissen nicht für sich, als ihre Privatmeinung.
Sondern sie sind mit Eifer dabei, das in die Tat umzusetzen,
was sie für das Beste des anderen halten.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich der erzieherische An-
spruch äußert. Dies ist jeweils historisch und gesellschaftlich
bedingt. Wir kennen heute die Verwirklichung des erzieheri-
schen Anspruchs als "Autoritäre Erziehung", "Antiautoritäre
Erziehung", "Demokratische Erziehung", "Partnerschaftli-
che Erziehung", "Laisser-faire-Erziehung","Humanistische
Erziehung","Sozialistische Erziehung","Kritische Erzie-
hung", "Emanzipatorische Erziehung", "Montessori-Erzie-
hung", Waldorf-Erziehung","Religiöse Erziehung" usw. usw.

Alle Erziehungsvarianten haben eines gemeinsam - wenn sie
sich auch sonst sehr unterscheiden mögen. Nämlich den
Anspruch des einen, besser zu wissen als der andere, was für
diesen gut ist, und die daraus resultierende Handlungsdynamik:
Die pädagogische Mission. Dieses Basiselement aller Erziehung
liegt meinem Erziehungsbegriff zugrunde.

Alle Beeinflussungen, die nicht mit einem erzieherischen An-
spruch verknüpft sind, nenne ich nicht Erziehung, sondern
einfach nur Beeinflussung. Diese - erziehungsfreien - Beein-
flussungen geschehen dauernd, niemand kann sich ihnen
entziehen. Das Tageslicht, die Farbe einer Blume, die Infor-
mation, die ohne erzieherischen Anspruch gegeben wird.
Man kann nun diese erziehungsfreien Beeinflussungen auch
unter dem Begriff Erziehung einordnen und sagen, alles sei
Erziehung. Doch ich spreche nur beim Vorliegen des erzie-
herischen Anspruchs mit seiner Handlungsdynamik von Er-
ziehung, sonst von Beeinflussung.

Wenn einer erzieht, stellt er sich über den anderen und gibt
ihm die Richtung an. Und er sorgt dafür, dass der andere
dann auch in diese Richtung geht. Wenn der andere nicht von
selbst geht, wird nachgeholfen. Und "Nachhelfen" ist ohne
die Ausübung von Herrschaft nicht zu bewerkstelligen. Wo-
bei man viele Arten von Macht anwenden kann. Angefangen
beim Einreden eines schlechten Gewissens über die "Selbst-
einsich" bis hin zu Einsperren und Schlägen. Erziehung zielt
immer darauf ab, dass der andere auch zu tun beginnt, was
man ihm als sein Bestes vorschreibt.


Donnerstag, 2. Februar 2017

Gewalt und Körpermacht



Sind unsere Einsichten und Notwendigkeiten wichtiger und wert-
voller als die der Kinder? Und wie ist das dann im Konfliktfall mit
dem Durchsetzen? Ich habe mich mit dieser Frage in meinen Büchern
oft auseinandergesetzt. Wer setzt sich letztlich durch? Und wie?

Aber hoppla: Da taucht dann schnell die "Gewaltfrage" auf. Aufschrei?
Na ja, die Kombination von "Kinder" und "Gewalt" löst schaurige
Assoziationen aus. "Bleib auf dem Teppich", sag ich dann. "Wie willst
Du Dein Krabbelkind denn von der Steckdose wegkriegen, wenn
Deine Geh-da-weg-Töne nichts fruchten? Du wirst es packen und
wegziehen." Das ist körperliche Macht, Gewalt eben. Nur, dass das
Wort "Gewalt" abstößt, politisch unkorrekt ist. Der Vorgang "Muckis
packen Kind und Kind ist den Muckis ausgeliefert" bleibt jedenfalls.

Nennen wir es halt anders, so, dass nicht der Untergang des Abend-
lands assoziiert wird. Ich denk mir dafür jetzt als neuen Namen die
"Körpermacht" aus und schreib meinen Text um. Außerdem ersetze
ich den damals geläufigen Begriff "Antipädagogik" durch das heutige
"Amication". Aber jetzt rein in die Gewalt-, pardon, Körpermacht-
Thematik. (Aus "Die antipädagogische Argumentation", 1996, S. 78ff)

*

Das "Ich muß zum Bus" des Erwachsenen ist aus amicativer Sicht
kein bisschen wertvoller als etwa das "Ich will jetzt malen" des Kindes.
Das "Ich muss" des Erwachsenen ist ja kein tatsächliches Muss, sondern
ein "Ich will". Gründe dafür wird der Erwachsene genügend haben.
Gründe wird auch das Kind für sein Wollen anführen können. Die
amicative Sicht billigt im Konfliktfall beiden Kontrahenten eine gleich
wertvolle Position zu - egal, worum es geht. Niemals steht ein Mensch
über dem anderen.

Ich möchte es gem wiederholen, weil es immer wieder missverstan-
den wird: Die Gleichwertigkeit im Innenbereich der Beziehung
verdammt niemanden zur Tatenlosigkeit und zum Erduldenmüssen
der Position des anderen im Außenbereich der Beziehung, in der
physikalischen Welt. Das Sich-nicht-Höherstellen im Innenbereich ist
die Verneigung vor der Würde und Ichposition des anderen. Er ist im
Finden der Wahrheit nicht weniger wertvoll als ich, ich bin hier nicht
weniger nah dran als er. Wahrheit ist für den Menschen nichts
Objektives (im Bereich der Physik usw. gilt anderes, aber auch dort
gibt es nur immer Wahrheit auf Zeit, bis sich eine neue naturwissen-
schaftliche Erkenntnis gefunden hat).

Es stehen sich in der psychologischen Dimension der Beziehung nicht
mehr richtig und falsch gegenüber, sondern stets viele Beste. Jeder
weiß um sein Bestes - und diese Beste sind gleichwertig.

Es gibt nur subjektive, private, individuelle Einsichten und Notwen-
digkeiten. Wenn sich ein amicativer Erwachsener dafür entscheidet,
dass seine Einsicht jetzt realisiert werden soll, und dies die Kinder
nicht mitmachen, da sie ihren eigenen Einsichten folgen wollen,
wird er - falls ihm nichts anderes einfällt - auch körpermächtige
Möglichkeiten in Betracht ziehen und gegebenenfalls realisieren
bzw. es versuchen. Dies ist dann aus der Sicht des anderen eine
nicht gerechtfertigte Aktion.

Der Einsatz für die Realisierung der eigenen Interessen kann zu
Gepräch, zu Kompromiß, zu Rückzug, zu Vertragen usw., aber eben
auch zur körpermächtigen Attacke führen oder zu sonstigen körper-
mächtigen Eingriffen. Diese Aggressivität geschieht zur Durchsetzung
der eigenen Interessen, sie ist ich-bezogene Körpermacht: sie wird
angewandt für mich und nicht gegen dich, sie soll mich erhalten,
nicht dich zerstören, sie ist nicht destruktiv, sondem konstruktiv. Sie
kommt jedem zu, und jeder rechnet mit ihr. Und sie führt keineswegs
immer zum Erfolg, da es genügend Gegenmittel gibt. Kinder haben
z.B. hochwirksame akustisch-emotionale Körpermacht - vom pene-
tranten Nörgelton bis zum tierischen Gebrüll -, die sie als effektive
psychosomatische Körpermacht, als Messerchen im Bauch des
Erwachsenen dessen Muskelkraft entgegensetzen können.

Niemals aber ist Körpermacht durch eine irgendwie bessere
Begründung der einen Seite gerechtfertigt, in dem Sinn, dass der
andere sie sich jetzt zu Recht gefallen lassen muss. Sie ist immer
nur gerechtfertigt auf der Seite dessen, der von ihr Gebrauch macht,
durch sein Notwehrrecht, durch seine Verpflichtung vor sich selbst,
für sich zu sorgen. Sie ist Ausdruck seiner Selbstverantwortung
und deswegen konstruktiv. Aus der Sicht des Betroffenen sieht dies
anders aus, wenn er auch um die Not und Selbstverantwortung des
Angreifers weiß. Aber dies ist ja seine Seite, von der sich der
Betroffene nichts anstecken musss. Der Angreifer wiederum fühlt
sich nicht in der überlegeneren Position, es ist vielmehr die Position
des "Ich kann nicht anders", die ihn kennzeichnet. Er kann sich für
seine Körpermacht entschuldigen.

Das "Bitte verzeíh mir, aber ich kann nicht anders" verletzt nicht
seelisch, es nimmt der Körpermacht ihr demoralisierendes Gift.
Das Reiten auf dem hohen Roß der besseren Gründe verletzt jedoch
sehr wohl, es demoralisiert und vergiftet die Beziehung.

Kinder können lange Zeit mit der Körpermacht unproblematisch
umgehen, bis ihnen die pädagogische Erwachsenensicht die Wehrfä-
higkeit, das nachdrückliche Eintreten für die eigenen Interessen
(Beißen, Kratzen, Schlagen, Treten, Toben, Widerworte geben usw.)
durch das Anbinden an die sogenannten übergeordneten Einsichten
dermaßen zerstört hat, dass sie als Erwachsene im privaten wie im
gesellschaftlichen Bereich kaum mehr effektiv für ihre Interessen
eintreten können.

Auch amicative Menschen können die Kinder in ihre Einsichten
einbeziehen und sie an dem teilhaben lassen, was sie als Notwendig-
keit erfahren. Doch im Unterschied zur pädagogischen Sicht wird
das dann nur etwas Konstruktives, wenn unmissverständlich ist,
dass es sich hier nicht um „Notwendigkeiten“ im objektiven Sinn,
sondem um die subjektive Sicht des Erwachsenen handelt, letztlich
um Willkür für die man sich entschuldigen kann (ich kann nicht
anders).

Der amicative Gedanke ist, dem Kind ein Selbst zuzuerkennen, das
dem des Erwachsenen gleichwertig ist. Dies gilt auch bei der Pro-
blematik "Einsicht in Notwendigkeıten". Durch diese Gleichstellung
wird die demoralisierende psychische Verletzung beim Kind verhindert,
wenn es denn schon zu einem nichtgewollten Verhalten gezwungen wird.

*

PS
Ich schreib hier über Familiensituationen, die sich tagtäglich ereignen,
über Auseinandersetzungen der normalen Art. Einem Ausblenden von
Leid und Trauma bei Übergriffen der gemeinen Art (Verprügeln,
Mißbrauchen, Quälen und andere Schaurigkeiten) red ich nicht das
Wort. Für den reinwaschenden, höhnischen Nonsens "Entschuldige
meine Prügelei" bin ich nicht zu haben.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Der pädagogische Automatismus


Wer für sich selbst verantwortlich ist und sich selbst liebt, den erfüllt es, nach dem
anderen zu suchen. Selbstverantwortung und Selbstliebe enthalten einen sozialen 
Automatismus: 
Nächstenliebe ist deswegen in den Menschen, weil ihnen das selbst gut tut.

Aus amicativer Sicht stört die pädagogische Welt diesen sinnvollen Zusammen-
hang: Die pädagogische Welt spricht den Kindern die Selbstverantwortung ab.
Sie stößt damit die Selbstliebe der Kinder, die immer auch eine soziale Dimension
hat, aus dem Gleichgewicht. Die Kinder verlieren nach und nach die feine Balance,
sich selbst und zugleich die anderen zu lieben. Sie verlernen, dass es für sie selbst
von Nutzen ist, wenn sie sich um das Lächeln der anderen kümmern. Sie erkennen
nicht mehr den Weg, für den eigenen Vorteil so zu sorgen, dass ihnen daraus kein
Nachteil entsteht.

Kinder, die in einer pädagogischen Umgebung großwerden, überhören - verwirrt
und belastet durch die psychische Aggression der pädagogischen Einstellung -
die leisen und lauten Warnsignale der anderen. Sie beginnen, die Grenzen der
anderen zu überschreiten - so, wie die pädagogischen Erwachsenen es ihnen
gegenüber vorleben. Sie geraten in egoistische Bahnen, die ihnen selbst und den
anderen schaden. Aus amicativer Sicht erleben sie ihr Selbst nicht mehr als Teil
des Ganzen, sondern als Gegensatz zu den anderen und der Welt: ihre Harmonie
zerbricht.

Die pädagogische Welt reagiert auf diese von ihr selbst hervorgerufenen Verän-
derungen der Kinder mit um so intensiverer pädagogischer Einflußnahme, mit
dem pädagogischen Automatismus: Erziehung zur Selbstverantwortung, Erzie-
hung zur Mündigkeit, Erziehung zur sozialen Verantwortung, Erziehung zur
Nächstenliebe, usw. Die pädagogische Welt erkennt nicht, dass sie den Unfrie-
den des Menschen mit sich, den anderen und der Welt selbst ausgelöst hat.