Dienstag, 13. März 2018

Zehn Minuten






















Werner habe ich ewig nicht gesehen. Schließlich kommen wir auf die
Amication. Ich soll erklären. Aber in zehn Minuten muss er weg. Zehn
Minuten, um zu erklären, was Amication ist?

Also: Ich habe Lehramt studiert. Da ging es auch um Erziehung. Und
ich habe gemerkt, dass ich das total falsch fand, jemanden zu erziehen.
Das bedeutet doch, dass er, der Mensch vor mir, also das Kind, noch
nicht richtig ist. Dass er verbessert werden muss. Und dass ich derjenige
bin, der weiß, wo es langgeht.

Zumindest sollte ich das wissen. Das stünde alles in den Büchern und
das könnte ich an der Uni lernen. Was Kinder brauchen und wie man
dafür sorgt, dass sie sich richtig entwickeln, körperlich und seelisch
und geistig und überhaupt. "Ich weiß, was für Dich gut ist" und bei
Widerspruch "Ich weiß es besser als Du". Weil Kinder eben unmündig
sind und erst vollwertige Menschen werden müssen. Weil sie eben noch
nicht für sich verantwortlich sein können.

Und dem bin ich nicht gefolgt. An einer ganz speziellen Stelle bin ich
da nicht mitgegangen. Kümmern, sorgen, helfen, trösten, erklären,
beistehen, abgrenzen, durchsetzen, nachgeben, "versuch doch mal",
"gib nicht auf", "nicht so schlimm", "komm mit", "mach doch", "egal",
"so nicht", "lass das", "wenn Du willst", "klar doch", "ok"... der ganze
Kram: Ja, das ist für mich in Ordnung. Aber den Menschen vor mir
als irgendwie unfertig ansehen?

Irgendwie unfertig: Da schwingt etwas mit, was mit mir nicht geht.
Einerseits gibt es immer Veränderung, Wachsen, nichts ist wirklich
fertig. Andererseits gibt es Unveränderlichkeiten. Festen Grund. Der
erst mal gilt. Und eine dieser Unveränderlichkeiten ist für mich, dass
Menschen von Anfang an eine innere Souveränität haben, dass sie
spüren, was gut  für sie ist. Achtung: Ich meine nicht, dass die Kinder
dasselbe spüren müssen, was Erwachsene spüren, dass es gut für sie
sei. Sie - Kinder wie Erwachsene - haben oft ganz andere Vorstellungen
vom "Guten, Richtigen, Angemessenen". Das ist schon klar.

Nur: Mit meiner Sicht vom Richtigen - "an der Wand da ist eine gefähr-
liche Steckdose" - stehe ich nicht über der Kindersicht vom Richtigen
- "an der Wand da ist eine interessante Schweineschauze". Klar bin
ich von meiner Sicht überzeugt und ich handle auch danach und halte
das Kind von der Steckdose fern. Aber ich beanspruche dabei nicht,
dass das Kind seine Sicht geringer einstuft als meine Sicht. Ich ver-
lange keine innere Unterwerfung. Auch nicht begründet mit "es ist zu
Deinem Besten", "ich habe recht", "das kannst Du noch nicht über-
blicken", "sieh das ein". Das geht für mich nicht. Und genau das, was
da für mich nicht geht, halte ich für das Kernelement der Erziehung,
jeder Erziehung. Was immer sonst noch alles bei Erziehung dabei ist.

Natürlich sagt Werner, dass es ohne Erziehung nicht gehe. Und dass
die Kinder eben noch nicht wüssten, was für sie gut ist und dass sie
das im Laufe ihrer Kindheit lernen müssten. Wo denn mein Problem
mit der Erziehung sei?

Na ja, sage ich, ich höre in mir eine sehr deutliche Botschaft der
Kinder, irgendie eine Resonanz aus meiner eigenen Kindheit. Nicht
objektiv richtig, aber für mich gültig: "Liebe mich, aber erzieh mich
nicht. Nimm Beziehung zu mir auf, aber lass es, mich zu einem rich-
tigen Menschen zu machen, ich bin ein richtiger Mensch. Lass das
Erziehen".

Werner muss gehen, er sieht nachdenklich aus. "Du bist da wirklich
von überzeugt. Du gehst einen anderen Weg zu den Kindern, einen,
den ich nicht kenne. Interessant, gibst Du mir etwas zum Lesen?"











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