Donnerstag, 12. April 2018

Von KZ und der Schule









Es ist Holocaust-Gerdenktag, der "Marsch der Lebenden" beginnt in Auschwitz. Ich besuche die KZ-Gedenkstätte in Neuengamme bei Hamburg. Es gibt auf dem riesigen Gelände einen großen, zig Meter aufragenden gemauerten Monolithen. Ich stehe davor und lasse all das Ungeheuerliche auf mich wirken. Eingemeißelt steht dort:

EUER LEIDEN, EUER KAMPF UND EUER TOD SOLLEN NICHT VERGEBENS SEIN!

Mir wird die Unausweichlichkeit bewußt, die diese gefangenen Menschen umgab. Kein Entkommen, kein Weg hinaus. Meine Gedanken wandern. Hin zu dem, was mich, einem Nachgeborenen dieser Ungeheuerlichkeit, bewegt, erfaßt hat, spürbar gemacht hat, hat aufstehen lassen und mich in ein brennendes Engagement geführt hat.

"Das ist doch absolut nicht zu vergleichen", "Du verhöhnst die Opfer", "Du bist total durchgeknallt". Das höre ich schon. Aber ich relativiere nicht das Leid der Menschen, die hier rings um mich gefangen waren, gelitten haben und ermordet wurden. Ich spüre einer Gemeinsamkeit nach, wenn ich an dem Monolithen nach oben schaue, die Wolken ziehen sehe und mich Leid anspringt, das unvor-stellbar monströs ist. Ja, dieses Leid mündet nicht in Elend und Mord. Aber es vernichtet. Und es ist voller Tränen. Und es ist unausweichlich. Es gibt kein Entkommen. Da sehe ich die Entsprechung. Und ich fühle mich stark, auf der richtigen Seite der Geschichte. Unrecht und Unterdrückung haben viele Gesichter. In meinem Leben gelten andere Gegebenheiten als diejenigen der Toten um mich herum. Mein Widerstand ist hier und jetzt.

Und so sende ich meine Botschaft den Monolithen hinauf in den Himmel über mir, hinein in alle Welt.


Mit welchem Recht sperren Sie Menschen ein? Warum sind Sie die Person, die Kinder in engen Räumen gefangen hält? 30 Personen in einem einzigen, wenige Quadratmeter großen Raum, 45 Minuten um 45 Minuten, 4, 5, 6, 7, 8mal am Tag, 5 Tage in der Woche? Warum müssen die Kinder durch Sie 10 Jahre lang erleben, dass sie viele Stunden am Tag in ein Gefängnis gehören, in das "Teilzeitgefängnis Schule"? Mit welchem Recht mißachten Sie die "Freiheit der Person" des Grundgesetzartikels 2? Warum lassen Sie zu, dass die Kinder Ihnen hinter verschlossenen Türen ausgeliefert sind? Mit welchem Recht fördern und garantieren Sie tagtäglich diese umfassende Kindesmißhandlung? Warum geben Sie sich für etwas her, für das die Bezeichnng "Gehirnwäsche" milde, "Seelenmord" drastisch ist? Warum lassen Sie sich dafür einspannen, in einem gigantischen Umerziehungslager, das Menschen ihre Identität bricht und neu justiert, den Vorsitz dieser Barbarei zu übernehmen? Mit welchem Recht lassen Sie zu, dass Menschen in Not nicht bei denen Schutz und Trost finden können, denen sie vertauen und die sie brauchen? Wenn eine Siebenjährige in der dritten Stunde nach Hause zu ihrer Mutter will - was verführt Sie zu der Unmenschlichkeit, das nicht ohne Wenn und Aber zuzulassen?

Mit welchem Recht greifen Sie in die grundgesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit anderer Menschen ein, indem Sie mit tausenderlei Anordnngen ein bestimmtes körperliches Verhalten verlangen und ein anderes verbieten? Nicht nur im Sport-, Schwimm- und Musikunterricht, sondern den ganzen Schultag über auf Schritt und Tritt?

"Setz Dich! Steh auf! Steh still! Sitz ruhig! Sitz gerade! Sitz ordentlich! Hampel nicht! Wackel nicht! Kippel nicht! Füße runter! Knie zusammen! Zeig auf! Finger runter! Finger weg! Schreib schneller! Andere Hand! Hand geben! Hand auf! Zeig her! Gib her! Leg weg! Komm her! Geh weg! Geh langsam! Trampel nicht! Schlurf nicht! Renn nicht! Schlag nicht! Box nicht! Tritt nicht! Kratz nicht! Beiß nicht! Spuck nicht! Spuck aus! Kaugummi weg! Puste nicht! Mund auf! Mund zu! Iss nicht! Iss jetzt! Trink nicht! Trink jetzt! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Sieh her! Sieh weg! Lach nicht! Grins nicht! Sing nicht! Pfeif nicht! Kreisch nicht! Kicher nicht! Nase putzen! Schnief nicht! Jetzt nicht aufs Klo! Schrei nicht! Heul nicht! Rede lauter! Rede leiser!"

Mit welchem Recht geben Sie eigentlich Noten? Haben die Menschen vor Ihnen Sie darum gebeten? Mit welchem Recht verlangen Sie Auskunft über die Gedanken anderer Menschen? Mit welchem Recht verlangen Sie, dass andere Menschen ihre Gedanken auf Ihr Papier schreiben, das Sie hochtrabend "Klassenarbeit" nennen? Mit welchem Recht beurteilen Sie Kinder, mischen Sie sich in das Selbstwertgefühl anderer Menschen ein, stiften Sie Unfrieden in den Familien, treiben Sie Kinder in den Selbstmord aufgrund Ihrer Schulzeugnisse? Wissen Sie eigentlich, was Ihre Noten in den Familien bewirken können? An seelischer Grausamkeit und körperlicher Mißhandlung?

Mit welchem Recht traumatisieren Sie die jungen Menschen vor Ihnen? Warum tun Sie das alles? Sind Sie nicht intelligent, Akademiker, können Sie nicht Zusammenhänge analysieren, Wirklichkeit erkennen? Was verschließt Ihre Augen? Sind Sie nicht angetreten, Menschen zu helfen, ihre Entwicklung zu fördern? Haben Sie nicht Sympathie für die Kinder? Lieben Sie nicht die Kinder? Warum erheben Sie sich nicht gegen dieses System? Warum sind Sie der Garant für diese Inhumanität? Warum sind Sie so unsensibel? Liegt nicht alles offen vor Ihnen? Sagen Ihnen die Kinder nicht jeden Tag die Wahrheit, wortlos und immer wieder auch mit Worten? Warum sehen Sie nicht in die Gesichter der Kinder? Und warum achten Sie nicht auf ihre Mimik, Gestik, auf all die nonverbalen Signale? Sind vor Ihnen keine Menschen?

Und Ihre Erinnerung? Waren Sie nicht selbst Schulkind? Wurde mit Ihnen nicht ebenso verfahren? Waren die damaligen Schmerzen und psychischen Verletzungen denn berechtigt? Haben Sie nicht gelitten? Ist das Leid von damals zu groß, um heute zu erkennen, dass Sie selbst derjenige sind, der dies den heutigen Kindern zufügt? Ist das alles Wiederholungszwang, Wahnsinn, Schicksal? Mit welchem Recht...? Mit welchem Recht...?  



Mittwoch, 11. April 2018

Mein Weg zur Amication: Gleichwertigkeit























Mein Weg zur Amication: Im Post vom 27.3. habe ich dazu einen
ausführlichen Vorspann geschrieben, bitte dort nachlesen.

Ich habe die amicative Sicht auf die Kinder nicht irgendwie lernen
müssen, sonder es war vielmehr so, dass sie mich im Laufe meines
Großwerden nicht verlassen hat. Es gab viele Ereignisse in meinem
Kinderleben, die mich auf dem Pfad der Amication hielten und be-
schützten. So dass ich gar nicht erst von pädagogischen Strukturen
eingefangen werden konnte. Woran erinnere ich mich?

*

Gleichwertigkeit

Mein Gefühl, Wissen, Präsenz, Selbstverständlichkeit, Identität:
Dass ich nicht über Kindern stehe - wiewohl ich älter bin. Dass
genau das aber gesellschaftlich gilt, fundamental, unbefragt,
Ausgang aller Überlegungen und aller Handlungen mit Kindern,
präsent in jedem Buch, Gespräch, Diskussion, Gesetz. Diesen
Widerspruch von meiner inneren Position und der äußeren Welt
erfuhr ich gleich zu Beginn meines Lehrerstudiums, einer päd-
agogischen Disziplin. Doch der Fels der Gleichwertigkeit, der
mein Fundament ist, hielt stand, bis heute. Woher kommt dieses
Urgefühl? Was hat es gestützt? Und, wie gesagt, woran erinnere
ich mich?

Die Hintergrundmusik
Die Hintergrundmusik der Gleichwertigkeit, mit der ich in der
Kindheit mit den anderen Kindern unterwegs war, ist nie ver-
schwunden. Ich spüre sie auch heute in mir. Sie hat mich nie
verlassen. So gesehen bin ich Kind unter Kindern, wobei die
anderen Kinder zig Jahre jünger oder gleichalt oder älter als
ich sein können.

Die Rufe der Kinder
Bis zum Ende meiner Grundschulzeit wohnten wir im Wald, und
100 Meter neben unserem Haus, auf der anderen Seite der kleinen
Straße, lag eine große Villa. Sie war von den Briten beschlagnahmt
und wurde als Schule für die Kinder der englischen Soldaten ge-
nutzt. Mehrmals am Tag gab es einen Riesenlärm: Die Kinder
hatten Pause und sausten und tobten draußen vor der Schule. Es
schallte und hallte zu uns und umtoste zwanzig, dreißig Minuten
lang meine Welt. Eine grandiose Botschaft, unvergessene Musik,
nachhallender Ruf: "Das sind wir." Und ich war dabei, schwang
mit, eine tiefe Resonanz. Rufe aus einer demokratischen Welt,
in der Gleichwertigkeit Basiswert ist. Ich wurde gefüttert und
geimpft mit dieser Nahrung: Wir sind von gleicher Art - ich war
dabei, ich fühlte mich wohl, wenn sie so lauf riefen. Es war ein
Heimatgefühl. Und wenn ich gelegentlich hinüberlief, war ich
willkommen.

Der Wald
Wir wohnten also im Wald. Und ich war mit meinen Geschwistern
und Freunden jeden Tag draußen, nach der Schule bis zum Abend-
essen. Unterwegs in der grandiosen Kulisse der Natur, Teil und
Akteur. Von vier bis zehn, sechs lange Jahre, war ich täglich für
viele Stunden umgeben von Wesen, die sind, die nicht über und
nicht unter mir stehen. Die einfach existieren, stattfinden, ohne
Belehrung, Besserwisserei, pädagogischen Impuls. Mit denen
ich mich auseinandersetzte und im Austausch war, von Gleich
zu Gleich: Bäume, Sträucher, Blumen, Erde, Wasser, Steine,
Sand, Vögel, Hasen, Rehe, Wolken, Regen, Sonne, Nachtdunkel,
Dämmerung, Schnee, Eis, Hagel, Hitze, Tannennadeln, Himbeeren,
Brombeerstacheln, Farnkraut, Brennesseln, Borke, Käfer, Wespen,
Ameisen, Zapfen, Wurzeln, Äste. Äste: Als ich einen Baum rauf-
kletterte und der Ast brach, sagte er nicht "Siehst Du, pass besser
auf!". Er schwang sich nicht über mich empor. Er brach einfach
und fertig. Ich atmete und bewegte mich in einer Welt ohne Vor-
wurf, in einer Welt der Gleichwertigkeit. Jeden Nachmittag, sechs
lange Jahre.

Die Gleichen
Beim Spielen mit den Gleichaltrigen war nichts außer Gleich-
wertigkeit. Wenn wir in der Scheune balancierten: jeder auf
seine Weise, mit mehr oder weniger Mut, aufrecht, robbend,
sitzend, unter uns der gefährliche Bulle. Wir waren verschwo-
ren, solidarisch, von gleicher Art. Was immer wir anstellten.
Und wir wussten um uns, wenn ein Erwachsener in unsere
Welt einbrach, freundlich oder feindlich: er war anders, oben,
maß uns das Unten zu. Aber er erreichte uns nicht wirklich,
denn in unserem Land gab es kein Oben und kein Unten.

Der Indianer
6. Klasse. Alle in der Aula, alle Schüler und das gesamte Kol-
legium. Oben auf der Bühne ein Seltsames: Ein Mensch aus
einer anderen Welt, mit Lederkleidung und Federschmuck.
Damals reisten Indianer, Häuptlinge natürlich, durch Europa
und hielten Vorträge in den Schulen. Es gab an diesem Vor-
mittag eine so grundlegende Akzeptanz dieser Andersartigkeit,
dass es mich tief erreichte. Die Lehrer hatten diese Akzeptanz
und hielten sie die 2 Stunden aufrecht. Und die ganze Mann-
schaft schwang darin ein. Eine Sternstunde! Es hätte ja so ganz
anders ausgehen können: Belustigen bis Auslachen, Häme bis
Verachtung für so ein Federwesen. Nein, es war eine eindrück-
liche Lehrstunde der Gleichwertigkeit.

Die Wettkämpfe
Bei meinen Wettkämpfen in der Leichtatlethik von 14 bis
17 gab es natürlich Gegner: Wir kämpften um den Sieg. Mein
Trainer war von besonderer Art: Er war voll davon, dass hier
niemand über oder unter dem anderen steht. Egal, wie gut
oder weniger gut wir waren, gewannen oder verloren. Die
Wettkämpfer waren von gleichem Wert. Ich habe das bei
anderen Teams mit anderen Trainern sehr anders erlebt, da
war ein Sieger eben besser, höher, wertvoller, angesehener
als ein Verlierer. War bei unserem Team nicht so. Und ich
fühlte mich dann, wenn ich gewann (was oft vorkam), nicht
irgendwie als der Bessere. Ich hatte nur einfach die bessere
Leistung gebracht, Tagesform super, was ja auch anders hätte
sein können. Klar hat mich ein Sieg gefreut - aber eben nicht
über die anderen gesetzt.

Die demokratischen Gesetze
Als ich Jura studierte, durchzog eine grundlegende Gleich-
wertigkeit das ganze Szenario. Es wurden ja nicht die Gesetze
des Kaisers oder des Diktators verhandelt, sondern die Ge-
setze der Bundesrepublik Deutschland. Demokratie, Grund-
gesetz. "Die Wüde des Menschen ist unantastbar". Das passte
einfach. Passte zu meinem Weltgefühl. Und so wurde das
Verfassungsrecht mein Lieblingsfach. Da ging es in vielen
Nuancen um die Ausgestaltung dieser Gleichwertigkeit.

Das pädagogische Tor
Als ich nach einigen Semestern Jura die Fakultät wechselte
und Lehramt studierte, las ich über dem Eingangstor der päd-
agogischen Hallen: "Homo educandus". Der Mensch ist ein
Erziehungswesen. Bitte was? Erwachsene oben - Kinder
unten? Werden zu Menschen gebildet, geformt, gemacht?
Sind nicht gleichwertig? Die gutgemeinte, vormundschaft-
liche und letztlich eben doch diktatorische Grundstimmung,
die mich da anfiel, in jeder Vorlesung, jedem Buch, jedem
Gespräch: das ging ja gar nicht und war mit mir nicht zu
machen. Ich suchte und fand den anderen, den gleichwer-
tigen Weg, den Erwachsene zu Kindern gehen können. Es
ist dies ein Pfand, der in jedem von uns schlummert, ein
Wissen aus der eigenen Kindheit. 




Donnerstag, 5. April 2018

Würdekrone























Vom 18. bis 21. April wird in Österreich in Emmersdorf an der
Donau die 13. NÖ Montessori-Werkstatt mit etwa 1000 Teilneh-
mern durchgeführt. Das Hauptthema ist diesmal "Im Kleinen
das Große". Ich bin mit einem Ganztags-Workshop am 20. April
vertreten,Titel: "Würdekrone".

Die Montessori-Werkstatt gibt es alle zwei Jahre. Es kommen 
pädagogische Fachleute aus Kindergarten, Schule, Heim, Bera-
tungsstellen, Fach- und Hochschulen usw. Es ist wie bei allen
Veranstaltungen zur Amication die Frage, wie ich Menschen
ansprechen und für die amiactive Welt interessieren kann.

Diesmal habe ich den folgenden Text für das Programmheft ge-
schrieben. Er ist mit einer Vorstellung des Referenten versehen
und soll deutlich machen, was ich anbiete und um was es geht.
Wen kann ich so erreichen? Und wer kommt diesmal? 


*.


Dr. Hubertus von Schoenebeck
Als Lehrer bemerkte ich mehr und mehr die künstliche
Distanz zu den Kindern, die jede Pädagogik impliziert.
Daraufhin führte ich Feldstudien über authentische und post-
pädagogische Beziehungen durch und promovierte hierüber.
In den USA studierte ich das „Children's Rights Movement“
und beriet mit Carl R.Rogers meine Forschungsergebnisse.
Ich habe viel publiziert und bin seit über 30 Jahren in der
pädagogischen Fortbildung und der Familienbildung tätig.
Ich habe ältere Kinder, jüngere Kinder und Enkelkinder.


Würdekrone
Unterstützen statt erziehen

Voll guter Absichten übersehen wir leicht, dass die Kinder
vor uns schon richtige und vollwertige Menschen sind. Und
nicht erst durch unsere pädagogische Kompetenz dazu ge-
macht werden müssen. Ich zeige Ihnen, wie sich der Blick
auf die Kinder, die Erziehung und auf uns selbst verschieben
lässt hin zu unbemühten und authentischen Beziehungen.
Auf dass diese die Kinder wirklich berühren und wir hilf-
reich werden können.

Wir beginnen mit der Liebe zu uns selbst, erziehen uns nicht
und sehen uns alles?! nach. Natürlich haben wir unsere Bücher
gelesen und sind gestandene PraktikerInnen. Aber wie die
Kleinen haben auch wir eine Krone auf und gehören uns selbst:
Das Pädagogische wird nicht zum Götzen. Wir rehumanisieren
unsere pädagogische Professionalität durch die große Beiläufig-
keit jenseits allen Fachwissens und setzen ganz auf unsere
Persönlichkeit. Ohne Streß, einfach so. Nur Mut, die Kinder
leben es uns vor, dieses unprätentiöse und vitale Bei-Sich-Sein.
Und mehr als einen schönen Tag miteinander zu verbringen muss
gar nicht sein!