Freitag, 12. Januar 2018

Zuversicht eben






















Ich bin alltagsunterwegs, dies und das und jenes liegt an. Dabei
summt eine unmerkliche Gelassenheit. Das wird schon, alles und
sowieso. Wenn etwas aussichtslos oder ziemlich aussichtslos oder
eigentlich aussichtslos ist – dennoch treibt es mich nicht aus der
Bahn. Irgendwie trägt da etwas. Es ist nichts zum Drübernachden-
ken, aber eben da. Und wenn ich dann doch einmal darüber nach-
sinne, wie jetzt, lässt es sich auch bemerken. Ein Grundrauschen.

Es ist eine Sicherheit. Ein Grund, der trägt. Eine Selbstverständ-
lichkeit. Nichts Großartiges. Ein Eingebundensein. Wie das Darin-
sein in der Natur, wenn ich im Wald unterwegs bin. Wenn ich in der
Welt unterwegs bin: Eingebundensein in die unendlich vielen Mosaik-
steinchen der Gegenwart, in die Monumentalität des Geschehens.
Es steht nichts zwischen mir und der Welt. Ich bin zugehörig.

Oft lässt sich etwas nicht ändern. Was aber anders sein möge, sollte,
müsste. Das „geht nicht“ ist immer wieder eine Last. Die aber nicht
geht, sondern immer unangenehmer wird, je mehr sie gehen soll.
Eine verzwickte Kiste. Wäre ich gelassener, wäre es leichter. Bin
ich aber nicht! Also bleibt es blöd und unangenehm. Aber dennoch:
auch bei dieser Mühseligkeit gibt es Grund unter den Füßen, da
sackt nichts weg. Auch wenn meine Zaubereien, es möge sich doch
so ändern, wie ich es gern hätte, nicht klappen. Klappt zwar nicht
– aber der Grund bleibt.

Was für ein Grund? Das Vertrauen in das große Ganze. Das Will-
kommen-Gefühl. Das Ich-bin-Teil-davon-Gefühl. Das Wird-Schon.
Die Zuversicht eben. Schönreden, Milch-und-Honig-Hoffen, ein
eigentlich noch nicht dranseiender guter Zustand von Urglück und
Harmonie. Woher das Ganze? Keine Ahnung. Es ist einfach da,
summt als Grundmelodie in mir und um mich herum. Vielleicht lenkt
es mich auch. Und wenn ich gelöst genug bin, lasse ich mich da
hineintreiben. Es wird schon, sei nicht so verzagt. Und wenn es
nichts wird? Es wird schon! Sicher? Vielleicht ja anders als gedacht,
lass dich einfach mal los ...

Dann lasse ich mich einfach mal los, überlasse mich diesen Selt-
samkeiten, in ihrer ganzen Wucht. Selbstliebe. Liebe als kosmische
Kraft. Alles ein bisschen über Normal, ein bisschen high. Aber
auch nicht verboten, und eigentlich doch auch wunderbar. Warum
soll ich nicht zuversichtlich sein? Warum nicht einfach glauben, dass
es gut ausgeht? Und wenn sie dann tatsächlich gut ausgehen, diese
Kleinigkeiten des Alltags (Buch noch lieferbar, gerade pünktlich
zum Vortrag, Reparatur schon erledigt, Päckchen geht noch mit,
Weg doch gefunden), dann steht Dankbarkeit an, so ein kleines
Dankeschön an das alles, was mich umgibt.

Ich bin in großer Tiefe zuversichtlich unterwegs. An der Oberfläche,
in den Alltagsdingen wird es dünner, da ist es zweiflerischer. Macht
aber nichts, darunter ist fester Grund. Gut zu wissen und gut zu
spüren. Ein Tor, das da ist. Wenn man daran glaubt. Und durch
das man gehen kann. Wenn man sich denn lässt. Da ich mir ganz
und gar selbst gehöre, entlasse ich die gelernten Bedenklichkeiten
aus meinem Herzen und folge
diesem Frieden.


Dienstag, 9. Januar 2018

Normaltherapie





















"Es ist doch offensichtlich, dass er nicht normal ist. Kann er
nicht eine Therapie machen?"

Ein wirklich weites Feld! Erst mal die ganze große Fragerei,
was denn normal ist. Und dann die ausufernde Debatte, was
eine Therapie überhaupt sein soll und was so ein Psychoding
denn bringt.

Ich habe immer wieder mal mit Menschen zu tun gehabt, die
sich so außerhalb von dem benahmen, das ich als normal und
gerade noch normal eingestuft habe. Klar, so eine Einstufung
ist  mein subjektiver Maßstab. Aber den habe ich nun mal und
ich finde es auch abenteuerlich, wenn man jedes Psychoding,
was da so abgeht, als normal einstuft. Übergeordnet, in kos-
mischem Schwelgen, ist alles normal, klar doch. Aber in meiner
kleinen Alltagswelt unterscheide ich eben.

Wenn ich jemanden also für durchgeknallt, spinnert, abgedreht,
eben für nicht normal halte, dann ist da Respekt und Würde
dabei. Wertschätzung. Aber ich lasse mir auch kein X für ein U
vormachen.

Ich glaube nicht, dass diese Menschen, die ich für nicht normal
halte, sich auch so sehen. Aus ihrer Welt sind sie normal. Auf
einem Seminar war einmal eine Teilnehmerin, die duschte und
duschte und duschte. Es fiel auf. Sie war sicher fünf Stunden
am Tag unter der Dusche. "Findest Du, dass Du normal bist
mit Deiner Duscherei?" habe ich sie gefragt. Sie war erstaunt:
"Ja, natürlich".  Konnt ich stehen lassen. Aber nicht mitgehen.

Jüngst habe ich einen Menschen erlebt, der partout die Grenzen
anderer als Provokation erlebt, wenn sie ihm mitgeteilt werden.
"Kannst Du das lassen?" bewirkt bei ihm, dass er es grade nicht
lassen kann. Da muss er seine Souveränität verteidigen oder
feiert sonstwas ab, Kindheitstrauma und Co. Ich finde ihn nicht
normal, nach meinen Maßstäben.

Gespräch darüber? Haben viele versucht, geht gar nicht. Da
fragt er seltsam zurück: "Hast Du ein Problem?" und so. Tja.
Ich habe ihn aus meinem Leben verbannt, rausgetan, bis auf
Ausnahmen. Wer mein wirkliches wichtiges Nein nicht gelten
lassen kann, der ist nichts für mich.

Dann wurde - ohne ihn - diskutiert, ob er nicht eine Therapie
machen könnte/sollte/müsste. Klar, sein Verhalten ruft ja schon
danach. Nur: Wie soll denn so etwas an ihn rangetragen werden?
So, dass er es nicht als herabwürdigend erlebt? Liebevoll? Was
soll denn sowas werden! "Weil wir Dich gern haben, machst
Du mal eine Therapie. Ist gut für Dich." Klar, das kann man
auch softer formulieren, aber das Geschmäckle bleibt doch.

Wenn die Kinder krank sind und ich mit der Medizin komme,
bin ich da auch so unterwegs? So, dass ihre Würde auf der
Strecke bleibt? Mildred im Kuckucksnest? Klar schlucken
sie den Hustensaft, da gibt es kein Vertun, da setze ich mich
durch, wie das so schön heißt. Aber in diesem Fall?

Man kann im Unterschied zum Hustensaft ja auch niemanden
zu einer Therapie zwingen. Funktioniert dann nicht. Obwohl
er es ja gut gebrauchen könnte. Gut gebrauchen? Ja, um in
der Welt, seiner sozialen Welt, mit mehr Sonnenschein und
weniger Streit zurechtzukommen. Aber da fängt das Theater
der Subjektivität gleich schon wieder an: Vielleicht ist es ja
so, dass er mit seiner Souveränitäts-Verteidigungs-Reaktion
(die aus meiner normalen Sicht völlig überkandidelt ist)
ganz zufrieden ist. Dass es ihm halt gut geht damit. Hab ich
das zu kritisieren? Weiß ich da besser als er, was für ihn gut
ist? Hab ich nicht und weiß ich nicht!

Ein Freund sagt mir, er will den Kontakt zu ihm nicht so
einschränken wie ich. "Und was machst Du dann, wenn er
Deine Grenzen nicht respektiert?" "Kommt drauf an. Sagen
kann ich sie ihm nicht, ohne dass es ungutes Theater gibt.
Ich mogle mich irgendwie drumrum." Die Grenzüberschrei-
tungen der anderen kann ich auch bis zu einem gewissen
Grad hinnehmen. Normal ist es, wenn ich das sagen kann
und so etwas ausgetragen wird. Aber bei ihm geht das
nicht. Weil er (da) nicht normal tickt. Weil er dann erst
recht das tut, was mir zuviel ist. Und das auch noch so
psychoschräg begleitet.

Ich bin schon betrübt, dass ich da mit ihm nicht auf einen
grünen Zweig komme. Denn ich mag ihn und er ist in
vielen Dingen bereichernd. Ein wertvoller Mensch in
meinem Leben. Nur, dass er mir einfach zuviel geworden
ist. Und dass die Medizin, die es gibt, die Therapie, für
ihn außerhalb seiner Denk- und Reichweite ist. Und ich
sage mir, dass es eben auch immer wieder Dinge gibt,
die einfach nicht gehen, so gern ich sie auch hätte. Ich
bewahr ihn halt in meinem Herzen. So normal-unnormal
wie er ist.

Freitag, 5. Januar 2018

Hubertus' Schatzkisten





Ich krame in meinen Texten herum und finde
die "Schatzkisten". Geschrieben vor 35 Jahren.
Was ist davon heute noch wahr? Na ja, ich denke,
dass die Kinder heute vieles von ihren Schätzen
offen zeigen können - aber längst nicht alles.

Eine ungute Bemerkung der Großen reicht, und
ein grauer Schleier legt sich über so einen Schatz.
Die zweite ähnliche Bemerkung macht es dann
unmöglich, freude- und friedvoll das zu zeigen,
was einem Kind wichtig und heilig ist. Als Vater
frag ich mich da schon, welche Schätze meiner
Kinder ich nicht gesehen habe - und wo sie wohl
geblieben sind...




        Hubertus, vier Jahre alt.
        Was geht in mir vor? 
        Schatzkisten...

                                                                   ***


]eder von uns trägt viele Schätze in sich. Unsere Kreativität,
unsere Lernfähigkeit, unser soziales Engagement, unsere Fä-
higkeit, nah und hilfreich zu sein, unsere Gestaltungskraft
usw. Die bestehende Kultur lässt jedoch die Katastrophe über
uns hereinbrechen, dass wir unsere Schätze als junge Men-
schen nicht so leben dürfen, wie es uns zukommt. Eine
schier unendliche Angst der Erwachsenen dämmt uns ein,
deckt uns zu, verstümmelt uns und lässt uns schließlich selbst
annehmen, dass wir leer und dumm seien, dass in uns gefüllt
werden müsse, was die Großen dort sehen möchten.

Wenn wir uns im Laufe unseres Lebens als junge Menschen
auch mehr oder weniger damit abfinden, dass wir "in Wirk-
lichkeit" nicht unsere Schätze leben können, dass wir nicht
auf dem Marktplatz inmitten unserer Schatzkisten stehen
und den anderen davon zeigen und sie daran teilhaben
lassen dürfen. Wenn wir "in Wirklichkei" im Zusammen-
sein mit anderen grau und schatzlos, ordentlich und norm-
gerecht sein müssen, so gibt es dennoch ein tief in uns
glühendes Wissen darum, wie wir sein könnten.

Der Kontakt zu unseren Schätzen reißt nie ab, und in sel-
tenen Ausnahmesituationen fühlen wir uns uns selbst ganz
nah: Wenn wir in den Armen unseres Partners glücklich sind,
wenn wir die Ruhe unseres schlafenden Kindes aufnehmen,
wenn wir in der dichten und geheimnisvollen Sommernacht
mit der aufblitzenden Sternschnuppe in den Kosmos fliegen.
Selten, so selten geschieht dies, doch die Sehnsucht nach uns
selbst ist da und sie lebt in uns.

Wir wissen sehr wohl um unsere Schätze, und wir wissen
auch darum, dass wir unsere Schätze als Kinder verstecken,
tief vergraben oder weit hinter den sieben Bergen in dunkle
Urwälder bergen mussten. Wir taten dies, um einerseits in der
von den Großen propagierten und mit Unterdrückung durch-
gesetzten Welt weiter leben zu können, um nicht misshandelt,
für einen bunten Hund, für anormal gehalten zu werden -
um nicht die Liebe dieser Menschen zu verlieren. Und ande-
rerseits starteten wir dieses Bergemanöver, um dennoch uns
selbst nicht ganz preiszugeben, um dennoch der Wahrheit, mit
der wir geboren wurden - nämlich Abgesandte des Lebens
zu sein -, treu bleiben zu können.

Als Erwachsene können wir heute den Mut und die Kraft und
die Energie finden, unsere Schatzkisten zurückzubringen. Wir
müssen nichts mehr verbergen und wir entdecken die wiedergefun-
dene Realität, die wir sind, befreiende und friedenstiftende
Kraft für alle. Dies geht langsam, aber wir sind auf dem Weg
und werden uns nie mehr verstecken müssen.