Montag, 27. März 2017

Liebe ja - Verantwortung nein


Ich kümmere mich um meine Kinder, das ist so selbstverständlich wie was. Aber nicht deswegen, weil ich für sie verantwortlich bin. Was bedeutet das? Und warum kümmere ich mich dann? Ein Blick in meine Schatzkiste:

*

Amication bedeutet in der Kommunikation mit den Kindern einen radikalen Bruch mit der Tradition. Die Botschaften der Kinder werden anders verstanden. Sie sagen den Erwachsenen in ihren Herzen:

»Liebe mich, aber nimm mir nicht meine Verantwortung für mich selbst. Denn ich bin ein selbstverantwortliches Wesen von Anfang an. Hilf mir, unterstütz mich, sage ehrlich, wenn dir etwas zuviel wird. Aber maße dir nicht an, besser zu wissen als ich, was für mich wirklich gut ist. Deine subjektive Wahrheit ist mir willkommen und meiner subjektiven Wahrheit gleichwertig, niemals aber kann deine Wahrheit über meiner stehen.«

Die amicative Antwort ist: »Ich liebe dich und ich bin nicht für dich verantwortlich, denn dies bist du selbst von Anfang an, zu 100 Prozent.«

 Liebe ja – Verantwortung nein.


Samstag, 25. März 2017

Braunrot und Fuchs Schneeflocke


Heute war ich an Jans Grab in Kiel und habe dort für ihn eine kleine Blume
eingepflanzt. Dann bin ich an Meer gefahren, um einen Stein aus den Wellen
aufzulesen. Der kommt auf meinen Schreibtisch, der Jansstein. Es ist ein braun-
roter. Als wir vorzeiten darüber nachdachten, welche Farbe unser Emblem haben
sollte, fand Jans genau dieses irdene Braunrot gut: "So aus dem Urstoff ." Jetzt 
beginnt es zu dunkeln, die Sonne ist vorhin untergegangen, und ich sitze auf der
Friedhofsbank und lese ihm aus meinen Gute-Nacht-Geschichten vor.

*

Die kleine Schneeflocke sah sich vorsichtig urn. Am liebsten wäre sie in der
Wolke geblieben, aber jetzt saß sie hier unten. Auf der großen Astgabel. Es
war schon sehr schwierig, sich zurechtzufinden. Ein bisschen mehr nach
links, und sie würde herunterfallen. Ein bisschen mehr nach rechts, und sie
würde auch herunterfallen. Und wenn sie nun geradeaus ging? Vorsichtig
schob sie sich nach vorn. Tatsächlich: dort, wo kein Ast mehr war - der Ast
teilte sich nach links und rechts -, dort, wo gar nichts mehr war, außer Luft
und Abgrund, da konnte sie weitergehen.

Sie schwebte; Sie sank tiefer und landete auf der Nase von Kramondu, dem
lila Fuchs mit den fünf Pfoten. Ich schmelze, dachte sie. Eine Fuchsnase ist
doch viel zu warm für mich. "Du brauchst keine Angst zu haben", sagte
Kramondu. "Ich bin ein kalter Fuchs."  "Wirklich?" flüsterte die Schneeflocke.
"Ja doch, das liegt an meiner fünften Pfote", lächelte der Fuchs."Alle Füchse,
die fünf Pfoten haben, sind ziemlich kalt, und keine Schneeflocke muss
schmelzen, wenn sie auf unserer Nase landet". Die Schneeflocke atmete
erleichtert auf.

Der Fuchs wirbelte durch den Schnee, er raste den dunklen Pfad lang und
stoppte vor seiner Burg."Willst du mit reinkommen?" fragte er. Die Schnee-
flocke nickte. Die Burg des Fuchses war lila - so wie er. Alles war lila. Die
Schneeflocke merkte, dass sie auch lila wurde."Du kannst die Wassersprache",
sagte der Fuchs. "Erzähl mir, was Wasser ist". Die Schneelocke dachte nach.
Dann sagte sie dem Fuchs, dass Wasser ein Wunder sei, das man nicht erklären
könne. "Das habe ich mir schon gedacht", antwortete der Fuchs. Er nahm sich
die fünfte Pfote ab und legte sie in eine kleine Schüssel."Was machst du?"
fragte die Schneeflocke erschrocken. "Ich werde jetzt ein Möhrengespenst",
sagte der Fuchs.

Und er wurde langsam zu einer großen lila Möhre. Die Schneeflocke
merkte, dass sie nun der Fuchs war, und sie zählte ihre Pfoten. Es waren vier.
"Also bin ich jetzt ein richtiger Fuchs", dachte sie stolz. Sie biss ein bißchen
von der Möhre ab. Dann lief sie nach draußen und tollte im Schnee herum.

Als Fuchs Schneeflocke zum Eichenplatz kam, warteten die anderen Füchse
auf ihn. "Gut, daß du endlich da bist", begrüßte ihn der älteste Fuchs. Sie
begannen das Fuchslied zu singen. Fuchs Schneeflocke merkte, dass er
schwebte. Er wurde leichter und leichter; und er landete auf der Astgabel.
"He, hallo", freute, sich die Astgabel, "Ich dachte schon, du kämst überhaupt
nicht mehr". "Ich bin ein lila Fuchs", sagte die Schneeflocke. "Weiss ich",
sagte die Astgabel. "Weil du geradeaus gegangen bist." Fuchs Schneeflocke
zählte seine Pfoten, es waren immer noch vier. "Ich muss wieder nach unten",
sagte er. "Ich weiß", sagte die Astgabel. "Wenn du bleibst, wirst du wieder
eine Schneeflocke sein". Da warf die Schneeflocke den Fuchs nach unten,
und sie wirbelte mit dem nächsten Windstoß hoch zu den Wolken.

Donnerstag, 23. März 2017

»Was will ich wirklich?«


»Was will ich wirklich?« ist die Frage, die den Weg zur amicativen Praxis zeigt. »Was will ich wirklich?« leitet jemanden, der sich selbstverantwortlich fühlt. So zu denken bedeutet keine lange innere Diskussion, sondern ist ein selbstverständlicher Reflex, gelegentlich ein kürzeres Innehalten, wenn etwas unklar ist. Die jeweilige Entscheidung orientiert sich am Insgesamt aller Faktoren: Erfahrung, Wissen, Gefühle (Ängste, Mut, Zögerlichkeit, Hoffnung, Freude usw.), Situation, körperliche Verfassung, Perspektiven, Finanzen, Zeit, Risiken, Gewinn ... was immer eine Rolle spielen mag. Amicative Entscheidungen beziehen sich auf das, was das Insgesamt nahe legt. Es geht nicht um die vordergründig annehmlichste Lösung. Den Arbeitsplatz zu verlieren, weil das schöne Wetter zu ungenehmigtem Urlaub lockt: Ist dies wirklich von Vorteil? Wohl kaum. Wenn es aber tatsächlich wichtig ist, genau dies zu tun, dann wird es getan. 

Korrekturen an der Gesamteinschätzung sind jederzeit möglich. Dann will man etwas anderes als eben noch. Dabei war das Eben nicht falsch. Eben war die Einschätzung so, jetzt ist sie anders. Die Vergangenheit wird nicht herabgesetzt. Was jemand tut, ist vor ihm verantwortet, es entspricht seiner Bewertung und Moral und ist eine subjektive Entscheidung, die sich nicht zu recht von außen messen lässt. Bei aller Korrektur: niemand hat einen wirklichen Fehler gemacht. Denn der Gedanke, etwas könne falsch sein, misst den, der aber so entscheidet, von außen und setzt ihn und seine Entscheidung herab. Wer eine Entscheidung trifft, tut dies, weil es seiner Sicht der Dinge entspricht – und (dieser) seiner Sicht gebührt Achtung, denn sie ist ein Teil von ihm. 

»Was will ich wirklich?« ist nicht die Frage nach den Fantasien und Träumen (zu ihnen führen andere Fragen), sondern nach der Wirklichkeit, in der ein jeder lebt: in Abwägung der Vorstellungen und Wünsche mit den vorhandenen Möglichkeiten hier und heute. Es ist ein Realismus, der nicht nach Verrat der Träume schmeckt, sondern es entsteht ein konstruktiver Umgang mit den Realitäten, so dass man mit sich und der Welt in Übereinstimmung leben kann. 

Die Kinder kennen lange Zeit den Weg zur Kongruenz, denn sie sind einerseits sehr realistisch und andererseits sehr nah bei ihren Träumen, und wenn sie amicativ aufwachsen, gelingt es ihnen, die Balance zu halten. Zum Beispiel: Wer nicht zur Schule geht, wird letztlich mit Polizeigewalt hingeschafft und ist ein buntes Huhn unter seinen Spielkameraden. Welches Kind wird sich das zumuten? Amicativ aufwachsende Kinder sind Realisten. Aber Realisten, die stets Ausschau danach halten, wie sich ihre Wünsche verwirklichen lassen. Sie sind nicht demoralisiert angepasst, sondern ihre Anpassung ist konstruktiv und kommt aus dem Gespür für die Grenzen ihrer eigenen Macht. Diese Grenzen sind flexibel, und was jetzt nicht geht, ist vielleicht gleich möglich. Aber wenn etwas jetzt nicht geht, dann geht es eben jetzt nicht, und darauf stellen sich die Kinder ein.




Mittwoch, 22. März 2017

Erkennt und achtet es!


Traditionellerweise fühlen sich Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung des Neugeborenen von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Sie schneiden die Nabelschnur durch, kaum dass das Kind da ist, und zwingen es so zur Luftatmung. Amication hingegen sieht die Selbstverantwortung des Kindes: Jeder neugeborene Mensch kann die Umstellung selbst regeln.

In einer amicativen Geburt wird das Kind unmittelbar nach dem Geborensein auf den Bauch und die Brust der Mutter gelegt nahe an ihrem Herzen. Die Nabelschnur wird nicht durchschnitten, das Kind somit nicht zur Luftatmung gezwungen. Auch wenn das Kind schon geboren ist, pulsiert das Blut noch einige Minuten lang durch die Nabelschnur von der Plazenta zum Kind und bringt mit jedem Herzschlag den benötigten Sauerstoff. Langsam, in eigener Regie, kann sich das Neugeborene parallel dazu auf die Luftatmung umstellen. Das Blut in der Nabelschnur wird vom Körper des Kindes nach und nach vollständig aufgenommen, es wird zur langsamen Entfaltung der Lunge und für den Lungenkreislauf benötigt, die Nabelschnur wird leer und durchsichtig und kann schließlich durchtrennt werden.

Traditionellerweise fühlen sich Arzt und Hebamme dafür verantwortlich, dass bei der Geburt die Umstellung des Neugeborenen von der Sauerstoffaufnahme aus dem Blut hin zur Luftatmung gelingt. Sie schneiden die Nabelschnur durch, kaum dass das Kind da ist, und zwingen es so zur Luftatmung. Amication hingegen sieht die Selbstverantwortung des Kindes: Jeder neugeborene Mensch kann die Umstellung selbst regeln.

Bereits vorgeburtlich werden die Menschen zur Selbstverantwortung ausgebildet. Mit Hormonen, biochemischen Möglichkeiten und vielen anderen vom kindlichen Organismus selbst gesteuerten Prozessen regeln die Embryos ihren Nahrungs- und Sauerstoffbedarf, ihren Schlaf, ihre gesamte Entwicklung. Immer wieder entscheiden sie selbst, unendlich viele große und kleine Dinge in ihrem beginnenden Leben. Wann soll zum Beispiel die erste Bewegung erfolgen, mit dem Finger, der Hand, dem Arm, dem Bein, dem Kopf, dem Rumpf, dem Körper ... Und schließlich sind sie es, die ihre Geburt einleiten, nicht die Mutter oder gar der Arzt mit der Spritze: Nach etwa neun Monaten der Entwicklung spürt jeder selbst, wann der rechte Zeitpunkt für ihn gekommen ist, und das Ungeborene gibt den entscheidenden Hormonausstoß in den Körper der Mutter, um damit die Wehentätigkeit auszulösen.

Alle Kinder kommen als hochwertig ausgebildete und trainierte Selbstverantworter auf die Welt und rufen den Erwachsenen zu: »Ich bin für mich selbst verantwortlich! Das ist jeder Mensch, vom Anfang bis zum Tod! Ich habe es gut gelernt, für mich verantwortlich zu sein, es gehört zu meinem Wesen, zum menschlichen Wesen! Erkennt und achtet es!«


Montag, 20. März 2017

leben und tod



ich
lächle
den tod an
und er lächelt zurück
und das leben
sieht zu

ich
spüre
du tod
und du leben
ihr seid ich
und ich
bin
ihr

sein heißt
leben und tod und alles





Sonntag, 19. März 2017

Jans-Ekkehard Bonte


Amication hieß früher "Freundschaft mit Kindern", abgekürzt FmK. Die Grundlagen dieser erziehungsfreien, postpädagogischen Weltsicht und Weltdeutung wurden von Jans-Ekkehard Bonte und mir 1978 und 1979 entwickelt. Hierzu mehr in einem der nächsten Posts.

Jans und ich kennen uns also fast 40 Jahre, sind uns in großer Freundschaft verbunden, haben viel miteinander erlebt und das amicative Projekt immer weiter vorangetrieben. Als wir das erste Grundsatzpapier 1979 - im "Jahr des Kindes" - in nächtelangen Marathonsitzungen Satz für Satz ausformulierten, waren wir in kosmischer Magie unterwegs, es war, als ob der Heilige Geist mit am Tisch säße. 

Prosaischer: Wir hatten ein saugutes und fröhliches Gefühl bei der ganzen Sache. Gänzlich avantgardistisch. Wer kannte schon "Adultismus", geschweige denn machte Front dagegen? Wer dachte schon den patriarchalischen Unterdrückungsmechanismus bis ins Kinderzimmer? Erziehung- nein danke! Ja, ging's noch? Es ging!

Jans ist vorigen Freitag 81jährig gestorben. Er hat bis zuletzt daran mitgewirkt, Amication - unsere Idee von Selbstliebe und Erziehungsfreiheit - in die Welt zu tragen. Jans, es ist schön, dass wir das solange zusammen tun konnten. Der Gedanke, das Bild, das Nachsinnen über Dich, Jans erfüllt mich mit Zuversicht und Freude.

*

Liebe FmKler,

Jans ist am Freitag früh gestorben, friedlich zu Hause. Ich habe ihn vor einigen Wochen zweimal besucht. Er war gut drauf und sah dem großen Finale freundlich entgegen. Wir haben über alte Zeiten geschwätzt und den Urtext von FmK von 1979 vorgekramt. Diesen Text haben wir viele Nächte lang Satz für Satz durchgekaut - unsere große Freundschaft begann. Ohne Jans wären wir nicht dort wo wir heute sind. Und wir alle würden uns auch nicht kennen. Bei meinem letzten Besuch haben wir wie damals Öffentlichkeitsarbeit gemacht und zusammen am Blog Amication Reader gearbeitet. Jans hat dann noch weiter daran gebastelt.
 
Seine unaufgeregte und liebevolle Art mit dem Sterben und dem Tod umzugehen hat mich schwer beeindruckt. Genau so werde ich es auch machen. Am Tag vor seinem Tod hat er in seinem Blog noch etwas gepostet: "Stand der Dinge": 

 https://www.selbsterkenntnis-eigensinn.de/blog/ 

Schmökert da und in den vorhergehenden Posts ein wenig herum, wenn ihr ihm nah sein wollt.

Jans und ich haben viel miteinander erlebt, FmK-mäßig und privat. Mein liebstes Bild: 1980, FmK im Grünen, viele Familien waren da, Jans kroch auf allen Vieren auf seine kleine Tochter zu, sie wich zurück, er hinterher, ganz Löwe, Gestik, Mimik, alles stimmte. Und Ellens Gesicht! Es war einfach magisch.

Liebe Grüße Euer Hubertus




Freitag, 17. März 2017

Du tust mir weh


Noch etwas aus meiner Schatzkiste zum Thema "Zuständigkeit". Und: wenn man weiß, ahnt, auf dem Schirm hat, dass der andere gleich mit Schmerz reagieren wird, könnte man es ja auch bleiben lassen - wenn man es kann. Der Lieblosigkeit wird hier nicht das Wort geredet. Ganz im Gegentei: Liebe fließt umso mehr, je weniger sie unter Druck gerät.

*

»Du tust mir weh« – wir haben von klein auf zu glauben gelernt, dass dies überhaupt geschehen kann. Und dass wir diejenigen seien, die den anderen Schmerz und Betrübnis bereiten. Doch wir schneiden auch das »Du tust mir weh« als einen Marionettenfaden ab. »Du tust mir weh« geht in Wahrheit überhaupt nicht zwischen Menschen!

»Du tust mir weh« schiebt dem einen die Zuständigkeit und Verantwortlichkeit für das Wohl des anderen zu. Zuständig und verantwortlich bin ich jedoch stets für mich selbst, niemals kann dies ein anderer für mich sein. Wenn es in unserem Umgang ein »Du tust mir weh« gibt, zeigt dies, dass wir einander zu entmündigen gewohnt sind und dass in komplizierter Weise der Entmündigte (der Zuständigkeit für seinen Schmerz nicht mehr bei sich sieht) den anderen unterdrückt, indem er ihm die Sorge für sein Wohl aufbürdet.

Wir haben gut gelernt, auf das »Du tust mir weh« blitzschnell zu reagieren: mit Verteidigen, mit Wiedergutmachen, mit Beschwichtigen, mit Entschuldigen, mit schlechten Gefühlen und schlechtem Gewissen. Unumstößlich war, dass wir tatsächlich dem anderen etwas getan hatten und dass die Idee »Der eine kann dem anderen weh tun« eine korrekte Idee sei.

Es ist jedoch ein jeder für sich selbst zuständig. Wenn ich etwas tue, ist dies vor mir, dir und der Welt verantwortet. Da ich mich liebe, ist mein Tun immer ein sinnvolles und letztlich Liebe ausdrückendes Tun. Dies bedeutet nicht, dass es von den anderen stets als Glück erlebt wird! Mein sinnvolles Tun kann durchaus für andere Schmerz bedeuten. Aber es gilt zu merken, dass die Schmerzerfahrung über mein sinnvolles Tun die Erfahrungsrealität des anderen ist, nicht etwas, für das ich zuständig bin. Du könntest in der Tat ja auch anders als mit Schmerz reagieren, etwa mit Erstaunen, Belustigtsein, Gelassenheit, Anteilnahme, Sorge, Spaß, Glück, Zufriedenheit usw. als ausgerechnet mit Schmerz.

Ich tue nur Sinnvolles, jederzeit das Beste. Wenn du darauf mit Schmerz reagierst, ist dies sicher deine korrekte Reaktion – aber es ist deine Reaktion und nichts, was ich mir anstecken müsste. Wenn wir den Schmerz des anderen so ansehen, verwischen wir nicht die Zuständigkeiten. Ob du mich als Schmerz oder Glück erfährst, ist nicht meine, sondern deine Sache.

Statt »Du tust mir weh« wäre es korrekter zu sagen »Ich erlebe dich schmerzvoll«. Damit würde die Zuständigkeit klar ausgedrückt. Aber solche Redewendung ist völlig unüblich – und es ist nicht verwunderlich, dass unsere Sprache solche Differenzierungen kaum kennt. Doch es kommt natürlich nicht auf die Worte an. Wichtig ist zu wissen, dass ich immer für mich selbst zuständig bin, auch, wenn andere mit mir umgehen, auch, wenn andere von mir als schmerzvoll erlebt werden. Dass eine solche Sicht geradezu revolutionierende Konsequenzen für unsere Beziehungen hat, liegt auf der Hand.

Wenn ich erlebe, dass durch mein Tun jemand in Schmerz gerät und ich mich nicht in Zuständigkeitsdebatten und Schuldzuweisungen verlieren muss, sondern genau weiß, was mir zukommt (Liebe zu strahlen) und was dir zukommt (diese jetzt als Schmerz zu erleben), dann habe ich auch Kraft, mich dir zuzuwenden – deinem in dir lebenden Schmerz. Und du könntest erfahren, dass ich dich liebe – was wiederum deinen Schmerz lindern wird.


Donnerstag, 16. März 2017

Wutausbruch - und dann?


Das Erkennen der Selbstverantwortung bedeutet das Ende der Verstrickungen, die dadurch entstehen, dass jeweils der andere verantwortlich dafür gemacht wird, wie es einem geht.

Wenn ich gewohnt bin und nicht anders denken kann, als dass andere für mich verantwortlich sind, dann gilt in den Beziehungen das »Du bist schuld« und »Wegen dir geht es mir schlecht«. Aber ich kann mich von dieser Sicht fremder Verantwortung fort und hin zur meiner eigenen Zuständigkeit orientieren.

Im Bereich der psychischen Wirklichkeit, der Bewertung und Gewichtung der Außenwelt, zu der auch das Verhalten des anderen gehört, erlebe ich dann meine ungeschmälerte Selbstverantwortung: »Was andere mit mir tun, unterliegt der Bewertung von mir«. Für die Innenseite der Beziehung gilt das Andere-sind-für-mich-verantwortlich-Muster nicht mehr.

Es gilt dann: »Auf dein Verhalten kann ich mit Freude oder Schmerz reagieren – dies ist meine Zuständigkeit. Für meine Reaktionen auf dein Tun bist nicht du, sondern bin ich selbst verantwortlich.«

Und ebenso: »Auf mein Verhalten kannst du mit Freude oder Schmerz reagieren – dies ist deine Zuständigkeit. Für deine Reaktionen auf mein Tun bin nicht ich, sondern bist du selbst verantwortlich.«

Auf einen Wutausbruch etwa kann der andere ebenfalls mit Wut oder auch gelassen reagieren, für beide Reaktionsmöglichkeiten wird er seine Gründe haben. Es gilt aber nicht mehr, den anderen für die eigene Reaktion verantwortlich zu machen.

Dienstag, 14. März 2017

Handyalarm und Allezeit


Wochenende mit Freunden, viele Kinder sind dabei. Viele Handys auch. Wir Eltern sehen, wie die Handys die Kinder im Griff haben. Oder haben die Kinder die Handys im Griff? Klar, wir kommen ins Gespräch über Kinder und Handys. Abends schreib ich was dazu.

*

Wieviel Handy, Smartphon und Co. darf in Kinderhänden sein? 1, 2, 3 Stunden am Tag? 24 Stunden? Ich habe gelernt, dazugelernt. Am besten finde heute ich die Allezeit-Position: die und auch meine Kinder geben ihrem Handysein Raum, sie bestimmen selbst über ihre Handyzeit. Allezeit. Wenn mir unbehaglich ist, sag ich das. Wenn ich es nicht mehr sehen kann, sag ich das. Was dann passiert? Mal sehen, je nachdem wie alles so spielt. Dann wird es ausgeschaltet, oder auch nicht. Dann fühl ich mich missachtet oder auch nicht. Dann geht das Abendland unter oder auch nicht. Dann hau ich auf den Putz oder auch nicht. Situation, flexibel, wenn die Sonne scheint ist es anders als wenn es regnet.

Statt Brandenburger Tor: Handy. Statt Amsel: Handy. Statt Stadt-Land-Fluss: Handy. Geht ja gar nicht! Aber wenn sie so leben? Anders: Sie leben so. Sind in ihrer Welt unterwegs. Das Tor, die Amsel, das Spiel: kommen nicht zur rechten Zeit. Jetzt kommts: Wer bestimmt, wann rechte Zeit ist? Mein Ding? Hallo, wer bin ich denn! Die Kinder leben ihr Leben. Ich freu mich, dass sie da sind. Muss mehr sein? Mehr muss nicht sein.

Osterbesuch. Anna ist 16, voll im Handywahn. Mittagessen. Gäste - wir - sind da. Alle sitzen am Tisch, es ist festlich. Anna: nicht da. Ihre Eltern: Voll entspannt. Absolut kein Thema, die Nicht-Anna. Wir beginnen. Anna kommt. Mit Handy. Setzt sich hin, Handytime. Drei Löffel Suppe, nebenbei. Hauptmahlzeit: Handy. Und jetzt, so fantastisch, so magisch, so alle Bedenken niederreißend, so herzanrührend: sie schmiegt ihren Kopf an den Arm ihres Vaters, er hält sie, er isst weiter, er unterhält sich weiter. Mehr Harmonie geht nicht. Nach drei weiteren Löffeln geht sie wieder. Es ist so...gut einfach.

"Es ist ihre Welt. Ihr Leben. Wir sehen ein bisschen in ihre Zukunft, 2030, 2040. Wir sind dabei. Sie gestaltet ihr Leben." Ihr Vater liebt sie, sie fühlt sich bei ihm wohl, er fühlt sich bei ihr wohl. Diese Familie hat absolut kein Handyproblem. "Macht sie auch noch mal was anderes?" frage ich. Brandenburger Tor, Amsel, Stadt-Land-Fluß. Meine Dunkelwelt reißt an mir. Ihr Vater erzählt mir, was sie alles macht: Tor, Amsel, Spiel. Sie ist kein Alien. Sie ist Anna. Ein ganz normales Kind. 


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Samstag, 11. März 2017

Niemals aber Erziehung


Es gibt viele Konzeptionen für den Umgang mit Kindern. Die Palette reicht von autoritärer Erziehung über Gewähren lassen bis zu antiautoritärer Erziehung, und meist wird ein partnerschaftliches Verhältnis als erstre­benswert angesehen. Die Grundlage aller verschiedenen Methoden ist stets diese: »Kinder müssen erzogen werden.« Es fragt sich nur, wie.

Amication fragt anders: Müssen Kinder wirklich erzogen werden? Vielleicht sind sie ja gar keine »Erziehungs-Menschen«, sondern ganz normale Leute? Vielleicht sind Kinder ja schon von Geburt an Menschen – vollwertige Menschen, und müssen nicht erst dazu gemacht werden, auch nicht auf die progressivste Art und Weise? Vielleicht ist die Idee, Erziehung müsse sein, eine falsche und gefährliche Sicht vom Menschen? Wem dient dies wirklich? Steht da nicht einer über dem anderen? Wird da nicht »zu deinem Besten« geformt? Muss da nicht einer etwas einsehen? Hat da  nicht einer immer recht?

Das alles erinnert an die Art, wie Europäer mit Afrikanern und Indianern, Männer mit Frauen, Kommunisten mit Bürgern umgingen. Es wird deutlich, dass das Oben-Unten-Denken im Umgang mit Kindern eine breite, historisch gewachsene und lange Zeit unbefragte Basis hat. Wobei die Mächtigen aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht von vornherein böse, sondern gut, liebevoll und verantwortungsbewusst sind, wie Eltern zu ihren Kindern: Europa missioniert den Rest der Welt, Männer enthalten Frauen das Wahlrecht vor, die Partei beschließt, was »objektiv« gut ist.

Amication verlässt diese Welt des »einer steht über dem anderen«, und das gilt auch gegenüber jungen Menschen. Die existentiellen Aussagen über Kinder werden auf neue Weise gedacht: »Mach mich nicht zu einem Menschen, ich bin es von Anfang an. Sag mir deine Erfahrungen, aber sag nicht, dass du besser weißt als ich, was für mich gut ist, denn das spüre ich selbst am besten. Liebe mich, aber sei nicht für mich verantwortlich, denn das bin ich selbst. Ich brauche deine Loyalität und Solidarität, deine Unterstützung, und wenn du nicht anders kannst, dein ehrliches Nein – niemals aber Erziehung.«

Freitag, 10. März 2017

Pflicht mit Lust


Amication sagt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Dies ist erstens schwer zu verstehen, da es der erlernten Sicht vom Umgang miteinander widerspricht: »Der andere ist aber doch verantwortlich für mich!« Und es ist zweitens schwer verdaulich, da der einzelne dadurch unmissverständlich in die Pflicht für sich selbst genommen wird. Es ist dies eine Pflicht, die den Menschen seit ihrer Kindheit genommen wurde und die zu tragen sie nicht gewohnt sind. Es ist ja so viel leichter, Schuld zuzuweisen und andere für das eigene Befinden verantwortlich zu machen...

Welcher Erwachsene will sich diese Pflicht zumuten, die er als Kind noch lange Zeit als Lust und nicht als Last erlebte, diesen Wunsch, über sich selbst bestimmen zu wollen? Amication tritt mit genau dieser befreienden Zumutung an die Erwachsenen heran.

Allerdings: Amication verpflichtet niemanden dazu, diese Pflicht zu übernehmen. Es gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Niemand muss sich selbstverantwortlich fühlen. Niemand muss sich um sich selbst kümmern. Niemand muss sich in die Pflicht für sich selbst nehmen. Aber jeder kann das tun. Amication ist eine Einladung – eine Einladung sich selbst (wieder) in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen.

Mittwoch, 8. März 2017

Aufbruch und Aufgabe



Kinder
und Morgenröte –
machtvoller Aufbruch,
voller Leben, das längst
begonnen hat und stets
und ganz sich selbst
gehört.

Wir, einst
früher Tag gewesen,
können neu verstehen lernen,
was Kinder brauchen und
welche Aufgabe
uns das Leben
zugewiesen
hat.




Dienstag, 7. März 2017

Essenz des Universums, Girlanden des Lebens


Meine Sieben Kreise

Ich bin ganz für mich. Dort, wo ich ungestört bin und mich wohlfühle. Wo ich mich meinem Nachsinnen und In-Mich-Hören hingeben kann. Nachts, im Wald, umgeben von den vielen Gestalten des Lebens, in tiefer Ruhe und Frieden. Ich will in all dieser wundermagischen Dunkelheit jetzt nur positive Welten in mir aufsteigen lassen. Ich bin in Sachen Selbstliebe unterwegs und will in die große Konstruktivität. Also lasse ich mich treiben in meine Sieben Kreise. Ich lasse diese Kreise in mir „sein“: ich bin sie und sie sind in mir.

Liebe sein. Dies ist die Essenz des Universums, die alles bewegt und durchdringt. Ich bin erfüllt und dankbar, dass ich Liebe sein kann, und ich bin mir sicher, daß ich Liebe bin. Ich schenke mir selbst dieses Geschenk, ich spüre in und vor meiner Stirn diese Wahrheit. Wenn ich die Augen schließe, weiß ich es.

Vertrauen sein. Die Natur um mich herum ist in einem unerschütterlichen Vertrauen. Vertrauen in sich selbst und die eigene Richtigkeit. Ich vertraue, mir, meinem Weg, dem Leben, dem Ganzen. Ich vertraue mich an, überhaupt. Ich lasse mich tragen von dieser Hingabe, sanft rückwärts fallen in die Sicherheit.

Willkommen sein. Ich fühle mich willkommen, hier auf dieser winzigen Kugel im Unendlichen. Willkommen geheißen vom Unendlichen. „Du bist willkommen!“ Jeder Baum und Strauch und Halm, jedes Tier und Tierchen um mich herum tragen diese Botschaft zu mir. Girlanden des Lebens.

Zuversicht sein. Hier muss ich mich sehr konzentrieren. Was ich gerne tue. Aber dann gelingt es, dieses Gefühl, dass da Grund ist und dass es eben gut ausgeht, alles. Und dass ich die seltsamen Pfade des Lebens und ihre unvorhersehbaren Biegungen mit freundlicher Gelassenheit passieren werde. Es wird schon!

Freude sein. Liebe – Vertrauen – Willkommen – Zuversicht. Ich halte diese Reihenfolge ein und es beginnt Freude in mir aufzusteigen. Ein warmes Gefühl, erlaubt und begrüßt. Eingeladen, mich zu freuen. Ich bin so vieles, Freude auch. Die ganze Natur um mich herum ist in freudigem Selbst. Ich gehöre dazu.

Glück sein. Es wird noch intensiver. Eine vorsichtige Bewegung, ich will es nicht übertreiben. Ahnung vom Glück, ein offenes Tor, ein Land dahinter, mit allen Dimensionen. Die Illusion löst sich wie Wolken auf und Glück wird meine Realität. Ich bin ergriffen von diesem meinem Mut. Glück ist immer da, und ich lerne es zu sehen.

Harmonie sein. Umfasst alles. Ist das große Schwingen. Die Einigkeit mit mir selbst und dem Kosmos. Nichts anderes ist gegeben. Es ist die Wahrnehmung meiner frühesten Kindheit, Erinnerung, meiner selbst sicher, ungefragt, einfach da. Ich ruhe in mir und atme. Ich lasse es gut sein. Es ist erreicht und strömt und strömt.

Nach einer großen oder kleinen Weile lasse ich das alles. Ich wache auf und bin jetzt sehr bei mir. Ich wandere noch ein wenig durch die Nacht. Ich will dieses Meditieren ja nicht übertreiben, aber es ist schön und tut gut. Die Alltäglichkeiten melden sich wieder in meinen Gedanken. Ja – ist schon gut. Ich bin noch da! „Du kannst einfach gehen“, höre ich die Sieben Kreise. „Und wiederkommen.“ Das werde ich.




Sonntag, 5. März 2017

Zauberei unten am Fluss


Nach dem Joggen mache ich Gymnastik. Ich sitze auf dem Boden, auf dem kleinen Weg am Fluss. Ein Wanderer kommt auf mich zu. „Ist alles in Ordnung?“ fragt er besorgt. „Ja“, sage ich, „ich mache nur Gymnastik. Danke.“ Wir sehen uns freundlich an, und er geht wieder seiner Wege. Er sah einen Menschen am Boden, war besorgt und hat sich gekümmert. Es tut mir gut.

"Ist alles in Ordnung?“ Wir können immer wieder hinschauen. Vielleicht braucht jemand gerade Hilfe. Meine Hilfe. Doch da gibt es auch eine Hürde, die es zu nehmen gilt. Bin ich aufdringlich, übergriffig? Bringt meine Frage nur unangenehme Reaktionen?

Wieviel Einmischung darf sein? Wie immer kommt es letztlich auf mich an. Der andere wird dann schon reagieren. Ich sehe jemandem am Boden: kommt das gut, wenn ich da nachfrage? Ich überwinde die Hürde, betrete ungefragt sein Land und folge dem Impuls, mich einzumischen. Es drängt mich danach, und es beruhigt mich. Ich lasse ein mögliches Leid nicht am Wege liegen, übersehe dieses Signal nicht. Jeder gehört sich selbst, klar, aber diese Grenzüberschreitung gestatte ich mir.

„Ist alles in Ordnung?“ Ich denke darüber nach. Wie oft reagiere ich, wenn etwas neben mir auftaucht, das Leid sein könnte? Wieviel sehe ich und wieviel übersehe ich? Wie oft kann ich den Blick lösen vom Eingefangensein des Alltags? Ich nehme mich jetzt nicht in die Pflicht, sorgsamer zu sein. Aber ich spüre dem nach und merke, dass es einfach auch gut tut, sich zu kümmern. Mir gut tut. Es ist auch ein Abenteuer der Freude, dem anderen beizustehen und ihm aufzuhelfen.

Wenn wir in einem Raum liebevoller Leichtigkeit unterwegs sind, schauen wir nach dem Leid des anderen. Wenn wir selbst beschwert sind, gelingt das selten. Das muss man sich ja nicht übelnehmen, wir sind stets unterschiedlich beladen unterwegs. Sein „Ist alles in Ordnung?“ kommt aus einem guten Land, überschreitet die Grenze und führt in ein gutes Land. Der Wanderer und ich sind uns in diesem Land begegnet, ein bisschen Zauberei unten am Fluß. Ein Geschenk, das mich begleitet.

Samstag, 4. März 2017

Glücksdonner und Glücksstaub


Kann man mit Amication glücklich werden? Ist Amication eine Garantie für Glück? Jemand, der die amicative Lebensführung gutheißt, kann durchaus Erwartungen in diese Richtung haben. Dass das Leben jetzt leichter wird, dass alles besser klappt, dass eben allgemein mehr Glück stattfindet.

Durch die Amication verschwinden nun tatsächlich viele Belastungen. Man glaubt wieder an sich und an seinen Wert und daran, dass man niemals wirklich Fehler machen kann. Und erkennt seine letztlich eben doch vorhandene Konstruktivität. Man sieht die Kinder mit diesen anderen – amicativen – Augen: Dass sie ihre eigene Innere Welt haben, die man grundlegend achtet. Man erkennt ihre Würde und Einmaligkeit.

Das alles befreit und bringt Leichtigkeit und Lächeln, als verfügbare Grundstimmung. So etwas wird bewusst, wenn man andere Familien mit dem traditionellen Umgang erlebt oder wenn man sich an alte Zeiten vor der amicativen Wegmarke erinnert. Also: Da ist durchaus Glück.

Aber dieses Glück ist kein Donnerschlag wie die große Liebe oder der Ausbruch des Weltfriedens. Nichts gegen die großen Glücksdonner – aber das leistet Amication nicht. Amication ist auch nicht das Instrument, um die mittleren Glücke zu bekommen. Amication verschafft nicht solches Glück – das kommt von woanders her. Glück fällt entweder vom Himmel oder man muss etwas dafür tun. Selbstverantwortlich von Geburt – die Grundposition der Amication – gilt auch in der Glücksfrage, und das bedeutet, dass ein jeder auch für sein Glück selbst zuständig ist.

Man kann also keine Glückswunder von der Amication erwarten, sondern man muss sich schon selbst um sein Glück bemühen. Und da gibt es unzählige persönliche Wege, denn das Glück des einen ist nicht die Richtschnur für das Glück des anderen. Doch wenn auch ein jeder sein Glück auf seine Weise realisiert – amicative Menschen verbindet der amicative Glücksstaub zwischen den Zeilen des Lebens.

Freitag, 3. März 2017

Die Erdnuss und die Ameise


Dies ist wieder eine meiner Gute-Nacht-Geschichten, die ich für meine Kinder geschrieben habe.

*

Die Erdnuss lachte. Es war zu komisch, wie die Ameise mit dem Ball spielte.
Immer wieder warf die Ameise den Ball gegen den spitzen Stein. Und immer
verbeugte sich der Stein, wenn er vom Ball getroffen wurde. Die Ameise gab
der Erdnuss den Ball zurück, und die Erdnuss aß ein Stückchen davon.

 »Schmeckt er eigentlich?« fragte die Ameise. »Es geht so«, sagte die Erdnuss.
»Wenn ich ihn nicht esse, dann fliegt er nicht mehr so gut.« Die Ameise ver-
stand das. Sie musste auch immer die gelbe Möhre essen, damit sie gut flog.
Die gelbe Möhre hatte sie vom Kaninchen zum letzten Geburtstag bekom-
men. Und die Schnecke hatte die gelbe Möhre mit Fliegwasser bespritzt. So
konnte die Ameise jetzt mit der gelben Möhre fliegen. Aber eben nur, wenn
sie immer wieder etwas von der Möhre aß. »Das hat sie gerne«, hatte die
Schnecke gesagt. »Und wird sie dann nicht immer kleiner?« hatte die Ameise
gefragt. »Nein«, sagte die Schnecke, »wird sie nicht. Sie wächst nachts nach.«
Und genauso war das mit dem Ball.

Die Erdnuss setzte sich mit der Ameise auf die gelbe Möhre, und sie flogen
durch die helle Mondnacht. »Es ist wunderschön mit dir durch die Nacht
zu fliegen«, flüsterte die Erdnuss. Die Ameise nickte. Sie schaltete den Fle-
dermausschild ein. »Wozu das?« fragte die Erdnuss. »Die Fledermäuse könn-
ten sich auf uns stürzen«, antwortete die Ameise. Der Schutzschild war gut
eingestellt, und alle Fledermäuse, die in dieser Nacht zu nahe herankamen,
konnten sie nicht mehr bemerken. Sie landeten auf der großen Antenne des
Forsthauses.

Der Förster merkte sofort, dass er Besuch hatte. Aber das störte ihn nicht.
Er schaltete den Fernsehapparat aus und las in seinem Buch. »Ameisen und
Erdnüsse«, murmelte er vor sich hin. Er ging in den Garten und unterhielt
sich mit den beiden. Dabei erfuhr er, dass Witun, der Wildfuchs, sich einen
Dorn in die rechte Pfote getreten hatte. Gleich morgen wollte er zu ihm und
ihm helfen.

Die Ameise und die Erdnuss flogen weiter. Sie flogen mit der Eule um die
Wette. Auf der Kuhwiese mit den orangenen Kühen landeten sie schließlich.
Die Ameise ging zur großen Orangekuh und setzte sich auf ihr linkes Horn.
Sie lernte hier eine Zeit lang die Sprache der Orangekühe. Die Erdnuss besah
sich unterdessen den schwarzen Wohnwagen, der neben der Wiese stand.
»Wieso bist du hier?« fragte die Erdnuss. »Ich mache meine Reifen sauber«,
sagte der Wohnwagen. Er streckte sich aus und gähnte. »Aber eigentlich bin
ich sehr müde. Schlaf doch mit mir eine Runde.« Die Erdnuss legte sich auf
die Fensterbank des schwarzen Wohnwagens, und zusammen schliefen sie
ein Stückchen.

Die Ameise wartete. Sie aß etwas gelbe Möhre und sang ein Nachtlied. Der
Fledermauskönig hatte ihr gestern ein Gedicht geschickt. Sie wusste, dass er
sie gern hatte. Sie dachte nach. Sie wollte ihm roten Klee schicken, von der
orangenen Kuhwiese. Das war eine gute Idee.

Donnerstag, 2. März 2017

Wildschwein, aus Liebe gewirkt



Partner-Seminar. Eine Frau hat sich von ihrem Mann getrennt. Sie sagt, dass sie jetzt viel mutiger sei als früher und gelernt habe, ihrem Expartner entschiedener gegenüberzutreten. Klar, denke ich, sie hat sich zu viel bieten lassen, dann ging nichts mehr, und nach dem Auseinandergehen kommt sie mehr und mehr zu sich.

Aber ich übersehe dabei nicht ihren Unfrieden. Sie geht zu sich, sie steht zu sich. Sie sorgt für das Bewahren ihrer Grenze. Da wird sie stärker und mutiger. Sie geht mehr und mehr von ihm weg und zu sich hin. Die Bewegung von ihm fort lässt aber eben auch ein unfriedliches Land zurück. Er ist ihr nicht mehr willkommen - aus gutem Grund. Aber sie hat einen Teil von sich selbst ihm übergeben, etwas von ihr trägt Unfrieden: der Teil, der sie ist, wenn er in ihr präsent wird, wenn sie an ihn denkt, wenn sie ihn trifft und wenn sie ihn ablehnt.

Mut spüren, Nein sagen, Grenze ziehen, Würde wiederfinden – Kraft für die verletzte Seele. Aber all das befriedet diesen anderen Teil ihrer Seele nicht. Den Teil von ihr, in dem er ist. Doch auch das geht. Wir können auch in das eigene Land, das von uns selbst mit dem anderen gefüllt wird, Kraft, Wärme, Frieden fließen lassen. Wir können auch dort wieder Liebe einziehen lassen. Es geht dabei nicht um den anderen, sondern um uns selbst. Um das von uns, was den anderen in uns weiterleben lässt. Dieser Teil lässt sich auch nicht heraustrennen – da er unser eigener Teil ist.

„Was kannst Du ihm nachsehen?“ frage ich. „Was soll ich?“ Nein, das ist etwas ohne Sollen. Es ist eine Bewegung, eine Auch-Möglichkeit. Wenn wir dem anderen etwas nachsehen, bringen wir Frieden in unseren Teil, der der andere ist. Es mildert die Dramatik, das Ungeheuerliche, das Leid, etwas von den Dingen, die zum Ärger und zum Aus geführt haben. Die Wellen im eigenen Land werden ruhiger. Jemandem etwas nachsehen – wieso eigentlich nicht?

Keine Nachsicht: Dafür gibt es tausend Gründe. Aber der tausendundeinste Grund ist das Tor zur Selbstliebe: Wenn ich Dir etwas nachsehe, bringt mir das Frieden. Wenn die Kinder dauernd mit meinem neuen Handy spielen – ich sehe es ihnen nach. Muss ich nicht machen. Kann ich aber machen. Und ich mache es. Und wenn ich es mache, kehrt Ruhe, Frieden ein in mein Aufgebrachtsein. Wenn ihr Ex so ein Wildschwein ist und sie ihm da etwas nachsieht, von seinem wilden Benehmen: ?!. Möglich ist das, nicht verboten. Klar ist es auch irgendwie großzügig ihm gegenüber, aber klarer ist, dass es ihr den Frieden bringt.

„Was kannst Du ihm nachsehen?“ „Dann müsste ich ja irgendwie Frieden mit ihm schließen.“ „Du musst ihm ja nicht um den Hals fallen. Aber es wird viel Frieden für Dich dabei abfallen.“ Die Nachsichtkarte kann immer gespielt werden. Was nicht heißt, sich etwas gefallen zu lassen, wo man das nicht will. „Her mit dem Handy“ und „dieses Schwein“ ist immer möglich. Nur: Nachsicht ist von leichterer Art, aus Liebe gewirkt. Voll Souveränität und Harmonie. Gespielt, wie das Leben.

Mittwoch, 1. März 2017

Lego Batman, Braunbär, Indianerkinder, Sitting Bull und Rosenmontag


Neulich war ich mit meinen Enkelkindern Kolja (3) und Klara (5) im Museum
für Naturkunde. Alles dort ist sehr anspruchvoll eingerichtet, Schwerpunkte
Weltraum, Wasser, Indianer. Gut gemacht für das akademische Publikum
dieser Universitätsstadt. Aber für Kinder?

Felix wollte mit mir gern die Wasserausstellung ansehen, aber wir haben
uns lieber von den Kindern leiten lassen.

Die Kinder nehmen sich immer das Ihre mit. So wie wir das ja auch machen.
Als ich mit den Teenagern vorige Woche in "Lego Batman Movie" war -
angesagter Kinofilm -, habe ich mir auch das Meine rausgezogen. Das war
was anderes als das, was den Teenes wichtig war. Hab ich gemerkt, als sie hinterher über den Film fachsimpelten.

Die beiden Kleinen waren also in einer akademischen Welt unterwegrs. Kolja
sauste ein paar Mal die Rampe für Rollstuhlfahrer runter. Fand er toll! Und saß
dann vor dem Video über Wasserangelegenheiten. Da gab es afrikanische Welt
und Brunnentechnik. Dann: Das riesige Walskelett hat ihn beeindruckt. Und
die gefährlichen Zähne des Braunbären. Und irgendwelche Leuchtgeschichten.
Andere Kinder in seinem Alter nutzten diesen Bildungstempel mit viel Spass
als Erlebnisbühne. Die Gelassenheit der (Groß)Eltern und der Museumsleute
dabei fand ich nun wieder beeindruckend.

Klara war woanders als Kolja. Sie tauchte in die Inhalte ein und stellte viele
Fragen. Es gab auch ein Bild von Indianerkindern mit ihren Fahrrädern. "Papa,
fahren die Rad?" "Ja klar, wie du." Klara war beeindruckt. Die indianische
Welt 2017 war bei ihr angekommen. Das war schon anderes als das, was in
den Kinderbüchern zu finden ist. Federschmuck, Tipi, Bison und Co. "Die
sind ja wie ich." Kultursprung.

Ich war lange nicht mehr auf so einer Bildungsreise. Zwei Kultursprünge
gab es für mich. Erst: Die Vögel stammen nach den heutigen Erkenntnissen
von den Sauriern ab. Dann: Ein Film über neue Büffelherden, ein Interview
mit einem Enkel der 6. Generation von Sitting Bull. Er freut sich: "Es ist gut,
dass Bisons zum Verkaufen gezüchtet werden. Ob die Cowboys weiss, rot,
schwarz oder gelb sind, spielt keine Rolle. Hauptsache, die Büffel sind
wieder da."

Vorgestern war ich zum ersten Mal beim Rosenmontagszug in Köln. Weil
Corbinian (14) da zu seinen Freunden hinwollte. Na ja, überdrehtes ab-
nervendes Humbahumbatäterä! Aber es war ganz anders, schon wieder so ein
Sprung. Ich war beeindruckt von der gelassenen unaufgeregten Fröhlichkeit
und Friedlichkeit, es war einfach schön und harmonisch. Wir hatten einen
guten Platz, fingen Kamelle ein, alle hatten Geduld, wenn der Zug stoppte.

Der Regionalexpress war auf der Rückfahrt nicht voll, nicht sehr voll: er
war überübervoll! Wir kamen grade noch rein, Tür zu, Schluss. Und es
war wieder einfach nur entspannt und schön. Die ganze Mannschaft war
gut drauf, zwei Stunden engeng, Lachen, Spaß. Dass so was möglich ist!
Ich war beeindruckt.